Touristen sitzen auf einer Bank auf der Fraueninsel, Chiemsee, Bayern.
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Der Schatz im Chiemsee

Rund 500 Menschen wohnen auf der Fraueninsel. Wer den Ort besucht, spürt, dass das Leben dort einem eigenen Rhythmus folgt.

Ausgabe: daheim Autor: Peter Hummel
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Ein schriller Pfiff ertönt im Hafen von Gstadt am Chiemsee, dann macht der Matrose die Leinen los. Das Motorschiff Edeltraud lässt seine Schraube propellern, und mit jeder Umdrehung kommt die rund zehn Minuten entfernte Fraueninsel näher. Das stattliche Kloster wird immer deutlicher sichtbar, dann auch kleine Häuser, schliesslich unzählige Ruderboote, die am Ufer schaukeln. Von diesem Flecken Erde, der auch die Gäste auf der MS Edeltraud zu eifrigem Fotografieren animiert, geht eine Faszination aus. Er muss entstanden sein, als die Natur sich verschwenderisch dazu entschloss, einen wundervollen See genau dorthin zu setzen, wo Bayern ohnehin schon mit grandiosen Bergen und fruchtbaren Tälern gesegnet ist – und ihn mit der Fraueninsel, der grösseren Herreninsel und der allenfalls von ein paar Kühen bevölkerten kleinen Krautinsel zu bestücken.

Besuch im Benediktinerinnenkloster

Noch eine kleine Kurve, dann legt das Schiff an der Fraueninsel an. Fast ehrfürchtig gehen die Gäste über den Holzsteg und auf das Benediktinerinnenkloster Frauenwörth zu, von dem die 620 auf 300 Meter grosse Insel ihren Namen hat. Was für eine Ruhe! Nicht nur, weil es hier keine Autos gibt. Man spürt vom ersten Augenblick an, dass dieser Ort dem Menschen Ehrfurcht abverlangt. 782 gründete Herzog Tassilo II. von Bayern das Kloster auf Frauenchiemsee, das seither ohne Unterbrechung von Nonnen bewohnt ist. Eine der rund 25 Frauen, die heute in den alten Gemäuern nach festen Regeln beten und arbeiten, ist Schwester Katharina. Sie steht am Eisengitter des akkurat gepflegten Klostergartens, der das Weltliche vom Geistlichen trennt. Geboren in der Nähe von Münster, lebt sie seit mehr als 30 Jahren im Kloster, und ihr graut vor jedem einzelnen Tag, an dem sie die Insel verlassen muss. „Früher kamen die Ärzte noch zu uns herüber“, erzählt sie, „und alles, was wir zum Leben brauchten, haben wir selbst produziert. Aber nun lässt es sich leider nicht mehr vermeiden, ab und zu aufs Festland zu fahren.“ Sie seufzt und schreitet den langen, weiss getünchten Kreuzgang entlang, dessen Wände die Gemälde früherer Äbtissinen zieren. Bei der Nummer 37, die Maria Magdalena Haidenbucher zeigt, bleibt Schwester Katharina stehen und erzählt: „Von ihr gibt es ein Tagebuch, in dem sie alles aufgeschrieben hat. Zum Beispiel, dass die Insel während des 30-jährigen Kriegs voller Flüchtlinge war. Und dass sie zur Weihnachtszeit 1627, um den angsterfüllten Menschen eine Freude zu bereiten, eine Krippe aufstellen liess.“
Die Grosse Barockkrippe existiert immer noch. Sie gilt als eine der ältesten figürlichen Darstellungen der Weihnachtsgeschichte im süddeutschen Raum. Die bis zu 80 Zentimeter hohen Figuren tragen prächtige Gewänder, die in den Werkstätten des Klosters gefertigt wurden. Schwester Katharina stellt die Krippe jedes Jahr zu Heiligabend in einer Seitenkapelle der grossen Kirche auf. Dazu ergänzende Szenen wie die Hochzeit zu Kana, die nur alle vier Jahre zu sehen ist, das nächste Mal Anfang des Jahres 2016. Im Kirchturm schlägt die grosse Glocke, und nun hat Schwester Katharina es plötzlich eilig, denn um viertel vor Zwölf treffen sich alle Schwestern im Chorgestühl zum Mittagsgebet.

Leben und arbeiten auf der Fraueninsel

Im Klostergasthof werden unterdessen frische Chiemseerenken mit Kartoffeln und flüssiger Butter serviert, eine Köstlichkeit, die wegen der vielen Gräten ein bisschen Geschicklichkeit erfordert. Geschick benötigt auch Georg Klampfleuthner, einer der rund 500 Frauenchiemsee-Bewohner, der keine 200 Meter vom Kloster entfernt eine Töpferei betreibt. Die gibt es bereits seit dem Jahr 1609, seit 1723 befinden sie sich im Besitz der Klampfleuthners. Der 52-Jährige ist in der Werkstatt aufgewachsen. „Unser Handwerk hat sich kaum verändert“, sagt er und kratzt sich den Lehm von den Fingern, „wir arbeiten noch genauso wie unsere Vorfahren.“ Früher hat die Familie Geschirr für das Kloster produziert, heute sind es Andenken für die Touristen und Kacheln für Öfen, die Ofenbauer aus ganz Europa anfragen. Auch Georg Klampfleuthner mag die Tage nicht, an denen er mit seinem Motorboot hinüber nach Gstadt fahren muss, um Dinge des täglichen Lebens einzukaufen. Auch die Schüler können sich nicht drücken: Die müssen jeden Tag mit dem Linienschiff zur Schule aufs Festland fahren.

Morgen für Morgen schaut Georg Klampfleuthner hinaus auf den See. „Jeden Tag ist er anders“, sagt er. Im Herbst türmen die Stürme hohe Wellen auf, in kalten Wintern lässt eine Eisschicht den Chiemsee erstarren. „Im Sommer gehe ich täglich schwimmen“, erzählt der Töpfermeister, „egal, wie das Wetter ist.“ Von seiner Drehscheibe zum Ufer und seiner privaten Anlegestelle sind es nur 25 Schritte. Manchmal verlaufen sich auch ein paar der bis zu 1000 Touristen dorthin. Am Abend besteigen die Tagesbesucher aber wieder das Schiff nach Gstadt. Im besten Fall nehmen sie etwas mit von dem Rhythmus und der Ruhe dieser Insel, auf der ein Glockenschlag genügt, um den Tag zu ordnen.

 


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