Aggressiv auf der Straße: Die Wut fährt mit!
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Aggressiv auf der Straße: Die Wut fährt mit!

Die ungezügelte Aggression auf Europas Straßen gefährdet zahlreiche Menschenleben.

Ausgabe: Mai 2018 Autor: Eleanor Rose

Wir sind im Auto in den Nordosten von London unterwegs, als der Fahrer hinter uns ausgiebig auf die Hupe drückt: Eine Frau ist bei roter Fußgängerampel über die Straße gelaufen. „Das sollte nicht heißen ‚Ich bin da‘“, sagt Richard Gladman. „Das war eine Zurechtweisung.“

Ich bin mit Gladman unterwegs, um das Thema aggressives Verhalten im Straßenverkehr zu recherchieren. Gladman war früher Fahrlehrer bei der Polizei und arbeitet heute für IAM RoadSmart, eine britische Organisation für Verkehrssicherheit. Er erklärt mir, mit seinem Impuls, die unachtsame Fußgängerin zur Ordnung zu rufen, habe der hupende Fahrer klarstellen wollen, dass er „im Recht“ sei. Gladman zufolge ist das ein Beispiel für ein ganz bestimmtes Frustrationsniveau, das in ungezügelte Aggressivität umschlagen kann. Und das kommt oft genug vor – auf Europas über­lasteten Straßen und Autobahnen praktisch jeden Tag.

Angesichts der zunehmenden Verkehrsflut auf den Straßen fühlen sich immer mehr Fahrer in die Enge getrieben und sehen sich auf Gedeih und Verderb den Aggressionen anderer ausgesetzt – oder ihren eigenen. 2017 ergab eine Umfrage der Vinci Autoroutes Foundation for Responsible Driving (Stiftung für verantwortungsvolles Verkehrsverhalten), dass 80 Prozent aller Europäer nach eigenen Angaben schon einmal Angst vor einem Verkehrsrowdy gehabt haben. 54 Prozent räumten ein, am Lenkrad andere zu beschimpfen.

So entsteht Aggression im Straßenverkehr

Aggressionen im Straßenverkehr entstehen, „wenn uns jemand in die Quere kommt“, erklärt Stan Steindl, Psychologe an der University of Queensland in Australien. Verkehrsteilnehmer suchen die Schuld lieber bei anderen als bei sich selbst. Das fängt oft mit unterschwellig aggressivem Verhalten an. „Wenn man sich Luft macht, dann meist im negativen Sinne – und das ist das Problem“, so Steindl. Fühlt sich ein Fahrer angegriffen oder bedroht, löst das einen Flucht- oder Kampfinstinkt aus. „Und ein Teil dieses Verhaltensmusters ist Wut.“
Die Aggressivität wird meist von einem Ereignis in Gang gesetzt, das der Betroffene – häufig „ein Mensch, der sich in der Familie, am Arbeitsplatz und im Freundeskreis absolut angepasst verhält“ – als persönlichen Angriff wertet, erklärt der Verkehrspsychologe Ludo Kluppels vom Vias-Institut, das sich in Belgien für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzt.

Rote Farbe ins Gesicht gesprüht

Gerät die Wut außer Kontrolle, kann das zu schweren Vorfällen führen, wie der Verkehrspsychologe Leon James 1997 in einem Gutachten vor dem US-amerikanischen Kongress vortrug. Im britischen Norfolk fuhr Kirstie Robb ihre drei Kinder von der Schule nach Hause, als das Fahrzeug vor ihr plötzlich stoppte. Die Lehrassistentin musste scharf bremsen und streckte dabei schützend den Arm vor ihren 16-jährigen Sohn auf dem Beifahrersitz. Besorgt hielt sie hinter dem anderen Fahrzeug an und stieg aus, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Als sie näher kam, hörte sie den anderen Fahrer laut und wütend schimpfen, sie habe den Sicherheitsabstand nicht eingehalten. Der Mann blieb zwar im Auto sitzen, fuchtelte jedoch bedrohlich herum und hörte nicht auf, sie anzuschreien. Da sagte sie: „Nicht in diesem Ton! Ich habe Kinder im Auto.“ Sie wurde ebenfalls wütend und legte nach: „Na los, sagen Sie noch einmal ,Verpiss dich!‘“ Das tat er. „Bevor ich wusste, wie mir geschah, zog er eine Sprühdose hervor und sprühte mir rote Farbe ins Gesicht“, berichtet Robb. „Als ich meine Augen wieder aufbekam, sah ich Rot. Ein paar Sekunden lang bekam ich keine Luft. Meine Kinder schrien.“

