Die Selketalbahn überquert auf ihrer Fahrt durch das Selketal südlich von Quedlinburg im Harz iene Straße.
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Die Selketalbahn: Nostalgie auf Schienen

Viele Besucher wissen nicht, dass die dampfbetrieben Selketalbahn ihre Fahrgäste auch heute noch durch den malerischen Unterharz befördert.

Ausgabe: daheim Autor: David Krenz
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Wenn die Lok auf ihrer Fahrt durch das Selketal aus der Spur gerät, ist Lutz Barthel zur Stelle. Mit blossen Händen hievt er sie zurück aufs Gleis. Der Pensionär ist kein Riese mit übernatürlichen Kräften, sondern Leiter der Modellbahngruppe in Quedlinburg. Jeden Mittwoch werkeln die Männer an ihren beiden Anlagen; in gleich zwei Massstäben bilden sie jene Landschaft nach, die sich vor den Toren ihrer Werkstatt entfaltet: das Selketal südlich von Quedlinburg im Harz. Mehr als 7000 Arbeitsstunden haben sie bereits investiert. Das Ende: nicht absehbar. „Eine Modellbahnanlage darf nie fertig werden. Wenn sie fertig ist, macht es ja keinen Spass mehr“, sagt Barthel. Nach Fotovorlage bastelten sie das Bahnmeisterbüdchen von Gernrode und die unverwechselbare Felsnase über dem Tal bei Mägdesprung. Die steilen Klippen am Flusslauf der Selke hat Lutz Barthel aus Gips modelliert, als Nächstes will er das Gras, das an Fussballrasen erinnert, in urwüchsige Wiesen verwandeln. „Auf den Brocken fährt fast jeder Harzbesucher. Ins Selketal nicht. Dabei ist das die schönere Strecke“, sagt er. „Die Schienen führen nah am Fluss entlang, an weiten Wiesen und dichtem Wald vorbei, durch schmale Felseinschnitte. Diese Vielschichtigkeit gibt es sonst nirgends im Harz.“

Während Touristen vor allem in den westlichen Teil des Mittelgebirges strömen, wo der Brocken und ähnlich hohe Gipfel den Oberharz bilden, schwören eingefleischte Eisenbahnfreunde auf den östlich gelegenen Unterharz. Nicht allein, weil die dort verlaufende Selketalbahn bereits 1887 den unwegsamen Harz erschloss und bis heute „unter Dampf“ steht. Zwar kann die Gegend mit keinem 1000-Meter-Berg auftrumpfen, dafür lauern entlang der Strecke viele kleine, feine Entdeckungen, die wie die Steinchen eines Mosaiks in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Bild ergeben. Schon der Startpunkt, Quedlinburg, weiss zu verblüffen: Das anhaltinische Städtchen zählt etwa 21.000 Einwohner – aber mehr Denkmäler als manche Metropole. Ein Spaziergang über die Altstadtpflaster führt vorbei an rund 2000 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten. Staunend studiert man die mit Schnitzwerk verzierten Fassaden der Gildehäuser und windschiefe Obergeschosse, die am Nachbarbau Halt suchen. Gerade zur Vorweihnachtszeit, lockt die Weltkulturerbe-Stadt: Zum „Advent in den Höfen“ verwandeln sich die Hinterhöfe der alten Häuser in winzige Weihnachtsmärkte, der Duft von Bratapfel und Glühwein liegt in den Gassen.

Am Südrand des Gassengewirrs gelangt man zum Bahnhof

Dicke Schwaden steigen über Gleis 3 auf, es sind die Rauchzeichen der Selketalbahn. Glühende Kohlen in der Feuerbüchse der schwarzen Schmalspurlok, in den Waggons dahinter machen es sich die Passagiere auf gepolsterten Bänken bequem. Die Bahn lässt abgeerntete Felder und Obstwiesen hinter sich, passiert ratternd eine Steinbrücke über den baumbekränzten Heiligensee. Schleier weissen Dampfes umhüllen die Wände der vorderen Waggons. Bald nach dem Bahnhof Gernrode wartet die erste Kraftprobe. Mehr als 200 Höhenmeter gilt es zu überwinden, um auf den Ramberg zu gelangen. Im Buchenwald des 30 Quadratkilometer grossen Granitmassivs lassen sich Steintrümmer aufspüren, die die Natur zu kolossalen Felsenburgen aufgestapelt hat. Nach kurzer Verschnaufpause geht es für die Lok bergab. In der kurvenreichen, steilen Talfahrt rauscht sie auf schmaler Schneise in dichten Wald hinein, 25 Meter an Höhe verliert sie mit jedem Kilometer. Vorbei an ausgehöhlten Birkengerippen und an Erlen, die ihre kahlen Äste weit von sich strecken. Schmächtig und verloren wirkt das sonst stolze Dampfross inmitten hoch aufschiessender Fichtenstämme. Der Selkefall braust in glitzernden Kaskaden hinunter. Hinter dem Bahnhof Mägdesprung – der Ortsname geht auf eine ursprünglich als „Maide-Sprungk“ bezeichnete Quelle in der Nähe zurück – öffnet sich das Selketal in voller Pracht. Der Höhenunterschied zwischen Berg und Tal unterstreicht den Kontrast: Bis zu 100 Meter ragen die Gipfel über das Flüsslein. In engem Abstand verlaufen die Schienen zur Selke, ein windungsreicher Tanz durch den Wald. An einem Pfad am Ufer weicht ein Wanderer behutsamen Blickes Wurzelknorren und vorschiessenden Sträuchern aus, bestimmt strebt er zum Selkefall, wo wuchtige Gesteinsblöcke den trägen Strom aufreissen, sodass er in glitzernden Kaskaden hinunterbraust.

