Feuer und Freuden-Taumel: Frühlingsfest Las Fallas in Valencia
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Feuer und Freuden-Taumel: Frühlingsfest Las Fallas in Valencia

Mit riesigen Pappmaché-Figuren, Feuerwerk und Trubel begrüßen die Menschen im spanischen Valencia den Frühling.

Ausgabe: März 2018 Autor: Lia Granger

Wir sitzen lachend um einen langen Tisch auf der hell erleuchteten Straße. Der frische Nachtwind von Valencia vermag kaum, unsere von der Vorfreude erhitzten Gemüter abzukühlen. Die Männer, Frauen und Kinder in der Runde gehören zum Casal Esparteros, einem Verein, der die satirischen Figuren aus Pappmaschee und anderen Materialien geschaffen hat, die um uns herum in den Himmel ragen. Es ist die zweite Nacht der Fallas, des größten Volksfestes im spanischen Valencia, und es gibt keinen Zweifel daran, dass diese lustige Runde zu allerlei Schabernack aufgelegt ist.

Jetzt knallt’s

Ein älteres Vereinsmitglied wickelt einen langen papierartigen Streifen von einer Rolle ab und legt ihn ringförmig um den Tisch. Begleitet vom Gejohle der anderen zündet er das eine Ende an. Im nächsten Augenblick fängt es vor mir, neben mir und hinter mir an zu knallen. Ich kneife die Augen zusammen. Als ich sie kurz darauf wieder öffne, sehe ich, wie die Leute Beifall klatschen und einander umarmen. Die Luft riecht nach Schießpulver. Die kunstvollen Riesenpuppen scheinen von oben zu uns herabzulächeln, als wären sie mit von der Partie.

Mit dem riesigen Straßenfest Fallas wird der Frühling begrüßt

In der Spanischen Stadt Valencia begrüßen die Menschen den Frühling mit den Fallas, einem Straßenfest der Superlative, bei dem die Bewohner ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Hunderte von Fallera-Vereinen errichten in ihrem Stadtviertel eine oder mehrere meterhohe Puppen, die sogenannten Fallas. In der letzten Nacht des Frühlingsfestes werden diese dann verbrannt. Nur ein paar wenige Exemplare, die als besonders gelungen gelten, bleiben verschont. Las Fallas findet jedes Jahr vom 15. bis zum 19. März statt, mit unzähligen Musikkapellen, Kostümparaden, Feuerwerken, Stierkämpfen, Paella, Trinkgelagen und Böllereien. Diesem bunten Treiben schauen die Fallas-Figuren aus bis zu 41 Metern Höhe zu. Ich bin wie so viele andere nach Valencia gereist, um die Riesenskulpturen mit eigenen Augen zu bestaunen. Am nächsten Morgen, einem Freitag, mache ich mich auf die Suche nach weiteren Fallas. Mit einer Größe von 16 Metern ist die Falla Na Jordana ebenso hoch wie die dreistöckigen Gebäude, die sie umgeben.


Eine Niñot mit dem Gesicht der Mona Lisa beim Convento Jerusalén 2017. Foto: Lia Granger

Die Fallas sind heidnischen Ursprungs

In der Menge, am Fuße des Kunstwerks, treffe ich Alex Campón Moya. Der Wirtschaftsingenieur wirkte bereits als Kind in einem Fallas-Verein mit. Bereitwillig gibt er mir Auskunft über die Geschichte des Volksfestes. „Die Fallas sind heidnischen Ursprungs“, weiß Campón Moya. Im Mittelalter verwendeten die Valencianer Zimmerleute Kerzen, um während der Wintermonate länger arbeiten zu können. Die Kerzen wurden auf mehrarmige Lampengestelle aus Holz, sogenannte Parots, gesteckt. Zum Frühlingsanfang zogen die Handwerker mit ihren Parots durch die Straßen und verbrannten sie, um den Beginn der neuen Jahreszeit zu feiern. Nach und nach fing man an, die Gestelle mit Stoffresten zu dekorieren. „Mit den Fallas wurden später bekannte Ortsansässige, beispielsweise der Bäcker oder der Zimmermann auf die Schippe genommen“, erzählt Campón Moya. Hieraus entstanden die Niñots, kleinere Puppen, die Prominente und Politiker karikieren, zum Beispiel Staatsoberhäupter wie heute Obama, Trump oder Merkel. Weil neben der mittelalterlichen Tradition zudem der Katholizismus eine Rolle spielt, ist das Fest mittlerweile auch dem Heiligen Josef, dem Schutzpatron der Zimmerleute, gewidmet. „Dieses Jahr lautet das Thema Komödie und Theater“, fährt Campón Moya fort, während er nach oben zeigt.

