Das Innere der Barockkirche St. Martinus und Maria in Biberrach an der Riß (Oberschwaben).
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Himmlisches Oberschwaben

Üppiger Barock, wilde Natur und eine malerische Kulturlandschaft – Oberschwaben zeigt viele Gesichter.

Ausgabe: daheim Autor: Helge Bendl
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Sanft wellt sich das Land, ein Mosaik aus feuchten Wiesen und frisch gepflügten Feldern, hier froschgrün, dort schokoladenschwarz. Weisse Tupfer liegen dazwischen, von Eiszeitgletschern geformte Seen. Zwiebelkirchtürme überragen die Dörfer. Am fernen Horizont schimmern die Alpengipfel. Viel näher liegt der Bussen. Zu Füssen dieses Berges liegt Oberschwaben. Heute verstehen wir darunter meist den baden-württembergischen Landstrich zwischen Donau und Bodensee. Historisch gesehen zählt auch das Anfang des 19. Jahrhunderts Bayern zugeschlagene Gebiet zwischen Iller und Lech dazu.

Naturschutzgebiet Federsee

Ein hochgewachsener Mann mit Fernglas um den Hals steht im Schilfmeer am Rande des Federsees. Die Halme können bis zu vier Meter hoch werden und überragen ihn deswegen deutlich. „Unsere Kulturlandschaft wirkt oft wie eine Bilderbuchidylle. Ich liebe aber auch die Orte, an denen Oberschwaben noch wirklich wild ist – so wie hier“, sagt Jost Einstein. Dann beginnt er auf dem federnden Boden zu hüpfen. „Das ist wie ein Trampolin“, ruft er mit einer Begeisterung, die auf alle Teilnehmer seiner Tour überspringt. „Doch Vorsicht: Wenn man nicht aufpasst, steckt man plötzlich bis zur Hüfte im Schlamm!“ Jost Einstein leitet das Nabu-Naturschutzzentrum Federsee. Bei 400 Führungen im Jahr informiert sein Team über das besondere Feuchtgebiet. „Wir haben hier ein Naturjuwel: Das grösste Moor im Südwesten und der zweitgrösste See Baden-Württembergs sind Lebensraum einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt“, so Einstein. Hier blüht das Karlszepter, das auf den Spitznamen Moorkönig hört: Die extrem seltene Pflanze ist ein Relikt der Eiszeit. Auf den feuchten Streuwiesen spriessen zehn verschiedene Orchideen. 50 Schmetterlings- und 500 Nachtfalterarten hat man gezählt. Im Sommer flattern bedrohte Fledermäuse durch einen seit 100 Jahren nicht mehr bewirtschafteten Moorwald. Zwei Drittel aller Rohrweihen des Landes brüten hier, dazu über 200 Paare der gefährdeten Braunkehlchen – insgesamt wurden 266 Vogelarten nachgewiesen. Auch für Archäologen hat der Federsee einen besonderen Stellenwert: In keinem anderen Moor Mitteleuropas fand man so viele Überbleibsel aus der Bronzezeit wie hier. Die Spuren der 4000 Jahre alten Pfahlbauten zählen zum Unesco-Welterbe.

Symphonie für die Augen: Alles ist üppig dekoriert

Prächtig wie ein Schloss thront die ehemalige Benediktinerabtei über der Stadt Ochsenhausen. Die Klosterkirche ist eine Symphonie für die Augen: Alles ist prachtvoll und üppig dekoriert. Das Deckenbild öffnet den Raum nach oben und verbindet das Diesseits mit dem Jenseits. So viele Engel bevölkern das Gotteshaus, dass man sie kaum zählen kann. Die unterm Dach spielen ein Instrument. Denn auch die Musik kommt von ganz oben, scheinbar direkt aus dem Paradies. „Die Kirche zu betreten und dann die Orgel zu hören, das muss auf die Menschen im 18. Jahrhundert so bombastisch gewirkt haben wie heute ein Rockkonzert mit Lichtshow auf uns“, sagt Ulrich Werther. „Sie hatten den Eindruck, direkt in den Himmel sehen zu können und dort die Engel musizieren zu hören.“ Der Organist hat das Privileg, inmitten dieses himmlischen Orchesters zu sitzen und die Orgel von Joseph Gabler aus Ochsenhausen spielen zu dürfen. Der gilt als einer der bedeutendsten barocken Orgelbauer seiner Zunft. Für seinen Heimatort liess sich der Meister eine nette Spielerei einfallen: Zieht Ulrich Werther ein bestimmtes Register, fährt das Ochsenhausener Wappentier (Sie ahnen es: ein Ochse) aus dem mittleren Orgelaufbau heraus. Noch opulenter war seine Arbeit für die Basilika zu Weingarten, rund 30 Kilometer vom Bodensee entfernt. Sie zählt zu den berühmtesten Orgeln in Deutschland. Fast 7000 Pfeifen verbaute Gabler für sein Meisterstück – manche klingen sogar täuschend echt nach dem Gesang einer menschlichen Stimme. Für den Bau dieser „Vox humana“ soll der Orgelbaumeister der Sage nach einen Bund mit dem Teufel eingegangen sein, der ihm Hilfe versprach im Tausch gegen seine Seele. Doch weil die Orgel so schön klang, als sei sie nicht von dieser Welt, verzieh der Abt ihm diesen Pakt.

Die prunkvolle Klosterbibliothek von Bad Schussenried, die zauberhaft schöne Dorfkirche von Steinhausen – die Pracht des Barock hat sich in Oberschwaben vielerorts erhalten. Üppig war einst – für alle, die es sich leisten konnten – auch das Essen. Heute kommt es wieder auf den Tisch: Allerlei gehaltvolle Suppen und Braten, dazu Mehlspeisen mit Rahm und Käse, lokal gebrautes Bier – und zum Nachtisch Nonnenfürzle. Die oberschwäbische Spezialität, ein Schmalzgebäck aus Brandteig, schmeckt lecker. Ihr Name soll auf den mittelalterlichen Ausdruck „nunnekenfurt“ zurückgehen, was so viel bedeutet wie „von den Nonnen am besten zubereitet“. Solch eine genussfreudige Landschaft prägt. Deswegen ticken viele Menschen im katholischen Oberschwaben bis heute ein wenig anders als im protestantischen Unterland, wo die Neckarschwaben angeblich emsig und nüchtern mit grosser Sittenstrenge leben. Oberschwaben fiel erst im 19. Jahrhundert ans Königreich Württemberg. Dessen Beamte hatten Mühe mit der Disziplinierung der feierlustigen Untertanen. Sogar die Fasnet (Fasching) versuchten sie zu verbieten. Damit waren sie schlecht beraten. Zwischen „Schmutzigem Donnerstag“ und Aschermittwoch befindet sich die Region im Ausnahmezustand. Da befreien die Narren Kinder aus den Schulen und setzen die Bürgermeister ab. Die konservativen Oberschwaben sind manchmal eben auch ziemlich rebellisch. Umfragen haben ergeben, dass die Menschen nirgendwo in Deutschland so mit ihrer Heimat zufrieden sind wie in Oberschwaben. Je länger man sich zwischen Alb, Donau und Bodensee aufhält, desto besser lässt sich das nachvollziehen. Nicht nur in Kirchen und Klöstern, sondern auch im Gasthaus und in der freien Natur fühlt man sich nämlich wie in einem Himmelreich auf Erden.

 

Oberschwaben Tourismus
Adresse: Neues Kloster 1, 88427 Bad Schussenried
Telefon: 0 75 83/33 10 6
www.oberschwaben-tourismus.de


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