Ein Schneeschuh-Wanderer im Schnee
© iStockphoto.com / Jag_cz
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaubsziele

Schneeschuh-Wandern: Auf großem Fuß

Eine Schneeschuh-Wanderung durch die verschneiten Chiemgauer Alpen ist ein tolles Erlebnis, wunderschön und bezaubernd.

Ausgabe: daheim Autor: Dorothee Fauth
Anzeige

Mehr als 50 Gipfel, und nicht einer knackt die 2000er-Marke. Flaschengrüne Wälder bestimmen weite Teile des Landschaftsbilds. In die farngrünen Wiesen sind Almhütten hineingetupft. Hier und da erheben sich steingraue Felszacken über diesen Schattierungen von Grün. Die Chiemgauer Alpen sind eine eher sanfte Bergkette im Südosten Oberbayerns an der Grenze zu Österreich.

Von Wanderern verlangen sie dennoch gute Kondition. Steigt man auf einen ihrer Gipfel, etwa die markante Kampenwand, schweift der Blick über eine weite Talebene, die Voralpenlandschaft des Chiemgaus, deren dominierender Mittelpunkt der Chiemsee ist. Ein Gletscher hat das Becken vor 10.000 Jahren mit seiner Zunge ausgeleckt. Heute ist „das bayerische Meer“ ein beliebtes Segelrevier, Naturschutzgebiet und mit seinen Inseln und Schloss Herrenchiemsee viel besuchtes Ausflugsziel. Mit verführerisch blauen Augen blinzelt es herauf. Vom Geigelstein wiederum, dem Blumenberg, schaut man gen Süden ins Inntal bis Kufstein und hinüber zum Tiroler Kaisergebirge mit seinen schneebedeckten Kappen.
Der Geigelstein ist ein Samenfänger in einer Windschneise. Im Frühsommer legt sich ein schier endloser Blütenteppich über seine Almwiesen. Gelb, blau, weiss und violett blüht es auf kratzbürstigen Grasmatten, verschwenderisch und wild. Berg-Flockenblumen, Alpen-Küchenschelle, gelber und blauer Enzian, wilde Orchideen, Trollblumen. Dazwischen flattert es unaufhörlich. Für die Schmetterlinge trägt der Berg sein allerschönstes Tupfenkleid. Im Winter fehlen die Farben. Die Jahreszeit begnügt sich mit hell und dunkel.

„Die Reduzierung an Reizen tut uns allen gut“, sagt Christine Heiss von der Alpinschule „Erlebnis Berg“. Denn jetzt sind Augen und Geist frei für die kleinen Dinge: Spuren im Schnee, die allumfassende Stille und die Stunden, in denen es Sterne regnet. Ganz fein rieseln sie vom Himmel. Winzige Kristalle, tanzende Schneeflocken. Schneekristalle sind eine Leidenschaft von Christine Heiss, und auf Schneeschuhwanderungen lädt sie dazu ein, zusammen mit ihr ein Gespür für Schnee zu entwickeln, dieses Wunderwerk der Natur. Im Gebiet Samerberg südwestlich des Chiemsees, wo keine Abfahrts-, sondern allenfalls Langläufer, Tourengeher und Rodler die Wege kreuzen, steigt ihre kleine Gruppe in die Hartplastiktreter mit Steigeisen an der Sohle und zurrt die Bindung fest. Durch die breite Auflage der Schuhe sinkt der Wanderer kaum im Schnee ein, und die Stahlzacken geben Halt in steilem Gelände.

Los geht’s auf grossen Tretern

„Nicht staksen, einfach schlurfen“, erklärt die Bergführerin die simple Technik, bei der man die Fersen wie beim normalen Gehen anhebt. Ja dann, ein Skistock rechts, ein Skistock links – los geht’s. Stopp! „Wir bewegen uns im Gelände“, erklärt die Christine Heiss, „hier hat Sicherheit oberste Priorität.“ Deshalb wird jeder Teilnehmer mit einem Lawinenpiepser am Körper sowie Schaufel und Sonde ausgestattet. „Sommerwanderwege sind nicht automatisch Winterwanderwege“, warnt Heiss. „Denn unterhalb steiler offener Hänge besteht immer die Gefahr von Lawinenabgängen.“ „Also erst Sicherheitsgurt anschnallen, dann losgehen“, sagt jemand. Die Gruppe lacht – und macht sich auf den Weg in den Wald hinein. Wompf, wompf, wompf, ächzt der Schnee unter den Tritten, und nur die Stöcke lassen erahnen, wie tief man einsinken würde ohne Schneeschuh.

„Vor 10 und nach 16 Uhr sollte man vermeiden, im Gelände unterwegs zu sein“, erklärt die Expertin, „weil die Tiere vor allem in der Dämmerung äsen.“ Die Flucht kostet sie im Winter dermassen viel Energie, dass sie dadurch verhungern können. Anhand der Spuren im Schnee erkennt man, ob ein Tier fliehen musste oder alle Zeit der Welt hatte. Heiss zeigt auf eine Fährte: Ein Schneehase ist hier ohne Eile bergauf gehoppelt. „Im Schnee ist eben niemand inkognito unterwegs.“ Wompf, wompf, wompf. Die Fichten und Tannen ausserhalb des Waldes tragen dicke weisse Pudelmützen, im Schutz der hohen Baumkronen jedoch haben nadelförmige Kristalle dem Astwerk ein Spitzenkleid angelegt, so filigran und federleicht, als hätten Meisterinnen ihres Fachs wochenlang daran genäht, gestickt und geklöppelt – oder Feen einen Zauber gesprochen. Der Schnee macht nie beachtete Strukturen und Symmetrien an Zweigen und Stämmen sichtbar. Das Winterland ist eine eigene Welt.

