Dinge, die Menschen als typisch deutsch erachten.
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Praktische Tipps

Liebe auf den zweiten Blick

Unser Autor lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Und manches ist ihm bis heute fremd.

Ausgabe: September 2019 Autor: Markus Ward
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Mein Flugzeug ist kaum gelandet, da übermannt mich schon die Aufregung: Ich ziehe nach Deutschland! Ich strahle die schwäbische Frau an, die sich die vergangenen zehn Stunden wortlos eine Armlehne mit mir geteilt hat, aber sie verzieht bloss das Gesicht und starrt auf die Kopfstütze vor sich. Ich schaue mich suchend um: Ist denn hier sonst keiner glücklich? Offenbar nicht, denn niemand erwidert meinen Blick. Selbst die Familien schweigen sich an. „Verrückt“, denke ich, „wären wir in Atlanta gelandet, hätten alle Witze über das raue Aufsetzen gemacht.“

Im Stuttgarter Flughafen setzt sich die kühle Begrüssung fort: Kein Teppich, auf dem sich meine Jetlag-geplagten Füsse erholen können, der überfüllte Korridor des Terminals ist kaum erleuchtet und eine Klimaanlage gibt es schon gar nicht. Nichts hier ist dafür ausgelegt, Besucher willkommen zu heissen. Keine Poster, keine Tipps zu Sehenswürdigkeiten. Die Massen werden effizient durch den Zoll, die Gepäckabholung und den Ausgang geschleust. Als ich um die letzte Ecke dieses grauen Irrgartens biege, verschwindet im warmen Lächeln meiner künftigen Frau jeder Gedanke an die unpersönliche Begrüssung. Ich bin wieder ganz oben, ich bin „zu Hause“, ich bin in Deutschland!

Kaum zu glauben, dass dieses Ereignis nun schon fast 20 Jahre zurückliegt. Seitdem habe ich gelernt, dass hier im Schwabenland Effizienz eine höhere Priorität hat als das, was die Einheimischen gern als „Schnickschnack“ bezeichnen. Schade, dass für manche auch schon ein freundlicher Plausch in diese Kategorie fällt. Zwei Jahrzehnte lebe ich hier – und das sehr gern. Ich liebe nicht nur meine wunderbare Frau, sondern auch meine 30 Tage Urlaub (im Vergleich zu 15 in den USA), die bezahlbare medizinische Versorgung, Bäckereien, die mehr zu bieten haben als 300 Arten von Donuts, sowie erschwingliche Theater- und Opernkarten. Mit der modernen deutschen Architektur tue ich mich allerdings schwer. Das Motto „nur das Nötigste“ scheint nicht nur am Flughafen zu gelten. Wer zeitgenössische Gebäude betritt, findet nur in Reih und Glied angeordnete Ankerlöcher im Beton als Ersatz für dekoratives Handwerk. Wie Millionen Besuchern aus aller Welt gefallen mir die schiefen Fachwerkhäuser besser.

Möglicherweise entstand der nüchterne deutsche Nachkriegs-Architekturstil, weil es an Baumaterial und Facharbeitern fehlte? Ich bedauere, dass die weltberühmten Verzierungen des deutschen Handwerks nicht erneut in Mode kamen, als Deutschland wieder zu Wohlstand fand. Dafür lieben die Deutschen ihre Autos über alles, und sie fahren sie auf der Autobahn so schnell sie wollen! Für Amerikaner ist das kaum vorstellbar, denn selbst, wenn wir mal auf mehr als die zulässigen 55 Meilen pro Stunde (etwa 90 km/h) beschleunigen möchten, bringen uns die zahllosen Schlaglöcher rasch wieder davon ab. Dafür ist es in den USA viel einfacher, sich zurechtzufinden. Highways mit ungeraden Nummern verlaufen in Nord-Süd-Richtung, die mit den geraden in Ost-West-Richtung. Hier dagegen benötigt man vor allem auf Landstrassen ein Navi oder einen ortskundigen Beifahrer.

