Ein Blitz schlägt auf dem Feld hinter der Hecke ein.
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Wenn der Blitz einschlägt

Die Wahrscheinlichkeit, einen Blitzschlag zu überleben, liegt bei 90 Prozent. Doch was passiert, wenn einige Hunderttausend Volt durch den Körper jagen?

Ausgabe: September 2019 Autor: Charlotte Huff

Justin Gauger wünscht sich, dass die Erinnerungen daran, wie er vom Blitz getroffen wurde, nicht so lebhaft wären. Als an einem Augustnachmittag vor mehr als drei Jahren plötzlich ein Gewitter aufzog, war der Angler aus dem US-Bundesstaat Arizona zunächst begeistert. Bei Regen würden die Forellen besser anbeissen, erklärte er seiner Frau Rachel. Als der Regen jedoch in Hagel überging, suchten Rachel und ihre beiden Kinder im Auto Zuflucht. Nachdem die Hagelkörner immer grösser wurden, griff sich der Angler den Klappstuhl und hielt ihn als Schutz über den Kopf, während er zum Fahrzeug rannte. Plötzlich hörte er einen lauten Knall und fühlte einen mörderischen Schmerz. „Mein Körper war wie gelähmt – ich konnte mich nicht mehr bewegen“, erinnert sich Gauger. „Ich war wie in weisses Licht getaucht, als steckte ich in einer Blase. Und alles schien in Zeitlupe abzulaufen.“

Ein Paar, das sich unter einem Baum in der Nähe in Sicherheit gebracht hatte, lief zu ihm. Später erzählten sie, er habe sich an dem Stuhl festgeklammert. Sein Körper rauchte, die Ohren klingelten, als Gauger wieder zu sich kam. „Nachdem mir bewusst wurde, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte, drehte ich völlig durch.“ Während des Gesprächs fährt Gauger mit der Hand über seinen Rücken, um zu demonstrieren, wo er Brandwunden hatte: von der rechten Schulter diagonal über seinen Torso bis zu den Aussenseiten seiner Beine. Er hält seine Stiefel hoch und zeigt die Verbrennungen im Inneren der Stiefel. Diese tiefen, dunklen, rundlichen Flecken passen zu den verbrannten Stellen an den Socken, die er trug – und zu den münzgrossen Verbrennungen an beiden Füssen.

Gesundheitliche Folgen eines Blitzschlags

Mehr als 4000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit infolge von Blitzschlägen, belegen Daten aus 26 Ländern. Mary Ann Cooper gehört zu einer kleinen Gruppe von Ärzten, Meteorologen und Elektroingenieuren, die der Frage nachgehen, wie Blitze Menschen verletzen und wie man das verhindern kann. Die pensionierte Notfallmedizinerin erforscht seit Langem Blitzeinschläge beim Menschen. Neun von zehn Menschen, die vom Blitz getroffen werden, überleben. Die Liste möglicher kurzfristiger und langfristiger Folgen ist jedoch lang: Herzstillstand, Verwirrtheit, Krämpfe, Muskelschmerzen, Taubheit, Kopfschmerzen, Erinnerungslücken, Konzentrationsschwierigkeiten, Persönlichkeitsveränderungen, chronische Schmerzen und mehr. Viele Überlebende erfahren eine Veränderung der Persönlichkeit und der Stimmung, manchmal treten auch schwere Depressionen auf. Cooper vergleicht das Gehirn, das durch einen Blitz neu verdrahtet wird, mit einem Computer, den ein Stromschlag zerstört hat. Wenn man vom Blitz getroffen wird, geht es so schnell, dass nur ein winziger Bruchteil der freigesetzten Elektrizität durch den Körper schiesst. Der Grossteil der Spannung fliesst auf der Körperoberfläche ab, wie in einem Übersprung, erklärt Cooper.

Äussere Verbrennungen entstehen, wenn der Blitz mit Schweiss oder Regentropfen auf der Haut in Kontakt kommt. Verdampft das Wasser, dehnt es sich aus und kann zu einer Art „Dampfexplosion“ führen. Wie der Dampf reagiert, hängt auch vom Material der Kleidung ab. Eine Lederjacke kann den Dampf stauen, was Hautverbrennungen nach sich zieht. Polyester schmilzt bis auf wenige Überreste. Die grosse elektrische Ladung des Blitzes kann zum Herzstillstand führen, erläutert Dr. Chris Andrews, Medizinprofessor und Blitzforscher an der University of Queensland, Australien. Zum Glück verfügt das Herz über einen natürlichen Schrittmacher und kommt meist allein wieder in Gang.

Ein Blitz ist allerdings imstande, auch die Region des Gehirns lahmzulegen, welche die Atmung kontrolliert. Da dieser Bereich über keine Automatik verfügt, sind die Sauerstoffspeicher eines Menschen schnell aufgebraucht. Das kann zu einem erneuten Herzstillstand führen – zu einem tödlichen. Überlebende berichten regelmässig von Schäden an Augen und Ohren. Manche entwickeln grauen Star oder erleiden dauerhafte Einschränkungen des Gehörs. Besonders gefährlich ist es, wenn der Blitz durch die Ohren eintritt. Dann gelangt der Strom unter Umständen rasch in die Gehirnregion, die die Atmung kontrolliert.

Zu den beliebten Zielen von Blitzen zählen isoliert stehende, aufragende Dinge – Bäume, Strommasten, Gebäude und gelegentlich auch Menschen. Von der Entstehung eines Blitzes bis zum Einschlag im Boden vergeht nur eine Zehntelsekunde. Glaubt man dem Volksmund, beträgt die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, eins zu einer Million. Doch das ist irreführend, meint Meteorologe Ron Holle. Er stört sich an der Formulierung „getroffen“, denn sie impliziere, dass der Blitz den Körper direkt treffe. Forscher haben errechnet, dass direkte Blitzeinschläge für höchstens 3 bis 5 Prozent der Verletzungen verantwortlich sind. Die häufigste Ursache ist die Bodenleitung. Dabei strömt die Elektrizität über die Erdoberfläche und kann schlafende Camper im Zelt treffen.

Was tun bei Gewitter?

Werden Sie von einem Gewitter überrascht und sind weit entfernt vom nächsten Gebäude oder einem Auto, rät der Verband der Elektrotechnik Folgendes: Halten Sie sich fern von Berggipfeln, hohen Bäumen oder Gewässern. Suchen Sie besser ein Tal auf oder eine Senke. Wenn Sie in einer Gruppe unterwegs sind, halten Sie mindestens sechs Meter Abstand zueinander. So vermeiden Sie, dass Sie alle verletzt werden. Legen Sie sich nicht hin. In die Hocke zu gehen und die Füsse eng nebeneinanderzustellen, ist sicherer. Justin Gaugers physische Verletzungen verheilten relativ rasch, mit den psychischen Folgen des Blitzschlags kämpfte er länger. Wenn heute ein Gewitter am Horizont aufzieht, fühlt er sich nur im Haus wirklich sicher.

 

 


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