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Martin Luther
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So prägt Luther die Welt

1517 stellt der Mönch Martin Luther in Wittenberg seine berühmt gewordenen 95 Thesen vor und prägt damit die Welt bis heute.

Ausgabe: April 2017 Autor: Arnd Brummer

Fast 500 Jahre ist es her: Der studierte Theologe, geweihte Priester und Augustinermönch Martin Luther veröffentlicht 95 Thesen, in denen er die römisch-katholische Kirche, das Papsttum und sein Lehramt massiv attackiert. Was ihn am meisten stört: Die Kirche verkauft im Ablasshandel die Freisprechung von Sünden, macht damit riesige Umsätze. Und das Lehramt nimmt für sich in Anspruch zu bestimmen, wie Christen die Bibel zu verstehen, also was sie zu glauben haben. Vieles von dem, was Luther kritisiert, haben auch andere christliche Prediger, Denker und Autoren vor ihm schon infrage gestellt. Sie wurden entweder als Ketzer verbrannt, wie der Prager Geistliche Johannes Hus 1415 während des Konstanzer Konzils, oder ihre Erkenntnisse blieben einem kleinen Kreis von Intellek­tuellen vorbehalten, die sich Humanisten nannten.

Dass Luthers Ideen eine tiefe Erschütterung der bestehenden Ordnung auslösten, ja zu einer nachhaltigen Veränderung der Lebenswirklichkeit in Europa führten, lässt sich im Prinzip an zwei Umständen festmachen: die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch den Mainzer Johannes Gutenberg um 1450 und die Unterstützung Luthers durch Fürsten wie Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen.

Gutenbergs Innovation löst Medienrevolution aus

Was bisher nur in kleinen Mengen abgeschrieben oder teuer gedruckt werden konnte, war jetzt schnell, preiswert und in weit höherer Auflage zu drucken und zu verbreiten. Das sorgte dafür, dass Luthers Texte auf Märkten, in städtischen Bürgerkreisen, in Klöstern und Hochschulen in kürzester Zeit bekannt und diskutiert werden konnten. Die Unterstützung durch die Fürsten hatte einen politischen Grund: Die Landesherren hatten sofort erkannt, dass eine Auflösung der päpstlichen Macht auch den Kaiser des Heiligen römischen Reiches schwächte, der vom Heiligen Vater geweiht und gekrönt wurde. Sie gewannen an Einfluss, wurden selbst zu Herrschern, bestimmten auch, wer in ihrem Land die Kirche leitete.

Ein aus Rom bestimmter Bischof hatte sich in ihren Augen oft genug als „Agent“ von Kaiser und Papst erwiesen. Die weltverändernden Wirkungen der Reformation hatten zu weiten Teilen weder der theologische Quertreiber Martin Luther selbst noch seine Beschützer im Blick. Und vieles von dem, was auf ihrer Grundlage Wirklichkeit wurde und bis heute ist, hätten sie mit Schaudern abgelehnt.

Seit Luther entscheidet jeder selbst, was er glaubt

Mit Luther beginnt die Geschichte der Individualisierung. Auslösender Faktor ist seine Idee, dass niemand einem Menschen eine Religion vorschreiben könne. Sola scriptura – allein die Heilige Schrift sei die Quelle des christlichen Glaubens. Indem die Menschen die von Luther ins Deutsche übersetzte Bibel selbst lesen, können und dürfen sie den Inhalt individuell unterschiedlich verstehen.

Bischöfen und Päpsten spricht Luther inhaltliche Autorität ab. Sie können nicht bestimmen, wie die biblischen Texte zu verstehen seien. Sie und die von ihnen geweihten Geistlichen haben kein Anrecht auf Privilegien, etwa beim Abendmahl als Einzige aus dem Kelch trinken zu dürfen. Letztlich seien die sogenannten „Kirchenfürsten“ Diener der Botschaft – wie alle anderen Glaubenden auch. Das begründet Luthers Wort vom „Priestertum aller Gläubigen“. Dies macht in den kommenden Jahrhunderten den Weg frei für Aufklärung und Demokratie: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Es gibt keine von Gott verordnete Ungleichheit der Menschen.

Dank Luther wissen wir, was in der Bibel steht

Im Sendbrief vom Dolmetschen, diesem Brief an einen fiktiven Empfänger, tausendfach gedruckt und verteilt, verteidigte Luther seine Bibel-Übersetzung. Die Intellektuellen seiner Zeit, auch viele Humanisten, fanden es geradezu peinlich, dass Luther die Bibel in „die Kuhstallsprache Deutsch“ übersetzt habe. Außerdem seien die biblischen Geschichten zum Teil höchst missverständlich und gefährlich. Sie müssten deshalb den einfachen Leuten von klugen Experten erzählt und erklärt werden. Martin Luther nennt seine intellektuellen Kritiker im Sendbrief „Esel“, die „keinen Gack“ von dem verstehen, was er gemacht habe. Er schreibt: „Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie die Esel es tun. Sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Luther prägt die deutsche Sprache bis heute

Luther übersetzte das Neue Testament in elf Wochen vom Griechischen ins Deutsche, während er von seinem Gönner Friedrich von Sachsen auf der Wartburg versteckt wurde. Auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms ließ der Kurfürst von seinen Leuten einen Überfall auf Luthers Pferdewagen inszenieren. Der Trupp brachte ihn unerkannt auf die Burg, wo er ab Mai 1521 zehn Monate wohnte. Luther ließ sich lange Haare und einen Bart wachsen. In dieser Maskerade streifte er wohl auch über den Markt im nahe gelegenen Eisenach und sammelte Worte und Formulierungen, die über den Weg seiner Bibel bis heute populär geblieben sind: Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lästermaul, die Zähne zusammenbeißen, Perlen vor die Säue werfen, etwas ausposaunen, im Dunkeln tappen, auf Sand bauen.

Ohne Luther keine verheirateten Pfarrer

Luther war nicht der erste Pfarrer, der die Ehelosigkeit, den sogenannten Zölibat, aufgab. Zwei seiner Freunde schlossen vor ihm Ehen: Bartholomäus Bernhardi heiratete 1521 Gertraude Pannier und Johannes Bugenhagen 1522 seine Walburga (Familienname unbekannt). Als Luther die „entlaufene Nonne“ Katharina von Bora kennenlernte, wurde das Haus der beiden relativ bald zu Wittenbergs „Kulturzentrum“. Mit elf weiteren Klosterschwestern war die aus verarmtem Landadel stammende 24-jährige „Kathi“ Ostern 1523 aus dem Kloster Marienthron bei Grimma abgehauen, nachdem sie Luthers Ideen kennengelernt hatte. Und dann lernte sie in Wittenberg den Mann persönlich kennen und verliebte sich in ihn.

Familie und Gemeindehaus werden zum Ort von Debatten

Katharina organisierte das Luther-Haus im ehemaligen Augustinerkloster, hatte mit Luther sechs Kinder, betreute elf verwaiste Kinder aus der Verwandtschaft. Das Luther-Haus war Herberge für zahlreiche Gäste, die zu großen Abendessen mit „Tischreden“ Luthers und intensiven Diskussionen geladen wurden.

Zu dem Haus gehörte ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Brauerei, Backhaus, Viehzucht und Obstanbau. Chefin der zahlreichen Knechte und Mägde und eine neue Art von Top-Managerin war „die Lutherin“, wie man sie respektvoll nannte. Das Luther-Haus wurde dank ihrer Arbeit zum Urbild sowohl der evangelischen Akademien als auch des lutherischen Pfarrhauses. Von „Lutherischen“ oder „Lutheranern“ wollte der Reformator übrigens nicht gesprochen wissen. Er bevorzugte den Begriff „evangelische Christen“, weil am Evangelium orientiert.

