Ein Mann modelliert in der Töpferei eine Tontasse.
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Im Land der Kannenbäcker

Aus dem Westerwald kommen blaugraue Bembel und Menschen, die sich durchsetzen.

Ausgabe: daheim Autor: Tobias Oellig
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Schwer bepackt und freudestrahlend kommen vier japanischen Touristen aus der Westerwälder Traditionstöpferei Ströder. Seit 1860 stellt sie im Städtchen Mogendorf salzglasiertes Steinzeug her, jene „Blaugrau“ genannte Keramik, für die der Westerwald bekannt ist. „Steinzeug ist gut, während Steingut Zeug ist“, sagt die Verkäuferin und erklärt den Unterschied der beiden keramischen Massen: Das Salz, bei 1300 Grad auf den Ton gedampft, macht Steinzeug dicht. Steingut hingegen wird nicht so heiss gebrannt und ist deshalb wasserdurchlässig. „Zeug eben:“ Blaugraue Tassen, Krüge, Schüsseln und natürlich Bembel, dickbauchige Kannen, in denen man in Südhessen traditionell Äppelwoi serviert und die hier seit dem späten 16. Jahrhundert hergestellt werden. Sie gaben dem nördlich von Koblenz gelegenen Zipfel Westerwald im Dreiländereck Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz seinen Namen: Kannenbäckerland.

Der Grund für das lange zurückreichende Keramikhandwerk liegt unter den dicht bewaldeten Hügeln: Im Boden des Mittelgebirges lagern die reichsten Tonvorkommen Westeuropas. Neben der Fachhochschule für Keramik und dem Keramikmuseum verweisen vor allem die gigantischen Tongruben auf die lebendige Kulturgeschichte der Region. „Blaugrau hat den Westerwald gross gemacht“, sagt Burkhard Töllers, der als Ingenieur im Tontagebau arbeitet. „Die ältesten Gruben gab es bereits 500 vor Christus.“ Schon damals buddelten Menschen nach dem Ton, der vor mehr als 30 Millionen Jahren durch die Verwitterung von Schiefer entstand. Dieser wird heutzutage nicht nur zu Steinzeug verarbeitet, sondern auch zu Fliesen, Dachziegeln und Klinkern. „Die Bembelmacher im 16. und 17. Jahrhundert sind noch selbst losgezogen, um sich ihren Rohstoff zu besorgen“, erzählt Töllers. Heute beliefern Firmen wie seine die Töpfer in der Region. Töllers kam vor 25 Jahren wegen des Tons ins Land, und er fühlt sich hier wohl. Die Westerwälder seien zwar anfangs etwas zurückhaltend. „Aber wenn das Eis einmal gebrochen ist, sind die Menschen herzlich und sehr verlässlich“, sagt er. Besonders Hachenburg im Herzen des Westerwalds mit seinen verwinkelten Gassen und alten Fachwerkhäuschen, wo er mit seiner Familie lebt, gefalle ihm sehr.

 

Das niedrigste Wintersportgebiet Deutschlands

Auch Wintersportler kommen im Westerwald auf ihre Kosten „Landschaftlich finde ich die Kroppacher Schweiz am schönsten“, sagt Burkhard Töllers. In diesem rheinland-pfälzischen Teil des Westerwalds fläzen sich im Sommer braune Kühe auf den von Brombeergestrüpp umwachsenen Weiden. Besonders malerisch wird diese kleine Schweiz am sogenannten Deutschen Eck des Westerwalds, wo an einer Waldlichtung die Flüsschen Grosse und Kleine Nister zusammenfliessen. Wanderer rasten hier gerne auf den Holzbänken im Schatten der Birken und lauschen dem Fluss, wie er gluckernd die Steine in seinem Bett umspült. Von den Kuppen der Kroppacher Schweiz reicht der Blick weit in die zerfurchte Landschaft hinein. Die kann es zwar nicht mit den Alpen aufnehmen, Wintersport gibt es hier trotzdem. Sobald sich eine Schneedecke über die Hügel legt, kurven an vielen Orten Skibegeisterte die Pisten hinab oder gleiten über Loipen. Wissen an der Sieg, im nördlichen Westerwald und auf der Höhe von Bonn gelegen, ist mit nur 200 Metern über dem Meeresspiegel vermutlich das niedrigste Wintersportgebiet Deutschlands.

Unweit von Wissen liegt die Geburtsstadt eines berühmten Westerwälders: Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Namensgeber der Raiffeisenorganisation, kam 1818 in Hamm (Sieg) zur Welt. Als Bürgermeister des Nachbarorts Weyerbusch setzte er sich während der Hungersnöte im 19. Jahrhundert für die arme Landbevölkerung ein. Entgegen der Anweisungen der Regierung liess er Getreide gegen Schuldscheine ausgeben und baute Gemeindebackhäuser. Dickschädeligkeit wird den Wällern, wie die Einheimischen genannt werden, oft nachgesagt. Friedrich Wilhelm Raiffeisen nutzte seine hartnäckig, um die Lebensbedingungen seiner Landsleute zu verbessern. Heute erinnert die Historische Raiffeisenstrasse, die von Hamm bis an den Rhein führt, an den Sozialreformer.

Will man seine Nase in den Westerwälder Wind halten, fährt man am besten zur Fuchskaute. Vorbei an schiefergrauen Häuschen und Tannen, die sich neben Pferdekoppeln aneinander kauern, und durch dichte Buchenwälder. Obwohl nur 40 Prozent des Westerwalds tatsächlich von Wald bedeckt sind, hat man ständig das Gefühl, von Bäumen umgeben zu sein. Die Fuchskaute, ein erloschener Vulkan, ist mit über 657 Metern der höchste Berg im Westerwald. Ein scharfer Wind fegt über die Borstgrasmatten, zwischen deren struppigen Halmen sich Thymian, Arnika und Waldhyazinthe ducken. Auch sie halten hartnäckig die Stellung.

 

 


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