Schon davon gehört? Schräge europäische Traditionen
© istockfoto.com / nito100
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Schon davon gehört? Schräge europäische Traditionen

Das ganze Jahr über  gehen Menschen in Europa ungewöhnlichen Bräuchen nach. Hier eine kleine  Auswahl.

Ausgabe: Dezember 2020 Autor: Tim Hulse

  • 19. Januar, Osteuropa: Kreuzschwimmen

    Tiefster Winter, die Temperaturen liegen nicht selten unter null Grad. Dann findet in Osteuropa in eiskalten Gewässern von Serbien bis Russland, vom Schwarzen Meer bis zum Bosporus das sogenannte Kreuzschwimmen statt, wenn die orthodoxen Gläubigen am 19. Januar der Taufe Jesu im Jordan gedenken. Ein Priester wirft ein hölzernes Kreuz in die Fluten, und unter dem Jubel der Menge stürzen sich die Schwimmer ins Wasser. Wer das Kreuz als Erster erreicht, der erhält einen Sondersegen. Der Legende nach steht ihm ein erfolgreiches Jahr bevor.
  • Mitte Januar bis Mitte Februar, Island: Festessen mit Schafskopf

    Gibt es etwas Besseres als ein Festmahl, um durch den Winter zu kommen? Wie klingen für Sie eingelegte Hammelhoden, fermentierter Hai und gekochter Schafskopf? Dazu noch einen Teller über Schafskot geräuchertes Lamm? Das alles ist Teil der herzhaften traditionellen Küche, die gereicht wird, wenn die Isländer Thorrablot feiern, ein Mittwinterfest, das bereits in vorchristlicher Zeit begangen wurde. Runtergespült wird das Ganze mit Brennivin, einem starken Kräuterschnaps, der liebevoll auch als „Schwarzer Tod“ bezeichnet wird. Wohl bekomm’s!
  • 25. Januar, Schottland: Haggis-Essen

    Um sich nicht von den Isländern ausstechen zu lassen, servieren die Schotten zum Geburtstag ihres Nationaldichters Robert Burns riesige Würste, die Herz, Leber und Lunge vom Schaf enthalten und traditionell in den Magen des Tiers gewickelt werden. Die Rede ist vom berühmten Haggis, dem Höhepunkt des jährlichen Burns Supper. Während dem Gericht ein Messer in die „dampfenden Eingeweide“ gerammt wird, tragen die Gäste Burns’ Gedicht Adress to a Haggis vor.
  • 1. März, Griechenland: Marti-Armband

    In Griechenland ist es üblich, am letzten Februartag ein rot-weißes, geflochtenes Armband zu kaufen und es dann den März über zu tragen. So feiern die Griechen den nahenden Frühling, außerdem soll das Armband Sonnenbrand verhindern. Die Tradition des Marti-Armbands (nach dem griechischen Wort für März) kennt man auch in Balkanstaaten. In ländlichen Gebieten ist es üblich, sein Armband an den ersten blühenden Baum zu binden, den man sieht – oder an einen Rosenbusch, wenn man eine Schwalbe gesehen hat.
  • 8. März, Italien: La Festa della Donna

    Der Internationale Frauentag wird seit mehr als einem Jahrhundert rund um den Globus begangen. An diesem Feiertag werden die Leistungen der Frauen gewürdigt. In Italien hat La Festa della Donna mehr Ähnlichkeit mit dem Valentinstag oder dem Muttertag. Frauen erhalten an diesem Tag von den Männern in ihrem Leben einen Strauß Mimosen. Auch beim Essen wird das Motto der gelben Mimosen aufgegriffen, es gibt beispielsweise Linguine mimosa (Nudeln, die mit Currypulver gefärbt wurden). Außerdem ziehen viele Frauen in Gruppen los und machen sich einen schönen Abend.
  • 1. April, Frankreich: poisson d’avril

    Wie in vielen anderen Ländern spielt man auch in Frankreich seinen Mitmenschen am 1. April gern Streiche. Für Schulkinder gibt es mit dem poisson d’avril (Aprilfisch, s. Foto oben) noch eine zusätzliche Möglichkeit, etwas Spaß zu haben. Dabei geht es darum, anderen Menschen einen Papierfisch am Rücken zu befestigen, ohne dass diese es merken. Diese Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück.
  • 2. April, Norwegen: Påskekrim

