Skijöring auf dem White Turf in St. Moritz, Schweiz.
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Familie & Leben

Die verrücktesten Sportarten der Welt

Welche Sportarten sollten bei internationalen Turnieren vertreten sein? Wir hätten da ein paar ausgefallene Vorschläge.

Ausgabe: Januar 2021 Autor: Diana Thomas

Länder, die olympische Spiele ausrichten, dürfen dafür neue Sportarten vorschlagen. So sollen 2021 in Tokio Surfen und Skateboardfahren neu hinzukommen. Und in Frankreich wird überlegt, zu den Spielen 2024 in Paris die Sportart Parkour aufzunehmen. Bei der 1988 von dem Schauspieler und Stuntman David Belle erfundenen Disziplin absolvieren die Teilnehmer akrobatisch einen urbanen Hindernisparcours. Welche anderen ungewöhnlichen Sportarten könnten europäische Länder vorschlagen, wenn sie die Spiele ausrichten dürften?

 

  • Amsterdam, Niederlande: Fierljeppen (Pultstockspringen) istockfoto.com / Ljupco
  • Berlin: Schachboxen istockfoto.com / Brankospejs
  • Bern, Schweiz: Hornussen istockfoto.com / genekrebs
  • Florenz, Italien: Calcio Storico Fiorentino (Historischer Florentiner Fußball) istockfoto.com / FotografieLink
  • Helsinki, Finnland: Steckenpferdreiten istockfoto.com / Vac1
  • Bristol, Grossbritannien: Shin-Kicking istockfoto.com / Deagreez
  • Tromsø, Norwegen: Skijöring istockfoto.com / PatrickHutter
  • Amsterdam, Niederlande: Fierljeppen (Pultstockspringen)
  • Berlin: Schachboxen
  • Bern, Schweiz: Hornussen
  • Florenz, Italien: Calcio Storico Fiorentino (Historischer Florentiner Fußball)
  • Helsinki, Finnland: Steckenpferdreiten
  • Bristol, Grossbritannien: Shin-Kicking
  • Tromsø, Norwegen: Skijöring
  • Amsterdam, Niederlande: Fierljeppen (Pultstockspringen)

    „Es ist ein ganz einfacher Sport“, erklärt Douwe Boersma vom Verband Nederlandse Fierljep Bond. „Im Grunde ist es ein Stabweitsprung über einen Wasserlauf. Wer am weitesten springt, gewinnt.“ Doch das ist nicht so einfach, wie es klingt. Die Wettkämpfer nehmen Anlauf, springen auf einen langen Stock, der auf einer Seite eines Wassergrabens oder Teiches im Wasser steckt, und klettern dann so hoch es geht am Stock hinauf, um weit ans andere Ufer zu gelangen. Wenn es ihnen gelingt, landen sie auf einer großen Sandfläche. Wenn nicht, nehmen sie ein Bad.
    Seine Ursprünge hat der Sport in Westfriesland nördlich von Amsterdam, wo Bauern das Fierljeppen (Pultstockspringen) mithilfe eines langen Holzstabs – Pultstock genannt – nutzten, um Kanäle und Bäche zu überqueren. Bereits 1767 wurden erste Wettbewerbe ausgetragen. Heute verwendet man Kohlefaserstäbe, die acht bis 13 Meter lang sind. Der derzeitige Weitenrekord steht bei 22,21 Metern für die Herren und 18,19 Metern für die Damen. „Solange man rechtzeitig loslässt, ist es nicht gefährlich“, erklärt Kimberly Engelhard, eine der besten Springerinnen. „Bei diesem Sport will man sich immer weiter verbessern, um weiter zu springen. Das ist das Schöne daran.“
    Bei einigen Fierljeppen-Wettkämpfen springen zwei oder drei Teilnehmer gleichzeitig nebeneinander, sodass gleich mehrere fliegende Holländer durch die Lüfte segeln.
  • Berlin: Schachboxen

