Das gefährlichste Tier Europas
© bluedesign / Fotolia.com
Aus der
aktuellen
Ausgabe

GesundheitKörper

Das gefährlichste Tier Europas

Ein winziges Spinnentier überträgt eine Krankheit, die selbst Ärzte vor Rätsel stellt.

Ausgabe: April 2014 Autor: Susannah Hickling

BEN BOULOGNE* achtete nicht weiter auf den Hautausschlag, den er nach der Arbeit im Garten seiner Eltern im französischen Département Loir-et-Cher bekam. Er nahm an, dass der kleine Punkt auf seiner linken Gesäßhälfte mit der kreisrunden roten Umrandung ein harmloser Insektenstich sei. "Da ich in Australien aufgewachsen bin, wo in der Natur viele tödliche Gefahren lauern, dachte ich, in Frankreich könnte es nicht so schlimm sein", sagt der 37-jährige Geschäftsmann und Vater von zwei Töchtern.

Ganz falsch gedacht! Das "Insekt" war tatsächlich eine Zecke gewesen, und schon sehr bald nach dem Biss im Jahr 2009 fühlte sich der ehemalige Rugbyspieler völlig abgeschlagen und erschöpft. "Ich schrieb es dem beruflichen Stress zu", berichtet Boulogne. Auf einer Geschäftsreise in den USA musste er mit dem Auto umkehren, weil er plötzlich schweißgebadet war und von extremer Müdigkeit übermannt wurde. Zurück im Hotel ließ er sich aufs Bett fallen und verschlief einen wichtigen Termin.

Sobald Boulogne wieder zu Hause in London war, ging er zu seiner Hausärztin. Sie horchte sein Herz ab und schickte ihn ohne Umweg in die Kardiologische Abteilung des örtlichen Krankenhauses, wo die Ärzte ihm erklärten, er habe einen atrioventrikulären Block, was bedeutet, dass die Erregungsleitung zur Regulierung des Herzschlags gestört ist. Boulognes Herz schlug pro Minute nur 22- bis 24-mal statt – wie üblich – 60- bis 100-mal. Mit Entsetzen hörte er, dass er wahrscheinlich einen Herzschrittmacher bräuchte. "Das kann gar nicht sein", sagte er dem Kardiologen. "Ich bin mein Leben lang gesund gewesen. Irgendwas hat sich verändert."

Der Kardiologe erwähnte die Möglichkeit, dass es sich um die Lyme-Krankheit (Borreliose) handeln könnte, eine durch Zecken übertragene bakterielle Infektion. Daraufhin konsultierte Boulogne mehrere Ärzte, darunter auch einen Facharzt für Tropenkrankheiten. Besonders wegen des seltsamen Hautausschlags, den Boulogne zwei Monate zuvor gehabt hatte, stimmten alle der Diagnose zu und rieten ihm dringend zu einer Antibiotika-Behandlung.

Boulogne überredete seine Hausärztin, ihn zur intravenösen Verabreichung von Antibiotika ins Krankenhaus einzuweisen. Glücklicherweise schlug die Behandlung an und bewahrte ihn vor dem Herzschrittmacher. Trotzdem dauerte es dreieinhalb Jahre, ehe er sich wieder richtig gesund fühlte. "Ich hatte wirklich Glück, dass ich das überstanden habe", sagt der 37-Jährige.

Boulogne fiel der häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheit zum Opfer. Sie ist benannt nach der Stadt Lyme im US-Bundesstaat Connecticut, wo sie zum ersten Mal diagnostiziert wurde. Die Lyme-Krankheit ist in Europa weit verbreitet: es gibt Aufzeichnungen von bis zu sechs verschiedenen Stämmen der Borrelia burgdorferi-Bakterien. Die Krankheit wird durch Zecken verbreitet, die sich vom Blut wild lebender Tiere wie Eichhörnchen, Mäuse und Zugvögel ernähren.

Obwohl sich die Zahl der Fälle seit den 90er-Jahren verdoppelt hat – möglicherweise infolge der milderen Winter –, wird die Krankheit von vielen Ärzten noch immer nicht erkannt. Die offizielle Zahl von 85.000 bestätigten Fällen pro Jahr in Europa wird von vielen als grobe Unterschätzung betrachtet: allein in Deutschland gibt es jedes Jahr mindestens 50.000 Fälle.

