Das Geheimnis von Stonehenge
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Das Geheimnis von Stonehenge

Die monumentalen Steinkreise in England haben immer wieder die Fantasie der Menschen angeregt.

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Von einer endgültigen Deutung ist man allerdings nach wie vor weit entfernt. Vieles wäre einfacher, wenn die unbekannten Erbauer von Stonehenge in irgendeiner Weise Auskunft darüber gegeben hätten, was sie mit dieser eigentümlichen Anlage eigentlich bezweckten. So aber haben sich seit den ersten systematischen Ausgrabungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Generationen von Wissenschaftlern und Hobbyforschern den Kopf darüber zerbrochen, welche Bedeutung die Megalithen in der Nähe der englischen Stadt Amesbury haben könnten.

Nicht die Kelten

Es sind mit Sicherheit keine Kelten gewesen, die Stonehenge gebaut haben, um hier ihre magischen Künste zu präsentieren. Die Kelten beeinflussten zwar auch die Kultur des frühen Britannien. Dies geschah jedoch nicht vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. Zu diesem Zeitpunkt lag die Errichtung der Stätte schon lange zurück. Und als die Kelten in Britannien das Sagen hatten, gab es Stonehenge schon gar nicht mehr. Gut 1000 Jahre vor den Kelten war die Anlage aufgegeben worden.

Drei Phasen

Die Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung begann um 1800 mit dem britischen Gelehrten William Cunnington. Archäologische Ausgrabungen, die in jüngster Zeit auch mit modernster Technologie durchgeführt wurden, haben ergeben, dass die Baugeschichte in drei Phasen einzuteilen ist. Die Anfänge führen in die prähistorische Zeit. Die ersten Menschen, die hier ihre steinernen Spuren hinterliessen, gingen um 3100 v. Chr. ans Werk. Eine freie Fläche wurde von einem etwa zwei Meter hohen Ringwall und einem Graben umgeben. Flankiert wurde der Wall von insgesamt 56 Gruben, die von den ersten Forschern, die sie untersuchten, als Begräbnisstätten interpretiert wurden. Die zweite Bauphase setzte um 2900 v. Chr. ein. Zu dieser Zeit wurden innerhalb des Walls Konstruktionen aus Holz errichtet, wie sich aus der Entdeckung von Pfostenlöchern ergab.

Ihr heutiges Aussehen erhielt die Anlage zwischen 2500 und 1500 v. Chr., wobei die Archäologen in dieser Phase wiederum einzelne Ausbaustadien feststellen konnten. In dieser Zeit erhielt Stonehenge durch die Aufstellung der Monolithen sein charakteristisches Aussehen. Bis zu vier Tonnen schwere Blausteine wurden aus dem Gebiet des heutigen Wales, aus einer Entfernung von rund 380 Kilometern, herbeigeschleppt. Zu diesem Schluss kamen die Forscher bei der Untersuchung der verwendeten Materialien. Vermutlich wurden die schweren Steine auf Rollschlitten (Foto: ©iStockfoto.com / SheraleeS) bewegt und unterwegs auf stabile Flösse verladen. Am Bestimmungsort wurden die Steine in einem doppelten Halbkreis aufgestellt. In der Mitte wurde ein einzelner Monolith platziert, der ein Gewicht von 6 Tonnen aufwies.

Schweisstreibende Arbeit

Etwa um 2400 v. Chr. war Stonehenge erneut eine Baustelle. Errichtet wurde nun eine Konstruktion aus 74 besonders harten Sarsensteinen. Aus 35 Kilometern Entfernung wurden sie nach Stonehenge transportiert. Wahrscheinlich kamen wieder Schlitten und Rollen zum Einsatz. Berechnungen haben ergeben, dass dabei Hunderte kräftiger Männer benötigt wurden, die die Geräte mit Seilen aus Rinderhaar und Lederriemen in Bewegung setzten. Bearbeitet wurden die Steine dann in Werkstätten vor Ort. Das Aufstellen der Megalithe wurde mithilfe von Zugseilen und Hebeln bewerkstelligt.

