Die Teilzeit-Diät
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ErnährungGesundheit

Die Teilzeit-Diät

Sie schaffen es einfach nicht, im Alltag Kalorien zu reduzieren? Dann haben wir eine gute Nachricht für Sie: Es genügt, wenn Sie nur jeden zweiten Tag Diät halten!

Ausgabe: Januar 2012 Autor: Jerome Burne

Wer eine neue Diät beginnt, verliert im Idealfall einige Pfunde und kann den Gürtel stolz ein wenig enger schnallen. Allerdings steht am Ende meist die deprimierende Erkenntnis, dass das Gewicht wiederkehrt, sobald man nicht mehr mit Argusaugen darüber wacht, was auf den Teller kommt. Warum also nicht etwas ganz anderes ausprobieren: eine Diät, welche die Pfunde ohne Dauerhunger schwinden lässt. Und die den Stoffwechsel nicht verlangsamt, sodass es nicht zum unschönen Jojo-Effekt kommt. Zu schön, um wahr zu sein?

Nein – es gibt tatsächlich eine Diät, die das schafft. Mehr noch: Sie schützt sogar vor Krankheiten, indem sie die persönliche Körperchemie verändert. Man leidet seltener unter Entzündungen, hat bessere Blutzuckerwerte und mindert vielleicht das Risiko, dass das Gedächtnis im Alter nachlässt.

Die Rede ist von der „Jeden-zweiten-Tag-Diät“, die ich in der Märzausgabe 2011 von Reader’s Digest erstmals beschrieben habe, als neue Forschungen auf vielversprechende Ergebnisse hindeuteten. Seitdem zeigen weitere Studien, dass es sich um die ultimative Diät handeln könnte.

Die Grundidee ist denkbar einfach: Man isst nur jeden zweiten Tag. An einem Tag wird gefastet, am folgenden Tag normal gegessen. Einen Tag fasten, einen Tag essen, und so weiter.

Natürlich gibt es Variationen und Leitlinien. Die meisten Menschen essen auch an den „Fastentagen“ etwas, üblicherweise nehmen sie in den ersten zwei Wochen zwischen 400 und 500 Kalorien zu sich (beispielsweise ein gekochtes Ei und eine Scheibe Toast zum Frühstück, Suppe zum Mittagessen, Hühnerbrust und Salat zu Abend), danach bis zu 750 Kalorien. Auch ist es ratsam, an den „Esstagen“ nicht allzu wild zu schwelgen.

Wie kann eine so einfache Sache so viel Gutes bewirken? Bereits seit den 30er-Jahren wissen Ernährungswissenschaftler, dass Tiere, die täglich relativ wenige Kalorien zu sich nehmen – ungefähr das Pendant zu 1200 bis 1500 Kalorien beim Menschen –, rund 30 Prozent länger leben als üblich. Dieses Wissen wurde auf den neuesten Stand gebracht. Weniger zu essen gilt bei Tieren nach wie vor als einzige Möglichkeit, die Lebensspanne zu verlängern.

Die Arterien sind durchlässiger und der Blutdruck niedriger. Allerdings ist diese Ernährungsweise in der Regel nur in Gefangenschaft einzuhalten. Wenige Menschen können und möchten mit einem dauerhaften Hunger-gefühl leben, wie zahlreiche Diätabbrecher bezeugen.

Das änderte sich, als 2003 der Neurowissenschaftler Mark Mattson am Nationalen Institut für Altersfragen in den USA eine Entdeckung machte: Er fand heraus, dass Ratten von den gesundheitlichen Vorteilen selbst dann profitierten, wenn ihre Nahrungszufuhr nur jeden zweiten Tag eingeschränkt wurde.

Würde das bei uns Menschen auch funktionieren? Mattson hielt es für wahrscheinlich. „Unser heutiger Stoffwechsel hat sich zu einer Zeit entwickelt, als wir Jäger und Sammler waren“, erklärt er. „Damals war das Leben ein ständiger Wechsel zwischen Feiern und Fasten. Manchmal gab es tagelang nichts zu essen, dann wiederum schlug man sich den Bauch voll, wenn sich eine gute Nahrungsquelle auftat.“ Tests mit Menschen ergaben, dass sich ihr Gesundheitszustand in ähnlicher Weise verbesserte wie der der Ratten.

Obwohl die Diät von den Weight Watchers noch nicht empfohlen wird, werden ihre Vorteile im Internet in Videos und Blogs gepriesen. So schreibt ein Blogger, bei dem die überschüssigen Pfunde dauerhaft schmolzen: „Ende 2008 verlor ich sieben Kilogramm, dann pausierte ich. Neun Monate später verlor ich weitere dreieinhalb Kilo.“

Ein anderer beschreibt, dass die „Fastentage“ einfacher zu bewältigen sind als die „Esstage“. „Bei den Fastentagen habe ich nicht einmal geschummelt. Es funktioniert, wenn man weiß, dass man morgen essen darf. Dagegen muss man an den Ess-tagen aufpassen, dass man nicht über die Stränge schlägt.“ Mattson empfiehlt eine durchschnittliche Kalorienzufuhr von 1800 bis 2200 Kalorien pro Tag für Männer und 1600 bis 2000 für Frauen. Indem man jeden zweiten Tag hungert, nähert man sich diesem Durchschnitt scheinbar deutlich einfacher an als mit täglichem Fasten.

