Eine Schule gegen Rassismus
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Familie & Leben

Eine Schule gegen Rassismus

In einer kleinen slowakischen Grundschule lernen Roma-Kinder Seite an Seite mit Nicht-Roma.

Ausgabe: November 2014 Autor: Lisa Fitterman

DER SCHLAKSIGE 15-JÄHRIGE mit der schwarzen Lederjacke wirkt wie ein gewiefter Schlauberger. Doch Jozef Rakaš wiederholt die siebte Klasse schon zum dritten Mal. Der Roma-Junge aus einer Armensiedlung im Osten der Slowakei brachte nie Interesse für die Schule auf. Neuerdings hat Jozef jedoch damit begonnen, sich etwas mehr anzustrengen. Es wirkt, als seien Mathe, Englisch und Geschichte attraktive, aber exotische Tiere, die beißen könnten, wenn er ihnen zu nahe kommt.

Jozef ist Teil eines gewagten Experiments: An seiner Schule im Dorf Šarišské Michal'any, rund 400 Kilometer östlich von Bratislava, hat ein Gericht die Integration von Roma- und Nicht-Roma-Schülern angeordnet, deren Verhältnis bislang eher auf Konflikt als auf Freundschaft beruhte.

Bis vor Kurzem lebten Jozef und die anderen Roma-Schüler in einer Welt mit getrennten Klassen, Spielplätzen und Toiletten: institutionelle Segregation basierend auf der ethnischen Herkunft und der Überzeugung, dass Roma langsamer lernen. Trotz seines frechen Auftretens spricht er nur ungern über früher, als das Überschreiten unsichtbarer Grenzen noch Gefahren mit sich brachte. Wer einen Nicht-Roma ansprach, riskierte es, sehr unfreundlich behandelt zu werden. Und als Dieb, Hundefresser oder fauler, dummer Zigeuner bezeichnet zu werden.

Jozef schaut mich mit einem entschuldigenden Grinsen an und zuckt mit den Schultern. "Jetzt ist es anders, es ist besser, wenn wir zusammen sind", erklärt er. "Ich mag die Schule immer noch nicht besonders, aber es ist besser, wenn wir Freunde sind." Das ist zwar eine schöne Einstellung, aber Jozef ist schlau genug, um zu wissen, dass mehr nötig sein wird als ein paar neue Freunde, um die Zustände wirklich zu ändern. Da aus der Gemeinde wenig Unterstützung kommt, liegt die Hoffnung für ihn und seine Mitschüler zunächst in der einen oder anderen Lehrkraft, dem entschlossenen Direktor der Schule – und den Kindern selbst. Was die Diskriminierung von Roma betrifft, gehört die Slowakei mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern zu den Spitzenreitern in Europa. Das Land wurde von der weltweiten Wirtschaftsflaute schwer getroffen, insbesondere der Osten, wo die meisten der rund 500.000 Roma leben. Oft schlagen sie sich mühsam durch, ausgestoßen und ausgebeutet, mit schlechter Ernährung, praktisch keinerlei Gesundheitsversorgung und einer Lebenserwartung, die 15 Jahre unter dem nationalen Durchschnitt liegt.

Ihre Häuser bestehen aus Holzlatten und Lehm. In manchen Slums teilen sich die Bewohner einen einzigen Wasserhahn. In anderen gibt es gar keinen Wasseranschluss. Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent, in einigen Gebieten noch weit darüber. Die schlimme Folge davon ist ein staatlich geförderter Rassismus: das perfide Aussondern von Roma-Kindern in Klassen, in denen ihre Zukunft als Versager besiegelt wird. Viele kommen gar in Schulen für geistig Behinderte, weil es für sie anderswo keinen Platz gibt. Und von denen, die normale Grundschulen besuchen, wie Jozef, wechseln lediglich 28 Prozent an ein Gymnasium – im Vergleich zu 95 Prozent der Nicht-Roma-Schüler.

Der Kampf gegen den Rassismus ist eine große Herausforderung. Die Roma seien schmutzig, sagt man mir. Ihre Kinder hätten Läuse. Julio Marckovc«, ein Gastwirt in Prešov, einer Universitätsstadt südlich von Šarišské Michal'any, sagt: "Sie arbeiten nicht, jede Familie hat zehn Kinder, und sie kassieren bloß Geld vom Staat." Und Maria Cechovicová, Mutter eines Mädchens mit blonden Zöpfen, erzählt mir, ihr wäre es lieber, wenn keine Roma in einer Klasse mit ihrer Tochter wären.

