Eine bewaldete Insel in Form eines Euro-Zeichens liegt im Meer. Davor ankert ein weißes Boot.
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Familie & Leben

Klimaschutz - (k)eine Frage des Geldes

Der Klimawandel muss gestoppt werden! Da sind sich die Menschen in Deutschland einig. Doch wie soll dies konkret geschehen?

Ausgabe: März 2020 Autor: Christiane Kolb

71 Prozent der Menschen in Deutschland sprechen der Klimaschutzdebatte grösste Bedeutung zu, für 62 Prozent hat der Stopp des Klimawandels sogar Vorrang vor der Sicherung des Lebensstandards! So lauten die Ergebnisse einer vom Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid im Auftrag von Reader’s Digest durchgeführten Umfrage. Weniger Einigkeit herrscht bei den 1012 repräsentativ ausgewählten Personen in der Frage, was konkret zu tun ist.

Klimaschutz an erster Stelle

Den Klimawandel stoppen oder den Lebensstandard sichern? Vor diese Wahl gestellt, entscheiden sich 62 Prozent der Befragten für den Klimaschutz. „Hier wird klar: Die Menschen haben erkannt, dass Veränderung not tut und sich die Lebensstile ändern müssen“, kommentiert Ellen Matthies, Professorin für Umweltpsychologie an der Universität Magdeburg diese Zahl. „Neu ist die Sorge um die Umwelt nicht, inzwischen aber verknüpfen viele Menschen Massnahmen für weniger Abgase, sauberere Luft, Gewässer, Böden und Strände mit einem besseren Leben. Ohne Klimaschutz ist der Lebensstandard sowieso gefährdet, denken sie.“
Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass aber nicht nur die Menschen unter 30, sondern auch jene jenseits der 60 verstärkt für Klimaschutz plädieren. Die 30- bis 50-Jährigen hingegen geben der Sicherung des Lebensstandards den Vorrang. „Vermutlich haben in dieser Gruppe einige ihren aktuellen Standard mit Mühe erarbeitet – und möchten ihn sichern“, erläutert Professor Matthias Gross, Abteilungsleiter für Stadt- und Umweltsoziologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig. „Der Lebensstandard der Älteren steht fest, sie können den Fokus auf die Umwelt legen.“ Die Sorge, gerade erst Erarbeitetes wieder einzubüssen, ist für Professor Gross mit ein Grund dafür, warum in den westlichen Bundesländern 64 Prozent, in den östlichen aber „nur“ 54 Prozent dem Klimaschutz höchste Priorität einräumen. „Noch ein Wandel, wieder bedrohte Arbeitsplätze, das fühlt sich für die Menschen nicht gut an“, sagt Matthias Gross. Es gelte aber auch: „Das Thema Umweltschutz wird hier anders gesehen, das zeigen Umfragen genau wie gerade auch das schlechte Abschneiden der grünen Partei bei Landtagswahlen wie in Thüringen.“ Frauen bewegt die Sorge um die Umwelt deutlich stärker als Männer, auch dies zeigen die Ergebnisse unsere Umfrage.

 

Zu viele Emotionen in der Debatte?

Weniger Einigkeit in der Bevölkerung herrscht bei der Frage, ob der Ton in der Klimadebatte stimmt und Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen soll. Dass 45 Prozent der Befragten vieles an der Debatte für übertrieben halten, scheint dem Bekenntnis zum Klimaschutz zu widersprechen. Ellen Matthies hat eine andere Erklärung: „Dafür kann es viele Ursachen geben. Etwa eine Müdigkeit, weil das Thema so viel Raum einnimmt und das politische Handeln so kompliziert ist, Skepsis gegenüber den Demos zur Schulzeit oder der hohen Aufmerksamkeit für Jugendliche ohne Lebenserfahrung. Insgesamt wird sehr emotional mit dem Thema Klima umgegangen.“ 40 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, Deutschland solle nur dann mehr für den Klimaschutz tun, wenn Staaten wie China oder die USA mitziehen. „Wer einen Alleingang im Klimaschutz kritisch sieht, dem ist wahrscheinlich bewusst, wie gering der deutsche Beitrag zum Weltklima ist, oder er lehnt die Vorreiterrolle für Deutschland grundsätzlich ab“, meint Professor Gross. Dennoch: Die meisten Menschen in Deutschland sind dagegen, die Klimawende auf die lange Bank zu schieben. Nur 21 Prozent stimmen der Aussage zu, Klimaschutz sei hauptsächlich Aufgabe kommender Generationen.