Einer der ersten Klinikärzte, die das Ganze praktisch umsetzten, war Dr. James Johnson, Ausbilder für plastische Chirurgie und Autor des Buches Die 50:50-Diät. „Ich sah in meiner Praxis immer wieder stark übergewichtige Menschen und wollte ihnen helfen“, berichtet er. „Den ersten wissenschaftlichen Aufsatz über die Methode las ich vor fünf Jahren, und ich wollte es erst an mir selbst ausprobieren. Ich hatte schon immer leichtes Übergewicht. Der Ansatz schien einfacher als alle Diäten, die ich über Jahre ohne Erfolg ausprobiert habe.“ Johnson verlor 16 Kilo in elf Wochen und war prompt überzeugt. Sein Buch und eine Website folgten.

2007 führte er eine der ersten Studien durch, die zeigten, dass die 50:50-Diät auch bei bestimmten gesundheitlichen Problemen half. Die zehn Probanden waren übergewichtig und hatten Asthma. Nach acht Wochen wogen sie 8 Prozent weniger, und die Kurzatmigkeit hatte sich deutlich verbessert. Blutproben zeigten, dass der Anteil schädlicher freier Radikale um 90 Prozent und die Entzündungswerte um 70 Prozent gesunken waren. Zwei Wochen nach Ende der Diät kehrten jedoch die Symptome zurück. Inzwischen interessierten sich weitere Wissenschaftler für die Diät.

Eine von ihnen war Krista Varady, Assistenzprofessorin für Kinesiologie (Lehre der menschlichen Bewegungen) und Ernährung an der Universität von Illinois in Chicago. „Was mich an dem Ansatz faszinierte“, sagt sie, „war, dass die Menschen diese Diät tatsächlich leichter durchhalten, als täglich Kalorien zu reduzieren.“ Sie fand heraus, dass die neue Methode das Leben für viele Übergewichtige definitiv einfacher machte. 2010 veröffentlichte sie eine Studie von einer Gruppe, die jeden zweiten Tag fastete und trotzdem innerhalb von zehn Wochen zwischen vier und 14 Kilogramm Gewicht verlor.

Jetzt forscht Varady, warum die Diät diese zusätzlichen Gesundheitsvorteile mit sich bringt. Als ein wichtiger Baustein hat sich ein Protein namens Adiponectin erwiesen. Bauchspeckröllchen – die erklärte Zielscheibe vieler Diäten – schaden der Gesundheit tatsächlich aktiv. Sie senden Chemikalien aus, die die Leber und das Herz-Kreislauf-System schwächen können.

Bauchfett zu minimieren hilft diesen Prozess umzukehren, denn es fördert die Produktion von Adiponectin, das die Leber empfänglicher für Insulin macht (Diabetiker reagieren in ungenügendem Maße auf Insulin), und mildert Entzündungen (die meisten Herzerkrankungen gehen mit chronischen Entzündungen einher).

Im März 2010 belegten Varadys Forschungsergebnisse, dass die Produktion von Adiponectin bei Menschen, die die 50:50-Diät machten, um 30 Prozent anstieg. Gleichzeitig sanken ihre Blutfettwerte, die als Indikator für das Herzinfarktrisiko gelten. Zudem fand sie heraus, dass nicht nur die Diät sondern auch körperliche Bewegung die Adiponectin-Produktion ankurbeln.

Die Diät und körperliche Bewegung haben noch einen weiteren Nutzen. Sie kurbeln das Enzym SIRT1 an, das den Stoffwechsel auf Fettverbrennung umschaltet. SIRT1 verbessert den Schutz vor freien Radikalen, hilft Schäden an der DNA auszubessern und verringert Entzündungen. Es ist außerdem verantwortlich dafür, dass die Mitochondrien – die kleinen Kraftwerke, die in unseren Zellen stecken – effektiver arbeiten.

„Wenn Sie an einem Diättag nur 20 Prozent Ihrer normalen Kalorienmenge zu sich nehmen, starten Sie den SIRT1-Mechanismus binnen weniger Wochen. Sie stoppen ihn auch nicht, wenn Sie am folgenden Tag essen, was Sie möchten“, sagt Varady.

Die Diät könnte auch dem altersbedingten Abbau geistiger Fähigkeiten entgegenwirken. Mark Mattson berichtete kürzlich, eine eingeschränkte Kalorienzufuhr wirke schützend für das Gehirn. „Wir wissen, dass übergewichtige, insulinresistente Ratten und Mäuse im Alter stärkere Gedächtnis- und Denkprobleme bekommen“, sagt er. „Studien mit Menschen, die Diabetes haben, bestätigen das.“

Lässt sich der Prozess also umkehren? Eine tageweise Diät kann die geistigen Fähigkeiten der ungesunden Tiere verbessern und dafür sorgen, dass ihre Gehirnzellen fit bleiben. Mattson glaubt, dass das auch beim Menschen so sein müsste, auch wenn es noch keine Großversuche gegeben hat. „Mäßigung der Energiezufuhr kann dem alters- und krankheitsbedingten Nachlassen der geistigen Fähigkeiten wahrscheinlich entgegenwirken“, meint er.

Nach wie vor ist die Diät eine Gleichung mit vielen Unbekannten, und es werden weitere Studien nötig sein, bevor sie bei der Behandlung von Diabetes oder Asthma eingesetzt werden kann. Unterdessen steht es demjenigen, der abnehmen möchte, frei, nur jeden zweiten Tag zu fasten. „Ich nutze die Diät, um mein Gewicht zu halten“, sagt Johnson. „Es ist ein einfacher Weg, sich etwas Gutes zu tun.“


 

RD Abbinder
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