Weltkugel mit Plastikmüll
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So sagen wir Plastik den Kampf an!

Mit verschiedenen Ideen versuchen zahlreiche Länder die globale Umweltkrise zu bekämpfen.

Ausgabe: April 2022 Autor: Lola Méndez

Weltweit kommen jedes Jahr etwa 500 Milliarden Einwegplastiktüten in Umlauf. Im Schnitt wird jede dieser Tüten nur zwölf Minuten lang genutzt, bevor sie im Müll landet. Und bis das Plastik abgebaut ist, dauert es mehr als 1000 Jahre. Ändern wir unser Verhalten nicht, wird es 2050 rund zwölf Milliarden Tonnen Plastikmüll auf der Erde geben. Dabei gibt es in den Meeren einem Bericht des Weltwirtschaftsforums von 2016 zufolge schon heute mehr Plastik als Fische.
Es besteht aber Grund zur Hoffnung: 2018 setzten 127 Länder Richtlinien über die Verwendung von Plastiktüten um. 2019 verpflichteten sich 170 Länder, Plastik bis 2030 „erheblich zu reduzieren“. Und im November 2021 auf dem Klimagipfel in Glasgow stellte die britische Universität Plymouth ihr Global Plastics Policy Centre vor, das Lösungen für diese Art der Umweltverschmutzung finden soll. Hier die kreativen Ansätze einiger Länder, wie Kunststoffprodukte aus dem Alltag verbannt werden können:

 

Antigua und Barbuda: Finanzielle Anreize

Der karibische Inselstaat Antigua und Barbuda verbot 2016 Einwegplastiktüten. Um umweltfreundliche Alternativen zu fördern, erhebt die Regierung auf Taschen aus Zuckerrohr, Bambus, Papier und Kartoffelstärke keine Steuern. Ausserdem verteilen grosse Supermärkte kostenlos wiederverwendbare Einkaufstaschen, die von Schneiderinnen und Schneidern vor Ort genäht werden.

 

Bali: Recycling und Kreativität

Auf ungewöhnliche Art überzeugte die 2013 von Jugendlichen gegründete Initiative Bye Bye Plastic Bags die Regierung der indonesischen Insel Bali, Tüten und Strohhalme aus Plastik nach und nach abzuschaffen. Zuerst veranstaltete sie eine Modenschau mit Kleidung aus recyceltem Müll. Anschliessend startete sie eine Kampagne, um ein Dorf komplett von Plastiktüten zu befreien. Daraus entwickelten sich jährliche Müllsammelaktionen auf der ganzen Insel. Zudem wurde ein Sozialunternehmen gegründet, in dem Frauen Arbeit erhalten und nachhaltige Taschen herstellen. Die indonesische Zentralregierung folgt Balis Beispiel und hat zugesagt, den Plastikmüll im Meer bis 2025 um 70 Prozent zu reduzieren.

 

Costa Rica: Eine Zukunft ohne Plastikabfall

Das mittelamerikanische Land gehörte zu den ersten Regionen der Welt, die sich zur Abschaffung von Einwegprodukten wie Tüten, Flaschen, Besteck und Strohhalmen verpflichteten. Deshalb erhielt Costa Rica 2019 den Champions of the Earth Award – den bedeutendsten Umweltpreis der Vereinten Nationen. Die Regierung investiert in die Suche nach Alternativen für Kunststoffprodukte wie Taschen aus Maniok oder Essensboxen aus Zuckerrohr. Zudem sollen künftig 80 Prozent der Einwegplastikverpackungen durch solche aus erneuerbaren Materialien ersetzt werden, die innerhalb von sechs Monaten biologisch abbaubar sind.

 

Guatemala: Methoden der Vorfahren

Vor sechs Jahren beschloss eine Dorfgemeinschaft in dem mittelamerikanischen Land, sich an die Spitze der Bewegung gegen Einwegplastik zu setzen. Mit ihrem Verbot gab die Gemeinde San Pedro La Laguna den Anstoss zum ersten kommunalen Gesetz gegen Einwegplastik im ganzen Land. Die Verwaltung stellt den Bürgern wiederverwendbare Alternativen wie Gummikörbe zur Verfügung. Die Dorfbewohner verwenden nun wie ihre Vorfahren häufig hoja de maxán (grosse Calathea-Blätter), um Fleisch zu verpacken, und Stoffservietten, um Tortillas zu halten. Diese Umstellung hat viele andere Kommunen in dem Land dazu angeregt, Einwegplastik ebenfalls zu verbieten.

 

Indien: Praktische Wiederverwendung

Trotz verschiedener lokaler Beschränkungen gibt es in vielen indischen Bundesstaaten immer noch Einmalplastiktüten, vor allem seit Ausbruch der Pandemie. Indiens Zentralregierung hat deshalb inzwischen ein Verbot der meisten Einwegplastikprodukte angekündigt, das im Juli 2022 in Kraft tritt. Jetzt schon werden im Bundesstaat Kerala Bananenblätter statt Plastikteller verwendet und in Rajasthan werden getragene Saris zu Einkaufstaschen umfunktioniert. Im Rest des Landes nutzt man Jute als ideales Ersatzmaterial für Taschen.