Die Schmalspurbahn dampft weiter

Über Wiesenmeere fährt sie, zwängt sich durch moosbewachsene Felseinschnitte und schmiegt sich an gestützte Steinwände. In rascher Vorbeifahrt lässt sich der Blick auf ein Ortsschild erhaschen, auf dem „Stahlhammer“ geschrieben steht. Im 18. Jahrhundert wurden hier mithilfe der Kraft der Selke Äxte, Pflugscharen und Sensen geschmiedet. Dass die Menschen des Unterharzes das Erz ihrer Berge nicht nur förderten, sondern auch verarbeiteten, davon kündet der Name mancher Station: In Drahtzug wurden Metalle zu Draht gezogen, in Silberhütte Silber verhüttet, also Silbererz geschmolzen. Diesem Hüttenwesen ist der Bau der Selketalbahn zu verdanken. Sie sollte die Ostharzer Betriebe verbinden und an das überregionale Eisenbahnnetz anschliessen. Die Wahl fiel auf meterspurige Gleise, also schmalere als üblich, – weil die kostengünstiger waren. Heute werden nicht mehr Kohle und Holz befördert, keine Arbeiter in ihre Fabriken gebracht. Die Industrie ist gewichen, der letzte Hammerschlag längst verklungen, nur das Schnaufen der Lok durchschneidet noch die Stille des Walds. Dass Wanderer von Brücken aus Bachforellen zählen können, dass im Flussbett Wasseramseln von Stein zu Stein hüpfen, zeugt von der Reinheit der Selke. Beide Tierarten lassen sich nur an sauberen Flussläufen blicken. Feuersalamander pflanzen sich in den feuchten Auenwäldern fort, die Baumhöhlen der steilen Hangwälder sind Rückzugsraum der seltenen Baumfledermäuse.

Nach zweieinhalbstündiger Fahrt rollt der Zug an der Endstation Eisfelder Talmühle ein. Passagiere können umsteigen in die Harzquerbahn, die neben Selketalbahn und Brockenbahn zum Streckennetz der Harzer Schmalspurbahnen zählt. Oder sie lösen einfach einen Rückfahrschein: Denn Aussteigen lohnt sich an vielen Stationen der Selketalbahn. Zum Beispiel in Stiege, um zu den Quellwiesen der Selke zu spazieren. Oder in Alexisbad, einem einst brummenden Kurort, der heute 40 Einwohner hat. Oder man hält mitten im Wald, um an einer reich gedeckten Kaffeetafel Platz zu nehmen. Wer sich für Letzteres entscheidet, steigt in Drahtzug aus, einer Station, die aus einem in den Waldboden gepflockten Schild besteht. Auf der anderen Seite der verrussten Gleise duckt sich die Holzterrasse des Scheunencafés an den Hang. Einsam und von Waldwänden gerahmt, liegt es in einem schmalen Tal. „Mein kleines Paradies“, sagt Bettina Götze, die das Café seit 2010 betreibt. Im Sommer steht die 60-Jährige schon frühmorgens am Ofen, um ihren legendären Rhabarber-Baiser-Kuchen zu backen, in der kalten Jahreszeit kommt Apfelstrudel auf den Tisch. „April bis September sind meine Sturm-und-Drang-Monate, im Winter öffne ich aus Spass an der Freude.“
Vor 15 Jahren hatte ihr Mann das Grundstück auf einer Dienstfahrt entdeckt. Zurück in Berlin schwärmte er ihr vor: ein verfallenes Häuschen im Wald, direkt an Bach und Bahnstrecke. Sie bewarben sich um den Kauf – „eigentlich nur aus Daffkes“, wie sie erzählt – und erhielten den Zuschlag. Die Götzes bauten das Forsthaus von 1882 zum Wohnen aus. Jahrelang pendelten sie zwischen den Wochenenden im Harz und ihrem Job in der Hauptstadt. Dann reifte die Idee, fortan im Wald Geld zu verdienen. Mit einer Einkehr für Ausflügler. In drei Jahren Arbeit deckten sie das Dach der Scheune, verputzten Wände, tauschten morsche Stützbalken aus, „am Ende war ich Profi“, sagt Götze und schmunzelt. Viele ihrer Gäste, die sich an die liebevoll aufgearbeiteten Tische setzen, bewundern die idyllische Lage. Sie weiss dann wieder: alles richtig gemacht. „Früher war ich fest mit meinem Handy verwachsen, heute liegt das Ding irgendwo herum“, sagt Götze. „Nach dem Aufstehen laufe ich mit dem Hund durch den Wald bis zum Krebsbachteich, wo der Morgennebel über dem Wasser liegt. Das ist was anderes, als den Ku’Damm hoch und runter zu spazieren.“

 

 

 


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