Der Bau der großen Falla-Figur kostete 100.000 Euro

Auf der Spitze der Falla thront eine Frauenfigur mit dem Gesicht der Mona Lisa und blauen Haaren. Sie trägt ein prunkvolles Korsettkleid im Stil des 17. Jahrhunderts, dessen bauschiger Rock unterhalb der Hüften in zwei Pfauen übergeht. Um den Sockelbereich scharen sich 14 satirische Niñots. Das Kunstwerk ist beeindruckend – und teuer. 100 000 Euro habe es gekostet, so Campón Moya. „Früher trug der Fallas-Verein die Kosten allein, heute gibt es Sponsoren.“ Links und rechts der Falla Na Jordana werben Banner für die Biermarke Alhambra. Ein riesiges Coca-Cola-Logo hängt daneben.

Auch der Ministerpräsident der Region Valencia, Ximo Puig, ist verewigt

Campón Moya deutet auf eine lebensgroße Figur, ein weißhaariger Mann, der wie ein altertümlicher Theaterschauspieler gekleidet ist und einen Keuschheitsgürtel trägt. Das sei der Ministerpräsident der Region Valencia, Ximo Puig. „Er war vorhin hier“, meint Campón Moya. Wie der Politiker auf die Karikatur reagiert habe, will ich wissen. „Er war begeistert! In Valencia ist es eine große Ehre, in einer Falla zu sein.“

Zum Mittagessen kehre ich zum Casal Esparteros zurück. Der Verein hat mich eingeladen, eine heimische Delikatesse zu probieren: Arròs amb fesols i naps. Im Vereinsheim gibt es eine provisorische Küche mit drei Gaskochern. Eine Männerschar steht um einen riesigen Topf herum, aus dem es köstlich duftet. Von der Suppe aus Reis, Schweinefleisch, weißen Bohnen, Zwiebeln und Rüben werden 300 Mann gut satt. Das Böllerkonzert vom Vorabend verdanke ich José Vicente López, dem Vereinsvorsitzenden. Er ist ein untersetzter Mann mit rosigen Wangen, der ungemein stolz auf seine Falla ist.

Feierlichkeiten für Kinder und Erwachsene

Jede Falla ist nicht nur künstlerischer Selbstzweck, sondern auch ein Beitrag zu einem stadtweiten Wettbewerb. Vicente López verrät mir, dass jeder Verein neben der großen Falla noch eine kleinere Skulptur baut, die als Falla Infantil bezeichnet wird und für die Kinder gedacht ist. Im Laufe der letzten 74 Jahre haben die Esparteros den Preis für die beste Kinder-Falla 13-mal gewonnen. Während ich auf die Suppe warte, unterhalte ich mich mit Gemma Gómez. Die Zwölfjährige hat bei den diesjährigen Fallas eine der wichtigsten Aufgaben. „Es ist eine Ehre“, meint Gemma. Das zierliche Mädchen, dessen schwarze Haare aufwendig geflochten und zum Dutt gesteckt sind, ist dieses Jahr die Fallera Infantil, eine Art Vereinsprinzessin. Als solche muss sie an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen und die Falla bei Feierlichkeiten offiziell vertreten, erklärt sie. Sie bekommt Unterstützung von der Vereinskönigin, der Fallera Major. Dieses Jahr ist das die 29-jährige María Cruz. Sie hat den Arm über den Tisch gestreckt und hält Gemmas Hand, während wir uns unterhalten. Die kleine Prinzessin wirkt erwachsen für ihr Alter. Ich frage sie, was ihr an dem Frühlingsfest am besten gefällt. Sie lacht verschmitzt und antwortet: „Die Böller.“


Eine Niñot von Donald Trump. Foto: Lia Granger

Knallerei und Böller gehören einfach dazu

Mit ihrer Vorliebe für alles, was knallt und zischt, ist Gemma in Valencia nicht allein. Beim Bummel durch normalerweise ruhige Straßen zucke ich ein paarmal erschrocken zusammen, als hinter mir Feuerwerkskörper explodieren. Ich sehe mich um und entdecke oft genug nur einige Kinder, manche noch so klein, dass sie gerade allein laufen können. Die Eltern schauen aus der Nähe zu oder spornen die Kleinen an, den nächsten Böller zu zünden. Es verstört mich, und ich fange an, mir die Fallas ohne Knaller zu wünschen. Dies aber ist undenkbar, wie mir alle Valencianer versichern. Einer von ihnen ist der 85-jährige Antonio Monzonís Guillén. Der schmächtige Schriftsteller hat so viel Fallas-Erfahrung wie kaum ein anderer. Inspiriert vom Schöpfertum und von der Schönheit der Skulpturen, beschloss der damals noch junge Monzonís Guillén, Kunst zu seiner Lebensaufgabe zu machen. Er hat das berühmte Fest sogar gemalt, und eines seiner Bilder hängt im Museo del Artista Fallero.

Wie und woraus eine traditionelle Falla entsteht

Monzonís Guillén erzählt mir von der Ciudad del Artista Fallero, einem Vorort im Nordosten Valencias. Knapp 200 Künstler arbeiten dort in rund 70 Werkstätten an den Fallas für den kommenden Frühling. Am nächsten Morgen besuche ich das Museum in Monzonís Guilléns Stadtviertel. Hier treffe ich Alfredo Nadal, einen Maler, der sich mit der Valencianer Tradition bestens auskennt. „Hier können Sie sehen, wie eine traditionelle Falla entsteht“, sagt Nadal, während er mich zu einer halbfertigen Skulptur führt, die mehrere Meter hoch ist. Ihr hölzernes Grundgerüst ist teilweise zu sehen. An verschiedenen Stellen ist es mit dünnem Schilf-ähnlichem Holz bedeckt. Darüber folgen mehrere Pappmaschee-Schichten. Während wir an den Figuren vorbeischlendern, erklärt der Maler Nadal, dass ein Team mit den größeren Aufträgen ein ganzes Jahr lang beschäftigt sei. Holz, das traditionelle Baumaterial, würde jedoch inzwischen überwiegend durch Styropor ersetzt, da es preiswerter und leichter zu bearbeiten sei. „Das ist nicht gut“, klagt Nadal. Wenn die Fallas am Sonntag in Flammen aufgehen, wird die Luft nicht von würzigem Holzfeuerduft, sondern mit dem giftigen schwarzen Rauch von brennendem Kunststoff erfüllt sein. Die Menschenmassen, die sich in der Innenstadt drängen, um einen Blick auf die monumentalen Kunstwerke zu werfen, scheint das allerdings nicht zu stören. Während der Festwoche verdoppelt sich die Einwohnerzahl von Valencia auf mehr als 1,5 Millionen.