 

Ja zu Verboten

Für mehr Klimaschutz ist die Mehrheit der Menschen in Deutschland durchaus bereit, Verbote zu unterstützen und Preissteigerungen hinzunehmen: 70 Prozent befürworten ein Verbot von Kunststoffverpackungen, rund jeder Zweite eine Preiserhöhung für Fleisch- und Milchprodukte. Flugpreise sollten um mindestens 50 Prozent zulegen. 66 Prozent möchten umweltfreundliche Energie von der Steuer befreit sehen. „Kunststoff hat einen wirklich schlechten Ruf“, erklärt Professor Gross diese Ergebnisse. „Den meisten Menschen ist auch klar, dass es kaum sein kann, dass ein Flug in den Urlaub günstiger ist als eine Zugfahrt in Deutschland.“ Die Diskussion um Butterberge, die historisch niedrigen Preise für Milch und Fleisch spielten ebenfalls eine Rolle, ein wenig Einschränkung fiele in diesen Bereichen nicht schwer. Fast schon vehement abgelehnt hingegen wird der verordnete Verzicht auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Lediglich 19 Prozent der Bevölkerung stimmen dafür, ab 2025 nur noch Elektroautos neu zuzulassen.

 

Anspruch und Wirklichkeit

Überzeugungen sind eines, konkretes Handeln etwas anderes: 45 Prozent der Befragten sagen, sie haben im letzten Jahr mehr regionale Produkte gekauft, 44 Prozent haben weniger Fleisch gegessen. Jeder Dritte gibt an, seltener geflogen zu sein, gut jeder Vierte ist seltener ins Auto gestiegen, jeder Fünfte hat mehr erneuerbare Energien bei Strom oder Heizung genutzt. Die Mehrheit steigt also (noch) nicht vom Auto aufs Fahrrad um und verzichtet auf Reisen in ferne Länder oder den Wochenendausflug nach London. Professor Gross ist zudem überzeugt, dass die Menschen ihr Verhalten zu optimistisch einschätzen. „Es gibt eine Kluft zwischen Wissen und gefühltem Druck beim Thema Klimaschutz auf der einen und dem Handeln dafür auf der anderen Seite“, sagt er. In der Tat steigen laut Statistik die Passagierzahlen an deutschen Flughäfen, der Fleischkonsum ist nicht gesunken. Doch klimabewusster Konsum wird dem Einzelnen nicht gerade leicht gemacht: „Wer beispielsweise entsprechend einkauft, hat mehr Aufwand und kommt dennoch nicht um klimaschädliche Produkte oder Verpackungen herum“, so Ellen Matthies.

 

Aufgabe für alle

Die Menschen fordern mehr Klimaschutz, befürworten durchaus drastische Massnahmen, verändern das eigene Verhalten aber eher zögerlich. „Diese Ergebnisse zeigen, dass den Menschen immer klarer wird, dass sie Teil eines Systems sind, das sie nicht mit ihrem Portemonnaie und ihrer Zeit in Ordnung bringen können“, sagt Ellen Matthies. „Viele sehen, dass unser Land reich ist, weil es Jahrzehnte davon profitiert hat, dass es keine Einschränkungen im CO2-Ausstoss gab.“ Die Menschen sind bereit, am Klimaschutz mitzuwirken, selbst wenn dies Abstriche am Lebensstil oder höhere Preise bedeutet. „Allerdings muss es dabei gerecht zugehen, dies zeigt die hohe Zustimmung für Verbote“, erklärt Professorin Matthies. Die Menschen in Deutschland fordern also beim Klimaschutz vor allem politisches Handeln. Sie setzen auf Regelungen für alle, damit am Ende nicht der Einzelne der Dumme ist.

 


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