    Das Schachboxen vereint zwei sehr gegensätzliche Elemente: ein Strategiespiel und einen Kampfsport – Schachmatt trifft auf K. o. Erstmals wurde es 1992 als fiktive Sportart im Comicbuch Froid Equateur (Äquatorkälte) des Zeichners und Regisseurs Enki Bilal gezeigt. Dies inspirierte den niederländischen Performance-Künstler Iepe Rubingh, der in Berlin lebte, dazu, 2003 den ersten echten Schachboxkampf zu veranstalten und selbst dabei anzutreten.
    „Letztendlich suchen wir nach dem härtesten und klügsten Mann oder der härtesten und klügsten Frau der Welt“, erläuterte Rubingh. Inzwischen erfreut sich der Sport international immer größerer Beliebtheit. Jeder Wettkampf besteht aus sechs vierminütigen Schachrunden, in denen alle zehn Sekunden ein Zug gemacht werden muss. Dazwischen gibt es fünf dreiminütige Boxrunden. Sowohl mit einem Schachmatt als auch einem K. o. gewinnt man das Spiel. Zudem siegt ein Teilnehmer, wenn dem Gegner die Zeit für einen Schachzug ausgeht. Falls nichts davon eintritt, gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten beim Boxen.
    Einer der bekanntesten Schachboxer ist der Brite Terry Marsh. Der ehemalige IBF-Boxweltmeister im Halbweltergewicht war davor Juniorschachmeister. „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich ein Schachspiel besaß, ehe ich Boxhandschuhe hatte, aber auf jeden Fall habe ich sie nie gleichzeitig benutzt“, sagt Marsh. Als er das Schachboxen entdeckte, war er sofort fasziniert. „Schlägt ein guter Schachspieler einen guten Boxer oder umgekehrt? Ist es besser, in beidem gleich gut zu sein?“ Im Juni 2015, im Alter von 57 Jahren, besiegte Marsh den amtierenden Mittelgewichtschampion der World Chess Boxing Association, Dymer Agasaryan. „Dymer war 23 und ein starker, muskulöser Typ“, erinnert sich Marsh. „Meine Absicht war es, ihn zu ermüden, damit er Fehler am Schachbrett macht. Am Ende hatte ich ein paar gebrochene Rippen, aber auch gewonnen.“
  • Bern, Schweiz: Hornussen

    Falls das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch mehr ungewöhnliche Sportarten sucht, wäre Hornussen, das traditionell in den ländlichen Gemeinden der deutschsprachigen Schweiz gespielt wird, eine perfekte Ergänzung. Die erste Erwähnung eines Hornussen-Spiels stammt aus dem Jahr 1655. Mit einem Schlaggerät, das wie ein verlängerter, sehr biegsamer Golfschläger mit einer Spitze wie bei einem Poloschläger aussieht, schlagen die Spieler einer Gesellschaft (so werden die Mannschaften genannt) abwechselnd eine Kunststoffscheibe namens Nouss (kurz für Hornuss, schweizerisch für Hornisse) von einer Abschlagrampe, dem Bock, ab. Der Nouss fliegt dann mit bis zu 300 km/h zu einem Spielfeld, das Ries genannt wird. Es liegt 100 Meter entfernt und ist 180 Meter lang – für das Spiel braucht man eine ganze Alpenwiese. Die gegnerische Gesellschaft steht verteilt auf dem Ries, wobei jeder Spieler eine Schindel (Schaufel) in der Hand hält, die wie der Ofenschieber von Pizzabäckern aussieht. Ziel ist es, den Nouss abzufangen und zu Boden zu werfen, die Schindel kann dazu auch hochgeworfen werden.
    Die Spieler der schlagenden Gesellschaft versuchen dagegen, den Nouss so weit wie möglich zu schlagen, damit er landet, ohne dass ihn die Verteidiger berühren können. Wie beim Baseball wechseln sich die Mannschaften beim Schlagen und Verteidigen ab. Das Team, das die meisten unberührten Noussen am weitesten schlagen kann, gewinnt.
    „Ich habe als kleiner Junge mit dem Hornussen angefangen“, erzählt Martin Schär, der für den Verein Wäseli spielt. „Die Tradition wird vom Vater, Großvater oder sogar Urgroßvater weitergereicht.“ Doch bei allem alpinen Charme war das Hornussen wohl nicht immer so charmant wie heute. „Einige glauben, dass es ursprünglich ein Kriegsspiel war, bei dem der Feind getroffen werden sollte“, so Schär. Hornussen verlangt auch den Zuschauern Durchhaltevermögen ab: Die Spiele können bis zu vier Stunden dauern.
  • Florenz, Italien: Calcio Storico Fiorentino (Historischer Florentiner Fußball)

    In vielen Regionen Europas gibt es eigene traditionelle Varianten des bekannten Fußballspiels. Die Florentiner Version entstand während der Renaissance auf der Piazza Santa Croce in Florenz, wo sie auch heute noch jedes Jahr gespielt wird. Die Regeln sind einfach. Zwei Mannschaften mit je 27 Spielern (Calcianti) stehen sich auf einem großen, rechteckigen Spielfeld gegenüber, das mit Sand bedeckt ist. Der Ball darf getragen, geworfen und getreten werden. Wie beim konventionellen Fußball erzielen die Mannschaften einen Punkt, wenn ihr Ball im Tor des Gegners landet.
    Bei diesem Sport sind Fouls allerdings ausdrücklich erlaubt. Neben Schlägen, Kopf- und Ellenbogenstößen dürfen die Calcianti ihre Gegner auch in den Schwitzkasten nehmen und zu Boden drücken, um sie zum Aufgeben zu zwingen und den Weg zum Tor freizumachen. Daher verwundert es nicht, dass der französische König Heinrich III. nach einem Besuch des Spiels im Jahre 1530 den florentinischen Fußball als „zu klein für einen Krieg und zu grausam für ein Spiel“ beschrieb.
    „Das Spiel liegt nicht jedem“, sagt Alessio Falciani, der für die Azzurri (die Blauen), einen der vier Vereine, spielt. „Es wird mit harten Bandagen gekämpft. Für die Florentiner ist ein Calciante ein Kämpfer, ein Gladiator.“ Würde die Sportart zu einer olympischen Disziplin erhoben, wäre ihr globale Aufmerksamkeit und ein großes Fernsehpublikum sicher.
  • Helsinki, Finnland: Steckenpferdreiten

