Braune Wanderschuhe stehen nahe eines Wanderwegs auf einem Baumstumpf.
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Wandern mit Weitblick auf dem Dreifürstensteig

Eine Wanderung auf dem Freifürstensteig ist zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis für alle Sinne.

Autor: Andreas Steidel
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Serpentinenartig schraubt sich der Weg nach oben. Alte Buchen krallen sich am Steilhang fest, umklammern mit ihren Wurzeln helle Kalksteine, als ob sie mit ihnen ein Fundament bauen wollten. Der Winter hat den Laubwald licht gemacht und lässt die Sonnenstrahlen bis auf den modrigen Untergrund fallen. Oben angekommen steht man auf 854 Meter Höhe an einem der schönsten Aussichtspunkte der Schwäbischen Alb. Der Dreifürstenstein ist ein Felssporn am Trauf der Alb, dem nach Nordwesten ausgerichteten Steilabfall dieses Mittelgebirges. Eine Aussichtskanzel, von der man die Landschaft in ihrer ganzen Vielfalt überblickt: wellenförmige Obstwiesen im Süden, das flacher werdende Vorland im Westen, Inselberge, die von Wäldern und Burgen bekrönt sind. Die prachtvollste aller Burgen ist die Burg Hohenzollern, sie streckt ihre Türmchen in den strahlend blauen Winterhimmel nur wenige Kilometer südlich des Dreifürstensteins.

Einer Sage zufolge sollen sich hier einst drei Fürsten an einem Tisch getroffen haben, und jeder konnte auf seinem eigenen Territorium sitzen. Tatsächlich grenzten am Dreifürstenstein die Gebiete der Hohenzollern, der Württemberger und der Fürsten zu Fürstenberg aneinander und gaben dem Felsen seinen herrschaftlichen Namen. Heute treffen sich dort keine Fürsten mehr, sondern Wanderer, die auf dem fast gleichnamigen Dreifürstensteig unterwegs sind: 13,3 Kilometer führt der gut beschilderte Premiumweg am Albtrauf bei Mössingen entlang, immer dicht an einer Steilkante, die an vielen Stellen ins Rutschen kommt. Eine Wiese in einer Talsohle und mittendrin eine Liege „Vorsicht, Hangkante unterwölbt.“ Ein Warnschild am Wegrand mahnt Wanderer, nicht zu weit nach vorne zu gehen. Wer es dennoch wagt, erblickt eine gelbweisse Felswand, die bröckelt. 1983 rutschten nach einem Regenguss gleich zehn Millionen Tonnen Gestein auf einmal in die Tiefe. Der Mössinger Bergrutsch ist der grösste Bergrutsch in Baden-Württemberg. Jährlich weicht die Albhochfläche ein kleines Stück weiter zurück.

An einer alten Schutzhütte biegt der Wanderweg ins Tal ab. Es ist ein lichter Laubwald, durch den man hier geht. Im Herbst leuchtet er in allen Farben, mit jeder Frostnacht werden die Blätter der Bäume ein wenig bunter. Plötzlich taucht eine Wiese auf, eine Talsohle zwischen den Hangwäldern. Mittendrin steht eine geschwungene Liege, auf der man verweilen und rasten kann. Der Aufstieg zum Dreifürstenstein ist das steilste Stück des gesamten Rundwanderwegs. Der Rest besteht aus sanften Anstiegen und ebenso leicht zu bewältigenden Gefällestrecken. Die Wanderkarte kann getrost im Rucksack bleiben, an jeder Biegung weist das Schild mit dem roten Apfel den Weg. Das Symbol ist nicht zufällig gewählt. Gut sichtbar prangt es an vielen der alten Obstbäume, die hier wachsen. 40.000 sind es alleine um Mössingen. Sie haben der Region zwischen Tübingen und der Burg Hohenzollern den Beinamen Früchtetrauf eingebracht. Überall stehen Obstbäume auf den Wiesen am Wanderweg: Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, vereinzelt Walnüsse und Quitten. Zwei Kilometer lang ist der Panoramaweg durch die Mössinger Streuobstwiesen am Ende der Wanderung auf dem Dreifürstensteig. Er ist ein Erlebnis für alle Sinne und Jahreszeiten. Im Frühjahr, wenn die Bäume blühen, verwandeln sie die Obstwiesen in duftende Bienenweiden. Vögel tirilieren und bauen ihre Nester, die Vielfalt der alten Obstkulturen ist ein idealer Lebensraum für seltene Arten wie Halsbandschnäpper, Wendehals und Neuntöter. „Sie müssen mal im Mai kommen“, sagt ein Bauer, der mit seiner Leiter an einem alten Birnbaum lehnt.

Streuobstwiesen sind ein Natur- und Kulturschatz

Wenn im Sommer allmählich die Früchte reifen, erblühen die Wiesen. Einstmals standen hier Schafe, Ziegen, Pferde und Rinder zwischen den Obstbäumen, die gepflanzt wurden, weil an den Hangwiesen am Albtrauf Ackerbau kaum möglich war. Keiner tat dies so systematisch wie König Wilhelm I. von Württemberg, der damit den Hunger im Land bekämpfen wollte. Mit Erfolg: Aus den Früchten machten die Menschen Säfte, Most, Marmeladen, Kuchen, Dörrobst. Der Rest wanderte in Einmachgläser oder in die Brennereien der Bauern. Noch heute laufen im Herbst am Albtrauf die Öfen heiss, wenn aus den alten Obstsorten das feine Destillat hergestellt wird. Der Herbst ist eine Jahreszeit so recht nach dem Geschmack der Wanderer. Überall riecht es nach Most: reifes Fallobst pflastert den Weg und lädt ein, mal hier, mal dort von den süssen Früchten zu probieren. Längst haben die Menschen der Schwäbischen Alb erkannt, wie wichtig die Obstwiesen für die Natur und den besonderen Charakter ihrer alten Kulturlandschaft sind. An ihren Rändern blühen Heckenrosen und Weissdorn, ihre Wurzeln schützen gegen Erosion, zwischen ihren Stämmen fühlen sich Ringelnatter und Fledermaus wohl. Das wissen auch all die Menschen zu schätzen, die zu jeder Jahreszeit am Dreifürstensteig unterwegs sind. Wer immer dort im Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst wandert, könnte meinen, dass er vier verschiedene Landschaften am Rande der Schwäbischen erlebt hätte.

 


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