Besucher bei einer Führung auf dem Dach des Olympia-Stadions in München.
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Gifpeltour auf dem Dach des Münchner Olympiastadions

Wer die Münchner Gipfeltour über das Dach des Olympiastadions mitmacht, muss schwindelfrei, fit und trittsicher sein.

Ausgabe: daheim Autor: Jan Stremmel
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Kurz unterhalb des Gipfels krallen sich Metallzähne in die Schuhsohlen. „Immer schön langsam“, ruft Tourguide Andreas Müllner von oben herab. Der gezahnte Metallsteg, auf dem sich die Bergsteigergruppe bewegt, ist steil und so schmal wie ein Baumstamm, links und rechts davon geht es 60 Meter senkrecht in die Tiefe. Gut, dass jedem Teilnehmer der Tour ein Klettergurt straff um die Hüfte sitzt, der am Geländer eingehakt ist. Und gut, dass zwischen Steg und Abgrund eine dicke Plexiglasscheibe eingezogen ist. Bei der Scheibe handelt es sich um eine von 10.000, die sich zu einem riesigen durchsichtigen Flickenteppich zusammenfügen. Sie bilden eine der berühmtesten Dachkonstruktionen der Welt: das Zeltdach des Münchner Olympiastadions. Jedes Wochenende nimmt der Tourguide und Hobbybergsteiger Müllner seine Besucher mit auf die begehbaren Metallrippen, die sich über das Dach ziehen. Willkommen zu einer Bergtour mitten in der Grossstadt!

Die Jahreszeiten hier oben auf dem Dach sind extrem. Der Winter fühlt sich noch ein bisschen kälter und bissiger an, im Sommer heizt die Sonne das Plexiglas auf Wüstentemperaturen auf. Doch die Strapazen sind es wert. Denn von hier aus erkennt man, was die Planer Günter Behnisch und Frei Otto inspiriert hat: die Schönheit der bayerischen Natur. Ringsum wogt das Grün von saftigen Wiesen im Hochsommer, verewigt in den 50.000 Sitzschalen der Tribüne. Fünf verschiedene Grüntöne sorgen für ein Flimmern wie am Almhang. Direkt oberhalb des Kletterstegs ragen die bayerischen Berggipfel auf in Form von Stahlmasten, an denen die Plexiglaszelte hängen. Rund ums Stadion erheben sich grüne Hügel wie im Voralpenland. Dazwischen liegen Seen. Der Olympiapark am nördlichen Stadtrand von München übersetzt die bayerische Natur in Architektur.

Voraussetzung: Schwindelfreiheit

Unabdingbar für den Spaziergang in luftiger Höhe ist Schwindelfreiheit – und Waldi. So heisst der Karabiner, den man in ein Stahlseil einklinkt und neben sich führt wie einen Hund an der Leine. Waldi war auch der Name des Maskottchens der Olympischen Spiele von 1972. Ein Dackel, der gut zu München passte, wie es noch vor den Spielen war: bürgerlich, provinziell, ein bisschen bieder. Ohne U-Bahn, S-Bahn und Autobahnring, die erst für das Sportereignis gebaut wurden. Der olympische Sommer 1972 war die Geburt Münchens als Weltstadt. Es sollten Spiele der Demokratie werden. Die ersten in Deutschland, seit die Nazis die Olympiade 1936 zu einer kolossalen Werbeshow des Regimes gemacht hatten. Dem Gigantismus von Berlin setzte man deshalb bewusst Zurückhaltung entgegen: Spiele im Grünen und kurze Wege.

Der Weg entlang der Dachkante erfordert einen konzentrierten Schritt nach dem anderen. Unten im Stadion rollen Arbeiter gerade mal wieder den Rasen aus, wenn auch nur noch zur Zierde. Seit 2012 wird hier kein Fussball mehr gespielt. Waldi läuft schnurrend am Stahlseil entlang. In der Ferne ragt wie eine Sonnenuhr der Turm des Alten Peter in den Himmel. Die älteste Kirche der Stadt markiert zugleich deren Zentrum. Rechts davon sticht das berühmteste Wahrzeichen Münchens aus dem ziegelroten Dächermeer: die beiden blaugrünen Zwiebeltürme der Frauenkirche. Daneben kann man den spitzen Turm des Rathauses erkennen. Quer über den Horizont zieht sich, schemenhaft verbläut, der Saum der Alpen. An diesem Bild orientierten sich die Architekten Günter Behnisch und Frei Otto, als sie 1966 ihren Entwurf für das Olympiagelände einreichten: Bergspitzen und sanft daran emporklimmende Hänge. Zacken und Rundungen. Metallisch-graue Masten und organisch fliessende Dachflächen – ein architektonisch meisterhaftes Gesamtkunstwerk.

Plötzlich schwankt das Dach. Eine Frau kreischt auf. Auslöser ist Andreas Müllner, der auf- und abhüpft, sodass die Plexiglasplatten wippen und der Steg schaukelt. Der Tourguide lacht. „Das Zeltdach steht auf beweglichen Gelenken“, ruft er. Es stellt sich Wind und Wetter nicht starr entgegen wie ein Hochhaus, sondern bewegt sich mit. Gerade deshalb gilt es als eines der stabilsten Bauwerke der Stadt. Am Ende fallen die Dachsteiger dann doch noch 40 Meter in die Tiefe. Jedenfalls diejenigen, die möchten. Mit zwei eingeklinkten Seilen am Klettergurt schweben die Mutigen in Zeitlupe nach unten. Stahlmasten ragen in den blauweissen bayerischen Himmel. Auf der Höhe der Tribüne flimmern die grünen Ränge. Und auf einmal ist es Hochsommer auf einer Almwiese.

Olympiapark München, Tel.: 0 89/3 06 70

www.olympiapark.de

 


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