So wird die Welt satt
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So wird die Welt satt

2040 soll die Weltbevölkerung die 9-Milliarden-Marke erreichen. Wie stellen wir ihre Ernährung sicher? Dies ist die Nahrung der Zukunft...

Ausgabe: Juni 2018 Autor: Amanda Riley-Jones

Die Fleischnachfrage wird sich in den nächsten 20 Jahren voraussichtlich verdoppeln. Doch Tiere für den Verzehr aufzuziehen, belastet die Umwelt und beansprucht gewaltige Wasser- und Futtermengen. „Weltweit fressen rund 70 Milliarden Nutztiere ein Drittel unserer Getreideernte, 90 Prozent unseres Sojamehls und 30 Prozent des weltweit gefangenen Fischs. Das sind wertvolle Ressourcen, mit denen Milliarden hungriger Menschen ernährt werden könnten“, so Philip Lymbery, Autor des Buches Farmageddon: The True Cost of Cheap Meat (Far­mageddon: Was billiges Fleisch wirklich kostet).

Die Fachwelt ist sich einig: Wir müssen einen nachhaltigeren Weg finden, uns mit Proteinen zu versorgen. Memphis Meats will „federloses“ Hühnerfleisch auf den Markt bringen. Im März 2017 gab das Unternehmen aus San Francisco, USA bekannt, dass es ihm gelungen sei, Hühner- und Entenfleisch im Labor zu züchten. Zunächst hatten die Wissenschaftler von Memphis Meats Geflügelstammzellen isoliert, um sie dann in Bioreaktor-Behältern in einer Kultur aus Zuckern und Mineralstoffen zu züchten. Nach sechs Wochen war genug Fleisch gewachsen, um es zu „ernten“.

Ernährungssicherheit gewährleisten

Im Februar 2018 wurden 50.000 Samenproben von Nutzpflanzen aus Ländern wie Benin, Indien, Pakistan, dem Libanon, Bosnien und Herzegowina, Mexiko, den Niederlanden, den USA, Weißrussland und Großbritannien in einem unzerstörbaren unterirdischen Bunker auf einer Insel nördlich des Polarkreises eingelagert. Der 2008 eröffnete Saatgut-Tresor auf Svalbard verwahrt Duplikate des Saatguts, das in Genbanken weltweit vorhanden ist. Dort sind Samenkörner für 4,5 Millionen Nutzpflanzensorten eingelagert, um sie für künftige Generationen zu bewahren. „Noch haben wir weltweit eine unglaubliche Vielfalt an Feldfrüchten - unter anderem 125.000 Weizen- und 200.000 Reis-Sorten. Die Vielfalt der Nutzpflanzen ist die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung klimabeständiger Sorten für künftige Generationen“, erklärt Marie Haga, Geschäftsführerin des Crop Trust, einer internationalen Organisation für den Schutz von Nutzpflanzen.

Wissenschaftler entwickeln gen-veränderte Pflanzensorten

Virenresistente Süßkartoffeln, überschwemmungstolerante Reissorten und Mais mit eingebautem Schädlingsschutz sind nur einige der neuen gentechnisch veränderten (GV)-Pflanzen, die Wissenschaftler entwickelt haben, um die globale Nahrungsmittel-Produktion zu steigern. Doch GV-Nahrungsmittel sind höchst umstritten. Die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada und China bauen schon in erheblichem Umfang GV-Nahrungsmittel für den menschlichen Verzehr an. Großbritannien, die EU, Neuseeland und Japan dagegen nicht.

Dr. Prakash, Professor für Pflanzengenetik und Biotechnologie an der Tuskegee University in Alabama, USA, drängt: „Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des Klimawandels müssen die Menschen verschiedene Möglichkeiten nutzen, um eine nachhaltige Lebensmittelproduktion sicherzustellen. Biotechnologische Verfahren werden wesentlich zur Entwicklung widerstandsfähiger Sorten beitragen, die auch bei Dürre, Überschwemmung, Versalzung und Zunahme von Schädlingen und Krankheiten angebaut werden können.“ Beispielsweise sorgen unregelmäßige Niederschläge in Reisanbaugebieten in Indien, Bangladesch und Nepal für häufige Überflutungen. Diese schädigen die Ernte, Millionen Menschen müssen hungern. Das internationale Reisforschungsinstitut hat darauf mit der Entwicklung einer Sorte reagiert, die mehr als zwei Wochen lang unter Wasser überleben kann.

Über die Sicherheit von GV-Nahrungsmitteln sagt Prakash: „Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem GV-Pflanzen oder -Nahrungsmittel, die derzeit auf dem Markt sind, nachweislich Schäden verursacht hätten. Weder Verbraucher noch Umwelt wurden bisher beeinträchtigt. Ich würde es begrüßen, wenn Regierungen in Europa, Asien und Afrika die Kommerzialisierung landwirtschaftlicher Biotechnologien unterstützen würden. Außerdem könnten sie die Bevölkerung besser über die Sicherheit und die Vorzüge dieser Technologien aufklären.

Die Alternative: Insekten als Protein-Ressource

Mehlwurm-Häppchen, Käfer-Eis oder frittierte Heuschrecken gefällig? Fachleute suchen nach Wegen, wie wir unseren Ekel überwinden und uns durch Insekten mit Proteinen versorgen können. Insekten sind eine wertvolle Proteinquelle für zwei Millionen Menschen in Entwicklungsländern, von Mittel- und Südamerika über Afrika bis Asien. Der Ökologe und Insektenkundler Professor Marcel Dicke von der niederländischen Universität Wageningen erklärt: „Zwei Milliarden Menschen auf der Welt essen bereits Insekten und betrachten sie als Delikatesse.“ Viele Insekten liefern alle neun lebenswichtigen Aminosäuren und außerdem eine ganze Reihe von Mikronährstoffen wie Eisen, Zink und Magnesium. Die Insektenzucht erfordert zudem einen Bruchteil der Fläche, des Wassers und Futters, die für traditionelle Nutztiere gebraucht werden. Außerdem produzieren Insekten weniger Treibhausgase und verstoffwechseln ihre Nahrung deutlich effizienter. „Zehn Kilo Futter erzeugen ein Kilo Rindfleisch oder neun Kilo Heuschrecken“, erklärt Professor Dicke.

