Reden ist Trumpf
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Familie & Leben

Reden ist Trumpf

Eine aktuelle Umfrage lüftet das Geheimnis glücklicher Beziehungen

Ausgabe: März 2013 Autor: CHRISANNA NORTHRUP, PEPPER SCHWARTZ UND JAMES WITTE

Eine weltweit durchgeführte Internetumfrage mit 70 000 Personen verrät, was Paare wirklich glücklich macht. An erster Stelle steht weder Sex noch Freundschaft. Die Teilnehmer sind sich einig: Miteinander reden ist das Wichtigste in einer glücklichen Partnerschaft. Was die Autoren der Studie außerdem herausgefunden haben, lesen Sie auf den folgenden Seiten ...

Roxana, 37, und Constantin, 33, aus Bukarest sind seit zehn Jahren verheiratet und haben einen siebenjährigen Sohn. „Wir reden über alles“, sagt Roxana, „über unser Kind, die Familie, Geld, Arbeit oder Sex.“ Auch während eines hektischen Arbeitstags. Dazu bemerkt Constantin: „Jeden Tag schicke ich ihr eine SMS oder frage per E-Mail, ob alles in Ordnung ist.“ Diese regelmäßige Kommunikation ist der Grundstein für den Erfolg ihrer Ehe, sind sich beide sicher.

Und genau das untermauert das Ergebnis der weltweiten Umfrage. Auf die Frage, welcher Aspekt ihrer Beziehung ihnen am meisten bedeute, war die Antwort „Kommunikation“ unangefochtener Sieger! Mehr als ein Drittel aller Männer und Frauen in den USA setzten diese an die Spitze, mit deutlichem Abstand zum zweitplatzierten Aspekt „Freundschaft“. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass miteinander reden tatsächlich ein wesentlicher Beziehungsfaktor ist, und zwar weltweit. Umfrageteilnehmer aus fast allen Ländern gaben an, dass ihnen dies am wichtigsten in ihrer Beziehung sei. Nur bei den Franzosen landete die Verständigung auf dem zweiten Platz, an erster Stelle wurde in diesem Land Zuneigung genannt.

Wir alle brauchen einen Menschen, mit dem wir so vertraut sind, dass wir über intimste Dinge sprechen, mit dem wir uns austauschen können, mit dem wir Spaß haben und der uns weiterbringt. Wir brauchen jemanden, bei dem wir sicher sind, dass er uns ehrlich und liebevoll die Meinung sagt, der uns zuhört und uns wirklich versteht und für den auch wir eine wichtige Bezugsperson sind.

Für viele Paare ist der Weg zur kommunikativen Harmonie allerdings schwierig. Als der 39-jährigen Hausfrau Sandra aus dem niederländischen Wilnis auffiel, dass ihr Ehemann John, 40, ein Finanzberater, immer verschlossener wurde und lieber fernsah oder seine E-Mails beantwortete, anstatt mit ihr zu reden, reagierte sie zunehmend verärgert. „Sobald ich ihm etwas sagen wollte, schien er mich komplett zu ignorieren.“ Sie wusste, dass es beruflich nicht gut lief, aber auch darüber redete er kaum. Im vergangenen Jahr schlug sie vor, professionelle Hilfe zur Rettung ihrer Beziehung zu suchen, und er stimmte zu. In den Gesprächen bei der Eheberatung erfuhr sie, dass das Unternehmen, dessen Geschäftsführer ihr Mann war, durch die Wirtschaftskrise große Einbußen erlitten hatte.

John berichtet: „Ich habe stets versucht, meine geschäftlichen Sorgen von Sandra fernzuhalten. Ich hätte nie gedacht, dass das für sie so frustrierend sein würde. Mittlerweile erzähle ich ihr, was mich beschäftigt. Dadurch hat sich unsere Beziehung enorm verbessert.“ Und Sandra ergänzt: „Ich bin wirklich froh, dass wir professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben.“

Letztlich geht es darum, nicht nur Informationen auszutauschen, sondern sich zu arrangieren, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hierzu bemerkt Oleg, ein Verkäufer aus Moskau, der seit neun Jahren mit der Modedesignerin Maria verheiratet ist: „Ob wir uns streiten? Ja, natürlich, aber nicht mehr so häufig wie früher. Und wir haben klare Regeln: Jeder darf seinen Standpunkt darlegen, dann suchen wir eine Lösung, mit der wir beide einverstanden sind.“

Nicht nur wichtige Gefühlsbereiche werden zugänglich, wenn man sich gut verständigt, auch die körperliche Seite einer Beziehung gewinnt so. Wünscht man sich beispielsweise von seinem Intimpartner mehr oder weniger Sex, braucht man Mut und Vertrauen, dieses Bedürfnis zu benennen. Und die Gewissheit, dass dieser Wunsch auch verstanden wird.