Bei vielen Menschen bleibt die Erkrankung unerkannt oder es folgt eine falsche Diagnose. Oder man behandelt nur die Symptome, statt die Ursache zu bekämpfen – wie anfangs bei Boulogne. Außerdem fehlt ein zentralisiertes System zur statistischen Erfassung der Fälle. Die unzähligen Borreliose-Selbsthilfegruppen, die in den letzten Jahren in Europa gegründet wurden, deuten allerdings auf eine unerkannte Epidemie hin.

Die Diagnose kann sehr schwer sein. Häufig stützt sie sich darauf, dass der Patient von seinem Zeckenbiss weiß. Und auf den charakteristischen kreisförmigen, roten, in der Mitte hell bleibenden Hautausschlag, die Erythema migrans (Wanderröte). In vielen europäischen Ländern wird nur dann ein Borreliose-Bluttest durchgeführt, wenn dieses Symptom auftritt. Manche Menschen wissen allerdings von beidem nichts. "Nur etwa 50 Prozent der Leute erinnern sich an einen Zeckenbiss", sagt Dr. Armin Schwarzbach, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, der am Borreliose Centrum Augsburg (BCA-clinic) Patienten aus ganz Europa behandelt. "Und der typische Hautausschlag tritt auch nur in der Hälfte der Fälle auf."

Abgesehen von dem lokalen Hautausschlag sind die frühen Symptome eher unspezifisch: Mattigkeit, Fieber, Erkältungen, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkbeschwerden sowie geschwollene Lymphknoten gehören dazu. Bei frühzeitiger Diagnose kann die Lyme-Krankheit meist mit einer einmaligen Antibiotika-Behandlung über zwei bis vier Wochen erfolgreich behandelt werden. Wenn die Krankheit allerdings unerkannt bleibt, kann sie zu arthritischen Symptomen, unregelmäßigem Herzschlag, multiplen Hautausschlägen, extremen Erschöpfungszuständen und zu Störungen des zentralen Nervensystems führen.

Nicht behandelte Patienten können dauerhaft leiden. Manchmal sind die Symptome denen anderer Krankheiten wie multiple Sklerose, Alzheimer oder Morbus Crohn sehr ähnlich. Das dritte, chronische Stadium des Leidens erweist sich als sehr viel schwerer heilbar. Deshalb ist es auch so wichtig, ein Bewusstsein für diese Krankheit zu schaffen, sie frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Shannon van den Broek (27) aus Heerlen in den Niederlanden ist krank, seit sie 2005 bei einem Wanderurlaub in Österreich von einer Zecke gebissen wurde. Sie bekam keinen Hautausschlag, und ihr Arzt sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Als sie wenige Wochen darauf Halsschmerzen und Fieber bekam, versicherte er ihr, dass es sich dabei lediglich um eine Erkältung handele. Aber die Erkältung ging nicht weg.

Weitere Symptome folgten. Van den Broek fühlte sich so schwach, dass sie ihren Musikkurs aufgab – und damit auch die Hoffnung auf eine Karriere als Sängerin. Ihre Haut bildete am ganzen Körper ein schmerzhaftes Ekzem aus, das auf keine Behandlungsmethode ansprach. Einmal wurden ihre Arme und Beine taub, und sie konnte eine ganze Woche lang nicht gehen. Wie bei vielen anderen Borreliose-Erkrankten gingen die Ärzte davon aus, dass ihre Probleme psychischer Natur waren.

Als 2012 endlich die Lyme-Krankheit diagnostiziert wurde, behandelte sie ein Facharzt ein ganzes Jahr lang mit hoch dosierten Antibiotika und naturheilkundlichen Medikamenten. Aber ihr Ekzem und die extreme Lethargie kamen wieder. Van den Broek musste erkennen, dass die Behandlung erfolglos war. "Ich bin mein ganzes Erwachsenenleben über krank gewesen", sagt sie.

Was die Arbeit der Ärzte erschwert, ist das Fehlen europäischer Richtlinien für die Diagnose und Behandlung der Lyme-Krankheit, die bisher als selten galt. Außerdem sind die verfügbaren Bluttests veraltet, nicht für Gesamteuropa standardisiert und zu ungenau. Der übliche Test besteht aus zwei Teilen, dem ELISA-Test und dem Immunblot- oder Westernblot-Test.

