Eine junge Frau hört entspannt lächelnd Musik.
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Körper & Psyche

Die heilende Kraft der Musik

Neue Forschungsergebnisse belegen ihren gesundheitlichen Nutzen.

Ausgabe: Dezember 2021 Autor: Lisa Fields

Parkinsonpatienten darin zu unterstützen, ihre Stimme zu bewahren, ist nur eine Einsatzmöglichkeit der Musiktherapie. Mit unterschiedlichen Konzepten kann vielen Menschen mit seelischen und körperlichen Erkrankungen geholfen werden. „Immer mehr Studien belegen den therapeutischen Nutzen ohne unerwünschte Nebenwirkungen“, erläutert Dr. Corinne Fischer. Sie ist Professorin am Institut für Psychiatrie der University of Toronto, Kanada. Um Schmerzen zu lindern oder Körperfunktionen wiederherzustellen beziehungsweise zu erhalten, gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten. Gute Ergebnisse erzielt man mit Physiotherapie. Wer die Übungen ständig wiederholt, ist jedoch schnell gelangweilt. Musik kann den Spaßfaktor einer Therapie erhöhen. „Mit Musik trainieren die Patienten länger, weil sie Freude an den Übungen haben“, erklärt Dr. Melissa Mercadal-Brotons, Musiktherapeutin aus Barcelona, Spanien, und Vor­sitzende der World Federation of Music Therapy (Internationaler Verband für Musiktherapie).

 

Musik ist eine enorme Motivationsquelle

Sie spricht Menschen auf verschiedenen Ebenen emotional an. Diese Eigenschaft machen sich Wissenschaftler und Musiktherapeuten zunutze, um Behandlungskonzepte zu erstellen, die im Vergleich zu klassischen Therapien ähnliche oder bessere Ergebnisse erzielen. „Musik ist vielseitig“, schwärmt Dr. Jeanette Tamplin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Melbourne, Australien, und Musiktherapeutin bei Parkin­Song. „Musik kann einen konkreten Zweck verfolgen, etwa den, dass Menschen im Takt laufen. Musik ist aber auch psycho­dynamisch und unterstützt Patienten dabei, ihre Gefühle wahrzunehmen und beispielsweise Trauer zu verarbeiten.“ Viele Ärzte befürworten musiktherapeutische Ansätze. Wissenschaftler erforschen weitere Anwendungsmöglichkeiten. Wir haben Symptome und Erkrankungen zusammengestellt, bei denen Musiktherapie  bereits erfolgreich zum Einsatz kommt.

 

Parkinson

Die Übungen vergrößern das Stimmvolumen und verbessern die Aussprache. „Parkinson hat selbst im frühen Krankheitsstadium Auswirkungen auf die Sprache“, erklärt Dr. Tamplin. Drei Monate lang hielten sie und ihre Kollegen regelmäßige Therapiesitzungen mit 75 Parkinsonpatienten ab. Die Patienten wurden in zwei Gruppen eingeteilt – eine nahm wöchentlich an den Sitzungen teil, die andere monatlich. Alle Probanden wiesen danach eine verbesserte Stimmstärke und Atemfunktion auf. Jene Patienten, welche die Gruppe einmal pro Woche besucht hatten, erzielten größere Fortschritte als die der anderen Gruppe. „Dass alle Patienten ihr Stimmvolumen ver­bessern konnten, lässt hoffen“, sagt Dr. Tamplin.