Beim betreten der Grundschule in Šarišské Michal'any fällt der Blick zuerst auf ein Wandgemälde, das sich über den gesamten Flur erstreckt. Darauf abgebildet sind Kinder aller Hautfarben, die sich an den Händen halten und lächeln. Es ist ein freundliches Werk, das von Kindern für Kinder gemalt wurde.

Im Januar 2012, nachdem ein Rechtsausschuss die Berufung der Schule gegen das Gerichtsurteil abgewiesen hatte, kamen Eltern und Lehrer zu einer hitzigen Sitzung zusammen. Die örtliche Zeitung schrieb darüber unter der Schlagzeile "Rettet unsere Schule für unsere Kinder!". Aus Sorge um Noten und Spannungen drohten Eltern damit, ihre Söhne und Töchter von der Schule zu nehmen.

Unter diesen Vorzeichen wurde Jaroslav Valaštiak, ein ehemaliger Biologielehrer, der inzwischen in der Verwaltung arbeitete, als neuer Direktor eingestellt. Die Hälfte der 406 Schüler stammt aus dem "Roma-Slum" in Ostrovany, einem drei Kilometer entfernt gelegenen Dorf ohne Schule.

Ich frage Valaštiak, wie er mit den Veränderungen vorankommt. Er nimmt sich ein paar Sekunden Zeit, ehe er antwortet. "Gelegentlich fühlt es sich an, als ob ich mit dem Kopf gegen die Wand laufe", sagt er schließlich. "Doch ich kenne die Probleme der Roma. Ich war nie jemand, der auf eine dumme Herausforderung eingegangen ist, und ich kann Kritik für meine Entscheidungen vertragen."

Er hat noch Probleme damit, die Entscheidung des Gerichts mit der Lebenswirklichkeit der Schüler zu vereinbaren, die aus verschiedenen Welten kommen. Wie kann er die zwei oder drei sichtlich schwangeren Roma-Mädchen, die jedes Jahr dabei sind, am besten in Nicht-Roma-Klassen unterbringen? Und was kann er tun, wenn die Hälfte der Roma am Tag nach der Sozialhilfezahlung nicht einmal auftaucht?

Die Lehrer fordern die Schüler dann auf, einen Grund für ihr Fehlen zu nennen. "Meine Eltern und Großeltern waren die ganze Nacht auf", lautet die übliche Antwort. Unausgesprochen bleibt, dass dabei viel getrunken wurde und sich deshalb niemand am Morgen um die Kinder kümmerte.

"Wir befinden uns immer noch am Anfang", fährt Valaštiak fort. "Da ist die Gerichtsentscheidung, die nicht vorgibt, wie die Klassen zusammengestellt werde sollten. Und es gibt Lehrkräfte, die mit der Situation nicht zurechtkommen. Alle sechs Monate schlagen sie vor, welche Schüler in andere Klassen verlegt werden sollen."

Nur wenige kommen tatsächlich in andere Klassen, und meist verfügen sie nicht über die Voraussetzungen, um sich im Unterricht zu behaupten. Wie das Beispiel eines Mädchen aus Ostrovany zeigt, das am Sozialkundeunterricht in einer Nicht-Roma-Klasse teilnahm. Sie saß an einem leeren Tisch in der Mitte des Raums und war still, während die anderen Schüler um sie herum an Computern arbeiteten. Es war, als existiere sie nicht.

"Es ist schade, dass ich es nicht filmen konnte", erinnert sich Alica Petrasová, Professorin für Pädagogik an der Universität Prešov, die den Vorfall miterlebte. "Bei einer anschließenden Besprechung mit den Lehrern der Schule fragte ich, warum dies passiert war. Mir wurde gesagt, dass es nicht genügend Computer für alle gäbe. Sie waren nicht einmal der Ansicht, dass sie etwas falsch gemacht haben!"

In den zwei Jahren seit dem Dienstantritt von Valaštiak gab es aber auch sichtbare Veränderungen. Ich gehe über die Schulflure und sehe Roma und Nicht-Roma gemeinsam die Pause verbringen. Sie unterhalten sich lautstark und lachen. "Wir sind einfach immer zusammen", erklärt der blonde Dominik Veslovský über seinen Roma-Freund Matús Kova-Pe_ta, beide 13 Jahre alt. Es gibt keine getrennten Spielplätze mehr, und auch die Freizeitangebote nach der Schule sind nun für alle offen. Das Verbot für Roma-Eltern, das Schulgelände zu betreten, wurde aufgehoben, und in der Cafeteria, die ausschließlich Nicht-Roma-Schülern vorbehalten war, gibt es nun zehn neue Tische. Während die einen eine warme Mahlzeit auf Staatskosten aßen, wurden ihre Roma-Mitschüler nach draußen verbannt. Jetzt gibt es wenigstens genug Platz, damit Roma-Schüler bis zur 5. Klasse drinnen eine warme Mahlzeit essen können.

