Eine Seniorin fährt mit einem Treppenlift ins Obergeschoss des Hauses.
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Kein Treppenlift ist auch keine Lösung!

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Ich sah es kommen, das große Unglück. Vor meinem inneren Auge stürzte der alte Mann die Treppe hinunter und blieb regungslos auf dem harten Boden liegen. Immer wieder verfolgte mich dieses Schreckensbild.

Tatsächlich war der Vater irgendwann gefallen und konnte sich weder allein noch mit Mutters Hilfe aufrichten. Zum Glück blieb er unverletzt, doch mir war sofort klar: Jetzt ist es höchste Zeit für die Anschaffung eines Treppenlifts.

Der Wunsch

Die guten Argumente, so dachte ich, liegen nach dem Vorfall auf der Hand. Zudem hatte ich mich von der Krankenkasse ausführlich zum Thema Mobilität im Alter beraten lassen. Die Finanzierung? – Zu stemmen, dank der Zuschüsse, die es von verschiedenen Stellen gibt. Die Optik? – Zugegeben nicht der Knaller, aber nachrangig angesichts des Komforts, den ein Treppenlift mit sich bringt. Der Komfort? – Ein Geschenk, kommt man doch ohne Schmerzen und vor allem gefahrlos von einem Stockwerk ins andere.

Die Weigerung

Doch die Eltern wollten nicht. Mit etwas notwendiger Überzeugungsarbeit hatte ich gerechnet. Wer sieht schon gern ein, dass er nicht mehr so fit ist, wie er sich fühlt? Überraschend war dann aber die Vehemenz, mit der alles Zureden abgelehnt wurde. War es das Gefühl, an Selbständigkeit zu verlieren, wenn sie meinem Ansinnen nachgeben? Habe ich sie womöglich nicht auf Augenhöhe, sondern wie Kleinkinder behandelt? Die Kümmerer-Rolle hatte ich schon länger inne, denn mit dem Alter ließen eben die Kräfte der Eltern nach, für vieles im Alltag brauchten sie Unterstützung – aber war ich damit bereits überfordert? Der kleine Alptraum meldete sich immer öfter. Bis ich eines Tages, sehr erschöpft und verzweifelt, das zündende Wort fand.

Der Wendepunkt

„Seht Ihr denn nicht, dass mich die Sorge um Euer Wohlergehen nicht mehr schlafen lässt? Könnt Ihr nicht mir zuliebe etwas für Eure Sicherheit unternehmen?“ rutschte es aus mir heraus. Im Tonfall weniger Frage, eher Vorwurf. So wie ihn alle Kinder gerne mal formulieren, wenn sie etwas unbedingt wollen, obwohl es NEIN hieß. Doch die Frage traf ins Schwarze: Plötzlich vollzog sich der Rollentausch zwischen Kind und Eltern sozusagen wieder rückwärts, in die viele Jahre lang bewährte Ordnung. Diejenige, in der die Eltern wieder etwas für ihr Kind tun konnten und nicht umgekehrt.

Das Wunder

Tatsächlich wurden nicht lang danach Keller und Obergeschoss mit Schiene und Fahrsitz versehen. Beide Eltern nutzen das „Monstrum“ genannte Hilfsmittel täglich mehrmals und mit zunehmendem Gefallen. Es geht ihnen nun besser – weil sie bedacht haben, dass es mir mit ihrer Entscheidung besser geht. Deshalb meine Empfehlung an alle lteren Eltern, die das hier lesen: Ein Treppenlift bedeutet das Gegenteil von Autonomieverlust! Gönnt Euch selbst die Bequemlichkeit von Hilfsmitteln und gönnt Euren Kindern Nächte ohne Angst vor schlimmen Unfallfolgen. Und merkt Euch: Ihr bleibt die Eltern, die wir so lieben, weil sie das Beste für ihre Kinder wollen und dafür selbst einiges in Kauf nehmen. In jedem Alter.

 

 

 

 

 

 

 

 Foto oben (junge Frau und älterer Mann auf Couch): ©istockfoto.com/RobertoDavid


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