Eine junge Frau fährt mit dem Mountainbike über den Berg Pfänder am Bodensee.
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Rund um den See: der Bodensee-Radweg

An vielen Stellen des Radwegs ist das Ufer so nah, dass man beim Radeln fast die Füße ins Wasser strecken kann und nahezu ohne Steigung.

Ausgabe: daheim Autor: Peter Hummel
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Wer an einem sonnigen Tag ganz früh in Lindau am Hafen steht, muss blinzeln. Nicht, weil es so hell ist, sondern um sicherzugehen, dass es sich wirklich nicht um eine Fototapete handelt. Links thront auf der Mole der bayerische Löwe auf seinem Sockel, das Maul weit aufgerissen, als ginge es darum, ein Paradies zu verteidigen. Rechts der einzige und somit auch höchste Leuchtturm Bayerns. Draussen auf dem Bodensee nimmt ein Schiff Kurs Richtung Baden-Württemberg, drüben in der Schweiz reihen sich sanfte, grüne Hügel aneinander, und im Süden bilden die Vorarlberger Gipfel Österreichs eine Art steinerne Krone, die diesem herrlichen Flecken Erde das verleiht, was es verdient: Lob, Ehre und Huldigung.

Romantisches Rendezvous mit der alten Handelsstadt

Eigentlich kann man sich gar nicht sattsehen, aber Steffen Unger drängt und wedelt mit dem Schraubenzieher in der Hand. Den braucht der Fahrradverleiher, um die Sättel seiner Kunden für den insgesamt 270 Kilometer langen Radweg rund um den Bodensee einzustellen. Aufsitzen, Zehen auf den Boden, absteigen, festdrehen und Einweisung in die EWZ-Bike-Technologie – wir begeben uns mit elektrischer Motorunterstützung auf die Tour. „Aber laufen Sie die ersten 500 Meter“, rät Unger, „sonst verpassen Sie Lindau.“

Tatsächlich lassen sich die engen Gassen dort am besten zu Fuss erkunden. Die alte Handelsstadt hat sich kaum verändert, seit König Maximilian II. im 19. Jahrhundert auf die Idee zu einem grandiosen Hafen kam. Spätestens ab der Brücke jedoch, welche die Insel mit dem Festland verbindet, gilt es, in die Pedale zu treten.

Auf dem rechten Bodensee-Rad-Weg bleibt man dabei fast wie von selbst. Denn es gibt drei Anhaltspunkte: die Schilder des Radwegs, all die anderen Radfahrer, denen man folgen kann – und den See. Der führt auf der elf Kilometer langen Etappe nach Bregenz vorbei an historischen Strandbädern und idyllisch gelegenen Campingplätzen. An vielen Stellen ist das Ufer so nah, dass man beim Radeln fast die Füsse ins Wasser strecken kann. „Schwellende Wellen spielen. Und goldene Dampfer kielen, leise den lichten Lauf“, dichtete einst Rainer Maria Rilke, als er in dieser wundervollen Landschaft unterwegs war. Womöglich kletterte er auch auf den 1064 Meter hohen Pfänder, von dem aus man nicht nur den Blick über 270 Gipfel geniessen kann, sondern auch auf die darunter ausgebreiteten drei Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Die knapp 600 Höhenmeter zum Aussichtspunkt muss man nicht abstrampeln: Es gibt eine Seilbahn. Sie fährt in sechs Minuten von Bregenz nach oben. Wir sind in Österreich angekommen, was man daran erkennt, dass der Kaffee jetzt „Grosser Brauner“ heisst. Wer Richtung Konstanz blickt, also der Länge nach über den See, hat ein wenig das Gefühl, ein kleiner Ozean tue sich auf. 60 Kilometer lang ist der drittgrösste See Mitteleuropas, bis zu 250 Meter tief, und alles Wasser darin füllt rund 50 Würfel mit einer Seitenlänge von einem Kilometer. Das Wasser ist übrigens so sauber, dass Städte wie Stuttgart von hier ihr Trinkwasser beziehen. Wobei Susanne, die Inhaberin des Eispavillons in Bregenz, abwinkt: „Trinken? Da pinkeln doch die Möwen rein! Bestellen Sie lieber eine Limonade bei mir.“

Bregenz ist die Kulturhauptstadt der Bodensee-Region mit unzähligen Festivals, Ausstellungen und Veranstaltungen. Weltberühmt sind die Festspiele, die 2016 ihr 70. Jubiläum feierten. Der Fahrradweg führt direkt an der spektakulären Seebühne vorbei. Meistens stehen tagsüber die Türen offen, sodass man einen Blick auf das Bühnenbild werfen kann.

Der Bodensee zeigt sich auf der nächsten Etappe nach Rohrschach in der Schweiz von seiner charmantesten Seite. Vorbei an ausgedehnten Schutzgebieten, in denen seltene Vogelarten brüten und wo es an heissen Sommertagen so betörend nach frischem Heu und Kräutern duftet, dass man gar nicht mit den Gästen im Zeppelin tauschen möchte, der von Friedrichshafen aus über den See fliegt.
Kurz hinter Hard, einer der wenigen Ortschaften mit einem unverbauten, naturnahen Seeufer, überqueren die Radfahrer den Rhein, der an dieser Stelle „Alpenrhein“ heisst, seit seiner Quelle 160 Kilometer zurückgelegt hat und als „Seerhein“ zunächst durch den Ober- und dann durch den Untersee fliesst. 1145 Kilometer folgen dann noch, inklusive Rheinfall in Schaffhausen. Ab diesem Punkt heisst er „Hochrhein“. Kaum vorstellbar, dass dieser schmächtige Bach später zu einem mächtigen Fluss anschwillt, der mit Leichtigkeit grosse Schiffe aufnehmen und ganze Städte überfluten kann.