Dass aus diesen schließlich „Protestanten“ wurden, lag am gemeinsamen Protest der evangelischen Landesherren und Reichsstädte beim zweiten Reichstag in Speyer 1529. Dort versuchten Kaiser Karl V. und die „altgläubigen“ Fürsten und Städte die Ausbreitung der Reformation zu stoppen.

Luther bringt die Gemeinde zum Singen

Die Evangelischen hatten sich zwar quer durchs Reich zu einer zweiten großen Glaubensgemeinschaft entwickelt, fühlten sich aber durchaus nicht sicher. Gern sangen sie deshalb das von Martin Luther selbst getextete Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Noch heute werden Luthers Lieder in den Kirchen angestimmt.

Dem Reformator war Singen so wichtig wie Beten

Alle sollten während der Gottesdienste einstimmen! Frauen und Männer sollten nicht den entrückten lateinischen Klängen einer Knabenschola lauschen, nicht Publikum sein, sondern mitmachen. Wenn die Gemeinde das nicht ordentlich machte, konnte Pfarrer Luther entsetzlich wütend reagieren. Am 7. Juni 1545 schrie Luther durchs Kirchenschiff: „Wozu kommt ihr eigentlich in die Kirche? Um zu blöken? … Wenn ihr brüllen, brummen und grunzen wollt, dann geht raus zu den Kühen und Schweinen, die werden euch antworten!“ Es kam, wie Zeitgenossen berichten, durchaus vor, dass Luther den Gottesdienst abbrach, wenn die Gemeinde zu passiv blieb.

Alle sollen mitmachen können!

Dies wurde zum zentralen Prinzip evangelischer Kirchenmusik. Der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt blieb zusammen mit dem Komponisten Johann Crüger in dieser Spur, der am eindrucksvollsten Johann Sebastian Bach folgte. Dessen rhythmische Werke, beispielsweise das Weihnachtsoratorium, sollten die Frömmigkeit des Volkes ausdrücken, auch indem die Mitsingenden sich zu den Takten bewegten.

Luthers Ansatz wirkt fort. Auch in Welten, in denen er es nicht vermutet hätte. Die Bewegung des Pastors Martin Luther King und der Marsch auf Washington gegen die Rassentrennung in den USA am 28. August 1963 beeindruckte eine breite Öffentlichkeit unter anderem, weil 250.000 Menschen gemeinsam „We shall overcome“ sowie Gospels und Spirituals sangen. Diese von afro-amerikanischen Christen stammenden Songs zählen heutzutage ebenso zur in Deutschland geschätzten Kirchenmusik wie Luthers Lieder.

Reformation ist ein Prozess und kein Zustand

Die Reformation, das bewerten Historiker und Theologen zum Jubiläum übereinstimmend so, ist ein Prozess, kein Zustand. So haben Luthers Ideen in vielen Punkten heutzutage eine Gestalt angenommen, von denen der aufmüpfige Augustiner im 16. Jahrhundert nicht einmal geträumt hätte: Die evangelische Kirche als Brutstätte eines deutschen Nationalismus und als Ort seiner Überwindung, weibliche Geistliche und Bischöfinnen, die Segnung homosexueller Ehen. Und es wird weitergehen.

Maßgeblicher Ort von Meinungsbildung und Entscheidung sind die Synoden – Parlamente mit vom Kirchenvolk aus ihrer Mitte gewählten Mitgliedern, den Synodalen. Kirchliche Demokratie ist an die Stelle des im wahrsten Sinne des Wortes „monarchische“ Amt des Papstes getreten. Luther und seine Förderer im weltlichen Fürstentum haben dies – Gott sei Dank! – nicht ahnen können.

Arnd Brummer ist Chefredakteur und geschäftsführender Herausgeber von „chrismon – Das evangelische Magazin“. Aus seiner Feder stammen auch Bücher wie „Im Himmel sind die Aller­letzten!“ und „Unter Ketzern“.

 

 


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