Eine junge Frau hält ihr blondes Haar vor dem Kinn und rechten Ohr zuasmmen.
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Haare – mehr als nur Schmuck

Haare auf dem Kopf hat jeder – fast jeder. Aber kaum jemand weiß, was wirklich hinter den langen, dünnen, mehr oder weniger attraktiven Kopfhautanhängseln steckt.

Autor: Reader‘s Digest Book

Das Einzige, was am Haar aktiv und lebendig ist, ist die für uns unsichtbare, tief in die unteren Kopfhautschichten eingestülpte Wurzel – genauer gesagt: der Zellbereich der Matrix in der Haarzwiebel. Dieser sitzt um die Haarpapille herum, dem von unten mit nährenden Blutgefäßen beschickten Kern der Zwiebel, und beherbergt die teilungsfähigen Mutterzellen, deren Aufgabe es ist, neue Haarzellen zu produzieren.

 

Verhornungsprozess

Durch die ständig nachgeschobenen jungen Tochterzellen werden die älteren immer höher gedrückt. Diese Gleitbewegung ist deshalb möglich, weil die innere Schicht des wurzelumhüllenden Haarbalgs, die Wurzelscheide, die Zellen wie auf einer Schiene nach oben führt. Bei der Wanderung nach oben kommt es zu Verhornungsprozessen. Was an der Oberfläche erscheint, ist dann bereits abgestorben: Der durchschnittlich 0,1 mm dicke Haarschaft besteht aus drei Schichten, die sich gegenseitig nach außen hin umhüllen. Als innerste Schicht besteht die sogenannte Medulla aus Markzellen. Die mittlere, aus Keratinmolekülen gebildete Schicht wird als Haarrinde oder Cortex bezeichnet und macht den größten Teil des Haarschaftes aus, etwa 90 % des Haardurchmessers.
Die äußerste Schicht des Haares, das Haarhäutchen, besteht aus Schuppen, die in mehreren Lagen dicht übereinander liegen und die durch eine Art Kittmaterial verklebt sind. Sie bilden eine Panzerung, die in Richtung Haarspitzen verläuft. Streicht man nämlich ein Haar sacht von der Wurzel zur Spitze hin ab, fühlt es sich glatt an; gegen die Schüppchen gestrichen allerdings ist es rau und hakt. Zieht man daher einen Kamm mit dem Strich, richtet er keinerlei Schaden an. Wird er jedoch zum Toupieren benutzt, dann muss er gegen die Schüppchen stoßen, da diese Technik darauf beruht, dass sich die Schuppenplatten abheben und ineinander verhaken. Der Haarglanz entsteht übrigens durch spiegelartige Lichtreflexion in den einzelnen Schüppchen; sind sie beschädigt, schlucken sie die Strahlen, statt sie zu reflektieren. Das Haar wirkt glanzlos.

 

Dehnbar und widerstandsfähig

Die Hornsubstanz Keratin des Haares setzt sich aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, geringen Mengen an Wasserstoff und Schwefel zusammen. Die Moleküle bilden eine schraubenförmige Struktur (a-Helix) aus, die erstaunlich dehnbar ist. Beim Waschen z. B. können die Haare durch Erwärmen und Befeuchten länger werden. Dieses Phänomen beruht darauf, dass sich die a-Helix zu einer sogenannten Faltblattstruktur umbildet, bei der die Molekülketten nicht mehr schraubig, sondern parallel zueinander ausgerichtet sind. Das geschieht, weil beim Waschvorgang die vorhandenen Wasserstoffbrückenbindungen vorübergehend aufbrechen; beim Trocknen bilden sie sich neu. Im Übrigen ist die Bauweise des Keratins so stabil, dass nicht einmal die aggressiven Magenflüssigkeiten oder die Enzyme, die normalerweise Eiweiße spalten, ihm etwas anhaben können. Haar ist somit unverdaulich und erträgt außerdem ein Zuggewicht von rund 80 g. Bei knapp 100 000 Haaren auf dem Kopf ergäbe das insgesamt 8 t, die gehalten werden könnten.

 

Rasantes Wachstum

Auch die Geschwindigkeit, mit der Zellen laufend nachgeschoben werden, ist beträchtlich. Pro Tag wächst das Haar um durchschnittlich 0,35 mm, das macht einen guten Zentimeter im Monat. Könnte man die tägliche Wachstumsleistung aller Haare an einem Stück betrachten, ergäbe das eine Riesensträhne von über 30 m! Häufiges Schneiden steigert dieses Tempo nicht, interessanterweise aber Jahreszeit und Temperatur, denn im Sommer und bei Wärme wachsen Haare schneller. Die Wuchsrichtung des Haares hängt ebenfalls davon ab, was sich unsichtbar unter der Hautoberfläche abspielt. Je nachdem, wie jeder einzelne Haarbalg in der Kopfhaut liegt, schickt er seine Zellen eher gerade oder schräg auf die Reise. Sind auf einem einzigen kleinen Stück Kopfhaut verschiedene Lagen vertreten, entsteht ein Wirbel.

 

Rapunzel, lass dein Haar herunter!

Lässt man Haare einfach wachsen, erreichen sie normalerweise eine Länge von 60 – 90 cm. Extrem langes Haar erreicht nur derjenige, der eine Anlage zu überaktiven Haarwurzeln hat. Bei solchen Menschen dauern die aktiven Wachstumsphasen länger an. Dadurch werden die Ruhephasen seltener, die Haare fallen nicht so oft aus. Das einzelne Haar lebt länger und hat damit auch die Chance, länger zu wachsen. Jeder Mensch hat etwa gleich viele Haare auf dem Kopf: 280 – 340 pro cm2. Die Dichte des Schopfes hängt dabei wesentlich von Haarfarbe und -stärke ab. Blonde Haare mit nur 0,03 mm Ø sind am feinsten, während es rote Haare bis auf 0,12 mm Ø bringen. Dementsprechend kann ein Blondschopf mehr Haare haben (rund 120.000) als ein Rotschopf (etwa 80.000). Die individuelle Färbung von Weißblond bis Tiefschwarz ist bei jedem Menschen genetisch festgelegt und wird durch das Pigment Melanin hervorgerufen. Doch erst nach den Hormonveränderungen der Pubertät bleibt der Haarton verlässlich stabil

 

 


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