Belgien setzt auf Coaching

Es gibt erstaunlich wenig wissenschaftliche Untersuchungen über Aggressivität im Straßenverkehr, und auch viele Gesetzgeber beachten das Thema wenig – was angesichts der Ausmaße des Problems unverständlich ist. „Studien liegen bislang nur aus den USA, Australien und Belgien vor“, sagt Kluppels. In den meisten Ländern ist „Aggressivität im Straßenverkehr“ nicht einmal ein strafbewehrter Verstoß gegen die Regeln, und es werden keine statistischen Daten dazu erfasst. Zu den wenigen europäischen Ländern, die aktiv geworden sind, gehört Belgien. Bereits 1990 wurden in dem Land – das damals in Europa in puncto Verkehrssicherheit zu den Schlusslichtern gehörte – in Brüssel Plakate gegen rücksichtsloses Fahrverhalten aufgestellt. Das war eine der ersten Kampagnen zur Aufklärung über Aggression im Straßenverkehr. Doch das reichte nicht. Acht Jahre später kämpften die belgischen Behörden noch immer mit dem Problem. Die Gerichte sahen sich mit einer beispiellosen Prozessflut im Zusammenhang mit solchem Rowdytum konfrontiert. Als die Polizei in Antwerpen die Kriminalstatistik analysierte, kam sie zu folgendem Ergebnis: Von Juli 1997 bis Juni 1998 gingen 299 Fälle von Körperverletzung – immerhin 8 Prozent des Gesamtwerts für die Stadt – auf aggressives Verhalten im Straßenverkehr zurück. Die meisten Täter waren unbescholten und gut beleumundet. Wem aggressives Verhalten im Straßenverkehr zur Last gelegt wird, der muss in Belgien nunmehr nicht unbedingt vor Gericht. Er kann sich stattdessen auch für ein Coaching entscheiden. Fahrer, die diese Möglichkeit wählen, müssen einen 20-stündigen Kurs besuchen. Sie besprechen ihr Fehlverhalten mit einem Psychologen und überlegen gemeinsam mit ihm, wie sie künftig besser mit ihrem Frust umgehen können. Doch trotz des Eingreifens hat auch Belgien weiter Probleme mit aggressiven Verkehrsteilnehmern. 2018 führt das Land eine Auflage ein, die alle frischgebackenen Führerscheinbesitzer zu einem „Einkehrtag“ verpflichtet. Dazu gehört auch ein einstündiger Kurs zum Thema Verhalten.

In Österreich gibt es bereits seit 2003 eine mehrphasige Fahrausbildung mit Sonderschulungen in Fahrverhalten für Führerschein­Neulinge. Dazu gehört unter anderem auch ein verkehrs-psychologisches Gruppengespräch. Die Zahl der Verkehrstoten ging in Österreich von 1990 bis 2014 um 72 Prozent zurück. Inwieweit diese positive Entwicklung tatsächlich auf weniger Aggressivität im Straßenverkehr zurückzuführen ist, lässt sich zwar schwer sagen, doch das könnte dazu beigetragen haben.

Auch beim Autofahren: die Eltern sind Vorbild

Einem 2004 für die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen erstellten Hintergrundbericht zufolge verstärkt die Popkultur Aggressionen bei Auto­fahrern: Eine rücksichtslose Fahrweise wird gern verharmlosend dargestellt – etwa bei Verfolgungsjagden in Filmen oder Videospielen. Außerdem schaut sich die Jugend viel von den Eltern ab. „Der Rücksitz ist der Kindergarten des aggressiven Verkehrsverhaltens. Kinder nehmen ihre ersten ,Fahrstunden‘ im Auto von Eltern, die unbeherrscht fahren und auf andere Fahrer schimpfen“, sagt Leon James. Er sieht die Lösung im Kampf gegen Aggressivität im Straßenverkehr in einem neuen Führerscheinmodell, bei dem die Fahrerlaubnis in mehreren Phasen erteilt wird: als Führerschein für Anfänger und für Fortgeschrittene, oder als ein vorläufiger Führerschein, der erst nach einer Bewährungszeit in ein endgültiges Dokument umgeschrieben wird. Das würde die Zahl der Stunden erhöhen, die Fahrschüler unter Aufsicht am Steuer sitzen. Es würde sie lehren, Regeln zu beachten und einzuhalten. Vor allem aber würde es auch beim Autofahren das Konzept des lebenslangen Lernens einführen.

Die Schweden setzen Impulskontrolle auf den Lehrplan

Seit 2009 muss in Schweden jeder, der den Führerschein machen will, einen Kurs über Gefahrenbewusstsein belegen und mindestens drei Fahrstunden bei einem staatlich geprüften Lehrer absolvieren. Schon zuvor, nämlich seit 2006, standen in Schwedens Fahrschulen Themen wie Impulskontrolle und Motivations-Verständnis auf dem Lehrplan. Wer die Prüfung schafft, muss sich zwei Jahre lang bewähren. Die Prüferin Karin Michaelsson erklärt, die schwedische Verkehrsbehörde habe ihren Schwerpunkt von fahrerischem Können und technischem Wissen darauf verlagert, „was der Fahrer für ein Mensch ist, und wie er sich im Verkehr verhält, weil das beeinflusst, wie er fährt“, sagt Michaelsson. „Es lässt sich wissenschaftlich nicht belegen, dass dies allein schon Einfluss auf die Zahl der Unfälle hat. Wir möchten das aber gern glauben.“ Schwedens Ansatz könnte als Vorlage dienen, um das Fahrverhalten in Europa zu verbessern.

In Großbritannien ist derzeit beispielsweise kein Zweiphasenmodell für die Ausbildung vorgeschrieben. 17-Jährige können ihre Prüfung ablegen, ohne eine Fahrstunde bei einem qualifizierten Lehrer absolvieren zu müssen. Richard Gladman von IAM Road­Smart hat letztes Jahr in Schottland ein Pilotprogramm gestartet. Dafür führten Polizeibeamte mit rund 200 Jugendlichen praktische Fahrstunden auf einem stillgelegten Flugplatz durch. Den jungen Menschen wurde ein Bewusstsein für andere Verkehrsteilnehmer und deren Beweggründe für ihr Verhalten vermittelt. Gladman würde dieses Programm gern auch in anderen Teilen Großbritanniens eingeführt sehen. Jeder Fahrer sollte laut Gladman in der Verantwortung stehen, den „Konfliktzyklus“ auszuhungern, wie er das formuliert. Aggression im Straßenverkehr geht von einem Fahrer aus und greift dann oft um sich.

 

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