Frauen im Dirndl schunkeln beim Oktoberfest zur Musik.
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Praktische Tipps

Oktoberfest-Styleguide: Trend und Tradition

Preußen in Lederhosen, Japaner in Lederhosen, Frauen in Lederhosen - auf dem Oktoberfest scheint alles erlaubt. Aber wie gewandet sich ein echter Münchner?

Ausgabe: daheim Autor: Peter Hummel
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Wer in Amerika erzählt, dass er aus Bayern kommt, womöglich sogar aus München, hört nicht selten: „Das ist doch dort, wo die Männer kurze ,Leiderhosen‘ tragen und die Frauen ein ,Törndel‘.“Bayern, ein Hort der Traditionen? Stimmt! Wer heute auf ein Volksfest geht – etwa auf die Münchner Wiesn – und keine Tracht trägt, signalisiert dem gesamten Bierzelt, dass er ein Quertreiber sein könnte, im schlimmsten Fall ein Preusse. „Die Tracht ist schon seit einigen Jahren ein absolutes Muss“, sagt eine Verkäuferin im Münchner Trachtenkaufhaus Angermaier. „Sie ist Ausdruck eines Lebensgefühls, bei dem Traditionen und das Bekenntnis zur Herkunft wichtig sind.“ Allerdings verkauft sie ihr Wiesn-Komplettset „Maxi“ für Herren und Damen zu insgesamt 328 Euro inklusive Haferlschuhe und Miederschnürung auch an Italiener, Japaner und Franzosen – und sogar an Preussen.

Ursula Fröhmer hat ihren Laden „Tracht und Heimat“ in der Nähe des Viktualienmarkts am Oberanger. Sie bietet dort ausschliesslich handgefertigte Trachten an, die man unter anderem daran erkennt, dass die Dirndl bei ihr nirgendwo einen Reissverschluss haben, sondern nur Knöpfe, so wie früher. „Das ist was für Kenner“, sagt sie. „Kommen’s mit!“ Sie steigt die enge Treppe im Geschäft nach oben und breitet auf dem schweren Holztisch grosse Tuchballen aus. Rote Seide mit Blümchen, blaues Leinen, grüner Loden, violette Wolle – allesamt viel zu kostbar, um damit im Festzelt zu schunkeln. „Die Stoffe, die zum Teil mit uralten Mustern bedruckt sind, kaufe ich in einer kleinen Weberei in Österreich“, sagt sie, „da bekomme ich nur beste Qualität.“

 

Tradition gegen Landhaus-Folklore

Seit 35 Jahren betreibt Ursula Fröhmer nun den Laden im ehemaligen Wohnhaus ihrer Eltern und versucht, mit viel Engagement und gesammeltem Wissen solche Traditionen wie das echte bayerische Gewand gegen den modischen Trend der Landhaus-Folklore zu verteidigen. Ein bayerisches Gewand, wie es seit 100 Jahren getragen wird, besteht aus einem feinen Mieder und einem langen Rock, beim Mann aus langen Hosen und einem exklusiven Gehrock samt Weste. Sie werden in der eigenen Schneiderei gefertigt, die sich gleich nebenan befindet. Aber auch Lederhosen und Loferl, die zur oberbayerischen Gebirgstracht gehören, hat die Ladenbesitzerin im Sortiment. Die Loferl (Wadenstrümpfe) werden bei ihr von Hand gestrickt. Die Lederhosen sind nicht aus billigem dünnem Ziegen-, sondern aus Hirschleder aus dem bayerischen Wald gefertigt. Das wird mit Dorschtran gegerbt, damit es sich wie eine zweite Haut anfühlt, und besitzt ein kunstvoll eingesticktes Monogramm. Lieferzeit: mindestens sechs Wochen, Preis: nicht unter 800 Euro.

So manchen Preussen, der mal eben was fürs Oktoberfest sucht, schickt Fröhmer daher zum Trachtenverleih, wo es die Krachlederne zur Kostümierung ab 50 Euro am Tag gibt. Ihr wertvollstes Stück ist das Münchner Miedergwand, das nahezu unverändert mindestens seit dem 18. Jahrhundert existiert. Das Mieder ist schwarz, mit Silberkette und nicht über Kreuz geschnürt. Die Bluse hat die gleiche Farbe wie der Rock. „Welche, das ist Geschmackssache“, sagt Fröhmer. „Eine Tracht kann man Jahre oder jahrzehntelang tragen, ohne dass sie irgendwann altmodisch wirkt“, erklärt sie, „da sollte man sich bei der Auswahl schon sicher sein und sich Zeit nehmen.“ Wenn eine Kundin auf der Suche nach dem passenden Muster für einen Rock, eine Bluse oder Schürze ist, drapiert Ursula Fröhmer daher ein Mieder auf die verschiedenen Stoffe. So kann man sich das fertige Dirndl besser vorstellen. Wer den Stil nach einiger Zeit doch ein wenig verändern möchte, könne sich einfach eine neue Schürze dazukaufen, was meist einen verblüffenden Effekt habe.

 

Die Tracht muss zum Wohnort passen

„Wo man hinheiratet, da soll man sich hingewanden“, sagt die Schneiderin, was so viel bedeutet wie: Trage die Tracht, die zu der Region passt, in der du lebst. In Oberbayern etwa werden eher braune Lederhosen getragen, im Allgäu sind sie meistens schwarz. Das dazugehörige Charivari, die Kette an der Lederhose mit den kleinen Jagdtrophäen und Talismanen, verweist heute allerdings nicht mehr auf die Stände von Adel, Bürgertum und Bauern, sondern ist eine Möglichkeit zu zeigen, dass man wer ist. Als weitere einfache Regel gilt, dass eine Tracht zu der Person passen muss, die sie trägt. „In der Tracht darf man sich nicht verkleidet fühlen, nur dann kann man sie mit Stolz und Freude tragen“, erklärt Fröhmer. Im Zusammenspiel mit den Menschen, ihrer Sprache und ihrer Musik sei sie das, was Heimat ausmacht. Sie sagt: „Heimat ist dort, wo man sich so, wie man ist, nicht erklären braucht.“

Rund 1500 Euro kostet bei ihr ein bayerisches Gewand für den Herrn mit Gehrock, Hemd und Weste. Es wird nicht nur an Festen getragen, sondern zum Beispiel auch in der Oper. Ein Dirndl für die Frau kommt auf etwa 800 Euro, mit original Münchner Mieder auf 1300 Euro – inklusive mehrerer Anprobetermine. „Dafür schauen’s zeitlos gut aus“, schwärmt Fröhmer. Dann bindet sie einem Kunden einen Flor um den Hals, ein schwarzes, seidenes Tuch, das vorne geknotet wird und früher dazu diente, das weisse Hemd zu schonen. Seiner Frau legt sie eine Bernsteinkette um und steckt ihre blonden Haare ein wenig nach oben, damit sie das Dekolleté nicht verdecken. Mit einem bayerischen Gewand würde jeder Kerl in einem amerikanischen Western seinen Mann stehen. Die Sheriffs in den Filmklassikern tragen fast alle diese traditionelle Bekleidung, die mit den bayerischen Auswanderern in die Staaten gekommen ist. Keinen der raubeinigen Gesetzeshüter hat man je in kurzer Lederhose gesehen.

 

 


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RD Abbinder
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