Eine Frau fährt mit ihrem Fahrrad am Mecklenburger Ostseestrand.
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Praktische Tipps

Mecklenburgischer Seenradweg: Tausend blaue Wunder

Der Mecklenburgische Seenradweg führt durch stille Dörfer und Landschaften. Das Wasser ist dabei allgegenwärtig.

Ausgabe: daheim Autor: David Krenz
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Das Stettiner Haff an der Grenze zu Polen ist grösser als der Bodensee, aber nur so tief wie ein Dorfteich, keine vier Meter im Schnitt. Blickt man vom Westufer gen Osten, teilen sich Wasser und Himmel den Horizont. Den Charakter des Haffs prägen auch die bernsteinbraunen Segel der Zeesboote, die leicht und leise übers Wasser gleiten. Einst kreuzten hier Hunderte der hölzernen Fischerboote. Einige sind erhalten geblieben. Rika Harder, die täglich Törns mit Touristen unternimmt, steckt jede freie Minute in die Pflege ihres 85 Jahre alten Seglers. „Das ist wie bei einem alten Haus, die Arbeit hört nie auf“, sagt sie. Zeesboote gehören zum Stettiner Haff wie der Schilfgürtel, der es umschlingt.

Dass jedes Gewässer seinen ganz eigenen Charme besitzt, davon erzählt diese Reise auf dem Mecklenburgischen Seenradweg. 640 Kilometer lang, führt er von der alten Hansestadt Lüneburg zu den Naturschätzen Mecklenburg-Vorpommerns. Von den Auen der Elbe und den 1000 Seen der Mecklenburgischen Seenplatte bis zu den sanften Wellen der Ostsee ist das nasse Element ständiger Begleiter des Radfahrers. Wer sich im Sommer auf die Strecke begibt, lernt das Staunen mit geschlossenem Mund: Tausende Insekten schwirren an den wassernahen Wegen in der Luft. Trotzdem lohnt sich genau jetzt die Reise. Wo immer man rastet, kann man baden gehen.

 

Zwischen Uecker und Peene

Vom reinen Wasser der Müritz, des grössten deutschen Binnensees, in dem sich die Wipfel der Kiefernwälder spiegeln, führt der Weg durch das mecklenburgische Binnenland zu einer verträumten Lagunenstadt: Ueckermünde wurde vor 800 Jahren von slawischen Siedlern am Westufer des Haffs errichtet. Schiffbau und Ziegelei liessen die Stadt erblühen, Fachwerkspeicher, das Pommersche Herzogsschloss und der schlanke Backsteinturm der Marienkirche zeichnen ihre Silhouette. Die Flüsse Uecker und Peene, die neben der Oder und der Zarow das Haff mit Süsswasser speisen, liegen inmitten breiter Schilfflächen und Niedermoor. Man hört das Sauergras im Wind knistern. Angenagte Äste zeugen von Bibern, die im Dämmerlicht ihre Burgen bauen. Die Holzbohlen der Radbrücke am Anklamer Peeneufer donnern beim Passieren, im Schatten der Brückenpfeiler werfen Angler ihre Schnüre aus.

Östlich der Stadt mündet die Peene in den breiten Peenestrom, der Usedom vom Festland trennt. Am Geländer der 300 Meter langen Stahlgitterbrücke schweift der Blick über die Weiten des Wassers. Am anderen Ende der Brücke liegt Usedom. Ein Fischkutter tuckert. Fangfrischer Fisch ist hier keine Übertreibung. Die reichen Vorkommen lockten seit dem Mittelalter Siedler an die Ufer. Auf der Radtour lassen sich viele der alten Fischerdörfer besuchen. Rohrgedeckte Räucherkaten, wo über Erlenholz Zander, Lachs und Brasse veredelt werden, laden zum Imbiss ein. Im gemütlichen Ort Karnin holpert man über einen Pflasterpfad am alten Lotsenturm vorbei hinunter zum Haff. Aus dem Wasser erhebt sich ein riesiger Stahlkoloss, auf dessen rostigen Streben schwarze Kormorane ihre Flügel spannen. Es sind die Reste einer alten Eisenbahnbrücke der Strecke Berlin-Usedom. Dank der schnellen Zugverbindung war die Insel früher ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner. 1945 sprengte die Wehrmacht die Brücke. Die Gleise verwittern im Gras.

 

Die Reise mit dem Rad hat ihre Vorzüge

Wer Usedom bisher nur mit Seebädern und weissen Stränden verband, lernt per Rad die wilde Seite der Insel kennen. Ihre verschiedenen Gesichter verdankt sie der letzten Eiszeit: Eisberge schliffen den südwestlichen Inselzipfel flach, das Zentrum, wo heute Heiden und Nadelwälder wachsen, wurde vom Schmelzwasser mit einer Sandschicht überzogen. Das Abschmelzen hinterliess idyllische Seen und Schuttberge. Der Golm, mit 69 Metern höchster Punkt der Insel, wurde bis vor 5000 Jahren von der Ostsee umspült. Heute verhüllt ein Mantel aus Buchen und Bergulmen die Hänge, auf denen Uhus und Wanderfalken brüten.  Bei Dargen erwartet die Radwanderer eine Audienz bei den Königen des Usedomer Waldes. Sie sind von zotteliger und buckliger Gestalt: Wisente, Verwandte des amerikanischen Bisons und mit drei Metern Länge Europas grösste Landsäugetiere. In Pommern hat man sie im 14. Jahrhundert ausgerottet und vor elf Jahren wieder angesiedelt. Inzwischen leben neun Tiere im Gehege. „Jeden Sommer kommen ein bis zwei Kälber hinzu“, sagt Dirk Weichbrodt, einer der Verantwortlichen für deren Wohl.

 

Die längste aller Ostseepromenaden

Nach Verlassen des Waldes werden die Äcker sandig, und ein Hauch von Salz liegt in der Luft. Die Küste kommt näher. Ahlbeck bildet den Auftakt der Etappe entlang des Usedomer Ostseestrands. Der Ort zählt zu den Dreikaiserbädern, ein Titel aus dem 19. Jahrhundert, als Adlige, Bankiers und Industrielle prächtige Sommerresidenzen in den Sand von Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin setzen liessen. Dicht reihen sich die Baudenkmäler an der Promenade aneinander. Darunter Jugendstilvillen mit verglasten Veranden, verzierten Holzbalkonen und Schwänen aus Stuck. Andere Bauten huldigen der Strenge des Klassizismus mit Säulen und Dreiecksgiebeln wie von griechischen Tempeln. Vor den blütenweissen, vornehmen Fassaden tobt buntes Urlaubsvergnügen. Am Karussell, beim Trampolin und vor den Fischbrötchenbuden bilden sich Schlangen. Eltern dösen am Strand in ihren Strandkörben, während die Kinder im seichten Ostseewasser spielen.

Hinter Bansin endet die längste aller Ostseepromenaden. Der Radweg folgt weiter der Küste nach Koserow, zu den Salzhütten, die vor Erfindung der Konserve Fisch haltbar machten. Bei Koserow soll der Legende nach Vineta, das Atlantis des Nordens, versunken sein. Von Zinnowitz schippert ein Ausflugsdampfer über das Achterwasser – die seeartige Ausbuchtung des Peenestroms hat sich tief in die Insel genagt.  Zum Finale heisst es, von Usedom wieder aufs Festland zu wechseln. Über das „Blaue Wunder“: Wegen ihres markanten Anstrichs wird die Klappbrücke, die dort den Peenestrom quert so genannt.  

 


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