    Eine Gruppe Mädchen, manche im Teenageralter, ein paar auch jünger, geht durch die Straßen der finnischen Hauptstadt Helsinki. Ihre Anführerinnen halten Megafone und rufen „Respekt für die Steckenpferdreiterinnen!“ Willkommen beim Steckenpferdreiten oder „Hobbyhorsing“, einer Sportart, die für geschätzt 10.000 junge Finninnen zu einer Leidenschaft geworden ist. Beim Steckenpferdreiten werden olympische Disziplinen wie Dressur- und Springreiten nachgeahmt. Nur sind es in diesem Fall menschliche Wettkämpfer, die mit einem Steckenpferd zwischen den Beinen die komplexen Bewegungen und Schritte ausführen oder über Hindernisse springen.
    Doch das Steckenpferdreiten ist für viele mehr als nur ein Sport. „Für mich ist das Gemeinschaftsgefühl am schönsten“, erzählt Elsa Salo. „Meine Eltern haben sich 2006 scheiden lassen. An vieles, was in den fünf Jahren danach passiert ist, erinnere ich mich nicht gern. Doch woran ich mich erinnere, sind mein Steckenpferd und meine Freundin Roosa. Ich mag es auch, Pferde zu basteln und mir die Persönlichkeiten der Pferde auszudenken sowie anderen Reiterinnen etwas über sie zu erzählen.“
    In den letzten zehn Jahren haben deutsche Dressurreiter bei Veranstaltungen für humorvolle Einlagen gesorgt, indem sie in ihren eleganten Zylindern und Fräcken Pferdeballett zu Musik auf Steckenpferden statt hoch zu Ross vorführten. Ihre Fans sind begeistert. Ob die Zuschauer bei Olympia genauso enthusiastisch wären?
  • Bristol, Grossbritannien: Shin-Kicking

    Deutlich rustikaler als beim Steckenpferdreiten geht es beim Shin-Kicking (Schienbeintreten) in Englands West Country zu. In Anlehnung an die traditionellen Schäferumhänge der Region ziehen zwei Männer (oder Frauen) weiße Mäntel an und polstern sich die Hosenbeine mit Stroh aus. Dann stellen sie sich einander gegenüber, greifen sich gegenseitig an die Mäntel und versuchen, dem Gegner ans Schienbein zu treten und ihn zu Boden zu werfen.
    Die Vorstellung, dass zwei Erwachsene wie Schulkinder aufeinander einprügeln, mag sich wie ein verrückter TV-Comedy-Sketch anhören. Dabei hat das Shin-Kicking eine lange und ehrenvolle Tradition. Noch bevor Baron de Coubertin die Olympischen Spiele in ihrer heutigen Form wiederbelebte, gehörte es zu den ländlichen Sportarten, die bei den Cotswold Olimpick Games (Olympische Spiele in der Region Cotswold) auf dem Programm standen. Diese Spiele wurden von 1612 bis 1852 alljährlich im Dorf Chipping Campden ausgetragen und 1963 wieder ins Leben gerufen. Heute wird der Sieger des Shin-Kicking-Wettbewerbs bei den Cotswold Olimpicks sogar zum Weltmeister erklärt. Im Jahr 2014 nahm der damals 24-jährige Ross Langill den weiten Weg aus Kanada auf sich, um sich den Titel zu holen.
    Anschließend verriet er, dass das Treten mehr wehtut als das Getretenwerden. „Das Heu schützt die Schienbeine, aber die Füße bekommen die ganze Wucht ab.“
    Dem IOC könnte womöglich das scheinbare Fehlen jeglicher Raffinesse beim Shin-Kicking Kopfzerbrechen bereiten, doch genau darin läge wohl der Reiz für ein globales Publikum.
  • Tromsø, Norwegen: Skijöring

    Über Jahrhunderte durchquerten die Sami – ein Volk, das im hohen Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands lebt – die arktischen Weiten, indem sie Rentieren Geschirre anlegten und sich auf einfachen Holzskiern von ihnen ziehen ließen. In den letzten 100 Jahren hat sich das Skijöring (vom norwegischen Wort Skikjøring, Skifahren) zu einer Sportart entwickelt, die bei den Olympischen Winterspielen 1928 in St. Moritz schon einen kurzen Auftritt als Vorführsport hatte – Wettkämpfer ließen sich von Pferden über einen zugefrorenen See ziehen.
    „Man bekommt einen regelrechten Adrenalinrausch“, meint Lance Nelson, Skijöring-Sportler aus den USA. „Man spürt die Kraft des Pferdes, wenn es losgeht. Dann hältst du dich nur noch an dem Seil fest und lässt nicht los. Es ist unglaublich!“
    Das gilt auch für die unvermeidlichen Stürze, an deren Anblick wohl selbst die edelmütigsten Zuschauer ihren Spaß hätten.

 

 


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