Mascletà – tägliches Feuerwerksspektakel vor dem Rathaus

Auch wenn die Fallas in der ganzen Stadt zelebriert werden, lockt die Mascletà, ein Feuerwerksspektakel, das während des Festivals jeden Nachmittag vor dem Rathaus stattfindet, besonders viele Schaulustige an. Obwohl ich früh da bin, bevölkern bereits mehrere Tausend Menschen den Rathausplatz. Um 14 Uhr beginnt die Show. Leuchtende Feuerwerkskörper explodieren, sodass es von den Mauern der Häuser widerhallt. Danach wird der überfüllte Platz von einem beispiellosen Böllerkonzert erschüttert, das man mit Geräuschpegeln von 120 Dezibel nicht nur hört, sondern auch spürt. Mit einem markerschütternden finalen Knall endet die Darbietung schließlich und das Publikum bricht in Jubel aus.


Mitglieder des Vereins "Casal Esparteros" warten auf ihre "Fallera Major" (Königin), um ihr auf einer Prozession durch die Stadt zu folgen. Foto: Lia Granger

Beim Brauch der Ofrenda umgibt die Schutzpatronin Valencias ein Blumenteppich

Trotz ihres heidnischen Ursprungs schließen die Fallas einen Brauch ein, der untrennbar mit der katholischen Kirche verbunden ist – die Ofrenda. Während des Abschluss-Wochenendes huldigen mehr als 100.000 Falleros der Schutzpatronin Valencias, indem sie ihr Blumen überbringen. Ich mache mich auf den Weg zur La Plaza de la Virgin, um das Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen. In der Mitte des Platzes steht eine 15 Meter hohe Jungfrauenfigur mit einem hölzernen Gestell in der Form eines Umhangs. Falleros strömen herbei und übergeben ihre Sträuße mehreren Helfern, die die Blumen auf dem Umhang-Gestell drapieren, bis daraus ein gigantischer Blumenteppich geworden ist.

Während der Nacht des Feuers werden alle Fallas verbrannt

Es ist Sonntag-Nachmittag, und nur ein Ereignis im Festwochenkalender fehlt noch: La Cremà, die Nacht des Feuers. Ab 22 Uhr soll die Verbrennung der Fallas Infantiles beginnen, und um Mitternacht werden die großen Fallas in Brand gesteckt. Mehrere Feuerwehrmänner und -frauen treffen mit einem riesigen Schlauch kurz nach zehn bei den Casal Esparteros ein, und alles versammelt sich um die Falla Infantil. An Schnüren montierte Knallkörper wurden bereits zwischen den Figuren platziert. Die sonst so redseligen Falleros sind plötzlich still. Die Königin María Cruz und die Prinzessin Gemma Gómez treten vor und zünden die Falla feierlich an. Es kracht und blitzt eine Weile, dann sieht man, wie die gelben Flammen an der Falla hochzüngeln. Die Figuren schmelzen und sacken in sich zusammen. Sie bekommen Risse und werfen Blasen, bis nichts mehr von ihnen übrig ist außer dem Gerippe, das sie getragen hat. Gemma steht neben Maria, die sie umarmt. Tränen rollen über ihre Wangen. „Es ist vorbei“, sagt sie leise.


Feuerwerk in der letzten Nacht der Fallas-Feierlichkeiten. Foto: Lia Granger

Danach ist alles vorbei bis zum kommenden Jahr

Ich lasse die melancholische Szene hinter mir auf der Suche nach einer großen Falla, die um Mitternacht abgefackelt werden soll. Vor einer 23 Meter hohen Skulptur im Bollywood-Stil bleibe ich stehen. Es ist die Falla des Convento Jerusalén. Während die Flammen fünf Stockwerke hoch in den Nachthimmel steigen, schaue ich in die unzähligen Gesichter, die im Widerschein des Feuers leuchten und staunend nach oben blicken. Während der Cremà ist es, als würde die Zeit stehen bleiben. Der Cremà wohnt etwas Reinigendes inne, das allen Menschen in der Stadt die Möglichkeit zu geben scheint, von vorn zu beginnen. Auf dem Weg zurück zu meinem Hotel entdecke ich unbenutzte Böller. Ich zünde einen an und werfe ihn in die Luft, wo er mit einem schönen Knall explodiert. Und was soll ich sagen? Es hat mir Spaß gemacht.

 


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