Die Albrechtsurg in Meißen von der Elbe aus fotografiert.
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Albrechtsburg Meißen: Schloss des weißen Goldes

 Hoch über der Stadt Meißen thront auf dem Burgberg die gotische Albrechtsburg.

Ausgabe: daheim Autor: Marlies Heinz
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In sanften Biegungen fliesst die Elbe aus Dresden kommend durch Meissen. Sie trennt die gründerzeitlichen Strassen-Quadrate am rechten Ufer von den verschlungenen Altstadt-Gassen am linken, über denen sich ein wuchtiger Fels erhebt: der Burgberg. Dessen verhältnismässig kleines Hochplateau teilen sich der Dom mit Bischofs-Schloss und die Albrechtsburg. Von hier aus regierten die Wettiner, die seit 1089 mit der Markgrafschaft Meissen belehnt waren. Ihre heutige Gestalt bekam die Burg allerdings erst 400 Jahre später in der Spätgotik. Dabei wurde aus der Albrechtsburg Deutschlands erstes Schloss.

Wer auf den Burgberg will, braucht Puste. Es sei denn, er nimmt den Lift oder den Bus. Das Treppauf beginnt schon in der Altstadt. Über eine schmale Brücke und das Tor-Häuschen gelangt der Besucher schliesslich auf einen mit grossen Steinen gepflasterten Platz. Der Dom aus dunklem Stein beansprucht die Mitte des Areals. Rechts vom grossen Gotteshaus haben sich unter anderem die Häuser der Domherren Wand an Wand auf die Felskante gehockt, mit Gärtchen und Blick hinab zur Stadt. Heute nutzen vor allem Wirte diese Gemäuer. Die Lage am Hang zwingt die Kellner zwar zur Kraxelei, schenkt den Gästen jedoch den Blick auf ein weites Elbtal-Panorama. In der Speisekarte des Domkellers ist dessen Gründung anno 1470 vermerkt. Es ist also anzunehmen, dass hier schon der Dombauer Arnold von Westfalen und seine Gesellen zechten.

Die andere Hälfte des Burgbergs mit dem Schloss darauf ist die weltliche. Und eigentlich entpuppte sich das Bauprojekt der Albrechtsburg schon mit der Fertig-Stellung als eine Fehl-Investition. Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht hatten sich verstritten und zogen 1485 getrennter Wege. Ein Albrecht hat hier also nie residiert. Von da an war der Prachtbau mehr als 200 Jahre lang unbewohnt, sieht man von der gelegentlichen Beherbergung durchreisender Adliger oder der Nutzung als Witwen-Sitz ab. Das herausragende Stück Architektur versank mangels Hausherren in der Bedeutungslosigkeit. Daher liess auch niemand Renaissance-Giebel mauern oder Barock-Skulpturen aufstellen. Die Gotik döste unangetastet vor sich hin. Das macht die Albrechtsburg so besonders. Denn gotische Profanbauten gibt es nur noch sehr wenige. „Sie erleben den Blick auf das Schloss wie am Ende des 15. Jahrhunderts“, verspricht Jan Albertus. Der Schloss-Führer hat seine Gäste nach dem mittäglichen Orgel-Konzert vor der Seiten-Pforte des Doms in Empfang genommen. Nun schauen alle an der hohen hellgrauen Schlossfassade empor, die vom Dom und von den Neben-Gebäuden regelrecht bedrängt wird. Um nicht übersehen zu werden, schmückt sie sich mit einem sechseckigen Treppenturm und mit grossen, filigran verzierten Fenstern. „Weil die steinernen Simse aussehen, als habe jemand Stoff-Bahnen zur Seite gerafft, heissen sie Vorhang-Bogenfenster“, erklärt Albertus.

