Willkommen an Bord: Auf Donau und Rhein von Budapest nach Amsterdam
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Willkommen an Bord: Auf Donau und Rhein von Budapest nach Amsterdam

Morgendämmerung. Die Viking Idi schnauft die Donau flussaufwärts, als die aufgehende Sonne Europas längsten Fluss in ein Flammenmeer verwandelt und die Landschaft an Farbe und Form gewinnt. Zu meiner Rechten erheben sich Weinterrassen aus dem neunten Jahrhundert, zu meiner Linken höre ich das Brummen der Autos und Lastwagen auf der Autobahn nach Wien.

Ausgabe: März 2015 Autor: William Ecenbarger
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Die Angst, ich könnte etwas verpassen, hat mich vor Tagesanbruch aus dem Bett getrieben. Mit einem Fernglas und einer dampfenden Tasse Kaffee habe ich einen Liegestuhl im Bugbereich bezogen. Anders als bei einer Hochseekreuzfahrt gibt es auf einem Fluss immer etwas zu sehen.

Die Fahrt zu unserem nächsten Etappenziel ist an sich schon eine Reise wert. Auf Deck der Idi kann man ein sich stets wandelndes Panorama genießen – Burgen, Schlösser, Klöster, Menschen, vorbeifahrende Schiffe. Außer mir sind noch vier weitere Passagiere hier: flüchtig grüßen wir einander mit verschlafener Stimme. Nicht blau wie in Johann Strauß' berühmtem Walzer ist die Donau, eher dunkelgrau bis dunkelgrün. Das ändert jedoch nichts an ihrer Schönheit und Größe, mit der sie sich an spektakulären Denkmälern aus den unterschiedlichsten Epochen vorbeischlängelt.

Wir befinden uns 350 Kilometer westlich von Budapest, wo unsere Flusskreuzfahrt vor drei Tagen startete. Nachdem wir Ungarn und die Slowakei hinter uns gelassen haben, fahren wir durch die Wachau. Der 30 Kilometer lange Donauabschnitt zählt seit dem Jahr 2000 zum Weltkultur- und -naturerbe der UNESCO. Heute werden wir die Burgruine Dürnstein besichtigen. Bekannt wurde die Burg, weil der englische König Richard Löwenherz, als er vom dritten Kreuzzug heimkehrte, hier 1192 und 1193 insgesamt drei Monate lang gefangen gehalten wurde. "Seine Mutter, Eleonore von Aquitanien, musste Lösegeld zahlen, damit er seinen Weg nach England fortsetzen konnte", weiß unser niederländischer Reiseleiter Jochgum Schuijt, den wir alle nur Joey nennen. Die Burgruine scheint sich an einen Felsvorsprung zu klammern wie ein ängstlicher Bergsteiger. Im Morgendunst sind die verwitterten Überreste der Burg kaum vom Felsgestein zu unterscheiden. Nur der Burgfried zeichnet sich deutlich sichtbar vor dem wolkenlosen Himmel ab. Als ich mein Fernglas sinken lasse, entdecke ich Einwohner von Dürnstein, die auf der linken Uferseite im Freien frühstücken und uns lächelnd zuwinken. Ich winke zurück und begebe mich dann ein Stockwerk tiefer ins Restaurant.

Nach dem Frühstück legen wir in Melk an, wo uns, wie bei jedem Stopp, eine ortsansässige Reiseleitung erwartet. Nach einem 20-minütigen Spaziergang stehe ich vor einem der bedeutendsten Barockbauten Österreichs: dem Benediktinerstift Melk. In Weiß und Gelb thront das Gebäude hoch über der Stadt und bietet einen herrlichen Ausblick auf das Donautal. Die heutige Anlage wurde 1736 fertiggestellt, aber schon 1089 stand hier das erste Kloster. Ich gehe die Kaiserstiege hinauf wie einst Kaiserin Maria Theresia, die hier 1743 auf dem Weg von Prag nach Wien Rast machte. Draußen begegnen wir drei Mönchen, die eine Gruppe Zehnjähriger beaufsichtigt. "Wir haben es mit einem aktiven Kloster zu tun", erklärt unsere Reiseführerin Anna. "Heute leben hier 30 Mönche, und das Stiftsgymnasium hat 900 Schüler."

Als die Viking Idi die Grenze zwischen Österreich und Deutschland nach Niederbayern passiert, fliegt ein Adler über unseren Bug, das malerische Passau mit seinen himmelwärts strebenden Türmen taucht vor uns auf. Kirchengeläut begrüßt uns beim Anlegen. 30 Minuten später schlendern wir durch die gepflasterten Straßen. Drei Flüsse aus drei Richtungen treffen hier aufeinander – Donau, Inn und Ilz. Das macht die Lage von Passau einzigartig. Einst von den Kelten gegründet, fiel Passau später unter römische Herrschaft und wurde zu einem bedeutenden Salzumschlagplatz. Heute ist die 50.000 Einwohner große Stadt vor allem für ihren Dom bekannt, der Europas größte Orgel beherbergt. Wir stehen in der Nähe des Altars, auf dem brennende Kerzen stehen, und verrenken uns den Hals, um einen Blick auf einige der 17.974 Orgelpfeifen zu erhaschen.

