Thalasso - die Heilkraft des Meeres
© iStockfoto.com / AleksandarNakic
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Thalasso - die Heilkraft des Meeres

Energie tanken bei einer Thalasso-Kur an Deutschlands Küsten.

Ausgabe: daheim Autor: Jana Schütze
Anzeige

Frau Holle hat Waschtag. Dicker Nebeldunst wabert über dem Meer, verschluckt Häuser, Bäume und das Ostseeufer von Warnemünde. Der Wind treibt feuchte Kälte in jede Jackenfalte. Ungemütliches Bibberwetter. Doch während noch vor Jahren die Küstenorte an Nord- und Ostsee um diese Jahreszeit in eine Art Winterschlaf fielen, sind heute die Hotels in Heiligendamm, auf Juist oder in Cuxhaven ganzjährig gut gebucht. Thalasso-Kuren in der kalten Jahreszeit gelten als Geheimtipp unter Entspannungs- und Erholungsuchenden. Auch die drei Damen im Schwimmbad des Hotels „Neptun“ in Warnemünde lassen sich von der rauen Wintertristesse nicht beeindrucken. Fröhlich plaudernd ziehen sie ihre Bahnen im 30 Grad warmen Ostseewasser. Es wird aus dem Meer vor der Haustür durch eine 400-Meter-Leitung direkt in Pool und Wellness-Duschen gepumpt.

Eine Pipeline der Gesundheit

Denn Meerwasser hat Wunderkräfte. „Ein Bad im Meer verjüngt, vitalisiert, heilt und pflegt die Haut, auch das Bad im Meerwasser-Pool“, erklärt Medizinalrätin und Badeärztin Regina Schwanitz. Jeder Tropfen enthält eine ganze Ampulle voller Wirkstoffe, darunter das als Kochsalz bekannte Natriumchlorid, Magnesium-, Kalzium- und Jodverbindungen sowie Kalium-, Lithium- und Zink-Ionen. Dieses ausgewogene Verhältnis von Mineralstoffen und Spurenelementen macht Meerwasser als Heilmittel so wertvoll. Dies erkannte schon vor fast 2000 Jahren der griechische Arzt Hippokrates: „Wer die Schätze des Meeres erschließt und zu nutzen weiß, dem liefert es Nahrung und Wohlbefinden.“ Und der Dichter der Antike, Euripides, befand: „Das Meer wäscht alles Übel vom Menschen ab.“

Diese Beobachtung teilte Mitte des 18. Jahrhunderts auch der Londoner Mediziner Richard Russell. Seine Erkenntnis: Küstenbewohner werden weniger häufig krank als Menschen im Binnenland. Russels Patienten kamen in den Genuss von Meerwasserbädern. Auch Dr. Joseph La Bonnardière vertraute der reinigenden, entschlackenden und regenerierenden Wirkung der Meeressubstanzen. Er prägte den Begriff „Thalasso-Therapie“, der sich aus den beiden griechischen Worten „thalassa“ (das Meer) und „therapeia“ (die Behandlung) zusammensetzt. Was zuvor als Wissensvorsprung medizinischer Visionäre gelten musste, wies der französische Biologe René Quinton 1897 wissenschaftlich nach: „Unser Organismus ist ein Aquarium, in dem einige Milliarden Zellen baden.“ Die mineralische Zusammensetzung des Meerwassers und des menschlichen Blutplasmas ähneln sich. Deshalb kann der Organismus Nährstoffe aus dem Meer so gut aufnehmen. Und deshalb tut es dem Menschen so gut.

Das Algenbad wird zum unvergesslichen Erlebnis.

Der Tagesplan der meisten Thalasso-Wellnesshotels ist prall gefüllt. Alles, was das Meer hergibt, wird genutzt: Algen- und Schlickpackungen, Aqua-Fitness und Klimawanderungen, Meerwasserduschen oder Nebelsprühinhalationen – ergänzt durch Thalasso-Menüs und wohltuende Algentees. Das Algenbad in der Thalasso-Wanne im Hotel „Neptun“ ist das Highlight jeder Kur und eine besondere Zeremonie: Die Wanne steht in einem Eckzimmer mit herrlichem Blick auf die Flaniermeile Alter Strom und die Ostsee. „Wir starten mit einem Algenpeeling“, erklärt die Wellnesstherapeutin und verteilt eine himmelblau gefärbte, rubbelige Paste über den ganzen Körper. Die Liege ist wohlig warm. Wie ein Gruß des vergangenen Sommers blinken vor dem Fenster weiße Segel im warmen Licht der Wintersonne. Allein diese Behandlung könnte ewig dauern. „Jetzt bitte unter die Dusche“, beendet die Therapeutin den kurzen Traum, während sie ein Algenkonzentrat in die Wanne gibt.

