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Christian Berger
© Jürgen Schinker
Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Kurz und gut – die Reader’s Digest Auswahlbücher. So entstehen sie...

Ein Interview mit Christian Berger, Projektleiter der Reader’s Digest Auswahlbücher.

Autor: Reader's Digest

Die Reader’s Digest Auswahlbücher sind mittlerweile seit mehr als sechzig Jahren ein Erfolg. Wie kam es eigentlich dazu, dass diese Buchreihe entstand?
Christian Berger:
Am Anfang, genauer gesagt im Jahr 1934, stand die Idee, im amerikanischen Reader’s Digest Magazin regelmäßig einen kurzen Buchauszug zu veröffentlichen. Das kam so gut an, dass man daraus ein neues Konzept entwickelte: 1950 erschien in den USA der erste Band der Buchreihe „Reader’s Digest Condensed Books“, der vier Bücher in eigens erstellter professioneller Kurzfassung enthielt. Im deutschsprachigen Raum wurden dann 1955 die „Reader’s Digest Auswahlbücher“ aus der Taufe gehoben.


Ihr Erfolgsrezept heißt Kürzen. Was passiert mit einem Roman, wenn Profis die Hälfte herausnehmen?

Er wird beschleunigt, dichter, auf die Handlung konzentriert.


Auch bei auf Wirkung kalkulierten Thrillern von Autoren wie John Grisham?
Viele Menschen empfinden Unterhaltungsromane als oft sehr ausführlich, geradezu langatmig. Eine wichtige Rolle spielt dabei das immer stärker werdende subjektive Gefühl von Zeitmangel – das betrifft eigentlich uns alle, egal ob Manager oder Rentner. Unsere Leser schätzen es, wenn sie in überschaubarer Zeit einen Roman lesen können und nicht im Laufe von 500 Seiten den Überblick verlieren. Aber Verlage können nun mal für dicke Bücher mehr Geld verlangen – und machen daher oft den Autoren Vorgaben, einen bestimmten Mindestumfang zu erreichen. Da passiert es schnell, dass nicht alles, was seinen Weg zwischen zwei Buchdeckel findet, auch wirklich für einen Roman wichtig ist. Und das nehmen wir dann wieder heraus.


Gibt es Bücher, die für Kurzfassungen nicht in Frage kommen?

Bei allem, was rein literarisch ist, kommt es auf die Sprache, den Stil, die „Komposition“ an. Da würde eine Konzentration auf die wichtigsten Handlungselemente dem Autor und seinem Buch nicht gerecht werden – und das ist für uns das A und O. Aber auch Unter­haltungsromane müssen alle wesentlichen Elemente und Merkmale des Originals enthalten, der Leser darf in unserer Fassung nichts vermissen und nie spüren, wenn wir etwas herausgenommen haben. Ein 700-Seiten-Epos über drei Generationen meiden wir – da wir pro Titel eine bestimmte Länge nicht überschreiten können, wäre die Gefahr einer „Überkürzung“ zu groß.


Um wie viel wird reduziert?
Üblicherweise um 20 bis 50 Prozent, in sehr seltenen Fällen auch 60 Prozent.


Gibt es dafür ein „Rezept“?

Ja, und wie bei allen guten Rezepten enthält es geheime, über Jahrzehnte hinweg überlieferte Zutaten… Im Ernst: Wichtig ist vor allem Erfahrung – die haben wir reichlich –, das richtige Gespür für den Text und Respekt vor dem Original. Um die Qualität einer Kürzung zu gewährleisten, erstellen wir sie in mehreren Etappen: Zunächst muss der Kürzer eine vorgegebene Länge erreichen – in diesem Stadium wird der meiste „Ballast“ abgeworfen. Das verlangt einen guten Textüberblick, ein Gefühl für die Dramaturgie des Romans und Entschlussfreudigkeit beim Streichen von Sätzen, Passagen oder manchmal auch ganzen Kapiteln.


Was passiert danach?

Ein Redakteur geht diese Kurzfassung durch, überprüft Stimmigkeit und Logik, achtet auf Atmosphäre und Stimmungen, Charakterzeichnung und Sprache. Er rettet dabei immer wieder reizvolle Details, die bei der Kürzung verlorengegangen sind: ein gelungenes Wortspiel, einen vergnüglichen Dialog, ein schönes Sprachbild. Und er braucht ein sehr feines Gespür für Timing – das heißt, er sollte merken, wo eine Geschichte zu dünn wird oder wann sie sich zu schnell bewegt.