Die Deutschen und ihr Auto

Die Deutschen weisen gern voller Stolz darauf hin, dass der dreirädrige Benz Patent-Motorwagen das allererste Automobil war, und wer würde bestreiten wollen, dass die deutschen Autobauer heute die besten Pkw herstellen? Andererseits entschuldigen sich immer mehr meiner Freunde dafür, dass sie ein Auto besitzen. Die drei häufigsten Erklärungen: „Ich brauche den Wagen zum Einkaufen“, „Das ist ein Firmenwagen“ und „Den habe ich geerbt“. Kann es sein, dass die Deutschen eine Art Hassliebe zu ihren Autos entwickeln?

Ich komme aus einer Region der USA, in der es wie in vielen Teilen des Landes keine Bürgersteige und keinen öffentlichen Nahverkehr gibt. Insofern war es keine Frage der Zuneigung, als vielmehr der Notwendigkeit, ein Auto zu besitzen – jedenfalls wenn man zur Schule, zum Arbeitsplatz oder zu Freunden fahren wollte. Ist man so abhängig von einer Maschine, kennt man sich damit meist auch ein wenig besser aus. In Deutschland würden sich nur die wenigsten trauen, die Bremsscheiben und -beläge an ihrem Auto zu wechseln. Nachdem ich für diese Arbeit 1000 Euro berappt hatte und die „Profis“ drei Räder nicht einmal richtig festgeschraubt hatten, beschloss ich, das künftig selbst zu erledigen. Positiver Nebeneffekt: Seit meine Freunde wissen, dass ich die Bremsen repariere, fragen sie seltener, ob ich sie wohin fahren kann. Dabei geht es ihnen nicht nur um „solche Arbeiten überlässt man lieber Profis.“ Die Deutschen scheinen fest an die universelle Gültigkeit von Regeln zu glauben. Mäht jemand sonntags den Rasen, ist das ein zwingender Grund, die Gesetzeshüter zu alarmieren. Sich aber am nächsten Tag bei der Arbeit ein Bierchen zu gönnen, halten viele dagegen für akzeptabel.

Die Deutschen und Alkohol

Meine erste Anstellung bei einem deutschen Magazin hat mir da die Augen geöffnet. Freitags wurde der Neue (also ich) zum Feinkostgeschäft geschickt, um eine Kiste Schampus zu besorgen. Mit meinem deutschen Boss anzustossen war, gelinde gesagt, eine interessante Erfahrung, nachdem ich in den USA miterlebt hatte, wie zwei Kollegen gefeuert wurden, weil sie mittags ein Bier getrunken hatten. Flöss einem Einheimischen ein Bier ein, und viele strikte Ansichten schmelzen auf geradezu magische Weise dahin, möglicherweise sogar die zur Sonntagsruhe. Und aus dem distanzierten „Sie“ wird schlagartig ein freundschaftliches „Du“.

Beim Thema Nacktheit ist der Umgang hier viel lockerer, als ich es aus meiner Kindheit in einem streng religiösen Teil der USA kenne. Der Klub der Menschen, die mich nackt gesehen haben, zählte nur fünf Mitglieder – inklusive meiner Eltern und dem Arzt, der mich auf die Welt geholt hat. Das erste Mal, dass mich meine Freunde mit in eine Sauna nehmen wollten, hätte beinahe das Aus für unsere Freundschaft bedeutet. Ich freute mich auf eine Auszeit von der Winterkälte, aber offenbar wollten meine Freunde nun in den genannten inoffiziellen Klub aufgenommen werden! Ich wartete lieber draussen im Schnee.

Und dennoch ist es ein echtes Vergnügen, hier zu leben. Ich habe nicht die Absicht, in absehbarer Zeit in die USA zurückzukehren. Schon gar nicht, solange ein grosser Teil der Bevölkerung findet, Donald Trump sei der richtige Mann im Weissen Haus.

 


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