    Die beiden jungen norwegischen Autoren Nordahl Grieg und Nils Lie hätten sich wohl niemals träumen lassen, was sie mit ihrer Aktion in Gang brachten. Am Palmsonntag 1923 platzierten sie auf der Titelseite der Zeitung Aftenposten eine vermeintlich wahre Geschichte, um ihren neuen Kriminalroman zu bewerben. „Bergenbahn in der Nacht geplündert!“ lautete die Schlagzeile, und viele Leser hielten den Bericht für echt. Das war der Auftakt für die Tradition des Påskekrim, des Osterkrimis in vielen Medien.
    Die Feiertage verbringen viele Norweger in ihren Skihütten auf dem Land. „In meiner Jugend waren diese Hütten sehr primitiv, es gab keinen Strom. Wir lauschten jeden Abend dem batteriebetriebenen Radio und erhielten so unsere Dosis Krimi“, erzählt Katrina Swift. „Heute gibt es immer noch eine besondere Radioreihe und eine TV-Serie.“ Norwegens größter Molkereikonzern Tine bedruckt in der Osterzeit seine Milchkartons mit einem Påskekrim-Cartoon. Wer den Fall korrekt löst, kann einen Preis gewinnen.
  • 5. April, Tschechien, Slowakei: Schmackostern

    In Tschechien, der Slowakei und Teilen Ungarns begeht man am Ostermontag Schmackostern (pomlázka in Tschechien). Dazu wird aus mehreren Weidenzweigen ein Stock mit einem Band am Ende geflochten, mit dem man dann Frauen schlägt. Das sorgt angeblich dafür, dass sie den Rest des Jahres über hübsch, fruchtbar und gesund bleiben. Heutzutage bedeutet „schlagen“ zum Glück nicht mehr als ein leichtes Anstupsen.
  • 1. Mai, Finnland & Tschechien: Vappu & Küsse unterm Baum

    Für Finnlands Studenten markiert Vappu nicht nur den Beginn des Sommers, sondern auch das Ende des Studienjahrs. Die Studenten ziehen sich farbenfrohe Overalls an, setzen weiße Mützen auf und feiern. Vappu ist aber nicht nur ein Fest für Studenten, das gesamte Land wird von einer Art Karnevalsstimmung erfasst.

    In Tschechien geraten am 1. Mai die Gefühle in Wallung. Gemäß einer jahrhundertealten Tradition stellen sich Paare unter einen blühenden Baum und küssen sich. Wer sich nicht daran hält, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Eine ungeküsste Frau verwelke und sterbe innerhalb der nächsten zwölf Monate, heißt es.
  • 23. Juni, Dänemark, Lettland & Schweden: Mittsommernacht

    Wenn die Sommersonnenwende naht, kann es in einigen Regionen der Welt schon recht wild zugehen. In vielen europäischen Ländern werden dann Feuer angezündet, um die kürzeste Nacht des Jahres und den Johannistag zu feiern. Die Dänen gehen mit dem Fest Sankt Hans Aften noch einen Schritt weiter, wenn sie auf dem Scheiterhaufen unter Absingen eines patriotischen Lieds eine Hexenpuppe verbrennen. Diese steht symbolisch für alles Leid, das Dänemark abwenden will, und das Lied zelebriert die Hoffnung auf Frieden.

    Ebenfalls an der Ostsee begehen die Letten die Mittsommernacht auf ihre ganz eigene Weise. An Ligo gehen die Menschen nach draußen, stehen gemeinsam am offenen Feuer und warten auf den Sonnenaufgang. Frauen pflücken Blumen, die sie sich ins Haar stecken, während von den Männern erwartet wird, nackt in den nächsten See oder Fluss zu springen. In Schweden wird an dem Freitag, der jeweils zwischen den 19. und 26. Juni fällt, eine Maibaum-ähnliche Konstruktion aufgestellt. Beim Tanz um den Baum imitieren die Menschen dann Amphibien. Små grodorna (kleine Frösche) heißt das traditionelle Lied, bei dem man hüpfend einen Frosch nachahmt und im Refrain quakt.
  • 5. November, Großbritannien: Bonfire Night

    Selbst den meisten Briten dürfte nicht bewusst sein, dass Hass auf Katholiken die Wurzeln der Guy Fawkes Night bilden. Sie wissen zwar aus dem Geschichtsunterricht, dass Fawkes 1605 das House of Lords während der Parlamentseröffnung sprengen wollte. Weniger bekannt ist, dass Fawkes und seine Mitverschwörer König Jakob I. ermorden wollten, um dessen neunjährige katholische Tochter Elisabeth auf den Thron zu bringen. Zum Glück für den König wurde Fawkes verhaftet, bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. In Gedenken an den Tag landeten das 17. Jahrhundert hindurch regelmäßig Abbilder des Papstes auf Scheiterhaufen. Heute ist dieser Symbolismus nahezu vergessen und die Bonfire Night, wie sie meist genannt wird, ist ein Anlass für spektakuläres Feuerwerk.
  • 8. Dezember, Spanien: Cagatió

    Wer um Mariä Empfängnis herum in den spanischen Regionen Katalonien und Aragonien einen Privathaushalt betritt, muss darauf gefasst sein, dort eine seltsame Kreatur – mit einem Holzscheit als Körper – vorzufinden, die in eine Decke gehüllt ist. Das ist Cagatió. Vor Weihnachten, „füttern“ die Kinder ihren Scheit mit Brot, Orangenschalen oder Bohnen. Heiligabend schlagen sie den Scheit dann mit einem Stock und verlangen, dass er Geschenke „scheißt“ (spanisch: cagar). Und tatsächlich – zieht man Cagatió die Decke weg, kommen Geschenke zum Vorschein.
  • 13. Dezember, Skandinavien & Ungarn: Luciafest

    Die Heilige Lucia war eine christliche Märtyrerin, die im 4. Jahrhundert starb. Sie gilt sie auch als Hüterin des Lichts zu Winterzeiten. In Schweden, Norwegen, Dänemark und Teilen Finnlands finden zum Luciafest Prozessionen statt, bei denen junge Mädchen brennende Kränze auf dem Kopf tragen und Jungen traditionelle Lieder singen. Zu Hause serviert die älteste Tochter dem Rest der Familie Kaffee und Hefegebäck mit Safran. In Ungarn wird am Luciafest Getreide in einem kleinen Topf gepflanzt. Triebe, die bis Weihnachten wachsen, gelten als Symbol dafür, wie aus Tod Leben entstehen kann.
  • 26. Dezember, Irland: Wren Day

    Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beging nahezu ganz Irland den zweiten Weihnachtsfeiertag, indem Jungs ihre Gesichter bemalten, alte Klamotten anzogen und singend, tanzend und musizierend von Tür zu Tür zogen. Sie hatten einen toten Zaunkönig (wren) dabei, weshalb die Feierlichkeiten als Wren Day bekannt sind. Bei jedem Haus, das sie aufsuchten, forderten sie Geld „für die Beerdigung des Zaunkönigs“. Zum Glück für die Vögel ist dieser Brauch so gut wie ausgestorben und hat sich heute zu einer farbenfrohen Parade gewandelt, bei der sich die Teilnehmer manchmal mit Stroh verkleiden. Zaunkönige kommen nicht zu Schaden.
  • 31. Dezember, Deutschland & Spanien: Dinner for One & 12 Trauben

    „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ – „The same procedure as every year, James.“ Dieser Dialog spielt eine zentrale Rolle in Dinner for One, einem Sketch aus dem Jahr 1963, der auf einer britischen Kabarettnummer aus den 1920er-Jahren basiert. Die Hauptrolle spielt ein Butler, der seiner aristokratischen Arbeitgeberin bei einem Dinner aufwartet und dabei immer betrunkener wird, weil er stellvertretend für die anderen Gäste – die freilich längst verstorben sind – immer wieder mit ihr anstößt. Seit 1972 ist es für die Deutschen zur same procedure as every year geworden, am Silvestertag Dinner for One im TV zu schauen. Denn seither läuft die Sendung jeden Silvesterabend im Fernsehen.

    In Spanien kommen Familien zum Jahresausklang zusammen und essen zwölf Weintrauben, eine für jeden Glockenschlag, der das neue Jahr einläutet. Diese Sitte wurde im frühen 20. Jahrhundert von Winzern aus der Region Alicante populär gemacht, die nach einer guten Ernte nach Möglichkeiten suchten, ihr Überangebot an Trauben loszuwerden. Heute kann man in Supermärkten Behälter kaufen, die exakt zwölf Trauben enthalten.


    Mehr zu diesem Thema

    Aus der
    aktuellen
    Ausgabe

    Lachen

    Amüsant und absurd: Geschichten über idiotische Gesetze in aller Welt.

     

    ...mehr
    Aus der
    aktuellen
    Ausgabe

    Familie & Leben

    Andere Länder, andere Fastnachts-Bräuche: In Ivrea tobt zur Fastnacht die Orangen-Schlacht, in der Dominikanischen Republik feiern hinkende Teufel.

    ...mehr

     

    RD Abbinder
    RD Abbinder
    RD Abbinder

    Reader’s Digest Schweiz: Das Beste AG - Postfach 8086 Zürich