Wo die Leber im menschlichen Körper zu finden ist.
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Denken Sie an Ihre Leber!

Warum Sie sich gut um ihre Leber kümmern und ihr nicht zuviel zumuten sollten.

Ausgabe: Dezember 2019 Autor: Lina Zeldovich

Als Lasse Berget 43 Jahre alt war, wog er 175 Kilogramm. Essen konnte der Wachmann aus Filtvet in Norwegen immer. Seit dem 20. Lebensjahr nahm er stetig zu. Gleichzeitig fühlte er sich zunehmend müde und litt unter Schmerzen. Als er sich kaum noch bewegen konnte, ging er zum Arzt. Der Bluttest offenbarte hohe Blutfettwerte, das Ultraschall-Bild zeigte eine nicht-alkoholische Fettleber (NAFLD). Die Krankheit kann tödlich enden. In Europa leidet fast jeder Vierte an NAFLD, so ein im September 2018 im Journal of Hepatology veröffentlichter Artikel. Mit Übergewicht und Diabetes gehört NAFLD zu den Zivilisationskrankheiten, die durch Kohlenhydratüberschuss und Bewegungsmangel entstehen. Neben NAFLD werden Lebererkrankungen durch übermäßigen Alkoholkonsum, Medikamentenmissbrauch und Hepatitis-Infektionen (Virusinfektion) ausgelöst. 29 Millionen Europäer leiden an einer chronischen Lebererkrankung, 47.000 Personen sterben jedes Jahr an Leberkrebs und 170.000 an Leberzirrhose.
In frühen Stadien verlaufen Lebererkrankungen fast immer symptomfrei. Nur wenige NAFLD-Patienten leiden unter Müdigkeit und Übelkeit. Die Diagnose erfolgt durch einen Bluttest sowie eine Ultraschalluntersuchung. In Europa gehört die Leberuntersuchung allerdings nicht zum routinemäßigen Check-up. Deshalb führen Ärzte ein Leber-Screening nur durch, wenn der Patient über Beschwerden klagt. „Man kann jahrelang an einer Lebererkrankung leiden, ohne es zu wissen. Oftmals bestehen keine Symptome, bis die Leber versagt“, erklärt Professor Dr. Tom Hemming Karlsen von der Universität Oslo in Norwegen.
Viele Menschen unterschätzen die Bedeutung der Leber. „Sie ist einer der Hauptregulatoren in unserem Körper“, sagt Dr. Rajiv Jalan, Hepatologe am University College in London. Die Leber liefert die für den Fettabbau notwendige Gallenflüssigkeit und speichert überschüssige Energie, die sie bei Bedarf als Glukose freigibt. Außerdem produziert das Organ Proteine für den Stoffwechsel sowie Gerinnungsfaktoren. Die Leber filtert Giftstoffe aus dem Organismus, reguliert das Immunsystem und entfernt Bakterien aus dem Blut. Insgesamt erledigt sie mehr als 500 Aufgaben.

Problematischer Glukose-Fruktose-Sirup

NAFLD wird unter anderem durch die Aufnahme von Glukose-Fruktose-Sirup begünstigt, ein Süßstoff, der in vielen verarbeiteten Produkten wie Müsli, Snacks und Säften zum Einsatz kommt. Aus Glukose-Fruktose-Sirup wird „viel mehr Zucker in kürzerer Zeit freigesetzt“ als beispielsweise aus Obst, erklärt Dr. Ashley Barnabas, Hepatologe am King’s College Hospital in London – und die Leber speichert das Zuviel an Zucker als Fett. NAFLD selbst ist nicht lebensbedrohlich, daraus kann sich aber eine nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH) entwickeln, die wiederum zu Leberversagen führen kann. Zudem kann aus NAFLD Leberkrebs entstehen. Es lässt sich nicht vorhersagen, ob und in welchem Zeitrahmen sich aus NAFLD eine NASH und im weiteren Verlauf eine Zirrhose entwickelt.

Viele NAFLD-Patienten bekommen nie eine Zirrhose. Liegt die Erkrankung jedoch vor, ist eine Transplantation der einzige Ausweg. Mehrere europäische Pharmaunternehmen arbeiten an Medikamenten gegen NAFLD und hoffen, 2020 erste Produkte auf den Markt bringen zu können. Die gute Nachricht: Die meisten Patienten benötigen gar keine Medikamente. Im Gegensatz zu anderen Organen kann die Leber sich regenerieren. Solange sich noch keine NASH entwickelt hat, sind die Schäden reversibel. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018, an der Forscher schwedischer, finnischer und US-amerikanischer Universitäten beteiligt waren, kann eine zweiwöchige Reduzierung der Kohlenhydrat-Zufuhr eine NAFLD deutlich abschwächen.

Übermäßiger Alkoholkonsum als Ursache

Am 3. Dezember 2014 erbrach Richard Allen aus Stoke-on-Trent in der britischen Grafschaft Staffordshire plötzlich Blut. Leberzirrhose lautete die Diagnose – in seiner Leber befanden sich dickes Narbengewebe und gutartige Tumore. Allen wusste, dass Alkoholmissbrauch die Ursache war. Alle paar Wochen übermannte ihn seine Depression. Dann griff der heute 65-Jährige zur Flasche. „Ich trank jedes Mal drei bis vier Tage lang am Stück“, berichtet er. Seine Leber versuchte, den Alkohol abzubauen, doch dabei starben Leberzellen ab. Es kam zu Entzündungen, Narbenbildung und schließlich zur Zirrhose. Eine Transplantation war unumgänglich. Richard Allen hatte Glück. Am 1. Oktober 2016 wurde ihm erfolgreich eine neue Leber eingesetzt. Vor der Transplantation musste er sechs Monate lang abstinent leben. Würde er das nicht schaffen, sollte ein anderer die Spenderleber erhalten. Allen schaffte es und lernte, besser mit seinen depressiven Phasen umzugehen. „Es war wie eine Wiedergeburt“, erinnert er sich.
Alkohol ist in Europa die Hauptursache für Lebererkrankungen. Tatsächlich ist es weniger schädlich, ab und zu einen über den Durst zu trinken als regelmäßig Alkohol zu konsumieren, da sich die Leberzellen zwischendurch regenerieren können. Aber nicht jeder starke Trinker bekommt eine Lebererkrankung - und Menschen, die nur wenig Alkohol trinken, können dennoch erkranken.

Auch Medikamente können Leber schädigen

Francisco Cantos Pérez dachte sich nichts dabei, als ihn ein kleiner Hund beim Spielen biss. Doch dann breitete sich eine Pilzinfektion an seiner Hand aus. Der Arzt verschrieb ihm Lamisil. Zehn Tage später fühlte sich der 36-Jährige auf einmal sehr müde. Innerhalb der nächsten zwei Wochen färbte sich sein Urin dunkel, der Stuhl dagegen weiß. Als sich Augen und Haut gelb verfärbten und er am ganzen Körper Juckreiz bekam, ging er ins Krankenhaus. Pérez hatte hohe Bilirubinwerte und einen erhöhten Cholesterinspiegel. Dies waren Reaktionen auf das Medikament, das er in einer doppelt so hohen Dosierung wie üblich bekommen hatte. Er wurde zwei Wochen lang im Krankenhaus behandelt. Nach einem Monat verschwand die Gelbfärbung seiner Haut, nach vier Monaten die seiner Augen.
Solche extremen Nebenwirkungen sind selten, erklärt Dr. Raul J. Andrade von der Universität Malaga, der das europäische Register für Lebertoxizität führt. Medikamente, bei denen es während der Testphase zu solchen Reaktionen in der Leber kommt, erhalten keine Zulassung. Bislang werden jedoch Personen mit Leberproblemen nicht für Studien ausgewählt. „Kommt ein Medikament auf den Markt, weiß man also nicht, wie es sich bei Patienten mit einem Leberleiden auswirkt“, erklärt Dr. Andrade.

Paracetamol-Überdosierung

Auch bei frei verkäuflichen Medikamenten spielt die Dosierung eine wichtige Rolle. Eine Überdosierung über einen längeren Zeitraum hinweg kann das zu Leberschäden, Leberversagen oder sogar zum Tod führen. Das ist auch bei Paracetamol der Fall, einem schmerzlindernden und fiebersenkenden Medikament. Die empfohlene Dosis für einen Erwachsenen liegt bei ein bis zwei 500-Milligramm-Tabletten bis zu viermal innerhalb von 24 Stunden im Abstand von vier bis sechs Stunden. In Großbritannien werden jährlich knapp 100.000 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert, weil die Höchstdosis überschritten wurde. Bei rund 150 Personen führt dies zum Tod. „Paracetamol ist die häufigste Ursache für akutes Leberver­sagen“, erläutert Dr. Jalan. Selbst die empfohlene Tagesdosis Paracetamol kann gefährlich sein, wenn gleichzeitig andere Medikamente oder Substanzen eingenommen werden. Nimmt man Paracetamol, um einen Kater zu lindern, kann auch die reguläre Dosis die vom Alkohol gestresste Leber schädigen. Die meisten Paracetamol-Opfer sind jüngere Personen, die das Medikament zusammen mit Alkohol, Steroiden oder Drogen einnehmen.

Hepatitis behandeln

Viren verursachen entzündliche Erkrankungen wie Hepatitis A, B, C, D und E, die die Leber zerstören. Hepatitis D tritt allerdings nur bei Personen mit vorliegender Hepatitis B auf. Das Hepatitis-E-Virus wurde erst kürzlich entdeckt und kommt vorwiegend in Entwicklungsländern mit schlechten sanitären Einrichtungen und begrenztem Zugang zu sauberem Wasser vor. Für die Behandlung von Hepatitis B und C gibt es effektive Medikamente. Bei Hepatitis A und E werden in der Regel die Symptome behandelt, bis sich die Leber selbst regeneriert hat. Kommt es zu Leberversagen, ordnet der Arzt lebenserhaltende Maßnahmen an, um der Leber Zeit zu geben, in der sie sich regenerieren kann. Tut sie dies nicht, wird eine Transplantation notwendig. „Akutes Leberversagen ist mit das Gravierendste, was ein Patient erleiden kann“, sagt Dr. Jalan. Wenn sich die Leber allerdings erholt, „kann die betroffene Person spontan von allein genesen“.

Das gilt auch für NAFLD (nicht-alkoholische Fettleber) – Lasse Berget ist das beste Beispiel dafür. Zwei Tage nach Erhalt der Diagnose änderte er seinen Lebensstil komplett. Er begann, spazieren zu gehen, dann zu joggen und Bergwanderungen zu unternehmen. Auch seine Ernährung stellte er um. „Ich aß gesunde Lebensmittel und kleinere Mengen“, berichtet Berget. Drei Monate später zeigte eine Untersuchung, dass bereits ein Teil des Fetts in seiner Leber abgebaut worden war. „Heute ist es ganz weg“, berichtet Berget, der jetzt 95 Kilogramm wiegt, dreimal pro Woche laufen geht und als Gesundheitsberater arbeitet. „Mein Leben hat sich verändert. Ich bin wieder gesund und möchte es bleiben.“

 


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