Auch die mit Parkinson einhergehenden Mobilitätseinschränkungen lassen sich mit Musiktherapie lindern. In einer 2019 in Italien durchgeführten Studie konnten Wissenschaftler Folgendes belegen: Bei zehn Patienten verbesserten sich durch regelmäßiges Tangotanzen Gangbild, Beweglichkeit und Gleichgewicht. Das wiederum steigerte deren Lebensqualität. „Möglicherweise wirkt die Musik wie ein Verstärker, mit dessen Hilfe sich der Patient besser auf die Bewegungsabläufe konzentrieren kann“, vermutet Studienautor und Neurologe Dr. Giovanni Albani vom Istituto Auxologico Italiano in Mailand. „Tangotanzen harmonisiert die Bewegungen zwischen Rumpf und Gliedmaßen, wodurch die Regeneration bestimmter Gehirnfunktionen gefördert wird.“

 

 

Demenz

Manche Ärzte empfehlen Musiktherapie auch zur Behandlung von Demenzerkrankungen. Laut einer 2019 publizierten Metaanalyse, einer Zusammenfassung von sechs Studien, wirkt sich Musik positiv auf das Verhalten und die kognitiven Leistungen von Patienten mit Alzheimer (der häufigsten Form von Demenz) aus. Studienautorin Dr. Corinne Fischer untersuchte, wie Musik die Hirnaktivität von Menschen mit leichter Beeinträchtigung des Erinnerungs- und Denkvermögens beeinflusst. Diese Einschränkung geht vielen Demenz­erkrankungen voraus. Versuchspersonen wurde Musik vorgespielt, während sie in einem Magnetresonanztomografen lagen. Bei Musik mit emotionaler Bedeutung – wie etwa dem eigenen Hochzeitslied – war zu sehen, dass mehr Gehirn­regionen aktiv waren als bei unbekannten Melodien. „Das sind Bereiche, die bei Gefühlszuständen eine wichtige Rolle spielen: die subkorti­kalen Strukturen“, sagt Dr. Fischer. Andere Forschungen haben ergeben, dass das Hören von vertrauter Musik Alzheimerpatienten dabei hilft, sich zu erinnern. Bei einer Studie mit 24 Patienten aus dem Jahr 2013 konnten sich die Probanden an autobiografische Daten erinnern, nachdem man ihnen Volkslieder und Schlager vorgespielt hatte.

 

 

Schlaganfall

Mit Physio- und Ergo­therapien versucht man, nach einem Schlaganfall elementare Körperfunktionen wiederherzustellen. Musik­therapie kann dabei unterstützend wirken. Je nach Therapieziel kommen unterschiedliche Instrumente zum Einsatz: Beim Trommeln trainieren die Patienten ihre grobmotorischen Fähigkeiten, während das Klavier die Hand-Finger-Koordination verbessert. „Die Musik wirkt sehr motivierend“, sagt Prof. Dr. Antoni Rodriguez-Fornells, der an der Universitat de Barcelona Musiktherapie und deren Wirkung erforscht. „Zu dieser Therapie muss man kaum jemanden überreden. Der Spaßfaktor ist groß.“ Zudem weist die Musiktherapie bei der Wiedererlangung der Armfunktion ähnliche Erfolgsquoten auf wie herkömmliche Reha-Behandlungen.

 

Schmerzlinderung

Laut einer Übersichtsstudie von 2018, welche die Ergebnisse von 13 Unter­suchungen zum musiktherapeutischen Nutzen bei der Schmerz­behandlung analysierte, ist Musik in der Lage, Schmerzen zu lindern. Musikforscher und Studienautor Dr. Juan Martin-Saavedra von der Universidad Del Rosario in Bogotá, Kolumbien, räumt ein: „Musik kann Schmerzen zwar nicht beseitigen, ihre Intensität jedoch abschwächen.“ Er sieht darin eine Ergänzung zur medikamentösen Therapie, keinen Ersatz. „Musik kann dazu beitragen, den Patienten von seinen Schmerzen abzulenken und sein emotionales Befinden positiv zu beeinflussen.“ Doch es bedarf weiterer Forschung, um herauszufinden, welche Musik zur Behandlung von Schmerzen besonders geeignet ist und welche Erkrankungen sich für diese Therapieform anbieten. „Verschiedene Genres wirken unterschiedlich auf das Gehirn. Nicht jede Musikrichtung trägt in gleichem Maße zur Schmerzlinderung bei, und nicht jede Art von Schmerz lässt sich mit Musik verringern“, so der Wissenschaftler.


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RD Abbinder
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