Die ehrlichsten Städte: Der Reader’s Digest Ehrlichkeitstest
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Die ehrlichsten Städte: Der Reader’s Digest Ehrlichkeitstest

Unsere Reporter verloren im April 2013 absichtlich 192 Geldbörsen in Großstädten in Europa, Süd- und Nordamerika sowie Indien. Jede der Börsen war mit Namen und Handynummer, einem Familienfoto, Belegen und Visitenkarten sowie rund 40 Euro ausgestattet. Wir ließen jeweils zwölf Börsen in jeder der 16 ausgewählten Städte liegen, zum Beispiel in Parks, in Einkaufszentren, auf Gehwegen. Dann beobachteten wir, was geschah.

Autor: DasBeste-Redaktion

Die ehrlichste Stadt: Helsinki

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 11
  • Lasse Luomakoski, ein 27-jähriger Wirtschaftsstudent findet unsere Börse im Zentrum. „Finnen sind von Natur aus ehrlich“, meint er. „Wir sind eine kleine, ruhige, eng verwobene Gemeinschaft. Bei uns gibt es nur wenig Korruption, und wir laufen nicht einmal bei Rot über die Ampel.“ In der Arbeiterklassegegend Kallio sagt uns ein Ehepaar in den 60ern: „Ehrlichkeit ist eine innere Haltung und speist sich aus dem Gefühl des eigenen Selbstwerts.“

Mumbai, Indien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 9
  • Rahul Rai, 27 Jahre, Redakteur bei einer Produktionsgesellschaft sagt: „Mein Gewissen lässt es nicht zu, dass ich etwas Unrechtes tue. Eine Brieftasche ist wichtig.“ Vaishali Mahaskar, Mutter von zwei Kindern und Briefmarkenverkäuferin gibt eine Brieftasche zurück, die im Hauptpostamt lag. „Ich bringe meinen Kindern bei, ehrlich zu sein, so wie ich es von meinen Eltern gelernt habe.“

Budapest, Ungarn

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 8
  • Die 17-jährige Regina Györfi hebt die Geldbörse in der Nähe einer Einkaufspassage auf und ruft sofort die Handynummer an. „Ich erinnere mich, wie ich im Auto saß und mein Vater eine Brieftasche am Straßenrand bemerkte“, erzählt sie. „Als wir den Besitzer erreichten, war er sehr dankbar. Ohne die Papiere in der Brieftasche hätte er seine Hochzeit verschieben müssen, die am selben Tag stattfinden sollte!“ Eine Frau Anfang 60 dagegen öffnet die Brieftasche und verschwindet dann in einem Gebäude. Wir hören nie von ihr.

New York City, USA

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 8
  • Onikaa Richards und Ohral Reid, beide 17, finden die Geldbörse auf dem West Side Highway und melden sich sofort. Richards erklärt: „Ich sah das Foto und dachte: ‚Er hat zwei Kinder. Wir müssen die Börse zurückgeben.‘“ Doch nicht alle New Yorker sind so ehrlich, wir beobachten einen Mann  um die 20, der das Geld aus der Börse nimmt und sich damit Zigaretten kauft. Ein Einheimischer sagt zu uns: „Es hat sich etwas verändert. Seit dem 11. September 2001 ist mehr Gemeinschaftssinn zu spüren.“

Moskau, Russland

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 7
  • In der Nähe des Zoos im Stadtzentrum sieht Eduard Anitpin aus Sibirien, wie unser Reporter die Brieftasche fallen lässt, und läuft ihm nach, aber dann entscheidet er sich, die Börse einem Sicherheitsbeamten auszuhändigen. „Ich bin Beamter und an den Moralkodex für Beamte gebunden“, sagt er. „Ich stamme aus einer einfachen Familie, aber meine Eltern haben mich zu einem ehrlichen und anständigen Menschen erzogen.“

Amsterdam, Niederlande

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 7
  • Einige Leute fühlen sich vom mehr vom Geld als den Fotos in der Geldbörse angesprochen, doch Julius Maarleveld entdeckt die Brieftasche und betritt einen Getränkeladen. Unser Reporter folgt ihm und auf die Frage, warum er die Brieftasche zurückgibt, antwortet er: „Meine Frau hat ihre Geldbörse einmal verloren und sie wiederbekommen. Ist Ehrlichkeit nicht wunderbar?“

Berlin, Deutschland

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 6
  • Seyran Coban, eine Studentin aus Potsdam sieht die Börse, zur selben Zeit entdeckt ein Junge die Brieftasche. Die beiden gehen gleichzeitig darauf zu, aber Coban lässt nicht zu, dass der Junge sie nimmt. „Ich habe ihm nicht getraut. Ich bin oft ehrlich behandelt worden, und wenn ich selbst so handle, kommt das zu mir zurück“, sagt sie. Der Chauffeur Adel Ben Salem erklärt unserer Reporterin: „Ich sah das Foto von der Mutter mit ihrem Kind. Egal, was einem wichtig sein mag, ein Foto wie dieses ist von persönlicher Bedeutung für den Besitzer.“ Doch ein Mann Anfang 40 sieht das nicht so. Er schnappt sich die Brieftasche, steckt sie in seinen Rucksack und telefoniert zehn Minuten von seinem Handy aus – jedoch nicht mit uns.