Allerdings liefern die Tests manchmal auch ein falsches Ergebnis. Es kann nämlich mehrere Wochen dauern, bis Borrelia-Antikörper sich im Blut nachweisen lassen. Wenn man also zu früh testet, wird eine vorliegende Borreliose nicht erkannt. Viele Hausärzte sind sich dessen nicht bewusst und nehmen sofort Blut ab. Man geht davon aus, dass der ELISA-Test in 34 bis 70 Prozent der Fälle ein falsches Ergebnis liefert, während der Westernblot-Test im frühen Stadium der Krankheit in bis zu 50 Prozent der Fälle ein korrektes Resultat ergibt.

Außerdem bieten manche Länder – wie zum Beispiel Dänemark – ausschließlich den ELISA-Test an, während die deutschen Richtlinien eine ganze Reihe von Tests empfehlen, darunter den LTT-Elispot und den CD57-Test, die auf andere zelluläre Reaktionen abzielen, welche ebenfalls auf Borreliose hinweisen könnten. Die allgemeine Unsicherheit hat inzwischen zu einer Art "Zeckentourismus" geführt. Betroffene suchen im Ausland Hilfe, speziell Deutschland ist beliebt, da es hier 150 Borreliose-Fachärzte gibt. In den meisten Fällen erhalten diese Patienten von ihrem heimischen Gesundheitssystem keine Erstattungen.

Wie zum Beispiel Linn Aalmo. Seit 2007 lebt sie auf Hitra, einer Insel vor der norwegischen Küste. Sie und ihre Familie fangen sich jedes Jahr einige Zeckenbisse ein. Aalmo (33) bekam kurz nach ihrer Ankunft dort eigenartige Symptome, die sich immer an ihrer rechten Körperseite zeigten: vergrößerte Pupille, besonders starke Migräne, chronische Halsschmerzen, Zahnschmerzen. Weil sie sich so matt fühlte, gab sie ihre Arbeit auf einer Fischfarm auf. Trotzdem konnten Fachärzte bei ihr nichts finden.

Aalmos Arzt verweigerte ihr einen Borreliosetest, weil sich bei ihr nie ein Hautausschlag gezeigt hatte. "In Norwegen gelte ich einfach nicht als krank", sagt sie frustriert. Nach einer Internetrecherche schickte sie 2012 schließlich eine Blutprobe an eine deutsche Klinik. Das Ergebnis zeigte eine hohe Konzentration von Borrelien. Aalmo musste über 10.000 Euro für Reisekosten, Arzthonorare und die Antibiotika-Behandlung ausgeben.

Wer von einer Zecke gebissen wird, bekommt nicht automatisch Borreliose. Die in Europa erhobenen Beobachtungsdaten zeigen, dass nur etwa 14 Prozent der Zecken infiziert sind. Und selbst wenn eine Zecke sich festgebissen hat, muss sie dort auch lange genug bleiben, um sich vollsaugen zu können, ehe sie eine Krankheit überträgt. Untersuchungen gehen davon aus, dass dies bis zu acht Stunden dauern kann. Eine Studie mit polnischen Waldarbeitern ergab, dass nahezu alle älteren Arbeiter schon Zeckenbisse gehabt hatten, dass aber nur bei 45 Prozent von ihnen Borrelien nachgewiesen wurden.

Manche Ärzte glauben sogar, dass Borreliose überdiagnostiziert ist, besonders im chronischen Stadium. Der norwegische Epidemiologe Preben Aavitsland sagt: "Manche Patienten haben tatsächlich die Lyme-Krankheit im dritten Stadium, bei manchen ist die Infektion aber bereits geheilt, hinterlässt jedoch letzte Symptome. Andere sind falsch diagnostiziert worden, und ihre Symptome rühren von einem chronischen Erschöpfungssyndrom, Gelenkrheumatismus oder multipler Sklerose her."

Aavitsland betont auch die Gefahren eines exzessiven Antibiotikagebrauchs. "Für den Einzelnen besteht die Gefahr darin, dass sich die Darmflora derart verändert, dass er anfällig wird für eine lebensgefährliche Form der Dickdarmentzündung", sagt er. "Außerdem ist die Behandlung kostspielig. Für die Gesellschaft entsteht das Risiko vermehrter Infektionen, die durch antibiotikaresistente Bakterien verursacht werden."