"Die Roma sind sehr offenherzige Menschen", sagt Valaštiak. "Es ist unbedingt notwendig, mit ihrer Offenheit zu arbeiten und sie nicht auszugrenzen. Wir haben auch damit begonnen, die Schüler in kulturellen und sozialen Gepflogenheiten zu unterrichten, etwa über die Ernährung."

Doch dann, so erzählt er weiter, gehen die meisten von ihnen nach Hause in den Slum von Ostrovany. Dort sind Lebensmittel knapp, und die schreckliche Armut ist von einer 2,2 Meter hohen und 150 Meter langen Betonmauer gekennzeichnet, die das Elend quasi gefangen hält.

Peter Kaleja, ein Rom und Hilfslehrer aus der Gemeinde, den Valaštiak im September 2012 angestellt hat, nimmt mich mit hinter die Mauer. Ich sehe baufällige Baracken an staubigen, schmalen Straßen, die sich bei Regen in Schlamm verwandeln. Streunende Hunde laufen zwischen Kleinkindern umher.

Jugendliche werfen einen zerfledderten Fußball und spielen neben Stacheldraht. Überall sind Babys, die von ihren Müttern oder älteren Schwestern getragen werden, doch es ist seltsam ruhig. Die Menschen bewegen sich wie in Zeitlupe. Ich höre Klagen, dass die Sozialhilfe kaum zum Leben reicht, geschweige denn, die Kinder zur Schule zu schicken. Milan Kaleja, ein schmaler 50-Jähriger mit dickem Schnurrbart und einer Ausbildung als Bauarbeiter, hatte seit 1998 keinen richtigen Job mehr. "Es gibt Stellenangebote, aber sobald man sich dort vorstellt und ihnen klar wird, dass du ein Rom bist, gibt es plötzlich keine Arbeit mehr."

Dann bin ich von Kindern umringt, die von meinem Aufnahmegerät fasziniert sind. "Müsst ihr keine Hausaufgaben machen?", frage ich sie. Sie grinsen und zucken mit den Schultern. Hilfslehrer Peter Kaleja, selbst Vater von fünf Kindern, erklärt, dass viele dieser Kinder nicht in der Lage sein werden, aus dem Elendskreislauf auszubrechen. "Das Problem beginnt schon zu Hause", sagt er, "weil die Eltern nicht begreifen, wie wichtig eine gute Bildung ist."

Aber es gibt Hoffnung. An der Schule in Šarišské Michal'any zeigen viele Schüler, dass sie bereit sind, an sich zu arbeiten und für ihre Freunde einzustehen. Ich treffe etwa 20 von ihnen nach der Schule. Jozef, der 15-Jährige aus der siebten Klasse, erzählt mir, dass es in der Schule darum geht, sich anzustrengen und mitzumachen. Nachdem er beschlossen hatte, besser mitzuarbeiten, "war es plötzlich gar nicht mehr so schwer". Und Monika Karnišová, 15, eine große Blondine, die Schauspielerin werden möchte, meint: "Jeder verdient eine Chance. Die Hautfarbe ist nicht wichtig. Was zählt, ist der Charakter."

Dann singen alle gemeinsam zur Melodie von Abbas Mamma Mia auf Slowakisch und in gebrochenem Englisch ein Lied. Es ist kitschig, herzlich und klingt ein bisschen schief: "Gib mir deine Hand, zeig mir, dass du hier bist, du bist mein Freund und wirst es immer sein, lass uns Spaß haben, wenn wir alle zusammenstehen!"

Jaroslav Valaštiak lächelt. Genau das hat gefehlt, als er vor zwei Jahren an die Schule kam: Roma und Nicht-Roma Seite an Seite, Kinder mit Träumen, Hoffnungen und Werten, zu denen Gleichberechtigung und Menschenrechte gehören. "Die Kinder sind in Ordnung", meint er. "Sie können etwas verändern."


 

RD Abbinder
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