Warum werden wir immer dicker?
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Warum werden wir immer dicker?

Liegt es wirklich nur an uns allein, vernünftig zu essen und uns ausreichend zu bewegen?

Autor: Reader's Digest Book

2012 waren in Deutschland rund 23,5 % der Bevölkerung fettleibig, gegenüber nur ca. 9,5 % im Jahr 1989, so eine DEGS-Studie des Robert-Koch-Instituts. Insgesamt sind in Deutschland mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig bzw. extrem übergewichtig (adipös). In Großbritannien hat sich die Fettleibigkeit, kaum vorstellbar, in den letzten 25 Jahren vervierfacht. Mediziner sprechen von epidemischen Ausmaßen mit womöglich katastrophalen Folgen für die Gesundheit.
Jüngere Studien zeigen, dass sich das Problem auf Länder des Nahen Ostens und Asiens ausdehnt, die die westlichen Ernährungs-Gewohnheiten angenommen haben. Ist also mangelnde Selbstkontrolle der wahre Schuldige? Hat so viele von uns kollektiv die Willenskraft verlassen? Oder sind da noch andere Faktoren im Spiel?

Warum wir energiereiche Nahrung lieben

Mangelnde Willenskraft erkläre dies nur unzureichend, so die Experten. Manche Lebensmittelhersteller würden von ihren Produkten durch unwiderstehliche Kombinationen aus Fett, Zucker und Salz abhängig machen, um uns mit Tricks dazu zu verleiten, zu viel zu essen. „Die Versuchung ist so groß, weil wir evolutionär auf Fette und Zucker geprägt sind,“ erklärt ein Professor für Psychologie, der Adipositas seit 30 Jahren untersucht. Solche Nahrung ist für uns so verlockend, weil sie das Überleben sicherte. Als Jäger und Sammler waren kalorienreiche Fette eine wesentliche Energiequelle. Zucker aus Früchten und gelegentlich aus Honig war selten und kostbar. Sehr viel später „wurde den Menschen zum Verhängnis, dass sie entdeckten, wie man Fette und Zucker allen möglichen Nahrungsmitteln zusetzen und deren Verbrauch sowohl zu Hause als auch in Restaurants steigerte. Genau aus diesem Grund steigt der BMI in der Bevölkerung stetig an.“ Fast Food wird speziell auf seinen „Suchtfaktor“ hin entwickelt. Hersteller entwickeln fettige, zuckrige, knusprige, klebrige Produkte, sodass diese sich passgenau in das evolutionsbedingte Essmuster des Menschen einfügen.

Wohlgefühl auf Abruf

„Suchtfaktor“ ist nicht übertrieben, denn wenn wir uns über Chips hermachen, springt im Gehirn ein „Belohnungssystem“ an; es verstärkt bestimmte Verhaltensformen, indem es uns ein Wohlgefühl verschafft. Tatsächlich deuten Studien darauf hin, dass der Effekt von Nahrung auf das Gehirn ähnlich dem von suchterzeugenden Partydrogen sein kann. In diesem Belohnungssystem spielt eine Substanz namens Dopamin die Schlüsselrolle. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der das Empfinden im Gehirn steuert – speziell die Fähigkeit, Genuss und Schmerz zu fühlen. Letztlich verursacht Dopamin ein Wohlgefühl, welches das Gehirn immer wieder anstrebt. Drogen wie Kokain erhöhen den Dopaminspiegel und setzen somit einen Suchtkreislauf in Gang. Wissenschaftler entdecken zunehmend, dass auch Nahrungsmittel mit hohem Zucker- und Fettgehalt das Gehirn mit Dopamin überfrachten können. In einer Studie, die 2011 in der Fachzeitschrift Obesity veröffentlicht wurde, fanden Forscher heraus, dass bei übergewichtigen Menschen mit zwanghaften Essstörungen schon der Anblick und Duft ihrer Lieblingsspeisen zu einem Dopaminanstieg führt. Nach einer Tierstudie von 2010 spielt derselbe Mechanismus, der Drogenabhängigkeit fördert, auch bei zwanghafter Essstörung und Fettleibigkeit eine Rolle. Frühere Untersuchungen von normalgewichtigen Menschen wiesen nach, dass die Freisetzung von Dopamin mit Hunger und dem Verlangen nach Nahrung verknüpft ist.

Das Gehirn neu verschalten?

Ein renommierten Forscher sprach mit Experten der Lebensmittelindustrie, mit Wissenschaftlern und Verhaltensforschern. Überdies beobachtete er quer durch die USA Menschen – ob im Schnellimbiss oder Restaurant – beim Essen. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass Essen, das Fett, Zucker und Salz enthält, nicht nur das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliert.
Mit der Zeit führt der Genuss solcher Nahrung zu einer Neuverschaltung im Gehirn. Das geht soweit, dass ihr bloßer Duft oder Anblick das Belohnungszentrum stimuliert, was den Wunsch nach etwas Leckerem auslöst. Man isst also und im Gegenzug setzt das Gehirn Opioid frei. In der Folge bildet sich im Gehirn ein Signalpfad aus, der jedes Mal aktiviert wird, wenn Sie an diese fettigen, zuckrigen Nahrungsmittel erinnert werden, und dann den Drang zu essen auslöst, ob hungrig oder nicht.

Aufklärung ist notwendig

Die Herstellung und Bewerbung leckerer Dickmacher wird man kaum verbieten. Doch es könnte helfen, unser Bewusstsein zu schärfen. Verschiedenste Experten setzten sich bereits für eine transparentere Lebensmittel-Kennzeichnung ein. Sowohl in Europa, als auch in den USA, Südamerika und Asien, wurden oder werden erste Maßnahmen ergriffen. Ein erster Schritt besteht darin, sich die Macht der Lebensmittelkonzerne klarzumachen, etwa dass sie Verbraucher ermutigen Ungesundes zu essen. Es ist wichtig, die Etiketten zu lesen und zu wissen, was der Körper wirklich braucht, um zu gedeihen. Mit diesem Wissen fällt es leichter, sich richtig zu entscheiden.


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