 

Jamaika: Kein Import von Einwegplastik

Bereits vor drei Jahren verbot der karibische Inselstaat die Einfuhr, Herstellung und den Vertrieb von Einwegtüten und Strohhalmen aus Plastik. Stattdessen haben junge heimische Unternehmen Alternativen wie Bambusbesteck und Schüsseln aus Kokosnussschalen entwickelt.

 

Luxemburg: Mehrwegtaschen

Seit 2004 ersetzt die luxemburgische Regierung zusammen mit dem Recycling-Unternehmen Valorlux die Einwegplastiktüten im ganzen Land durch die sogenannte Öko-Tut, eine wiederverwendbare Tasche. An dem Programm beteiligen sich rund 60 Einzelhändler. Dank der Öko-Tut spart das Land mit seinen 632.000 Einwohnern mehr als 1,1 Milliarden Einwegplastikbeutel ein.

 

Mexiko: Heimische Materialien

In ganz Mexiko engagieren sich Bürger für den Ersatz von Kunststoffen durch umweltfreundlichere Materialien. Ausserdem hat die Regierung des Bundesstaats Baja California Sur 2018 ein Gesetz gegen die Verwendung von Einwegplastik verabschiedet. Zu den vor Ort produzierten Alternativen gehören unter anderem Stroh aus Agavenfasern, und das Unternehmen Biofase stellt Besteck aus Avocadokernen her. Bisher haben mehr als 85 Prozent der mexikanischen Bundesstaaten den Einsatz von Einwegplastiktüten gesetzlich untersagt. Das 2020 erlassene Verbot in Mexiko-Stadt führte dazu, dass die Menschen Getreide und Gewürze wieder in traditionellen Papiertüten einkaufen.

 

Neuseeland: Weitreichendes Plastikverbot

Als die Regierung 2019 Einwegplastiktüten verbot, hatten sich die Unternehmen des Landes bereits Alternativen überlegt. Zwölf von ihnen verpflichteten sich dazu, spätestens 2025 nur noch zu 100 Prozent wiederverwertbare Verpackungen zu verwenden. Doch den Volksvertretern reicht das nicht. 2022 wird das Verbot für Einwegplastik auf andere Produkte ausgeweitet, die bestimmte Kunststoffe enthalten, etwa Feuchttücher und Kaffeebecher.

 

Ruanda: Vorreiter und Vorbild

Plastiktüten sind mittlerweile in vielen afrikanischen Ländern verboten – in 34 von insgesamt 54. Ruanda, der ostafrikanische Staat, war das erste Land auf dem Kontinent, das bereits 2008 aktiv wurde. Elf Jahre später tat er erneut den ersten Schritt zur vollständigen Abschaffung von Einwegplastik. Ruandas Verbot ist übrigens nicht das strengste: In Kenia können Unternehmen für den Import, die Herstellung oder den Verkauf von Plastiktüten mit Geldbussen von bis zu 40.000 US-Dollar belegt werden. Das oft als Afrikas sauberstes Land gepriesene Ruanda hat sich diesen Titel aber noch durch weitere Entscheidungen verdient – unter anderem, weil es einen monatlichen „Kehrtag“ einführte.

 

Thailand: Wirtschaftsinitiative

Die Supermarktkette Rimping erregte 2019 grosse Aufmerksamkeit, als Bilder von Obst und Gemüse auftauchten, das in Bananenblätter gewickelt war statt in Plastikfolie. Diese Blätter werden zwar in verschiedenen Kulturen verwendet, um Lebensmittel zu verpacken, doch noch nie hat eine Supermarktkette sie dafür genutzt. Im Jahr darauf beschlossen 75 Einzelhändler, keine Einwegplastiktüten mehr an Kunden auszugeben.

 

 

So vermeiden Sie Plastikmüll

In der EU sind zahlreiche Einwegplastikprodukte wie Trinkhalme, Rühr- und Wattestäbchen, Luftballonstäbe oder Einweggeschirr aus konventionellem Plastik sowie aus „Bioplastik“ seit dem 3. Juli 2021 verboten. Auch sogenannte To-go-Becher und Einwegbehälter aus Styropor dürfen in der EU nicht mehr produziert und in den Handel gebracht werden. In Deutschland gilt seit Jahresbeginn das „Erste Gesetz zur Änderung des Verpackungsgesetzes“, das Einwegplastiktüten mit einer Wandstärke von unter 50 Mikrometer verbietet. In Österreich gilt ein ähnliches Verbot bereits seit Anfang 2020, in der Schweiz gibt es bislang noch kein allgemeines Verbot. Die Deutsche Umwelthilfe fordert, ganz auf Einwegprodukte zu verzichten, weil zum Beispiel auch bei der Herstellung von Papiertüten viel Wasser und Energie verbraucht wird. Verwenden Sie beim Einkaufen deshalb am besten Mehrwegtaschen aus Kunststoffen wie Polyester. Je häufiger sie benutzt werden, desto umweltfreundlicher sind sie letztlich. So ist eine Mehrwegtragetasche bereits nach drei Nutzungen umweltfreundlicher als eine Einwegplastiktüte.

Mehrwegtragetaschen werden vorwiegend aus recyceltem Material hergestellt, Einwegplastiktüten dagegen eher aus Rohöl. Auch mitgebrachte Stofftaschen, Körbe oder Rucksäcke sind gute Alternativen zu den in Supermärkten inzwischen häufig angebotenen Tragetaschen aus Papier.

 

 

 


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