Wem gelingt das Kunststück der Kommunikation wohl besser: Männern oder Frauen? Tatsächlich liegen hier beide Geschlechter nahezu gleichauf, vor allem deshalb, weil viele von sich denken, sie seien gute Kommunikationspartner. Beispielsweise fanden 90 Prozent der US-amerikanischen Teilnehmer, dass sie in puncto Kommunikation eine gute oder sehr gute Note verdienten. Doch als wir die Teilnehmerinnen fragten, ob ihr Partner gut kommunizieren könne, verneinte dies ein Drittel vehement! Und ein Viertel der Männer war äußerst unzufrieden mit den kommunikativen Fähigkeiten ihrer Partnerin.

Die Kommunikation ist ein höchst komplexer Vorgang, bei dem man verbale, nonverbale sowie emotionale Signale senden und empfangen muss – und das beherrscht nicht jeder. Im Folgenden finden Sie sechs Tipps, die Ihnen helfen, Ihre Kommunikation zu verbessern.

1. Drei-Punkte-Regel

Damit können Sie die Kommunikation in einer Paarbeziehung grundlegend ändern, und das sogar in schwierigen Phasen. Erstens: Machen Sie es sich in einer ruhigen Ecke gemütlich, und hören Sie Ihrem Partner aufmerksam und ohne Unterbrechung zu. Zweitens: Beide Partner sollen erfahren, verstehen und respektieren, was der andere zum Glücklichsein braucht. Jeder überlegt sich die fünf wichtigsten Dinge, die ihn/sie am meisten begeistern oder interessieren und die er/sie am liebsten tut – wobei Partner und Kinder ausgenommen sind. Anschließend tauschen Sie die Liste aus und besprechen sie. Die Punkte, die den anderen glücklich machen, sind nicht verhandelbar! Drittens: Jeder schreibt in der Reihenfolge der Wichtigkeit fünf Dinge auf, die der Partner tun könnte, um den anderen glücklicher zu machen: Finden Sie nun einen Kompromiss, der Ihren Wünschen gerecht wird. Das ist einfach und sehr effektiv, wenn Sie ehrlich verhandeln und ernsthaft versuchen, eine Vereinbarung zu finden und einzuhalten.

2. Richtig zuhören

Die simpelste Regel lautet: zuhören, was der Partner sagt. Das klingt vielleicht einfach, doch richtiges Zuhören erfordert Konzentration und Offenheit. Männer wie Frauen beklagen, dass sie nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Partners haben. Und wie kann man dann sicher sein, dass man verstanden wird?

Hilfestellung bietet die therapeutische Methode „Imago“, mit der man das Gespräch verlangsamt und die Kommunikation intensiviert. Eine der Übungen besteht darin, dass ein Partner eine Aussage macht und der andere zuhört. Dann wiederholt der Zuhörer das Gesagte. Erst wenn beide bestätigen, dass sie die Aussage richtig verstanden haben, tauschen sie die Rollen. Diese Übung wird im Wechsel durchgeführt, sodass beide Partner ihre Fähigkeiten im Reden und Zuhören trainieren können.

Bei dem seit 18 Jahren verheirateten ungarischen Ehepaar Martha und Zoltan hat die Imago-Methode funktioniert. Zoltan, Führungskraft in einem großen Unternehmen, hatte zu Hause nicht über seine beruflichen Probleme geredet. Er suchte stattdessen die Nähe zu einer jungen Arbeitskollegin und hatte schließlich eine Affäre mit ihr.