Ljubljana, Slowenien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 6
  • Manca Smolej, eine 21-jährige Studentin, fragen wir, ob sie daran gedacht hat, das Geld zu behalten, antwortet sie entrüstet: „Nein“ Meine Eltern haben mir vorgelebt, wie wichtig es ist, ehrlich zu sein. Einmal habe ich eine Tasche verloren, zum Glück habe ich alles zurückbekommen. Ich weiß also, wie sich das anfühlt.“ Ein Mann Anfang 50 kann der Versuchung nicht widerstehen. Einen Moment sind wir hoffnungsvoll, denn der Mann zückt sein Handy. Doch dann steckt er die Brieftasche ein, steigt in sein schickes, teures Auto und fährt davon.

London, England

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 5
  • Ursula Smist, 35, die vor acht Jahren aus Polen kam, brachte ihrer Chefin die gefundene Geldbörse. Sie erklärt unseren Reportern: „Wenn man Geld findet, kann man nicht davon ausgehen, dass es einem Reichen gehört. Es könnte der winzige Rest sein, der einer Mutter geblieben ist, um Essen für die Familie zu kaufen.“

Warschau, Polen

  • Zurückgegeben: 5
  • Die 28-jährige Marlena Kamínski, Biotechnologin findet die Geldbörse an einer Bushaltestelle und steigt in einen Bus. Drei Stunden später meldet sie sich bei uns. Sie erzählt uns, dass sie ihre Kollegen im Labor um Rat gefragt hat. „Da waren auch einige, die mir empfahlen, mir nicht die Mühe zu machen, nach dem Besitzer zu suchen. Aber ich dachte mir, dass irgendjemand diese Geld vielleicht ganz dringend braucht.“

Bukarest, Rumänien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 4
  • Als wir Emil Avram, 45, und seinen Sohn Cosmin, 23, fragen, warum sie die Börse zurückgegeben haben, antwortet Cosmin: „Ich hätte das auch getan, wenn mein Vater nicht dabei gewesen wäre. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, ein ehrlicher Mensch zu sein.“ Eine junge Frau, Mitte 20, die wir beobachten, ist nicht so ehrlich. Sie fragt zwei Leute in ihrer Nähe, ob sie die Brieftasche verloren hätten. Als diese verneinen, geht sie zur U-Bahn. Wir sehen, wie sie den Inhalt studiert und dann in ihrer Tasche verstaut. Von ihr hören wir nichts.

Rio de Janeiro, Brasilien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 4
  • In einem Gewerbegebiet findet eine Frau Ende 20 eine der Börsen und gibt sie zurück – ohne Geld. Aber die 73-jährige Delma Monteiro Brandao, die ihre Enkeltochter von der Schule abholt, bringt sie uns mit Geld zurück. „Sie gehört mir nicht“, antwortet sie, als wir sie fragen, warum sie sie zurückgibt. „In jungen Jahren habe ich einmal im Kaufhaus eine Zeitschrift mitgehen lassen“, erinnert sie sich. „Als  meine Mutter das herausfand, erklärte sie mir, dass solch ein Verhalten nicht akzeptabel sei. Ich musste die Zeitschrift zurückbringen und mich entschuldigen.“

Zürich, Schweiz

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 4
  • Jeanette Baum, 38, Musiklehrerin, schreibt unseren Reportern eine E-Mail, wie sie sei per Handy nicht erreichen kann, nachdem sie eine Geldbörse gefunden hat. Sie sagt: „Ich weiß, wie es ist, wenn man etwas verliert, vor allem wenn man merkt, dass etwas fehlt. Deshalb habe ich mich so schnell wie möglich gemeldet.“ Ein Straßenbahnfahrer Ende 50 dagegen hält sich nicht an die Aufforderung der VBZ, die auch für das Fundbüro zuständig ist, die Bürger dazu anhält, Fundsachen an das Verkehrspersonal weiterzureichen. Er steckt die Brieftasche ein, und wir hören nie von ihm.

Prag, Tschechien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 3
  • Petra Samcová, 30, findet eine der Geldbörsen an einer Straßenbahnhaltestelle. Sie arbeitet bei einem Optiker und erzählt uns: „Ich gebe die Börse zurück, weil das selbstverständlich sein sollte.“ Für zwei Teenager in einer Vorstadtsiedlung ist es keineswegs selbstverständlich. Sie finden eine Brieftasche auf einer Parkbank und lassen diese in ihrem Rucksack verschwinden, bevor sie bester Laune weiterziehen.

Madrid, Spanien

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 2
  • Die Studentinnen Beatriz Lopez und Lena Jansen, beide 22, finden eine Geldbörse in einem gehobenen Viertel der Innenstadt. Jansen sagt: „Ich könnte eine Brieftasche, die mir nicht gehört, nicht behalten. Mir wurde selbst schon mehrmals die Geldbörse gestohlen. Wir wollten sie einfach nur zurückgeben.“

Lissabon, Portugal

  • Zurückgegebene Geldbörsen: 1
  • Ein Paar um die 60 entdeckt eine Geldbörse und melden sich sofort. Unsere Reporter treffen sich mit den ehrlichen Findern – Touristen aus Holland. Dies bleibt die einzige Börse, die in Lissabon zurückgegeben wird. Alle anderen bleiben verschwunden.

    Fazit

Von den 192 verlorenen Geldbörsen erhielten 90 wieder – das sind 47 Prozent. Das Alter der Finder scheint keine Rolle zu spielen; Jung und Alt behielten gleich oft die Brieftasche. Relativer Wohlstand scheint kein Garant für Ehrlichkeit zu sein: In Moskau erhielten wir sieben von zwölf Börsen wieder, während im wohlhabenden Zürich nur vier zurückkamen.


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