Schneeflocken unter der Lupe: vollkommene Kristalle

Eine Lichtung tut sich auf, in die sich eine kleine Almhütte duckt. Es regnet noch immer Sterne, und wenn man den Atem anhält, hört man sie fallen. Die Bergführerin holt Lupen aus ihrem Rucksack, mit denen man die Kristalle besser betrachten kann, die sich auf Handschuhen und Jackenärmeln niederlassen. Sie sind vollkommen und wunderschön. „Es gibt 80 verschiedene Arten von Schneeflocken“, erklärt sie. „Sie sind alle sechseckig, immer symmetrisch, und dennoch gleicht keine der anderen.“ Unter der Lupe entdeckt man Blumen, fein verästelte Sterne, Plättchen. Jede Schneeflocke, lernt die Gruppe, entsteht aus einem Urkristall, indem Wassertröpfchen an Staubpar-tikel in der Atmosphäre gefrieren. Wenn sie fallen, wachsen die Kristalle in exakten Winkeln von 60 und 120 Grad. Bei tiefen Temperaturen formen sie Plättchen und Prismen. „Je höher die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit, desto schöner und feiner werden die Kristalle“, sagt Heiss. Sie bilden sternförmige Dendriten, die sich ineinander verhaken können. So entstehen dicke Schneeflocken, die nichts anderes sind als ein Gemenge aus vielen einzelnen Kristallen.

Die Gruppe stapft weiter, auf schmalen Pfaden durchs Zwergenland tief verschneiter Tännchen, vorbei an kahlen Sträuchern, deren Äste ein Federkleid aus Reif tragen, und über die weiten Flächen des Hochtals, auf denen Gerippe majestätischer Weissdornbüsche in der Kälte ausharren. Man kann sich gut vorstellen, wie Kühe und Jungrinder hier die Sommermonate geniessen, grasen, wiederkäuen, rülpsen und – ständig die Zunge in der Nase – den Wanderern hinterherglotzen. Im Winter schnürt hier nur ein Fuchs in flottem Trab übers flächendeckende Weiss. Und ein paar Schneeschuhwanderer, die sich beglücken an diesem Kreuz und Quer abseits der Hauptwege inmitten der ruhenden Natur. Die Schneekristalle prickeln im Gesicht, der Atem dampft. Sonst nichts. Auch keine Fernsicht. An Tagen wie diesen muss sich das Bergpanorama vor dem geistigen Auge erheben.

Hinter der undurchsichtigen schneegrauen Wand verstecken sich der Spitzstein zur einen Seite, über dessen Felsgipfel mit Kreuz und Kapelle die bayerisch-österreichische Grenze verläuft, und der Heuberg zur anderen, der seinem Namen alle Ehre macht und im Sommer duftendes Gras liefert. Dahinter ragt in der Ferne der Alpenhauptkamm mit seinen Gletschern auf. Bei wolkenlosem Himmel, Sonnenschein und strengem Frost ist die Luft manchmal voller Diamantstaub: feinste glitzernde Eisnadeln, die sich aus Wasserdampf bodennaher Schichten bilden und langsam abwärts schweben – wie in einer überirdisch funkelnden Schneekugel. In klaren Nächten wiederum kann am Boden eine dicke Schicht Oberflächenreif aus flachen, porösen Eisplättchen entstehen, die beim Darübergehen leise klirrt. Schnee, so viel ist klar nach dieser Tour, ist niemals einfach nur Schnee.

Rast an der Wagneralm

Eine Hütte kommt schemenhaft in Sicht, gewinnt Kontur: die Wagneralm. Sie ist im Winter von Freitag bis Sonntag geöffnet – und bei Winterwanderern wie Schneeschuhgängern sehr willkommen. Am Kachelofen wärmt sich bereits eine Gruppe Skitourengeher auf und macht sich über typisch bayerische Spezialitäten her wie Kaminwurzn mit Brot und Kren sowie Schmalznudeln, eine Art Krapfen. Im Sommer gilt die Wagneralm als Geheimtipp für Romantiker, denn hier scheint die Abendsonne besonders lang, sind die Sonnenuntergänge besonders schön. Von der Terrasse schaut man auf ein herrliches Gipfelpanorama und an klaren Tagen sogar bis zum Münchner Fernsehturm. Bei einem kühlen Getränk kann man seine Chiemgau-Erlebnisse Revue passieren lassen: die blasslila Krokusblüte bei der Deindlalm am Fuss des Heubergs im April, den Tanz der Schmetterlinge im Sommer, das Gipfelplateau des Hochries, auf dem man über den Dingen steht. Wo man den Blick über ein Bergwellenmeer schaukeln lassen kann, das sich von Schwarzgrün über Dunstblau ins Nichts auflöst – bis man fast beschwipst ist vom Schauen. Seen, Blumenberge, Luftschlösser, Schnee und die Poesie der Kristalle – wer den Chiemgau im Winter erlebt hat, der will im Sommer wiederkommen. Und umgekehrt.

Chiemsee Alpenland Tourismus,
Adresse: Felden 10, 83233 Bernau am Chiemsee
Telefon: 0 80 51/96 55 50

Erlebnis Berg Alpinschule
Adresse: Hohenaustr. 16, 83115 Neubeuern
Telefon: 01 70/1 61 64 70

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Praktische Tipps

Wandern ist soooo langweilig! Tatsächlich? Das stimmt doch gar nicht! Man muss nur einige Regeln beachten...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Praktische Tipps

Wandern ist gesund und liegt im Trend. Unentbehrlich ist dabei vor allem eins – der richtige Schuh!

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Quiz

Luftdruck, Windstärke, Temperatur - testen Sie Ihr Wetter-Wissen!

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich