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Müllverwertung in Schweden ist umfassend wie wohl nirgends sonst
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Bio-Müllverwertung in Schweden ist umfassend wie wohl nirgends sonst

Weniger als 1 Prozent des Mülls landet in Schweden auf Deponien. Der Rest wird zur Energiegewinnung verwendet oder recycelt.

 

Ausgabe: Mai 2016 Autor: Lucy Ash

Vorsichtig schält Malte Ankarberg eine Kiwi als Nachmittagssnack. Dann wirft der Siebenjährige die Schale weg. Aber nicht in einen normalen Mülleimer: Die Küchen­schublade für den Abfall ist so ordentlich unterteilt wie ein Aktenschrank. Sie hat separate Fächer für Papier und entflamm­bare Materialien, für Glas, Plastik, Glüh­lampen – und einen grünen Beutel für Lebensmittelabfälle.

„Manche Leute fragen, ob es sich überhaupt lohnt, das eigene Verhalten umzustellen, wenn in China jede Menge Treibhausgase in die Luft gepumpt werden“, erklärt Maltes Mutter Eva Ankarberg. „Doch eine solche Denkweise bringt nichts. Wenn jeder seinen Teil beiträgt, kann er etwas bewirken. Und schließlich ist es nicht schwer, Obstschalen in einen anderen Müllbehälter zu werfen, oder?“

Biomüll-Revolution in Linköping

Das Haus der Ankarbergs ist aufgeräumt und in typisch skandinavischem Stil eingerichtet. Durch ein großes Fenster fällt Licht auf die hellen Polstermöbel und Couchtische. Sie wohnen am Stadtrand von Linköping in Südschweden. Die Stadt ist ein Zentrum der Computer- und Luftfahrt­industrie. Eva Ankarbergs Mann Lars ist gerade mit der elfjährigen Tochter Siri zum Basketballtraining gefahren. Wie alle Busse, die meisten Taxis und eine wachsende Zahl privater Pkw in der Stadt fährt auch das Auto der Ankarbergs mit Biogas, das aus dem Müll der Stadtbewohner gewonnen wird. „Wenn wir unsere Bioabfälle in den grünen Beuteln entsorgen, produzieren wir also im Grunde unseren eigenen Treibstoff“, meint Eva Ankarberg. Im Stadtgebiet steht ein Dutzend Biogas-Tankstellen, sodass es keine Probleme mit dem Tanken gibt. Meist fährt Eva Ankarberg lieber mit dem Fahrrad die fünf Kilometer zu ihrem Büro in einer Immobilienfirma. „Sind wir deshalb besonders umweltbewusst?“, fragt sie achsel­zuckend. „Vielleicht etwas mehr als der Durchschnitt, aber wir bauen nicht unser Gemüse selber an oder gehen jagen, wenn wir Fleisch essen möchten. Wir sind keine Fanatiker.“

Die Biomüll-Revolution in Linköping setzt auch gar nicht auf Fanatiker. Die Einwohner füllen einfach die grünen Müllbeutel, verschließen sie und werfen sie zusammen mit ihrem restlichen Müll zur Abholung in eine Tonne vor dem Haus. Die Müllautos, die mit Biogas laufen, bringen den Müll dann nach Gärstad, in eine von drei Recyclinganlagen der Abfallverwertungsfirma Tekniska Verken.

Auf Förder-Bändern werden pro Stunde bis zu 15 Tonnen Müll sortiert

Früh am Morgen erwartet uns dort Klas Gustafsson, der Vize-Geschäftsführer, auf dem Parkplatz der Firma. „Sie möchten sich unser Sortierverfahren anschauen? Das ist ziemlich spannend“, sagt er, und seine Augen hinter den Brillengläsern leuchten. Als wir uns dem Eingang nähern, steigt uns ein beißender Geruch in die Nase. Über uns kreisen Möwen, die angesichts der Haufen mit halb verrotteten Abfällen aufgeregt kreischen. Im Inneren der Fabrik wird der gesamte Haushaltsmüll eine hohe Rutsche hinauftransportiert, ehe er auf breite Förderbänder hinabfällt. Dazwischen blitzt immer wieder ein Stückchen Grün auf. Die Förderbänder passieren eine Reihe Sensoren, und plötzlich fliegen die grünen Beutel in bereitstehende Container.

Der restliche Müll wird zur Verbrennungsanlage weitergeleitet. Das Zuschauen löst ein merkwürdiges Gefühl von Zufriedenheit aus – etwa so, als würde man einem Fußballer zusehen, der ununterbrochen Tore schießt. Auf jedem Band werden pro Stunde bis zu 15 Tonnen Müll sortiert. In vielen Ländern wird der meiste Abfall nach wie vor auf Deponien entsorgt. Nicht so in Schweden. Weniger als 1 Prozent des Haushaltsmülls gelangt auf eine Halde. Der Rest wird entweder zur Energiegewinnung verwendet oder auf verschiedene Arten recycelt. Zum Vergleich: In Großbritannien, wo im europäischen Vergleich mit am wenigsten recycelt wird, landen rund 40 Prozent des Biomülls auf Deponien.

Die Biogasproduktion in Linköping begann vor 20 Jahren

Zu den ersten Rohstofflieferanten gehörte der Schlachthof der Stadt. Rinder-Innereien lieferten auch die Energie, die den ersten biogasbetriebenen Passagierzug der Welt von Linköping nach Västervik an der schwedischen Ostküste antrieb. Aus den Organen und Gedärmen einer Kuh wird genügend Gas für einen Streckenabschnitt von vier Kilometern erzeugt. Biogas wird auch aus den Resten der Lebensmittel-Verarbeitung, vom Zoll konfisziertem geschmuggeltem Alkohol, Mist von Bauernhöfen und anderen biologischen Abfallprodukten produziert.

2011 wurde als landesweites Ziel ausgegeben: Bis 2018 soll 50 Prozent des Biomülls in Schweden in Biogas verwandelt werden. Ein Jahr später führte Tekniska Verken die grünen Müllbeutel für Biomüll in Privathaushalten ein. Inzwischen beteiligen sich 87 Prozent der Haushalte in Linköping an der Aktion. Zusätzlich wurden Informations-Broschüren verteilt, in denen erläutert wurde, was in den Biomüll gehört und was nicht: ja zu Lebensmittelresten, Eierschalen, Fett, Knochen und Teebeuteln. Nein zu Zigaretten-Stummeln, Verpackungen oder anderen Abfällen, die für anderweitige Wieder-Verwertung getrennt entsorgt werden. „Unser Ziel ist es, diejenige Region der Welt zu werden, in der Ressourcen am effizientesten genutzt werden“, erklärt Klas Gustafsson. „Dafür müssen wir umdenken. Müll ist nicht mehr etwas, das wir vergraben und vergessen. Stattdessen stellt er einen wertvollen Rohstoff dar.“

Bakterien verwandeln den Biomüll innerhalb von drei Wochen in Methangas

Wir folgen den müffelnden grünen Beuteln zu ihrem nächsten Ziel: dem Biokonverter. Hier zermahlt eine Maschine die Abfälle zu einer breiigen Masse. Die Beutel aus recycel­barem Kunststoff werden seitlich ausgeworfen. Sie gleichen schlaffen Luftballons nach einer Party. Es riecht nicht mehr nach verrotteten Lebensmitteln, sondern eher nach einer Mischung aus Dung und Bier. Über eine Metalltreppe führt uns die Produktions-Leiterin Jenny Nordenberg 96 Stufen hinauf zum Dach eines der großen, grauen Konvertertürme. Von hier aus hat man eine tolle Aussicht auf den Kirchturm der mittelalterlichen Kathedrale von Linköping und die umliegende Landschaft. Wir schauen durch ein kleines Fenster, um einen Blick in das Innere der Biogasanlage zu werfen. Doch das Glas ist schmutzig und man erkennt nur einen braunen Schimmer. Dort unten, so Nordenberg, verwandeln Bakterien durch anaerobe Faulung den Biomüll in Methangas. Jede Füllung bleibt drei Wochen im Konverter. Das Gas wird gereinigt, damit es als Treibstoff verwendet werden kann.

Trotz fortschrittlicher Technik sei das Sortieren des Haushaltsmülls nicht immer fehlerfrei, so Nordenberg. Manchmal reißen normale Müllbeutel auf den Förderbändern und ihr Inhalt vermischt sich mit den Bioabfällen. „Wir haben schon Hanteln, Waffel­eisen, Schuhe und andere Sachen gefunden“, erzählt sie. „Das beeinträchtigt das Mahlwerk. Wenn Maschinenteile ausgetauscht werden müssen, erhöhen sich die Produktionskosten. Deshalb müssen wir die Bürger noch besser über Recycling aufklären.“ Verwendet sie zu Hause die grünen Beutel? „Oh ja!“, erwidert sie lachend. „Meine Kinder passen auf wie die Luchse, ob ich auch ja nichts in den falschen Beutel werfe. Sonst kann ich mir immer etwas anhören!“

Privatpersonen ändern ihr Recycling-Verhalten schneller als Institutionen

Im Vergleich zu den Privatpersonen, die umweltbewusst handeln und Abfall vermeiden, tun sich Institutionen schwerer, Gewohnheiten zu ändern. In Bezug auf das Müll-Aufkommen stehen Schulen ganz oben auf der Verursacherliste. Doch auch hier verzeichnet Schweden Fortschritte. Die Speisen in der Kantine der Sekundarschule Ekholmsskolan in Linköping sehen lecker aus, vor allem die Fleisch-Klößchen und die Eierkuchen mit Preiselbeer-Sauce. Es bleibt auffallend wenig auf den Tellern zurück, doch alle Reste werden von den Schülern in grüne Müllsäcke entsorgt. Die Abfälle werden im schuleigenen Zerkleinerer, der wie ein großer Kühlschrank aussieht, zermahlen und alle 14 Tage von einem speziellen Müllfahrzeug abgeholt. Laut Chefkoch Morgan Almqvist fiel in der Schulküche vor Einführung der grünen Säcke doppelt so viel Abfall an.

Seitdem die Schulkinder die Essens-Reste sortieren, wird weniger weggeworfen

„Manchmal sind die Augen der Kinder größer als ihr Magen. Doch seit sie die Reste selbst in die Abfallbehälter entsorgen, ist ihnen bewusst geworden, wie viel sie wegwerfen.“ Diagramme an seiner Bürowand zeigen genau, wie viele Lebensmittel nicht gegessen werden. Im Mai lag der Anteil bei 10,3 Prozent, im Juni waren es 6,85 Prozent – als Ziel sind 5 Prozent anvisiert. Außerdem registriert er, was nicht gegessen wird, und passt das Speisen-Angebot entsprechend an. Åsa Kullberg, die Lebensmittel­-Beauftragte des Stadtrats, verantwortet die Verpflegung von 18.000 Personen pro Tag in den 33 Schulen und zehn Altenheimen. „Am wirksamsten verringert man die Lebensmittel-Verschwendung, indem man viel darüber spricht“, erklärt sie. „Ich sage den Mitarbeitern und Schülern, dass wir allein letztes Jahr Mahlzeiten im Wert von vier Millionen Kronen (etwa 420.000 Euro) weggeworfen haben. Dabei wäre es doch viel besser, wenn wir mit diesem Geld leckeres Essen kaufen würden.“

Vor Einführung der Biogas-Fahrzeuge war Linköping Smog-verseucht

Der stellvertretende Bürgermeister und Grünen-Politiker Nils Hillerbrand betont, dass die Einwohner von Linköping Wert auf den Umweltschutz legten, weil die Stadt früher unter chronischer Luft-Verschmutzung litt. Dank des Flugzeugbau- und Rüstungs­-Konzerns Saab, Hi-Tech-Unternehmen und einer Forschungs-Universität war die fünftgrößte Stadt Schwedens schnell gewachsen. Doch Anfang der 1990er-Jahre sorgten die Dieselabgase der städtischen Busse zunehmend für chronischen Smog. Gebäude waren rußverschmutzt und viele Menschen klagten über Atem-Beschwerden. Damals erschien den verantwortlichen Politikern, der Verkehrs-Behörde und den Bürgern Biogas als ideale Lösung. „Es herrschte ein breiter politischer Konsens über alle Parteigrenzen hinweg“, erzählt Hillerbrand.

Die ersten Biogas-Fahrzeuge waren noch pannenanfällig

Schon 1999 verfügte die Stadt über den größten mit Biogas betriebenen Busfuhrpark der Welt. Heute fahren in der Region mehr als 1000 Fahrzeuge mit Biogas. Im Betriebshof des Stadtteils Kallerstad hat Busfahrer Johan Borg gerade Kaffeepause. Er war früher Jugendleiter in einer Kirche nahe Göteborg, ehe er nach Linköping zog, wo seine Verlobte wohnte. „Ich wollte etwas Neues ausprobieren“, erzählt er. „Ich fand auch, es wäre doch cool, wenn man Abfall verwenden könnte, um von A nach B zu gelangen. Alle Veränderungen hin zu erneuerbaren Energien laufen so frustrierend langsam ab. Bei den Bussen schien es greifbarer zu sein, da wollte ich unbedingt mitmachen.“

Anfangs hatten die Fahrer mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, erinnert er sich. Die ersten Biogas-Busse waren pannenanfällig. Außerdem wurde dem Kraftstoff eine stark riechende Chemikalie beigemischt, um das Austreten des normalerweise geruchlosen Gases erkennen zu können. „Leider waren die ersten Fahrzeuge löchrig wie Siebe“, erklärt Borg. „Sie stanken widerlich.“ Die Technik wurde verfeinert, die Busse zuverlässiger und der üble Geruch verschwand.

Was halten die Fahrgäste von den Biogas-Bussen?

An einer Bushalte­stelle im Stadtzentrum steht Lars Ojamäe, Dozent an der Universität von Linköping. „Für mich ist die Hauptsache, dass der Bus pünktlich kommt“, sagt er. „Wenn er dazu umweltfreundlich ist, umso besser.“ Den Schwestern Habibe und Zade Tatari, die gerade auf dem Weg zur Uni sind, war gar nicht bekannt, dass die Busse mit Kraftstoff aus Bioabfällen fahren. Doch sie finden die Idee gut – die beiden machen sich Sorgen wegen des globalen Klimawandels.

Tonnenweise Düngemittel aus Bio-Abfällen

Aus den Bioabfällen von Linköping werden jährlich 100.000 Tonnen Düngemittel produziert. Dieses Nebenprodukt der Gas-Erzeugung kommt bei Biobauern wie Sverker Peterson zum Einsatz. Er betreibt einen Hof in Mjölby, 40 Kilometer von Linköping entfernt. Dort baut er Hafer, Gerste, Raps und Weizen an. Peterson ist sehr froh über das Bioabfall-Produkt, denn es kostet ihn nur ein Viertel des Preises, den er früher für Dünger ausgeben musste. Zudem wird es kostenlos geliefert. Einziger größerer Kostenfaktor für ihn war der Bau eines 5000 Kubikmeter fassenden Lagersilos. „Ich bin sehr zufrieden“, erklärt der Landwirt.

Und Bürgermeister Nils Hillerbrand glaubt, dass die Menschen das sogenannte „Kreis­laufdenken“ weiter verinner­lichen müssen, um hohe Umwelt- und Klimaschutzziele zu verwirklichen. Wie das langfristige Klimaziel Linköpings, bis 2025 eine CO2-neutrale Stadt zu werden. „Solange unsere Ideen benutzerfreundlich und effizient sind, kann jeder dazu beitragen, die Verwendung fossiler Brennstoffe zu reduzieren“, erklärt Hillerbrand.

 


 

RD Abbinder
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