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Ziemlich beste Freunde
© iStockphoto.com/Minerva Studio
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Ziemlich beste Freunde

Die wahre Geschichte hinter dem Kinohit. Wie die Freundschaft zwischen zwei ungleichen Männern das Leben der beiden verändert.

Ausgabe: März 2013 Autor: Liliane Charrier

Abdel Sellou wird die erste Begegnung nie vergessen. Die Nachricht der staatlichen Arbeitsagentur erreichte ihn an einem regnerischen Morgen im Dezember 1994 und enthielt die Aufforderung, sich für eine Stelle zu bewerben: „Persönlicher Assistent für Querschnittsgelähmten gesucht.“ Sellou las die Anzeige nicht einmal bis zu Ende. Das Einzige, was er wollte, war eine Unterschrift, dass er zu dem Bewerbungsgespräch aufgetaucht war. Im Alter von 23 Jahren hatte ihn eine Verurteilung wegen Diebstahls und Körperverletzung für 18 Monate hinter Gitter gebracht. Anschließend fand Abdel einen Job in einer Pizzeria, der ihn so sehr langweilte, dass er alles unternahm, um wieder gefeuert zu werden. Das Bewerbungsgespräch sollte in einem wohlhabenden Viertel von Paris stattfinden. Am Eingangstor eines stattlichen Herrenhauses, das von einem großen Garten umgeben war, verschlug es Abdel einen Moment lang die Sprache. Über die in den Torpfeiler eingelassene Sprechanlage fragte er: „Die Jobanzeige, der Persönliche Assistent und so, ist das hier?“ Eine höfliche Stimme antwortete: „Bitte treten Sie ein, mein Herr!“

Abdel wurde langsam klar, dass er sich nicht in der Geschäftszentrale eines Unternehmens befand, sondern im Wohnhaus eines Privatmenschen. In einem Haus mit solch exquisiter Ausstattung, dass es ihm die Sprache verschlug. In seinen verschlissenen Jeans und der abgetragenen Jacke bildete er den größtmöglichen Kontrast dazu.
Ein Mann in einem Rollstuhl bedeutete ihm, näher zu treten. „Guten Morgen, könnten Sie dies bitte unterschreiben?“, fragte Abdel. „Damit ich weiter meine Arbeitslosenunterstützung bekomme.“ Unbeeindruckt entgegnete der Rollstuhlfahrer: „Haben Sie keine Augen im Kopf? Auf mich allein gestellt, kann ich gar nichts tun. Ich bin querschnittsgelähmt und brauche jemanden, der mir hilft und mich überallhin begleitet.“

Philippe Pozzo di Borgo erahnte in diesem jungen Mann etwas Ungezähmtes, Wildes, das ihn faszinierte. Er wollte aufgerüttelt werden, nicht bemitleidet. „Sind Sie interessiert?“, fragte er Abdel. Interessiert? Das wäre zu viel gesagt. Doch genau wie dieses an den Rollstuhl gefesselte Häufchen Mensch vor ihm hatte er nichts zu verlieren. Abdel Yamine Sellou war vier Jahre alt, als er aus Algerien nach Paris kam, wo er bei kinderlosen Verwandten, Onkel Belkacem und Tante Amina, leben sollte. Es war damals in nordafrikanischen Familien nicht unüblich, ein Kind an Verwandte abzugeben, die selbst keinen Nachwuchs bekommen konnten. Begleitet wurde er von seinem um ein Jahr älteren Bruder. Sie wuchsen in einem Land auf, dessen Sprache sie erst lernen mussten, in einer Drei-Zimmer-Hochhauswohnung im Pariser Stadtbezirk Beaugrenelle.

Die Adoptiveltern erlegten ihnen keinerlei Pflichten auf, sie konnten kommen und gehen, wann sie wollten. Abdel erhielt von seinen neuen Eltern das, was er wollte, indem er ihnen Befehle gab. Niemand hinderte ihn daran, den Spätfilm am Sonntagabend zu gucken, oder kümmerte sich darum, ob er pünktlich zur Schule kam und seine Hausaufgaben erledigte. Oder vermisste ihn, wenn er das Haus verließ, um im Supermarkt an der Ecke klauen zu gehen. Einmal, zweimal, 20-mal wurde Abdel mit auf die Polizeiwache genommen. Sobald er 18 Jahre alt war, landete er in der Haftanstalt Fleury-Mérogis. Nichts hatte den jungen Mann darauf vorbereitet, tagein, tagaus einem Behinderten zur Seite zu stehen. Abdel wohnte nun in einer Wohnung im großen Haus und versorgte Philippe ab den frühen Morgenstunden. Er begann nach und nach Zuneigung für den behinderten Menschen zu entwickeln.

Philippe Pozzo di Borgo entstammt dem französischen Hochadel und war bis zu seiner Querschnittslähmung infolge eines Unfalls mit einem Paragleitschirm 1993 Kodirektor des renommierten Champagnerhauses Pommery gewesen. Weil körperliche Leistungsziele nun der Vergangenheit angehörten, bereiteten dem gebildeten Kunstliebhaber geistige Herausforderungen noch größeres Vergnügen als früher. Abdel verbrachte viele Stunden damit, Tausende Buchseiten umzublättern. „Deine Bücher sind echte Wälzer“, sagte Abdel und fügte schelmisch hinzu: „Perfekt dazu geeignet, einen Polizisten k. o. zu schlagen!“ Als Schüler hatte Abdel mehr Zeit auf der Straße verbracht als jemals auf einer Schulbank, doch er warf mit der Zeit immer öfter ein Auge über die Schulter seines Bosses, um mitzulesen. Auch fing er nach und nach an, sich in die Romane in der Bibliothek zu vertiefen.