Das Bad riecht wie Fischsuppe

Verführerisch sieht die braune Brühe nicht gerade aus. Sie riecht nach Fischsuppe. Ein Kilo frischer Algen speichert Aminosäuren, Spurenelemente und Vitamine von rund 100 000 Litern Meerwasser. Also: rein in die Suppe! Aus 250 Düsen sprühen feine Wasserstrahlen, kneten, rubbeln und zupfen am Körper, 25 Minuten lang. Das ist anstrengend. Schon in der Wanne fallen einem langsam die Augen zu. Da hilft nur eins: im Ruhebereich in eine weiche Decke einkuscheln, Kopfhörer aufsetzen und den Tanz der Möwen über der Ostsee beobachten.

Deutschlands Küsten sind grundverschieden

Die Nordsee ist rau und wild, die Ostsee freundlich und mild. Nordsee-Liebhaber mögen den selten ruhenden, kräftigen Wind, die an den Strand stürzenden Wellen, das Grummeln der Brandung, den Geruch nach Salzwasser und Schlick. Die Nordseeküste ist Ebbe und Flut, das Gehen und Kommen des Wassers, alle sechs Stunden im Wechsel, und dazu das allgegenwärtige „Moin moin“ der Fischer. Die Ostsee wirkt im Vergleich harmlos. Kleine Wellen, weite Sandstrände, mildes Wetter sowie die meisten Sonnenstunden Deutschlands. Empfindsame Gemüter fühlen sich hier womöglich wohler, während sich für robuste Naturen die Nordsee besser eignet.

Doch nicht nur das Klima unterscheidet die beiden Küsten: Während das Wasser der Nordsee einen Salzgehalt von etwa 3,2 Prozent aufweist, liegt er in der Ostsee nur bei ungefähr 1,7. Deshalb besitzt die Luft an der Nordsee eine stärkere Heilkraft für die Atemwege als an der Ostsee. Zudem strafft das Salz die Haut. Bis zu zwei Gramm können sich nach einem Strandspaziergang auf dem größten Organ unseres Körpers anreichern, während die UV-Strahlung der Sonne der Ausschüttung von körpereigenem, entzündungshemmendem Kortisol förderlich ist.

Badeärztin Regina Schwanitz erklärt den Erholungseffekt dieser Strandspaziergänge: „Die Atemluft ist bei Seewind vollkommen frei von Schadstoffen und Allergenen. Viele winzig kleine Meerwassertröpfchen, die an der Küste in der Luft schweben, putzen die Lunge sauber.“ Großhandelsmanagerin Marina Christoph (57) aus Berlin betritt im Bademantel den Wellnessbereich. Sie startet gerade ihre 14. Thalasso-Kur. „Seit 2001 komme ich jedes Jahr nach Warnemünde. Diese Kur ist Balsam für Körper und Geist. Eine wirkungsvolle Auszeit vom Job, der mich jedes Jahr etwas mehr anstrengt. Hier tanke ich Kraft für ein ganzes Jahr.“


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Augen schließen, Nase in die salzige Brise strecken, tief durchatmen, langsam die Augen wieder öffnen und einfach nur genießen: den einzigartigen Blick von der ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Eine besonders schöne Tour ist der Backstein-Rundweg. Radfahrer haben die Wahl: Sie können entweder der östlichen oder der westlichen Route folgen.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Halligen und Dünenlandschaften, Sturmfluten und Fata Morganen, das ist Nordfriesland.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Die autofreie Ostsee-Insel Hiddensee lässt sich per Rad besonders gut erkunden.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Sylt hat alles, was den Nordseeurlaub schön macht: Sand, Sonne, Wind und Meer. Eine Insel zum Verlieben.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Einst war Travemünde ein kleines Fischerdorf. Heute ist es ein Mekka für Strandurlauber.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Urlaub Urlaubsziele

Die kleine Stadt an der Ostsee kann ihre schwedisch geprägte Geschichte nicht verleugnen.

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich