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    70 JAHRE READER'S DIGEST

    Vor 70 Jahren, im September 1948, erschien Reader's Digest erstmals auf Deutsch.
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Die Gabe des Verstehenkönnens
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

70 Jahre Reader's Digest Familie & Leben

Die Gabe des Verstehenkönnens

Das Vertrauen des Kindes ist ein zerbrechliches Ding, das in einem kurzen Augenblick erhalten oder zerstört werden kann

Ausgabe: Februar 2019 Autor: Paul Villard

Ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein, als ich Wigdens Süßwarenladen zum erstenmal betrat, aber noch jetzt, nach einem halben Jahrhundert, ist mir der Duft dieser Wunderwelt von Pfennigschätzen deutlich gegenwärtig. Sobald Mr. Wigden das dünne Gebimmel der Ladenglocke vernahm, trat er leise hervor und bezog seinen Posten hinter der Süßwarenauslage. Er war sehr alt, und sein Haupt war von feinem, schneeweißem Haar umwölkt.

Welch eine überwältigende Menge köstlicher Versuchungen für ein Kinderherz! Die Wahl wurde fast zur Qual. Jede Sorte mußte erst in der Phantasie gekostet werden, ehe man zur nächsten überging, und wenn das Gewählte dann in ein weißes Tütchen gefüllt wurde, spürte man immer einen kleinen Stich des Bedauerns. Vielleicht schmeckte eine andere Sorte doch besser? Oder hielt länger vor? Der alte Wigden hatte, wenn er die Süßigkeiten in die Tüte geschaufelt hatte, so eine listige Art, eine kleine Pause einzulegen. Kein Wort wurde gesprochen, aber jedes Kind begriff, dass seine erhobenen Augenbrauen eine letzte Gelegenheit anzeigten, sich für etwas anderes zu entscheiden. Erst nachdem man das Geld auf den Ladentisch gelegt hatte, wurde die Tüte unwiderruflich zugedreht, und es gab kein Zurück mehr.

Unendlich viele Herrlichkeiten

Unser Haus war zwei Straßenecken von der Straßenbahn entfernt, und auf dem Weg zur oder von der Haltestelle musste man an dem Laden vorbei. Mutter hatte mich wegen irgendeiner Besorgung, die ich vergessen habe, mit in die Stadt genommen, und auf dem Heimweg trat sie in Wigdens Laden. „Mal sehen, ob wir was Gutes finden“, sagte sie, als sie mich zu dem langen Ladentisch führte und der Alte hinter seinem Vorhang hervorkam. Während der paar Minuten, die Mutter sich mit ihm unterhielt, starrte ich verzückt auf die vor meinen Augen ausgebreiteten Herrlichkeiten. Schließlich suchte sie etwas für mich aus und bezahlte.

Mutter fuhr jede Woche ein- bis zweimal in die Stadt, und da es damals nicht üblich war, jemanden zum Kinderhüten zu engagieren, nahm sie mich meistens mit. Auf dem Rückweg ging sie gewöhnlich mit mir in den Süßwarenladen und spendierte mir etwas Besonderes, und nach jenem ersten Besuch durfte ich es mir immer selbst aussuchen. Ich hatte damals keine Ahnung von Geld. Ich sah, dass meine Mutter den Kaufleuten etwas in die Hand drückte, woraufhin diese ihr ein Päckchen oder eine Tüte aushändigten, und nach und nach begriff ich, dass es sich dabei um einen Tausch handeln müsse.

Allein in Mr. Wigdens Laden

Irgendwann in dieser Zeit kam ich zu einem Entschluss: ich würde ganz allein den schier endlosen Weg von zwei Häuserblocks zu Mr. Wigden gehen. Ich höre noch das Bimmeln des Glöckchens, während ich mit erheblicher Anstrengung die große Tür aufbrachte. Wie verzaubert ging ich langsam an dem Auslagetisch entlang. Da gab es Pfefferminzplätzchen, die so frisch nach Minze dufteten. Dort Geleefrüchte – die ganz großen, so weich zum Hineinbeißen, mit einer dicken Zuckerkruste. Auf dem nächsten Tablett lagen Schokoladenpüppchen. Die Schachtel dahinter enthielt riesengroße, steinharte Bonbons, mit denen man die Backe schön ausbeulen konnte. Die blanken knusprigen, dunkelbraun überzogenen Erdnüsse, die Mr. Wigden immer mit einer kleinen Holzkelle einfüllte – zwei Kellen einen Cent. Und dann natürlich die Lakritzenstangen. Von denen hatte man lange etwas, wenn man die einzelnen Bissen nicht zerkaute, sondern langsam zergehen ließ.

Ganz besonderes Wechselgeld

Als ich mir ein verheißungsvolles Sortiment ausgesucht hatte, beugte sich der alte Wigden über den Ladentisch und fragte: „Hast du denn genug Geld für das alles?“ „O ja“, erwiderte ich, „ich habe massenhaft Geld.“ Ich streckte ihm die Faust hin und legte ihm ein halbes Dutzend Kirschkerne, sorglich in blankes Silberpapier gewickelt, in die offene Hand. Mr. Wigden starrte ein Weilchen auf seine Handfläche; dann sah er mich lange forschend an. ,,Reicht es nicht?“, fragte ich ängstlich. „Ich glaube, es ist ein bisschen zu viel“, antwortete er mit einem leichten Seufzer. ,,Du kriegst noch etwas wieder.“ Er ging zu seiner altmodischen Registrierkasse und kurbelte die Schublade auf. Dann kam er wieder zum Ladentisch, beugte sich herüber und legte mir zwei Pennies in die ausgestreckte Hand.

Meine Mutter schimpfte, als sie dahinterkam, dass ich allein in den Laden gegangen war. Anscheinend kam sie gar nicht auf den Gedanken, nach der finanziellen Seite zu fragen. Sie schärfte mir nur ein, dass ich nie wieder allein weggehen dürfe, ohne sie vorher zu fragen. Offenbar habe ich ihre Ermahnung befolgt und, wenn sie mir die Erlaubnis gab, einen oder zwei Cent für meinen Einkauf bekommen, denn ich erinnere mich nicht, ein zweites Mal mit Kirschkernen bezahlt zu haben. Tatsächlich vergaß ich den ganzen, damals für mich unwichtigen Vorfall bald über der mich ganz und gar ausfüllenden Beschäftigung, ein großer Junge zu werden.

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, zogen meine Eltern in einen anderen Ort, wo ich meine Jugend verbrachte, früh heiratete und selbst eine Familie gründete. Meine Frau und ich eröffneten ein Geschäft, in dem wir exotische Fische züchteten und verkauften. Der Aquariumhandel steckte damals noch in den Kinderschuhen, und die Fische wurden größtenteils direkt aus Asien, Afrika und Südamerika importiert. Die meisten Arten kosteten im Verkauf über fünf Dollar.

Eine ganz besondere Transaktion

Eines sonnigen Nachmittags kamen zwei Kinder herein – Schwester und Bruder, vielleicht fünf und sechs Jahre alt. Ich war gerade dabei, die Aquarien zu reinigen. Die beiden Kinder betrachteten mit großen, runden Augen die wunderschönen, in allen Farben funkelnden Fischchen, die in dem kristallklaren Wasser umherschwammen. „Ist ja toll!‘‘, rief der Junge. „Können wir welche kaufen?“ „Ja, wenn ihr sie bezahlen könnt“, antwortete ich. „Oh, wir haben massenhaft Geld“, sagte das kleine Mädchen zuversichtlich. Die Art, wie sie das sagte, kam mir merkwürdig vertraut vor. Nachdem die beiden noch eine Weile die Fische beobachtet hatten, baten sie um mehrere Paare verschiedener Arten, die sie mir, an der Reihe der Behälter entlanggehend, zeigten. Ich fischte sie ihnen heraus und setzte sie in ein Transportgefäß, das ich in einen wasserdichten Beutel steckte und dem Jungen übergab. ,,Schön vorsichtig tragen!“, ermahnte ich ihn. Er nickte und sagte, zu seiner Schwester gewandt: ,,Gib ihm das Geld.“

Ich hielt die Hand auf, und als sie mir die geschlossene Faust entgegenstreckte, wusste ich plötzlich genau, was nun kommen, sogar was das kleine Mädchen sagen würde. Sie machte die Faust auf, und drei kleine Geldstücke fielen in meine ausgestreckte Hand. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich damals, vor vielen Jahren, von dem alten Wigden eine Art Vermächtnis empfangen hatte. Erst jetzt wusste ich, welche Zumutung ich an den alten Mann gestellt und wie großartig er darauf reagiert hatte. Beim Anblick der armseligen Geldstücke in meiner Hand war mir, als stünde ich wieder in dem kleinen Süßwarenladen. Die Unschuld dieser beiden Kinder ging mir auf, und ich begriff – wie Mr. Wigden vor langer Zeit –, dass es in meiner Macht lag, diese Unschuld zu erhalten oder zu zerstören. Die Erinnerung erfüllte mich so übermächtig, dass meine Kehle schmerzte.

Indessen stand die Kleine erwartungsvoll vor mir. ,,Reicht es nicht?“, fragte sie zaghaft. „Es ist ein bisschen zu viel“, brachte ich trotz der Beklommenheit heraus, ,,du bekommst noch etwas wieder.“ Ich kramte in der Geldschublade und drückte ihr zwei Pennies in die Hand; dann trat ich in die Tür und sah den Kindern nach, die, behutsam ihren Schatz tragend, davongingen. Als ich wieder in den Laden ging, stand meine Frau auf einem Schemel, die Arme bis zu den Ellbogen im Wasser, um in einem Aquarium Pflanzen wieder zurecht zu setzen. „Kannst du mir vielleicht sagen, was das alles bedeutet?“, fragte sie. ,,Weißt du, wie viele Fische du ihnen gegeben hast?“ „Ungefähr für dreißig Dollar“, antwortete ich; noch immer war mir die Kehle eng. ,,Aber ich konnte nicht anders.“ Als ich ihr dann von dem alten Wigden erzählt hatte, waren ihre Augen feucht, und sie stieg vom Schemel und gab mir sanft einen Kuss auf die Wange. ,,Ich rieche noch die Geleefrüchte“, seufzte ich, und als ich dann das letzte Aquarium ausschrubbte, war ich mir sicher, den alten Wigden leise hinter mir lachen zu hören.


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