Die 74 Sarsensteine bildeten einen äusseren Ring mit einem Durchmesser von 30 Metern. Sie umschlossen eine zentrale Anlage, die aus hufeneisenförmig angeordneten Blausteinen bestand. Um diese herum gruppierten die Stonehenge-Architekten ein äusseres Hufeisen aus fünf sogenannten Trilithen (Dreisteinen, sieben Meter hoch und 40 Tonnen schwer), die aus jeweils zwei Tragsteinen und einem Deckstein bestanden. In der Mitte wurde ein grosser, an einen Altar erinnernder Stein aufgestellt. Die Stätte von Stonehenge befand sich nicht isoliert mitten in der Landschaft, sondern war durch eine drei Kilometer lange Strasse mit der Aussenwelt verbunden

Welche Funktion hatte diese imposante Anlage?

Ohne Grund dürfte man sich kaum die Mühe gemacht haben, die Steine von weit her zu schaffen und diese dann nach einem bestimmten Plan aufzustellen. War Stonehenge ein Friedhof? Vor allem in den frühen Phasen deuten die Spuren von Gräbern auf eine solche Zweckbestimmung hin. Oder eine Kultstätte, an der die frühen Bewohner von Stonehenge ihre religiösen Zeremonien durchführten? Oder ein Tempel für Götter, die allerdings nicht bekannt sind?

Frühe Sternwarte?

Der grössten Popularität erfreut sich die Deutung als frühe Sternwarte und gigantischer Kalender. Tatsächlich sind die Anordnung der Steine und ihre Positionen zueinander so auffällig, das man kaum an einen Zufall denken kann. Die Achsen der Steinkreise und die Strasse weisen exakt auf den Punkt, an dem die Sonne nach der Mittsommernacht (am 22. Juni) aufgeht. Am Tag der Sommersonnenwende fällt das Licht der Sonne exakt in den Mittelpunkt des Steines im Zentrum der Kreise. Gleiches gilt, in entgegengesetzter Richtung, für den Sonnenuntergang bei der Wintersonnenwende. Die unbekannten Konstrukteure von Stonehenge haben die Anlage wohl am Lauf der Sonne und an den Jahreszeiten ausgerichtet.

Neue Forschungen

Forscher nahmen mit modernem Hightech die Umgebung der Steinkreise unter die Lupe. Dabei fanden sie zahlreiche weitere Spuren: Demnach war Stonehenge das Zentrum eines grossen, von Gräbern, Kultanlagen und weiteren Steinkreisen umgebenen Komplexes (Foto: © iStockfoto.com / Nicholas E Jones), der von den Forschern als eine gigantische Bestattungs- und Tempelanlage interpretiert wird. Drei Kilometer vom „ersten“ Stonehenge entfernt befand sich ein weiteres Stonehenge mit 90 zum Teil noch aufrecht stehenden, 4,50 Meter hohen Steinen, über die in den vergangenen Jahrhunderten buchstäblich Gras gewachsen. Diese neu entdeckte Anlage entstand bereits um 2600 v. Chr., also einige Zeit vor dem bis dahin bekannten Stonehenge.

 

In Fachkreisen wird diskutiert, ob die Steine des frühen Stonehenge dazu dienten, das neue Stonehenge aufzubauen. Zum Vorschein kamen bei den jüngsten Untersuchungen auch Spuren menschlicher Besiedlung, die als Hinweis auf jene unbekannten Menschen gedeutet werden können, die für den Bau der Steinkreise verantwortlich gemacht werden können. Im den Gräbern mit sieben Skeletten könnten Arbeitern bestattet worden sein, die damals beim Aufbau der Steinkreise beteiligt waren.

Die Entdeckung von zwei Wasserquellen gestattet möglicherweise eine Antwort auf die Frage, aus welchen Gründen die Erbauer von Stonehenge ausgerechnet dieses Areal für ihre Steinkreise ausgewählt haben. Wasser spielt in vielen alten Kulturen und Religionen eine herausragende Rolle. Diese Quellen könnten es gewesen sein, die Stonehenge den Rang eines heiligen Ortes gaben. Also handelte es sich, wie bereits früher vermutet, doch eher um einen sakralen Platz und nicht um ein prähistorisches Observatorium? Oder gehören Kultstätte für die Toten und Sternwarte zusammen?

Diese und viele weitere Fragen warten auf neue Antworten. Und die Arbeiten des „Stonehenge Hidden Landscape Project“ sind noch nicht abgeschlossen.

 

 

 


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