Gletscher- Landschaft am Bodensee

Auch wenn die Zeit ein bisschen drängt, um am Abend Konstanz zu erreichen – das Rheindelta darf man keinesfalls rechts liegen lassen. Hier wird die Entstehungsgeschichte des Bodensees im Laufe verschiedener Eiszeiten deutlich, zumal sich das Delta noch immer weiter bildet. In einigen Tausend Jahren wird es mit seinen gewaltigen, aus den Bergen angeschwemmten Geröllmassen den kompletten See verlanden. Entscheidend aber war, dass sich an dieser Stelle vor etwa 14.000 Jahren der bis zu 1200 Meter dicke Rheingletscher, der sich über den ganzen See erstreckte, zurückzog und so die heutige Landschaft schuf.
Wer eine kurze Verschnaufpause einlegen möchte, kann sich an einem Aussichtspunkt niederlassen und auf die scheinbar unendlichen Schilfflächen blicken, die sich so sanft im Föhnwind wiegen, als ginge es darum, sich vor dem See zu verneigen. Dass wenige Kilometer später die Grenze der Schweiz erreicht ist, erkennen die Fahrradfahrer am gut besuchten Kiosk „Zollhaus“ unmittelbar vor der Grenzbrücke. Weil die meisten die höheren Preise drüben bei den Eidgenossen fürchten, decken sie sich hier mit Proviant ein. Für die Einreise reicht das Mitführen gültiger Ausweispapiere, aber an vielen Tagen lässt sich kein Kontrolleur blicken.

Radstrecke nahezu ohne Steigung

Die Batterie des Elektrofahrrads ist noch zu 70 Prozent voll, was vor allem daran liegt, dass die Strecke nahezu eben dahingeht. Durch schattige Alleen, vorbei an saftigen Wiesen und durch schmucke Dörfer, in denen man am Wegesrand frischen, geräucherten Fisch kaufen kann. Noch 37 Kilometer bis Konstanz – und zahlreiche Schweizer Städtchen, die allesamt einen Besuch lohnen. Zumindest aber haben sie es verdient, dass man am Hafen vom Sattel steigt und einen Bodensee-Apfel auspackt, der neben Weintrauben und zahlreichen Gemüsearten in dem milden Klima besonders gut wächst und auf der Insel Mainau sogar unter Palmen vernascht werden kann.
Wer ein bisschen Zeit und Kraft für 20 Extrakilometer hat, biegt in Rorschach zu einem Abstecher in die schmucke Ostschweizer Metropole St. Gallen ab, deren Stiftsbibliothek als Teil des Unesco-Weltkulturerbes geadelt wurde. Einen besonders schönen Blick auf das gegenüberliegende deutsche Ufer und auf die Rheinmündung bietet Arbon, das früher mal den hübschen Namen „Arbor Felix“ trug und schon im 3. Jahrhundert die Römer auf diese Landzunge lockte.
Die sanften Wellen funkeln jetzt wie unzählige Diamanten, und Meersburg am anderen Ufer leuchtet mit Nonnenhorn, Kressbronn und Langenargen um die Wette. „Ich war zuletzt vor 20 Jahren hier“, sagt die 58-jährige Marianne aus Göttingen, die mit zwei Freundinnen auf einer dreitägigen Tour unterwegs ist. „Aber ich komme wieder. Für mich ist das der schönste Fleck Europas.“ Die letzte halbe Stunde haben die Frauen darüber diskutiert, warum der Bodensee wohl Bodensee heisst. Aufgeklärt wurden sie schliesslich von einem Bauern, der auf einer Bank vor seinem Hof sass: „Bodensee leitet sich vom Ortsnamen Bodman ab, bedeutet also See, der bei Bodman liegt.“

Nach 82 Kilometern ist Konstanz erreicht

Kurz hinter dem Grenzort Kreuzlingen, wo im Kloster seit Jahrhunderten ein Partikel des Kreuzes Jesu Christi aufbewahrt wird, geht es wieder nach Deutschland; vorbei am Hafen der Weissen Flotte in die Konstanzer Innenstadt. Geschafft! Auch wenn der Nacken inzwischen ein bisschen vom ständigen Nach-rechts-Schauen schmerzt, lohnt sich der Blick zum Wasser erneut, denn wie am Morgen bietet sich im Süden ein unvergesslicher Blick auf die Berge mit ihren schneeweissen Spitzen. Der Akku des E-Bikes reicht noch für 20 Kilometer, aber Konstanz ist der perfekte Ort, um ihn wieder aufzuladen – genauso wie die eigenen Energiereserven: Nach 82 Kilometern fordert der Körper eine Pause.

Das Münster, die Altstadt und die römischen Ausgrabungen müssen bis morgen warten. Ein deftiges Pfannen-Rösti mit ordentlich Käse überbacken aus dem Restaurant „Tolle Knolle“ ist jetzt genau das Richtige, um sich für die nächsten Etappen vorzubereiten – vor allem aber auf den See, die Menschen und die grandiose Landschaft, die sich jenseits des Radwegs mal hügelig-sanft und mal hochalpin präsentiert, hier einsam und dort quicklebendig. Städte, Dörfer und Felder wechseln sich in bunter Folge ab, als wäre die Region von einem romantisch-kühnen Freizeitpark-Architekten geplant worden. Dabei war es die Natur, die dieses unvergleichliche Juwel zwischen drei Ländern geschaffen hat.

 


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