Albrechtsburg - Sitz der Porzellan-Manufaktur, sicher vor Spionen

Als Kurfürst August der Starke sich eines Tages der Albrechtsburg zuwandte, ging es ihm aber nicht um deren Schönheit. Er musste einen hochkarätigen Staats-Betrieb unterbringen: seine Porzellan-Manufaktur. Auf der gut abzuschirmenden Anlage schien das technologische Geheimnis sicher vor Spionen. In Augusts Besitz gelangte es durch den Apotheker und Alchemisten Johann Friedrich Böttger. Der hatte sich gebrüstet, Gold erzeugen zu können, was den Sachsen-Herrscher so sehr interessierte, dass er den jungen Mann fortan unter seiner strengen Kontrolle arbeiten liess. Böttger und sein Experten-Team experimentierten hochkonzentriert – erzeugten aber kein Gold, sondern zunächst rotes Porzellan. Am 23. Januar 1710 konnte die Hofkanzlei in Dresden schliesslich die Erfindung des weissen Porzellans verkünden. Dann verschwand die Manufaktur in der Meissner Albrechtsburg. Wände und Decken wurden durchbrochen, neue Trennwände gemauert, die feingliedrige Wendel-Treppe wegen der Lasten-Transporte mit eisernen Streben verstärkt. Feuer, Wasser, Russ und Chemikalien taten das Ihre. 153 Jahre lang. Erst als sich Mitte des 19. Jahrhundert der Denkmalschutz zu formieren begann, wurden die Manufaktur ausquartiert und das Schloss wieder hergerichtet. Elegante Gotik, die Pfeiler und Zellen-Gewölbe bestimmen den Raum-Eindruck.

Blick über die Schultern der Meissener Porzellan-Former

Wer die Meissener Porzellan-Manufaktur heute besichtigen möchte, muss wieder in die Stadt hinabsteigen. Dort, wo auch die Pferde des Kremsers verschnaufen, lädt ein kleiner Bus zur Rundfahrt. In den zehn Minuten bis zur Manufaktur lenkt der Fahrer nicht nur sein Gefährt durch die engen Gassen, sondern führt auch im Eilmarsch durch die Stadt-Geschichte. Andreas Pistorius erzählt vom Weinbau und von der Tuchmacherei und natürlich vom Porzellan. Der Mann am Steuer hat alles im Kopf. Im Tal der Triebisch, einem Nebenfluss der Elbe, hat sich der Betrieb 1863 niedergelassen. Andreas Pistorius hält am Publikums-Eingang. Dort ist vom winzigen Figürchen bis zur meterhohen Prunkvase einer Weltausstellung alles zu sehen. Beginnen sollte man seine Runde in der Schau-Werkstatt. Eigentlich sind es mehrere Werkstätten, in denen man den Herstellungs-Prozess verfolgen kann. Die Besucher bekommen erklärt, was gerade passiert.
Karmen Friedrich zum Beispiel ist Bossiererin. Sie setzt vorgefertigte Porzellan-Teile zusammen und formt dann freihändig all die Ornamente, Blüten und Tiere, welche die Stücke später schmücken. Unter ihren Händen nimmt die Figur einer Kugelspielerin, entworfen Ende des 19. Jahrhunderts, Gestalt an. Noch liegt der Körper des Mädchens neben der Formerin. Vor ihr steht ein Baum-Stumpf, an dem sie eine Efeuranke emporwachsen lässt. Dazu drückt sie eine winzige Menge weicher Porzellan-Masse in eine flache Form, hebt das entstandene Blättchen mit einer Pinzette wieder heraus und tupft es behutsam an den Stamm. „Ob ich es flach anlege oder wölbe, ist mir überlassen“, erklärt sie, „auch wie viele Blätter ich verwende.“ Und dann verrät sie noch: „Meist ist es so, dass die schlanken Kolleginnen etwas zierlicher formen – und ich eben üppiger.“

Damit das Publikum noch erlebt, wie die Rosen entstehen, die so viele Meissener Stücke zieren, führt Karmen Friedrich auch das vor. Sie rollt ein Kügelchen aus Porzellan-Masse, presst es auf ihrer Hand zu einem kleinen Fladen, drückt ihn an das bereits entstandene Blütenblätter-Bündel und lässt es zur zarten Rose erblühen. Nach der offiziellen Führung steigen die Gäste von den Podesten, beugen sich über die halb fertigen Kostbarkeiten und löchern die Manufakturisten mit ihren Fragen. Heute wird die Porzellan-Herstellung eben nicht mehr versteckt, sondern steht im Rampenlicht. Nur die Rezepturen bleiben auch nach 300 Jahren ein Geheimnis.

 

Schloss Albrechtsburg, Domplatz 1, 01662 Meißen; Tel. 0 35 21/4 70 70

www.albrechtsburg-meissen.de


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