Passau wird, wie viele Städte an der Donau, regelmäßig vom Hochwasser heimgesucht, weshalb es von den Einheimischen als "Bayerns Venedig" bezeichnet wird. Daniel, unser Reiseführer, erzählt von der Unmöglichkeit, die Häuser gegen Hochwasser zu versichern, denn das Hochwasser sei hier "kein Risiko, sondern Gewissheit". An vielen Gebäuden finden sich denn auch Hochwassermarken der vergangenen Jahre. Der höchste Pegelstand wurde 1501 gemessen, der zweithöchste 2013.
Überragt wird die Stadt von der "Veste Oberhaus", eine auf das Jahr 1219 zurückgehende Festung, in der sich heute ein Restaurant und ein Museum befinden. Über einen steilen Fußweg erreicht man in einer halben Stunde die Burg. Oben angekommen steht mir der Schweiß auf der Stirn. Während ich ein kaltes Bier trinke, genieße ich die Aussicht über die Altstadt und denke: "Kein Wunder, dass Napoleon, der Passau 1809 besetzte, diese zur schönsten Stadt Deutschlands erklärte."

Von Passau aus geht es mit dem Bus durch den Bayerischen Wald. Die Abendsonne fällt durch die Bäume, die gelegentlich von mit Flechten bewachsenen Felsen aus der letzten Eiszeit unterbrochen werden. Beim anschließenden Essen informiert uns Joey, dass der vor uns liegende Flussabschnitt eine zu geringe Fahrwassertiefe für unser Schiff hat. Von solchen Seichtstellen haben wir vor Reiseantritt bereits gelesen. Doch es gibt eine einfache Lösung: Wir wechseln das Kreuzfahrtschiff. Am nächsten Morgen bringt uns ein Bus zur Viking Kvasir jenseits der Seichtstelle: Deren Fahrgäste steigen im Gegenzug um auf die Idi. Beide Schiffe gleichen sich bis ins Detail – die Kabinennummern eingeschlossen. Nachdem die Kvasir gewendet hat, fahren wir weiter Richtung Westen.

Nach dem Mittagessen sitze ich wieder in einem Liegestuhl am Bug, während die Kvasir in eine der insgesamt 67 Schleusen einfährt, die wir auf unserer Reise passieren. Sobald das hintere Schleusentor geschlossen ist, beginnt der Wasserpegel in der Schleusenkammer zu steigen. Zehn Minuten später haben wir den sechs Meter höheren Oberwasserpegel erreicht. Das vordere Schleusentor öffnet sich, und wir fahren weiter. Noch vor 100 Jahren waren Kapitäne auf Lotsen angewiesen, die ihr Schiff sicher durch die Stromschnellen und Strudel der Donau leiteten. Heute zähmt das Schleusensystem den Fluss.

Eine Stunde später überquere ich die Steinerne Brücke aus dem zwölften Jahrhundert, die nach Regensburg führt. Vor 900 Jahren zogen Kreuzritter von Jerusalem ins mittelalterliche Regensburg. Die Altstadt, welche ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählt, dominieren römische, romanische und gotische Bauten – Patrizierhäuser mit Stuckfassaden und reich verzierten Fenstern. Ich bin beeindruckt von den mittelalterlichen Türmen, Klöstern, Abteien und dem gotischen Dom mit seiner Doppelturmfassade. Zwischen diesen alten Gebäuden herrscht reges Markttreiben: Obst- und Gemüsehändler preisen ihre säuberlich gestapelten, reifen Früchte an. Heute zählt die Stadt 150.000 Einwohner. Wir bleiben neben einem unversehrten Stück der Mauer stehen, das als römisches Kastell vor 2000 Jahren errichtet wurde. "Regensburg ist die am besten erhaltene Stadt Deutschlands aus dem Mittelalter, weil sie im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde", so unser ortskundiger Führer Josef. "Sie verfügt über mehr als 1000 mittelalterliche Gebäude in der Altstadt."

Unser nächster Stopp ist Nürnberg. Wir erreichen die Stadt am folgenden Morgen. Zeit, um uns mit der jüngeren deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Ich stehe auf dem Zeppelinfeld, dem riesigen Gelände, auf dem in den 1930er-Jahren zahlreiche Kundgebungen der Nationalsozialisten stattfanden. Heute schlendern Pärchen Hand in Hand über das Gelände, und auf Plakaten wird für ein Open-Air-Konzert des Nürnberger Sinfonieorchesters geworben. Darüber ragt ein aus Ziegelsteinen gemauerter, unvollendeter Monumentalbau. Er wurde einst als Kongresshalle für die NDSAP mit Platz für rund 50.000 Menschen geplant. Mittlerweile ist hier das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" untergebracht, ein Museum, das Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus aufzeigt.

Sechs Tage vor Ende der 1400 Kilometer langen Reise, deren Ziel Amsterdam ist, werde ich ein wenig melancholisch. Doch im nächsten Moment freue ich mich auf die weiteren Städte und ihre Geschichte.

 


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