Ist die Kurzfassung damit fertig?

Nicht ganz: Den Abschluss macht ein Korrektor, der den Text auf Sprache, Grammatik, Rechtschreibfehler durchsieht – und letzte kleine Fehler behebt, die dem Kürzer und dem Redakteur noch durchgerutscht sind.


Wie lange braucht ein Profi für eine Kürzung?

Mindestens zwei Wochen, oft länger. Er muss erst einmal herausfinden: Was ist wirklich wichtig? Erfahrungsgemäß kann man im ersten Drittel eines Romans auf wenig verzichten, da werden Charaktere eingeführt und Konflikte aufgebaut. Im Mittelteil wird der Kürzer dann fündig: Hier gibt es viele Exkurse, Wiederholungen und Längen, bei denen er beherzt eingreifen kann. Das Finale ist bei guten Originalen wieder sehr dicht.


Werden bestimmte Inhalte bewusst gekürzt?

Details von expliziten Gewaltszenen, Sex und Erotik. Auch wenn es um Horror geht, bewegen wir uns in einer Schonzone. Stephen King ist unseren Lesern bereits zu düster.


Mit welchen Geschichten haben es die Kürzer am leichtesten?

Storys mit klarem Handlungsgerüst, die sich auch gut fürs Verfilmen eignen würden, sind ideal. Und Beziehungsgeschichten: Verliebte neigen zur Wiederholung.


Welche Romane fürchten Sie?

Historische, weil sie viele Charaktere brauchen, um Intrigen oder Bündnisse zu entwickeln. Und sie müssen in eine Welt einführen, in der der Leser nicht zu Hause ist. Bei Umberto Ecos „Der Name der Rose“ wäre keine sinnvolle Kurzform realisierbar gewesen. Auch bei traditionellen Krimis passen wir sehr auf: Da muss der Detektiv falschen Fährten und Irrwegen folgen, die Lösung darf nicht zu offensichtlich sein.


Wäre es nicht am einfachsten, schwierige Passagen neu zu schreiben?

Manchmal vielleicht – aber das kommt für uns nicht infrage. Wir haben den Anspruch, den Lesern, wenn auch verknappt, stets das Originalwerk eines Schriftstellers zu liefern.


Wie reagieren die Autoren?

Viele machen uns Komplimente und bedanken sich für den sorgfältigen Umgang mit ihrem Werk. Immer wieder hören wir, dass sie selbst nicht merken, wo wir behutsam etwas herausgenommen haben. Autoren von Unterhaltungsromanen sind in der Regel nicht der Meinung, dass ihre Romane unantastbar sind. Sie kennen Kurzfassungen zudem aus anderen Bereichen, etwa vom Hörbuch oder von Verfilmungen.


Zwei Fragen zum Schluss: Wie viele Bücher lesen Sie im Jahr, um das Auswahlbuchprogramm auf die Beine zu stellen – und lesen Sie noch gern?

Bei der Anzahl der Bücher habe ich aufgehört zu zählen. Meine Kollegen klagen, dass sie mich zwischen den Bücherstapeln oft kaum mehr finden. Aber viele von den Tausenden von Neuerscheinungen pro Jahr kann ich schon im Vorfeld oder in einem frühen Stadium als ungeeignet aussortieren. Und was gibt es Schöneres als zu lesen – und anderen Lesern die gelungensten, unterhaltsamsten und spannendsten Romane in einer Reihe wie den „Reader’s Digest Auswahlbüchern“ zu präsentieren und ans Herz zu legen?!


 

RD Abbinder
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Preis: 27,99 €  

Reader's Digest Auswahlbücher

Jeder Band dieser Buchreihe enthält vier Romane in zeitgemäßer Kurzfassung, sorgfältig ausgewählt aus einer Vielzahl von Neuerscheinungen. Das garantiert seit Jahrzehnten Unterhaltung für jeden Lesegeschmack: Krimis, Liebesromane, Thriller, historische Romane, Humor.

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