Urfttalsperre im nationalpark Eifel in der Nähe des Ortes Rurberg (Staumauer Urftsee).
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Praktische Tipps

Zurück in den Eifel-Urwald

Auf dem Wildnistrail durch den Norden der Eifel.

Ausgabe: daheim Autor: Andreas Steidel
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Wald, so weit das Auge reicht. Frisch grünender Laubwald, der Schatten spendet für die Wanderer, die auf seinen Wegen gehen. Über Höhenrücken, die von glatten Buchen bewachsen sind, und vorbei an Hangwäldern, in denen Eichen ihren Platz an der Sonne suchen. Es ist ein stiller Weg mit Moosen und schiefergrauen Felsen. Ein Eichelhäher kreischt durch die Kronen, und eine Lerche singt. Im Nationalpark Eifel darf die Natur wieder Natur sein, ohne dass der Mensch in ihren Lauf eingreift. 110 Quadratkilometer in der Nordeifel wurden unter Naturschutz gestellt: Ein Nationalpark zwischen Bonn und der belgischen Grenze, im nordrhein-westfälischen Teil des Mittelgebirges, das für seine ausgedehnten Laubmischwälder bekannt ist. Vor allem Rotbuchen sind hier zu Hause. Wo immer sich Nadelbäume wie Fichten oder Douglasien breit gemacht haben, sollen sie im Laufe der Zeit wieder verschwinden, weil sie nicht zum ursprünglichen Eifelwald gehören.

 

Biber bauen Dämme, Falken jagen über Wipfel

In vier Etappen führt der Wildnistrail durch den gesamten Nationalpark hindurch. 80 Kilometer auf dem Weg zurück in einen Urwald, der in Monschau beginnt und in dem Ort Zerkall endet. Sein Herzstück ist die zweite Etappe, die davon erzählt, wie eine Landschaft nach turbulenten Zeiten nun endlich zur Ruhe kommt. Sie beginnt in dem verträumten Dorf Einruhr, an dessen Ufer weisse Ausflugsboote liegen. In der Saison fahren sie auf den Stauseen, die sich wie ein blaues Band durch die Wälder ziehen. Immer wieder lugt das Wasser zwischen den Bäumen hervor, mäandert um die Bergrücken herum, die entlang des Wildnistrails beinahe unendlich erscheinen. An ruhigen Tagen sieht es hier aus wie in Kanada. Biber bauen ihre Dämme, Falken jagen über die Wipfel, und Wildkatzen streifen durchs Unterholz. Fast tausend der seltenen Räuber soll es in der Eifel noch geben, ihr Bild begleitet die Eifel-Wanderer als Wegesymbol durch die Wildnis.

Bei Rurberg zweigt der Weg nach Osten ab und begleitet fortan die Urft. Es ist nicht ganz einfach, das Geflecht der Wasserläufe und ihrer Namen zu durchschauen. Die Olef fliesst in die Urft und die Urft in die Rur. Die Rur mündet in die Maas und die Maas in den Rhein. Im Ruhrgebiet befindet man sich hier trotzdem nicht, weil sich das mit einem „h“ in der Mitte schreibt und an einer ganz anderen Stelle in Nordrhein-Westfalen zu finden ist.

Der Wildnispfad führt steil nach oben, vorbei an Felsen, die von Flechten überzogen sind. Weisse Birkenstämme stehen zwischen Ahornbäumen und Erlen, ein Bach plätschert vom Höhenrücken ins Tal hinunter. Dann ist die grosse Staumauer da: Die Urftstaumauer ist einer der Höhepunkte auf dem Weg durch den Nationalpark. Ein imposantes Bauwerk aus dem Jahr 1905, das Arbeitsplätze und Elektrizität in die Eifel brachte. Damals war sie die grösste Talsperre Europas, heute ist sie ein Stück alte Zivilisation mitten im Nationalpark. Wasservögel flattern über eine Felsnase an der Urft. Es gibt hier wieder Graureiher, Haubentaucher, Höckerschwäne und Kormorane. Dichter Wald schiebt sich an die Ufer heran, von einem Rastplatz hundert Meter oberhalb der Staustufe hat man einen prächtigen Panoramablick über die Eifelhügel und das Gewässer. Die Liste der seltenen Vogelarten, die hier eine Heimat gefunden haben, ist lang. In den dunklen Wäldern im Norden des Nationalparks zieht selbst der geheimnisvolle Schwarzstorch seine Kreise. Früher fürchteten sich die Menschen vor ihm, weil er als Unheilsbote galt. Heute lässt seine Anwesenheit Wandererherzen auf dem Wildnispfad höher schlagen.

 

Alter Truppenübungsplatz

Urplötzlich ist der Wald zu Ende, man spaziert hinaus in eine Heidelandschaft, die von dichtem Gras und Ginsterbüschen überzogen ist. Eifelgold wird der Blumenschmuck der Hochfläche auch genannt. Er ist das Ergebnis jahrhundertealter Rodungen sowie eines Truppenübungsplatzes, den die Briten und Belgier hier nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt hatten. 2005 fiel der letzte Schuss und die Entscheidung, auch dieses Stück zu einem Teil des Nationalparks werden zu lassen. Seither herrscht Ruhe in Wollseifen. Ein leiser Wind umweht die Kirchturmspitze, die wie ein Mahnmal in die offene Landschaft ragt. 1946 musste das Dorf geräumt werden. Nur die Kirche, die Schule und ein Trafohäuschen blieben stehen. Den Rest zerschossen die Panzer. Wüstung Wollseifen wird der verlassene Ort deshalb heute auch genannt. Immer öfter kommen aber die alten Einwohner von Wollseifen zurück in ihre Heimat, stehen tief berührt vor dem Kirchlein, in das sie als Kinder gingen, und vor dem Gerippe der verlassenen Schule, in der bis Ende 1944 ihre Bank und ihre Tafel standen.

Der schmerzlichste aller Blicke geht hinüber zum Vogelsang. Wenige Kilometer von Wollseifen entfernt bauten die Nazis eine Ordensburg, in der sie ihren Parteinachwuchs ausbildeten. Der graue Turm überragt noch heute die Landschaft. Von seiner Spitze aus blickt man über den gesamten Nationalpark Eifel. Die Belgier funktionierten die Nazi-Eliteschule in eine Kaserne um. 2015 wurden dort ein neues grosses Nationalparkzentrum, eine NS-Dokumentationsstätte und ein internationales Tagungszentrum eröffnet. Ein Serpentinenweg führt zum Urftstausee hinunter, der unterhalb der Ordensburg von einer spektakulären Stahlhängebrücke für Radfahrer und Wanderer überspannt wird. Es hat sich viel verändert, seit in der Nordeifel 2004 ein Nationalpark entstanden ist.

 


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