Als Philippe im Jahr 2000 anfing, sein Buch Ziemlich beste Freunde: Ein zweites Leben zu schreiben, erwartete ihn eine Überraschung. Abdel, der in seinem Leben noch nichts geschrieben hatte, bot sich an, nach Philippes Diktat Notizen zu machen. Sein Boss war hoch erfreut: „Endlich keine Unterbrechungen mehr!“ Heute gibt Abdel zu: „Die Arbeit mit Philippe war wie 20 Jahre Studium.“

Abdel unternahm gelegentlich mit dem Auto seines Arbeitgebers heimlich nächtliche Spritztouren. Als eines Nachts die Polizei vor der Tür stand, stellte Philippe Abdel zur Rede: „Sag mal, Abdel, es scheint, du hast den Jaguar abgeschrieben?“ Abdel gab sich keine Mühe, seinen Fehltritt zu verbergen. „Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, Philippe, das Auto war eine Gefahr für Leib und Leben. Man merkte gar nicht, wie schnell man fuhr“, sagte er. Um dann kleinlaut hinzuzufügen: „Na gut, ich habe eine Kurve verpasst. Hier sind die Schlüssel. Mehr ist nicht übrig geblieben.“

Als Abdel im Jahr 2002 den Auftrag erhielt, die Feier für den 18. Geburtstag von Philippes Patensohn zu organisieren, buchte Abdel eine Stripperin. „Deinem eigenen Sohn hättest du das nicht angetan!“, entrüstete sich Philippe. Und als er erfuhr, dass der unverbesserliche Schürzenjäger Abdel eine flüchtige Bekanntschaft einfach am Straßenrand abgesetzt hatte, als sie ihm lästig wurde, ermahnte Philippe ihn streng: „Eine Frau ist keine Ware. Sie verdient es, bewundert und respektiert zu werden! Wenn du irgendwann eine Ehefrau hast, wirst das schon noch herausfinden.“

Nach jedem Fehltritt versuchte Philippe, seinen Schützling wieder auf den rechten Weg zurückzubringen. Abdel blieb zehn Jahre bei Philippe. Im Jahr 2004 reisten die beiden nach Saida an der Nordostspitze Marokkos. Philippe suchte das ideale Klima für seinen geschwächten Körper. Abdel hielt, wie so häufig, Ausschau nach einem neuen Projekt, das Würze in ihr Leben bringen würde. Hier, nicht weit von Abdels Herkunftsland Algerien, besprachen sie den Bau eines Freizeitparks am Strand. Das Projekt wurde zwar nie verwirklicht, aber in dem Hotel, in dem sie untergekommen waren, fiel Abdel Sellous Blick auf eine junge hübsche Frau an der Rezeption. Sie hieß Amal. In ihrer Gegenwart überkam ihn das gleiche eigenartige Gefühl seelischer Blöße, wie er es bei seiner ersten Begegnung mit Philippe verspürt hatte. Bei seinen Strandspaziergängen mit Amal fühlte sich Abdel linkisch.

„Abdel, ich mag dich“, sagte sie zu ihm. „Aber wenn du mich haben willst, musst du mich heiraten.“ Philippe beobachtete das Geschehen aus einiger Entfernung und erinnerte sich später: „Der Tag, an dem ich diesen männlichen Chauvinisten an Amals Arm sah und miterlebte, wie er akzeptierte, dass auch er zu Anstand und Zärtlichkeit fähig war, begriff ich, dass sich hier etwas Großes ereignete.“ Davon ist auch Abdel überzeugt. „Wäre Philippe nicht in mein Leben getreten, wäre Amal lediglich eine Eroberung ohne Zukunft gewesen, wie all die anderen.“

Mittlerweile lebt der heute 42-jährige Abdel mit seiner Frau Amal und ihren drei Kindern Abdel Malek, Salaheddine und Keltoum in Paris. „Sie wurden am 05.05., 06.06. und 07.07. geboren. Sehen Sie, ich bin gut in Mathe!“, witzelt er. Wenn er nicht in Paris ist, hält Abdel sich im algerischen El Djelfa auf, wo er seine Geflügelfarm verwaltet. Philippes Wohnsitz liegt heute in Marokko, wo er mit seiner zweiten Frau Khadija in Essaouira lebt. Der Franzose bleibt für Abdel sein „Jedi-Meister“. Zwischen ihnen hat sich nichts geändert, außer dass sie nicht mehr im gleichen Haus leben. „Wir reden immer über Gott und die Welt, nichts ist für uns tabu. Anzügliches, Trauriges – alles“, sagt Abdel. „Philippe bot mir damals seinen Rollstuhl zum Schieben an, wie eine Art Krücke, auf die ich mich stützen konnte. Und noch heute verwende ich ihn als Stütze.“

 

 

 


 

RD Abbinder
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