Stein auf Stein - das Lego House in Dänemark
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Stein auf Stein - das Lego House in Dänemark

Das Lego House in Billund, Dänemark, bietet ein ganz besonderes Spielerlebnis.

Ausgabe: Oktober 2018 Autor: Lisa Fitterman

Wir befinden uns im Lego House, einem neuen Gebäudekomplex in der kleinen dänischen Stadt Billund. Von hier stammen die zusammensteck­baren Spielbausteine, die seit 60 Jahren Kinder faszinieren. Damit die Besucher, die täglich ins Lego House strömen, glücklich und beschäftigt sind, muss jemand die Kreationen auseinandernehmen und die Steine – insgesamt etwa 25 Millionen – wieder einsatzbereit machen. Das ist die Aufgabe von Cecilie Lau Andersen und Frida Zeng Wei Mortensen. Sie sind beide 16 Jahre alt und gehören zum 20-köpfigen Team.  „Das geht so“, sagt Cecilie. In der linken Hand hält sie locker einen Lego-Frosch, mit der rechten macht sie eine Drehbewegung und schiebt den Daumen vor. Ich mache es ihr nach. „Ja, genau so. He, gar nicht so schlecht!“ Die beiden zeigen mir auch, wie man die Steine auf Kratzer prüft – ein Zeichen dafür, dass sie aussortiert werden müssen. „Manchmal müssen wir an einem Tag bis zu 1000 Legosteine trennen“, sagt Cecilie. Und ihre Kollegin Frida ergänzt: „Sonst funktioniert der Zauber nicht.“
Das Lego House sehe ich zum ersten Mal vom Flugzeug aus, ein avantgardistischer Gebäudekomplex mit vier Stockwerken und viel Glas: 21 asymmetrisch aufeinandergestapelte Boxen, die wie Legosteine aussehen. Die umliegenden Geschäftsgebäude und Wohnhäuser erscheinen vergleichsweise klein.

Das Wort Lego

Das Wort Lego setzt sich aus Teilen der dänischen Wörter leg godt – gut spielen – zusammen, und genau darum geht es im Lego House. Im September 2017 wurde das 12.000 Quadratmeter grosse Gebäude eröffnet. Es steht da, wo früher die Stadthalle von Billund war. Die Stadt mit 6100 Einwohnern liegt etwa 130 Kilometer nördlich von Flensburg und bezeichnet sich als „Hauptstadt der Kinder“. In Billund ist Lego allgegenwärtig. Hier befinden sich der Hauptsitz der Lego-Gruppe und die allererste Lego-Fabrik sowie eine geheime Anlage, deren Fenster mit Metalljalousien verschlossen sind, denn hier werden neue Kreationen entworfen.

Seit 50 Jahren gibt es den Legoland-Themenpark

Er zieht bis zu zwei Millionen Besucher jährlich an. Doch Lego House, das dabei ist, seine Zielmarke für das erste Jahr von 250 .000 Besuchern zu übertreffen, ist etwas anderes. Es ist ein optimiertes interaktives Meisterwerk, ein lang gehegter Traum von Kjeld Kirk Kristiansen, dem Enkel des Lego-Erfinders.

Baum der Kreativität

Ich betrete eine Halle, die als eine Art Marktplatz dient. Links befindet sich ein Res­taurant. Weiter vorn steht eine Menschenmenge um einen Baum herum. Ich folge den Blicken, hebe meinen Kopf, immer höher, fast 16 Meter hoch, und merke, dass der Baum nicht echt ist, sondern aus Lego-Steinen besteht – insgesamt 6 .316. 611 sind es. 13 üppig „belaubte“ Äste ragen bis an die Treppe, die sich um den Baum herumwindet.
„Ganz schön beeindruckend, nicht wahr?“, fragt Stuart Harris, der 54-jährige englische Chefdesigner. Harris kam 2013 nach Billund und gehörte zu den ersten sechs Leuten, die für dieses Projekt eingestellt wurden. Jetzt steht er mit verschränkten Armen neben mir und lächelt wie ein stolzer Vater.

Offiziell heisst das Prachtstück „Baum der Kreativität“. Man findet eine Anspielung auf die Anfänge des Unternehmens 1932 als Hersteller von Holzenten, denn im Stamm ist eine Ente „eingeschnitzt“.  Allein an der Planung und dem Bau dieses Projekts arbeiteten Harris und drei Designer-Teams in Dänemark und Tschechien 24.000 Stunden. Ein Einzelner hätte zwölf Jahre dafür gebraucht. Für das Aufstellen, vom grasgrünen Sockel bis zur Spitze, waren Teams neun Monate lang in drei 8-Stunden-Schichten im Einsatz. Der 20 Tonnen schwere Baum scheint das ganze Haus zu tragen, zumal keine andere Säule zu sehen ist. „Als wir ihn bauten und das Haus um ihn herum errichteten, informierte uns der Bauunternehmer, dass die Abmessung der Treppe falsch kalkuliert und ein Ast zu lang sei. Wir lösten dieses Problem, doch manchmal fragte ich mich, ob am Ende alles passen würde. Aber das tat es tatsächlich“, sagt Harris.
Wir steigen die Treppe hoch. In den oberen Ästen entdecke ich verschiedene Lego-Dioramen, von einer mittelalterlichen Burg bis hin zum futuristischen 928 Galaxy Explorer. Bei näherem Hinsehen fallen mir Lego-Affen auf, die als Ritter und Astronauten verkleidet sind.