Borreliose-Fachärzte allerdings sind von der Antibiotikabehandlung überzeugt – wenn die Diagnose wirklich feststeht. "Ich suche zuerst nach anderen Krankheiten und versuche alle anderen möglichen Diagnosen auszuschließen", erläutert Professor Christian Perrone, Chef der Abteilung für Infektions- und Tropenkrankheiten am Raymond-Poincar«-Universitätskrankenhaus bei Paris. "Erst dann entscheide ich mich für ein bewährtes Antibiotikum." Er berichtet, dass er selbst und auch seine europäischen und US-amerikanischen Kollegen bei 75 bis 80 Prozent ihrer Patienten dadurch eine Besserung bewirken.

Da auch ihm die Risiken eines überhöhten Antibiotikakonsums bewusst sind, verschreibt Perrone chronisch kranken Lyme-Patienten Antibiotika nur für eine "Einführungsphase" von mehreren Wochen. Danach wechselt er über mehrere Monate alle paar Tage zwischen Antibiotika und anderen infektionshemmenden Medikamenten. Die Behandlung wird jeweils ganz individuell abgestimmt.

Dr. Schwarzbach betont auch die Wichtigkeit von Wiederholungstests, um festzustellen, ob noch eine aktive Borrelien-Infektion im Blut vorliegt, und die Überprüfung von Leber- und Nierenfunktion. "Häufig fehlt eine kontinuierliche Überwachung vor, während und nach der Behandlung."

Alle Experten sind sich einig, dass weitere Studien und bessere Diagnosetests nötig sind. Ein EU-gefördertes Projekt entwickelt derzeit ein kreditkartengroßes Diagnoseinstrument, das eine 99-prozentige Erkennungswahrscheinlichkeit verspricht. Das "Hilysens" wird preisgünstig und leicht zu bedienen sein, sodass selbst Nichtmediziner Blutproben analysieren können. Und es wird noch spezifischere Antigene erkennen, als das bisher möglich ist. Das "Mini-Labor" wird voraussichtlich in fünf bis sieben Jahren erhältlich sein.

Gleichzeitig wird an Impfstoffen geforscht, die den Ausbruch der Lyme-Krankheit verhindern sollen. Versuche in Deutschland und Österreich mit einem nebenwirkungsarmen Mittel gegen verschiedene Borrelien-Stämme verlaufen im Augenblick vielversprechend. Bis eine Impfung gegen die Lyme-Krankheit auf den Markt kommt, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Bis dahin sollten Sie sich im Frühjahr und Sommer des Zeckenrisikos besonders bewusst sein und einen Arzt aufsuchen, wenn Sie eine Zecke an Ihrem Körper finden, die sich vollgesogen hat.

"Wenn eine Zecke länger als drei Stunden am Körper eines Menschen festsitzt, sollte eine prophylaktische Behandlung mit einem geeigneten Antibiotikum erfolgen, und in den folgenden Wochen sollte der Patient auf neu auftretende Symptome achten", rät die Borreliose-Spezialistin Dr. Petra Hopf-Seidel aus Ansbach. Vier bis sechs Wochen lang gilt es, besonders bei Sommergrippe, Erschöpfungszuständen, ˆbelkeit oder Erbrechen sowie bei Hautausschlägen an der Stelle des Zeckenbisses aufzumerken.

Allgemeinmediziner und Apotheker sollten ebenfalls umsichtiger sein, findet Professor Perrone. "Sie lernen im Studium, dass Borreliose eine seltene Krankheit ist, und gehen davon aus, dass sie nie eine Wanderröte sehen werden. Ich vermute, dass sie täglich solche Fälle zu sehen bekommen, sie aber nicht erkennen."

ACHTUNG, ZECKEN!

HALTEN SIE in Feld und Wald, in Parks und selbst in Ihrem Garten den Körper bedeckt.

VERWENDEN SIE Insektenschutzmittel, und suchen Sie nach einem Aufenthalt im Freien Körper und Kleidung nach Zecken ab.

FALLS SIE eine Zecke in Ihrer Haut finden, greifen Sie sie mit einer spitzen Pinzette am Kopf, und entfernen Sie diese durch gleichmäßiges Ziehen.

 

Weitere Artikel zum Thema:

Wie gefährlich sind Zecken?

 


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart