Schichtwechsel auf dem Kreuzfahrtschiff
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Schichtwechsel auf dem Kreuzfahrtschiff

Am „Turnaround Day“ gehen und kommen die Schiffsreisenden. Und die Besatzung ist im Stress.

Ausgabe: Mai 2019 Autor: Robert Kiener
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Es ist 7.30 Uhr morgens. Die Magic, eines der beliebtesten Schiffe der Carnival Cruise Line, die auf einwöchigen Kreuzfahrten regelmässig die Karibik bereisen, hat soeben in ihrem Heimathafen in Miami angelegt. Die Passagiere der 15 Wohndecks verlassen das Schiff.
Ich befinde mich tief im Bauch des acht Jahre alten, 650 Millionen Euro teuren Luxusliners auf dem untersten Deck. Es reicht beinahe vom Bug bis zum Heck des 306 Meter langen Schiffes. Es ist Turnaround Day, Belegungswechsel. Die Crew rüstet das Schiff für die neuen Gäste. Besatzungsmitglieder schleppen Reinigungsmittel, schieben Müllcontainer oder eilen an ihren nächsten Einsatzort. Zahllose mit frischen Lebensmitteln und Vorräten beladene Gabelstapler fahren in Lagerräume hinein und wieder heraus. Die Gesichter der Beschäftigten wirken konzentriert und angespannt. An Wechseltagen ist keine Zeit für Plaudereien, nie sonst hat die Heerschar der Arbeiter so viel zu tun. In den nächsten acht Stunden hat die Crew dafür zu sorgen, dass die scheidenden Passagiere samt ihrer Tausende Gepäckstücke das Schiff verlassen. Es muss geputzt, die neuen Fahrgäste mitsamt Gepäck sowie die Vorräte für die kommenden sieben Tage in Empfang genommen werden.

 

Logistische Meisterleistung - 52 Mal pro Jahr

„Wahnsinn, oder?“, fragt Hoteldirektor Donato Becce, der Verantwortliche für den reibungslosen Ablauf dieser logistischen Meisterleistung. Becce ist ein freundlicher 53-jähriger Italiener und Ex-Matrose. Er gibt zu, dass es selbst für ihn an ein Wunder grenzt, wie Besatzung und landseitige Mitarbeiter – insgesamt mehr als 1000 Leute – die Magic schnell und effizient immer wieder aufs Neue startklar für die nächste Reise machen. Becce beschreibt mir, wie die Crew in den nächsten Stunden 1845 Badezimmer und Kabinen reinigen und die Bett­wäsche wechseln wird. Nahrungsmittel und andere Vorräte müssen an Bord geschafft und 3690 neue Passagiere aufgenommen werden. „Und das alles machen wir 52 Mal im Jahr“, fügt Becce hinzu.

Das Schiff verfügt über eine mehrtägige Nahrungsmittelreserve für den Fall, dass es infolge schwieriger Wetterverhältnisse oder einer Notsituation länger auf See bleiben muss als vorgesehen. „Wir müssen auf alles vorbereitet sein“, sagt Becce. „Selbst Säuglingsmilch und Windeln haben wir dabei, falls sich unsere Rückkehr verzögern sollte.“ Als er bei Carnival anfing, habe ein grosses Schiff um die 350 Kabinen für 800 Fahrgäste gehabt, erzählt Becce. Die Horizon, das neueste Schiff der Reederei, verfügt über 1980 Kabinen, in denen 3960 Passagiere untergebracht werden können. „Je grösser die Schiffe werden, desto schneller und effizienter müssen wir arbeiten“, sagt Becce. Er entschuldigt sich, um einen Anruf entgegenzunehmen. Er hat mehrere Mobiltelefone und ein Schiffsfunkgerät dabei. Als Hauptverantwortlicher für den Belegungswechsel muss er sich um 22 Abteilungen kümmern.

Jede Sekunde zählt

Becces Funkgerät summt – ein Statusbericht der Gepäck-Crew. Für einen schnelleren Wechsel mussten die abreisenden Fahrgäste ihr Gepäck, insgesamt mehr als 15.000 Koffer und Taschen, bereits am Vorabend auschecken. Nun wird es zum nahe gelegenen Kreuzfahrtterminal gebracht. „So weit läuft alles gut. Aber wir sind etwas im Verzug nach einer Routenänderung, durch die wir heute verspätet angekommen sind. Wir müssen eine halbe Stunde aufholen – das könnte knapp werden.“

Wenn jede Sekunde zählt, können selbst kleine Verzögerungen gravierende Auswirkungen haben. Damit die neuen Passagiere pünktlich ab elf Uhr einsteigen können, müssen die anderen rechtzeitig ausgeschifft werden. Der leitende Vizepräsident von Carnival Cruise Lines, Terry Thornton, erklärt es mir so: „Verspätungen sind ärgerlich für die an Bord kommenden Fahrgäste und teuer für uns. Je eher ein Passagier eingeschifft ist, desto früher kann er seinen Urlaub antreten und Geld auf unserem Schiff ausgeben. Legt ein Schiff zu spät ab, sodass es schneller fahren muss, um trotzdem pünktlich ans Ziel zu kommen, erhöht sich der Treibstoffverbrauch.“ Und Becce sagt: „Zurzeit liegen noch fünf andere Carnival-Schiffe hier im Hafen; wenn wir unser Abfahrtszeitfenster um 16 Uhr verpassen, verlieren wir unsere Startposition. Das kann zu einer erheblichen Verspätung führen.“

Wurde auch nichts vergesssen?