Von hier aus gehen wir über eine weitere kurze Treppe in einen weiss gefliesten Raum, in die „Masterpiece Gallery“. Deren Höhepunkt sind drei Tyrannosaurier, deren aufgerissene Mäuler scharfe Zähne zeigen. Die je drei Meter hohen Urwesen stehen auf Podesten. Ein klauenbewehrter Fuss ruht dabei jeweils auf einem riesigen Legostein, daneben liegt ein Dino­saurier-Ei. Jeder Dinosaurier ist aus einer anderen der drei Lego-Varianten gebaut: Mit dem herkömmlichen System-Stein, mit Duplo – den doppelt so grossen Bausteinen für Kleinkinder  – und Technic, mit dem sich motorbetriebene Modelle bauen lassen.

Interaktive Spiel-Bereiche

Von der Galerie gehen wir in die interaktiven Bereiche des Lego House. Jede Zone ist mit einer Farbe gekennzeichnet: Gelb steht für emotionales Lernen, Blau für kognitives Lernen, Rot für Kreativität und Grün für Rollenspiele und Fantasie. Wir beginnen mit der grünen Zone. In einer Ecke gestalten zwei Kinder eine Lego-Minifigur mit blonder Perücke, Ritterhelm und moderner Kamera. In einer anderen Ecke führt ein Junge Regie bei seinem eigenen Film. Mit Lego-Figuren als Darstellern spielt er überforderte Eltern nach – und Kids, die die Situation retten.
Den meisten Raum in der grünen Zone nimmt der sogenannte World-Explorer-Bereich ein. Er besteht aus einer Stadtlandschaft, einer tropischen Insel und einem Berg, an dessen Hang sich die Häuser eines Dorfes schmiegen. Stumm vor Staunen beobachten die Kinder, wie der fünfminütige Tag in die Nacht übergeht, die zwei Minuten währt, bevor das Licht wieder heller wird und ein neuer Tag beginnt.

Lego als eigene Sprache

Im gelben Bereich steht der Konstruktionsbereich für Fische, komplett mit einem „Aquarium“, das auf die Wand projiziert wird und in dem Fische aller Farben und Grössen schwimmen. Hier treffe ich Morten Lund Mortensen. Er arbeitete früher als Sportlehrer und ist jetzt einer der 70 Spielberater im Lego-House. Er kniet neben einem kleinen Jungen, der so vertieft darin ist, einen Fisch zu bauen, dass er weder aufblickt noch auf Fragen antwortet. „Versuch’s mal damit“, schlägt Lund Mortensen ruhig vor und hält ihm einen blauen Stein hin. Wortlos greift der Junge danach. Konzentriert überlegt er, wo er ihn einbauen soll. Als sein Fisch fertig ist, scannt er ihn mithilfe seines Hightech-Armbands, das er am Eingang bekommen hat, und lädt ihn auf einen Computerbildschirm. Fasziniert beobachtet er dann, wie sein Fisch zusammen mit allen anderen Fischen im Aquarium auf der Wand herumschwimmt.
„Wir müssen uns in Kinder hinein­denken können, und Lego ist eine eigene Sprache“, erklärt der Spiel­berater. „Mit einem Fisch, einer Blume oder einer Kreatur kann ich mit einem Kind aus China sprechen, auch wenn ich kein Wort Chinesisch kann.“ Dieser Gedanke gefällt mir: Lego als eigene Sprache – ein Wortschatz aus Farben und ein­fachen Formen, der überall auf der Welt verstanden wird.
 
Der Tag neigt sich dem Ende zu. Tausende Kinder strömen mit ihren Eltern zum Ausgang. Schweren Herzens drehen sie sich zum Abschied noch einmal zum Lego House um. Dort wird derweil wieder auseinandergenommen, was gebaut wurde. Frida hält einen Lego-Frosch in der Hand und setzt den kleinen Keil an. „Das sind die Schlimmsten, denn die Hauptteile sind flach und rund, und die Kinder stapeln sie mit Begeisterung wie Pfannkuchen aufeinander“, erklärt sie. „Wenn wir fünf Stunden an diesen Teilen gearbeitet haben, bluten uns manchmal sogar die Finger.“

 

Alle Fotos © Mit freundlicher Genehmigung von Lego

 


 

RD Abbinder
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