Ein Therapeut hat ihnen mit dieser Methode geholfen, ihre Ehe zu retten. Nach ein paar Monaten redeten sie wieder ehrlich miteinander. Mittlerweile ist der tägliche Austausch fest eingeplant. „Wir haben unsere Lektion gelernt“, sagt Martha, „wir müssen genau zuhören und verstehen, was der andere sagt.“

3. Zeit zum Reden

Planen Sie regelmäßig Zeit zum Reden ein – die Tageszeit spielt keine Rolle. Sind Sie beide früh wach, reden Sie im Bett oder morgens bei einer Tasse Kaffee miteinander. Sind Sie Nachteulen, entspannen Sie nach der Arbeit oder nach dem Abendessen zu zweit. Machen Sie die Zweisamkeit zum abendlichen Ritual, dann profitiert Ihre Beziehung, indem Sie ihre Gedanken, Erlebnisse und persönlichen Gefühle mit Ihrem Partner teilen.

Jeanne und Pascal aus Frankreich, Mitte 50 und seit zehn Jahren ein Paar, haben das Frühstück zur Redezeit erklärt. Sie gehen auch oft miteinander spazieren. „Wir finden immer Zeit zum Reden – für uns ist das wichtig“, erklärt Jeanne. „Wenn ich das Gefühl habe, wir sind uns nicht mehr nahe, sage ich es ihm. Das passiert, wenn wir beide beruflich besonders eingespannt sind.“

4. Sprechen Sie es aus!

Ein weiterer, simpler Tipp in Sachen Kommunikation: Wenn Sie an etwas Positives denken, erzählen Sie es Ihrem Partner, anstatt es für sich zu behalten. Sagt Ihr Partner etwas Anrührendes – teilen Sie ihm das mit! Der gegenseitige Gedankenaustausch führt nahezu unweigerlich zu einer stabileren emotionalen Bindung.

5. Auszeit

Vielleicht haben Sie noch die Stimme Ihrer Mutter im Ohr: „Geh niemals mit Groll ins Bett!“ – Doch in Beziehungen ist das nicht immer der bestmögliche Rat. Häufig ist es sinnvoller, mit dem Reden zu warten, bis die Emotionen sich beruhigt haben, statt zu versuchen, während des Streits die Ursache des Problems zu finden. Verabreden Sie sich besser für eine Aussprache am nächsten Tag, und versuchen Sie bis dahin, nicht miteinander zu reden. Nach einer Pause gelingt es oft besser, sachlich zu bleiben und den anderen nicht zu verletzen.

6. Holen Sie Hilfe

Um einen zur Normalität gewordenen Teufelskreis zu stoppen, muss das negative Verhalten beendet werden. Und wenn Sie das Gefühl haben, es gibt nichts mehr zu sagen? Ist das Gespräch mit Ihrem Partner nur noch qualvoll und kontraproduktiv, dann brauchen Sie einen unabhängigen Dritten, der Ihnen hilft.

Die 29-jährige Lehrerin Mariana unterrichtet an einer Schule in Bukarest und ist seit acht Jahren mit dem Maschinenbauingenieur Bogdan, 31, verheiratet. Jeden Tag nach dem Abendbrot setzte sich Bogdan zum Arbeiten an seinen Computer. Mariana hingegen wünschte sich, dass sie etwas miteinander unternehmen würden. Ihre Versuche darüber zu sprechen endeten meist im Streit.

Das Paar stand kurz vor der Scheidung, als es sich Ende 2010 dazu entschloss, eine Eheberaterin aufzusuchen. Allmählich begannen sie, wieder miteinander zu reden, wurden offener und teilten sich einander mit. Die Psychologin Roxana Olaru erklärt: „Man spürte, dass sie ihre Beziehung wirklich retten wollten.“ Über einen Zeitraum von zehn Monaten lernte Mariana, weniger kritisch zu sein, und Bogdan begann, über seine Gedanken und Gefühle zu reden. Die beiden sind zusammengeblieben.

Gehen Sie, wenn nötig, zu einer Eheberatung oder Beziehungstherapie. Schließlich möchte niemand in einer freud- oder lieblosen Beziehung leben, wenn es so einfach ist, das zu ändern.

Wollen Sie mehr zu diesem Thema wissen? Auf www.thenormalbar.com finden Sie die Umfrage in englischer Sprache und können mitmachen.

AUS: THE NORMAL BAR, © 2013 CHRISANNA NORTHRUP, PEPPER SCHWARTZ UND JAMES WITTE. VERÖFFENTLICHT BEI CROWN ARCHETYPE, RANDOM HOUSE, NEW YORK


 

RD Abbinder
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