Sobald die ersten Passagiere ausgestiegen sind – die letzten müssen das Schiff bis 10.30 Uhr verlassen haben –, beginnt das Kabinenpersonal mit dem Säubern und Desinfizieren der Kabinen. Ein Steward oder eine Stewardess muss 30 bis 35 Räume reinigen. Ehe die neuen Passagiere an Bord kommen, vergewissert sich ein zweiköpfiges Sicherheitsteam, dass in den Zimmersafes nichts zurückgelassen wurde. Schmuck und andere Wertgegenstände werden oft vergessen und dann später an ihre Eigentümer zurückgegeben. Der kurioseste Gegenstand, den ein Passagier jemals liegen gelassen hat? „Eine Beinprothese“, lautet Becces Antwort. Eines seiner Mobiltelefone klingelt. Diesmal ist es jemand von der Schiffswartung mit einer Information über den Stand der Inspektion von Schiffsrumpf und -schraube. „Alles im grünen Bereich“, sagt Becce. „Hoffen wir, dass es so bleibt, und wir pünktlich ablegen können.“

Etwas anderes aber könnte die Abfahrt noch verzögern: Obwohl es schon 10.50 Uhr ist, sind noch immer knapp 600 Passagiere an Bord. „Wir haben später angelegt und sind hinter dem Zeitplan.“ Er führt einige Telefonate. Kurz darauf ertönt aus den Lautsprechern die Stimme des Kreuzfahrtdirektors: „Sehr geehrte Passagiere, bitte begeben Sie sich nun zum Ausgang. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Urlaub und würden uns freuen, Sie bald wieder auf einem unserer Schiffe begrüssen zu dürfen.“

 

Fieberhaft wird geputzt

Um 11.30 Uhr ist das Schiff leer bis auf die Besatzung, die immer noch fieberhaft mit Putzen, Reparieren oder Nachfüllen beschäftigt ist. In wenigen Minuten kommen die neuen Passagiere. Um 13 Uhr sind bereits mehrere Hundert neue Fahrgäste an Bord. Becce ist unzufrieden, weil einige Kabinen noch nicht übergabefertig sind. Auf dem untersten Deck haben sich 58 Crewmitglieder in den Heimaturlaub verabschiedet; 58 neue checken an ihrer Stelle zum Dienst ein. Je nach ihrer Tätigkeit arbeiten sie mehrere Monate am Stück und haben danach mehrere Monate lang frei. Die Reederei lässt sie nach Hause fliegen. Die Belegschaft umfasst 1400 Menschen mit 55 Nationalitäten. Pässe, Visa und andere Dokumente müssen geprüft werden. Und die Sicherheitskontrollen können viel Zeit in Anspruch nehmen.

Es ist kurz vor 14.30 Uhr. Die Taucher haben die Inspektion des Schiffsrumpfes abgeschlossen und keine Auffälligkeiten festgestellt. Das Reinigungsteam meldet, dass es bei der Säuberung der Kabinen dem Zeitplan voraus ist. Die Schiffsvorräte einschliesslich fast 1,5 Millionen Liter Treibstoff wurden aufgefüllt. „Das Beste ist aber, dass meine Telefone nicht mehr klingeln!“, freut sich Donato Becce. Wir trinken einen Espresso auf dem Lobbydeck und beobachten die neuen Passagiere beim Bestaunen des verglasten, zwölf Stockwerke hohen Atriums. Musik erklingt. An der Bar prosten sich Gäste mit dem Willkommensdrink zu. Becce sagt, dass dies einer seiner Lieblingsmomente sei. „Wenn die neuen Urlauber glücklich und erwartungsvoll an Bord kommen, freue ich mich ebenfalls.“

 

Für die einwöchige Reise wird das Schiff mit enormen Mengen an Lebensmitteln beladen, darunter:

  • 900 Kilogramm Rindfleisch
  • 6500 Kilogramm Hühnchen
  • 350 Kilogramm Hummer
  • 50 000 Scheiben Speck
  • 4200 Steaks
  • 700 Kilogramm Krabben
  • 7500 Liter Milch
  • 54 000 Eier
  • 1500 Kilogramm Butter
  • 1000 Kilogramm Kaffee
  • 22 000 Tomaten
  • 45 000 Kartoffeln
  • 5000 Salatköpfe
  • 8300 Bananen
  • 25 000 Scheiben Brot
  • 18 000 Stück Gebäck

 Alle Fotos: © Jason Nuttle


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