Reichere Ausbeute: Nährstoffgehalt erhöhen

Mehr Nahrungsmittel zu produzieren ist aber nicht die einzige Herausforderung. Auch der Nährstoffgehalt muss erhöht werden. Das ist vor allem für Entwicklungsländer entscheidend, in denen zwei Milliarden Menschen an Vitamin- und Mineralstoffmangel leiden. Ursache sind meist nährstoffarme Grundnahrungsmittel. In den letzten zehn Jahren hat das sogenannte Biofortifikation-Verfahren enorme Fortschritte gemacht. Dabei werden Nutzpflanzen mit Nährstoffen angereichert. Manchmal geht das durch gezielte Züchtung. Doch wenn sich Pflanzen schwer kreuzen lassen oder das gewünschte Vitamin oder Mineral nicht enthalten, kommt die GV-Biofortifikation zum Einsatz. Auf diese Weise werden bereits mit Vitamin A angereicherte Süßkartoffeln in Angola, besonders eisenhaltige Bohnen in Brasilien und Linsen mit extra viel Zink in Indien angebaut.

Eine der größten Herausforderungen für Lebensmittelwissenschaftler ist der ausgeprägte Vitamin-A-Mangel, der in 90 Ländern der Hauptgrund für Kindersterblichkeit ist und jedes Jahr bis zu 500.000 Kinder erblinden lässt. Dazu Dr. Prakash: „Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt hauptsächlich von Reis, von dem es 100.000 Sorten gibt. Doch keine einzige enthält Betakarotin, das unser Körper braucht, um Vitamin A zu produzieren. Eine Reispflanze lässt sich nur durch Gentechnik mit Betakarotin anreichern.“ Also wurde „goldener Reis“ entwickelt, auf den Maisgene übertragen wurden, um einen hohen Betakarotingehalt zu erreichen. Leider ergaben jüngste Studien in Indien, dass die Kreuzung des goldenen GV-Reises mit einer heimischen Sorte zu Kümmerwuchs führt. Doch Dr. Prakash bleibt optimistisch: „Mit dem Aufkommen der Genomik und der Geneditierung werden wir hoffentlich eine weitere rasante Entwicklung biofortifizierter Nutzpflanzen erleben. Sie sind das wirksamste Mittel, um den Mikronährstoffmangel in Entwicklungsländern zu bekämpfen.“

Algen: die Unterwasser-Superhelden

Experten sind sich einig: Algen könnten zu den nährstoffreichsten Lebensmitteln der Welt zählen. Vielleicht haben Sie schon mal Spirulinapulver oder -pillen aus Mikroalgen im Reformhaus gesehen. „Mikroalgen sind winzige Einzeller, die Sonnenenergie nutzen, um Biomasse zu erzeugen, die Proteine, Fettsäuren, Vitamine und Mineralien enthält“, erklärt Professor Mark Edwards, Experte für nachhaltige Ernährung an der Arizona State University, USA. „Die kleine Krabbe aber auch der Blauwal ernähren sich von Algen. Sie sind die Grundlage alles Lebens und könnten dafür sorgen, dass wir auch in Zukunft genug zu essen haben.“

Diese uralten Lebensformen gedeihen auch bei extremen Temperaturen, Dürre und hohem Salzgehalt. „Algen brauchen kaum oder keinen fruchtbaren Boden, Süßwasser, fossile Brennstoffe, anorganische Düngemittel oder Pestizide“, so Professor Edwards. Ist Süßwasser knapp, können Mikroalgen in Sole oder in aufbereitetem Abwasser gezüchtet werden. In Afrika, Asien und Lateinamerika gibt es bereits Hunderte von Spirulina-Kleinstfarmen. Getrocknete Spirulina hat die Beschaffenheit knuspriger Nudeln, ein leichtes Meeresaroma und lässt sich als Pulver in Essen und Getränke mischen.

„2040 werden meiner Ansicht nach Lebensmittel auf Algenbasis 40 Prozent aller Fleischprodukte und 60 Prozent der Soja-, Mais- und Weizenprodukte abgelöst haben, die wir heute verwenden“, meint Professor Edwards. „Ein Kilo Fleischersatz auf Algenbasis liefert dreimal so viel Eiweiß wie ein Kilo Rindfleisch und kostet halb so viel. Einen noch größeren Effekt auf die globale Nahrungsmittelversorgung werden Algen aber durch die Verbesserung der Ernährung von Pflanzen und Nutztieren haben.“

Unternehmer suchen bereits nach Möglichkeiten, in Städten Algen anzubauen. „Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer Stadt, in der die Häuser mit photosynthetischen Membranen und vertikalen Gärten überzogen sind, die Sonnenenergie aufnehmen und Lebensmittel für die Stadtbevölkerung produzieren“, meint Robert Henrikson von Smart Microfarms, einem US-amerikanischen Unternehmen, das Mikroalgenanlagen in Gemeinde- und Stadtparks baut. Er ist überzeugt, dass „Fernüberwachung und intelligente Technik in Zukunft ermöglichen, dass an jedem Ort der Welt Kleinstfarmen im Container aufgestellt werden können.“

 

Können Sie sich vorstellen, Algen oder Insekten zu essen?
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