Eine Frau hält Säfte und Smoothies in die Kamera und lächelt.
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Detox-Kuren entschlacken den Körper nicht

Leistungsabfall, Müdigkeit und Krankheiten werden oft auf Stoffwechselschlacken im Körper zurückgeführt. Solche Schlacken gibt es aber nicht.

Autor: Reader's Digest Book

Doch die mit einer Entschlackungskur (heute Detox-Kur genannt) verbundene Ernährung kann durchaus die Lebensqualität steigern. Wer im Internet unter „Entschlackung“ oder „Detox“ nachschaut, wird auf eine Fülle an Informationen stoßen. Frauenjournale und Ratgeberbücher preisen die Entschlackung in Artikeln und Anzeigen an. Dutzende von Firmen werben mit höchst unterschiedlichen Detox-Produkten. Sie könnten, so die Anpreisungen, den Körper von Schlacken und darüber hinaus von vielerlei schädlichen Umwelteinflüssen befreien, z. B. Chemikalien oder sogar Elektrosmog. Das Angebot reicht von Tees und speziellen Pillen bis hin zu Cremes und Shampoos. Besonders wirksam soll eine Detox- bzw. Entschlackungskur sein.

Eine Detox-Kur dauert meist eine bis zwei Wochen. Meist startet sie mit einer Darmreinigung. Dann steht für mehrere Tage vor allem flüssige Nahrung auf dem Speiseplan: Wasser, Obst- und Gemüsesäfte sowie Kräutertees. Danach darf man zusätzlich Obst und Gemüse (auch Sauerkraut) und Joghurt zu sich nehmen. In den letzten Kurtagen geht man wieder zur gewohnten Kost über, wobei Fleisch, Weißmehl, Alkohol, Nikotin, Kaffee, Käse und Zucker verboten bleiben. Begleitet wird die Diät von Massagen, Sauna, Yoga und langen Spaziergängen. Eine Detox-Kur ähnelt den bekannten Fastenkuren, nur ist ihr Ziel die als Tatsache angenommene Entschlackung.

Detox-Produkte

Anstelle einer Kur mit Ernährungsumstellung kann man auch zu Detox-Produkten greifen, die inzwischen einen millionenschweren Markt darstellen. Warum sich solche Produkte offiziell nicht an Kranke wenden, sondern Gesunde, hat seinen guten Grund: Wenn eine wie auch immer geartete Heilwirkung behauptet würde, wäre es kein Nahrungsergänzungsmittel, sondern müsste als ein – scharfen Vorschriften und Prüfverfahren unterworfenes – Arzneimittel gelten. Die Anbieter halten sich auch bedeckt, welche Stoffe mit „Schlacken“ gemeint sind. Denn dann könnte die Wirksamkeit bzw. Unwirksamkeit ihrer Produkte mittels chemischer Analysen nachgewiesen werden. Dieser fehlende wissenschaftliche Beweis hat das Landgericht Düsseldorf im Jahr 2015 dazu bewogen, einer Firma zu verbieten, ihre Kräutertee-Mischung mit dem Begriff „Detox“ zu bewerben. Die damit suggerierte entgiftende Wirkung sei nicht nachgewiesen.

Der Ursprung der Idee

Im Grunde kommt der dahinterstehende Gedanke aus der religiösen Sphäre: So wie man die Seele durch Fasten und spezielle Riten von sündigen Einflüssen reinigen könne, müsse man den Körper von Schadstoffen befreien. So glaubten die Ärzte noch im 19. Jahrhundert, in Nieren und Darm würden sich Reststoffe ansammeln und als Verkrustungen zu Vergiftung und zu Fäulnis führen. Vor etwa hundert Jahren propagierte der Arzt Otto Buchinger das nicht-religiöse, von ihm so genannte Heilfasten mit Einläufen, Gemüsebrühen, Säften und Bewegung. Die Methode hatte er in einer dreiwöchigen Kur an sich selbst ausprobiert und damit offenbar seinen Rheumatismus gelindert. Für die vielfältigen Vorgänge im Körper bei seiner Kur prägte Buchinger den Begriff „Entschlackung“ – in Analogie zu den Verbrennungsresten, den Schlacken, die regelmäßig aus Hochöfen oder den Brennkammern von Lokomotiven entfernt werden müssen.

Warum der Gedanke falsch ist

Das Heilfasten nach Buchinger hat auch heute noch viele Anhänger. Doch seit dem 19. Jahrhundert hat sich in der wissenschaftlichen Medizin viel getan, und der Gedanke der Entschlackung ist längst vom Tisch. Unser Körper verfügt über zahlreiche Methoden, um Abfall zu entsorgen. Das muss er auch, denn wir nehmen, wie alle Lebewesen eh und je, nicht nur gut verwertbare Stoffe zu uns, sondern eben all das, was sich uns als essbar anbietet.

Unverdauliche Pflanzenteile, Ballaststoffe genannt, gibt es natürlich, aber das sind keineswegs unerwünschte Schlacken, sondern wichtig, u. a. für die Stuhlbildung. Zudem entwickeln besonders Pflanzen oft Giftstoffe, um sich vor Pflanzenfressern zu schützen. Essen wir die Pflanzen, muss unser Stoffwechsel damit klarkommen. Das wichtigste Organ in diesem Prozess ist die Leber. Sie schützt den Körper vor kritischen Stoffen, denn sie ist eine Art chemisches Labor. So filtern die Leberzellen zum Beispiel Alkohol aus dem Blut und entgiften ihn durch chemische Umwandlung. Er wird zu Essigsäure umgebaut und das Ammonium aus dem Eiweißabbau wird in Harnstoff verwandelt. Die Nieren filtern diese nunmehr harmlosen Moleküle aus dem Blut heraus und entsorgen sie mit dem Urin. Zwar gibt es einige ernste Krankheiten, bei denen etwa die Nieren nicht arbeiten oder sich Kalk, Cholesterin oder bestimmte Eiweißstoffe im Körper ablagern. Aber denen können auch die Detox-Methoden nichts anhaben. In einem solchen Fall ist die moderne Medizin gefragt.

 


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