Gegen die Regeln - warum wir schummeln
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Körper & Psyche

Gegen die Regeln - warum wir schummeln

Wir alle schwindeln ab und zu oder testen die Grenzen des Zulässigen.

Ausgabe: Juni 2017 Autor: Jena Pincott

Mit Anfang 30 verwendete ich noch meinen abgelaufenen Studenten-Ausweis, um ermäßigte Kinokarten zu kaufen (ich hatte das Gültigkeitsdatum unkenntlich gemacht). Dabei redete ich mir ein, dass ich mir die Karte sonst nicht gekauft hätte. In einer teuren Stadt wie New York müsse man schließlich einfallsreich sein, oder? Wir halten uns selbst für ehrlich, obwohl wir täglich – im Durchschnitt ein- bis zweimal – schummeln, lügen oder gegen Vorschriften verstoßen. Wir stellen uns an der Expresskasse an, obwohl wir zu viele Artikel im Korb haben, wir machen blau, anstatt arbeiten zu gehen, und wir lügen, um unseren Kindern einen Vorteil zu verschaffen. Wissenschaftler, die alltägliche Verstöße untersuchen, glauben, dass dieses Verhalten nicht vom Charakter gesteuert wird, sondern von situationsbedingten Zwängen. So verstoßen wir unter bestimmten Bedingungen gegen Regeln, unter anderen nicht.

Mehr Kreativität = mehr Schummelei?

Vor einigen Jahren stellten sich Francesca Gino, Dozentin an der kali­fornischen Universität Harvard, und Dan Ariely, Verhaltens-Ökonom an der Universität Duke in North Carolina, folgende Frage: Neigen Menschen mit höherem IQ eher zu betrügerischem Verhalten? Einfluss auf die Unehrlichkeit hatte die Intelligenz zwar keinen, Kreativität dagegen schon. Konfrontierten Gino und Ariely die Mitarbeiter einer Werbe-Agentur mit einem ethischen Problem, verstießen diese eher gegen die Regeln als Buchhalter. Das heißt, je kreativer ein Mensch ist, desto leichter fällt es ihm, etwas Geschehenes umzuerzählen.

Probieren Sie es selbst: Warum haben Sie zum Beispiel bei der Arbeit den Kuli eingesteckt? Sie könnten jetzt sagen, Sie hätten die Mittags-Pause durchgearbeitet, oder das Unternehmen könne Büromaterial viel billiger einkaufen. Fantasievolle Leute deuten das Ereignis so einfach um. Und eine kreative Denkweise lässt sich – so Ginos Erkenntnisse – mit subtilen Anreizen bei fast jedem wecken.

Instruierte man Spieler vor einem Glücksspiel, sie sollten freier denken (nachdem sie in einem Text Wörter wie „originell“, „neu“ und „fantasievoll“ gelesen hatten), schummelten sie anschließend häufiger als jene, die keine Hinweise erhalten hatten. „Für eine Firma zu arbeiten, die von sich behauptet, sie sei innovativ und einfallsreich, kann betrügerisches Handeln verstärken“, erklärt Gino. „Sollten wir demnach Menschen im Bankwesen zu weniger Kreativität anhalten?“, fragt sich Ariely.

Der Status hat Einfluss auf das Schummel-Verhalte

Stellen Sie sich zwei Buchhalter vor, die auf verdächtige Einträge stoßen. Der Erste nimmt den Verstoß ernst. Der Zweite geht darüber hinweg. Als der niederländische Psychologe Gerben van Kleef Studien-Teilnehmer fragte, wer von den beiden mehr Einfluss habe, entschieden sich die meisten für den zweiten.

Einflussreiche Menschen brechen Regeln – das lässt sie mächtiger erscheinen

„In gemäßigter Form ist das Regel-Brechen gesund“, meint Zhen Zhang von der Arizona State University, USA. Wer als Heranwachsender geringfügige Verstöße begeht – Sach-Beschädigung, Schule schwänzen – dem prognostizierte er sogar einen angesehenen Beruf: den eines Unternehmers. Gehen junge Männer Risiken ein, die sich auszahlen, steigt ihr Testosteron-Spiegel an. Das Hormon könnte für den sogenannten Sieger-Effekt verantwortlich sein, so die Forscher John Coates und Joe Herbert von der Universität Cambridge. Sie beobachteten die hormonelle Aktivität von Börsenmaklern (alles Männer) an guten und schlechten Handelstagen. Je mehr Gewinne diese verbuchten, desto stärker stieg ihr Hormon-Spiegel, desto größer wurde ihr Selbst-Vertrauen sowie ihre Risiko-Bereitschaft. Ab einem bestimmten Punkt wird dieses Verhalten aber unvernünftig, waghalsig oder skrupellos. Man kann nämlich ethisch abstumpfen.

Auch der Wohlstand fordert seinen moralischen Tribut

Untersuchungen haben gezeigt, dass Personen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 140 .000 Euro bei einem Spiel um einen Gewinn von knapp 50 Euro viermal so häufig schummelten wie Menschen, die weniger als 14 .000 Euro verdienten. Reiche stoppten nicht annähernd so häufig am Zebrastreifen wie weniger wohlhabende Fahrer. Das bestätigte sich sogar, als die Fahrer an einem Rollenspiel teilnahmen und nur so taten, als seien sie reich.

Nicht Persönlichkeitsmerkmale, sondern die Umwelt begünstige Regelverstöße

So argumentiert der Verhaltens-Forscher Andy Yap von der Universtity of California, USA. 2013 forderten er und seine Kollegen Freiwillige auf, sich ans Steuer eines Geländewagens oder eines Kleinwagens zu setzen beziehungsweise in einem Geschäftsleiter-Büro oder in der Ecke eines Großraumbüros Platz zu nehmen. Wie würden sich die Probanden verhalten? In einem geräumigeren Umfeld gaben die Personen an, sich einflussreicher und stärker gefühlt zu haben. Gleichzeitig neigten sie eher dazu, Geld zu stehlen und zu schummeln.

Die Gruppen-Zugehörigkeit entscheidet

Der Psychologe Joshua Greene von der Universität Harvard glaubt, Menschen würden nicht mit einem aufgeklärten, universellen Sinn für Gerechtigkeit geboren. Wir sind Herdentiere, die die Regeln innerhalb einer Gruppe („wir“) befolgten, nicht aber die der restlichen Welt („die anderen“). Vielleicht ist uns ein rudimentärer Sinn für richtig und falsch angeboren, definiert wird er aber von unserer Kultur. Wenn unser Stamm dubiose Aktien verkauft, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir das auch tun oder diejenigen decken, die es machen.

Schummeln für die Gerechtigkeit

Nehmen wir an, Ihr Kollege wurde befördert, nachdem er mit dem Chef essen war, während Sie Überstunden machten und leer ausgingen. Dann spüren Sie bestimmt den Wunsch, sich zu rächen oder zumindest gleiche Bedingungen zu fordern. Um den Gerechtigkeits-Instinkt zu testen, erzählten Harvard-Wissenschaftler Studien-Teilnehmern, dass einige Teilnehmer mehr Geld erhielten, wenn sie die Quizfragen richtig beantworteten. Die Reaktion? Die Gruppe, die sich als benachteiligt ansah, schummelte öfter als jene, die glaubte, alle würden gleich bezahlt.

Selbst-Bewusstsein als Lösung

Gefährlich daran ist, dass kleinere Verstöße immer größere Kreise ziehen und allmählich verheerende Ausmaße annehmen. Die Ethik-Forschungseinrichtung Josephson Institute in Kalifornien fand heraus: Bei Kindern, die bei einer Klassenarbeit in der Schule schummeln, ist die Wahrscheinlichkeit dreimal größer, dass sie auch als Erwachsene Kunden belügen oder ihre Versicherung betrügen, als bei Kindern, die ehrlich sind. Mit einfachen Mitteln kann man gegensteuern, so die Verhaltens-Psychologie.

Sind wir hungrig oder müde, neigen wir eher zu Verstößen

Versuchen Sie, ausreichend zu essen und zu schlafen: Sind wir hungrig oder müde, neigen wir eher zu Verstößen. Und denken Sie ab und zu daran, wie andere Menschen Ihr Verhalten wahrnehmen. Muss man zu Beginn der Steuer-Unterlagen oder einem Bewerbungs-Schreiben versichern, dass die Angaben wahrheitsgemäß sind – anstatt am Ende – ist man ehrlicher.

Das Gleiche gilt, wenn Personen vor einem Test aufgefordert werden, an die zehn Gebote zu denken. Das funktioniert übrigens auch bei Atheisten. Welche Rolle dabei das positive Selbstbild spielt, belegte eine Studie von 2013 an der kalifornischen Universität Stanford. Die Forscher sagten zu den Teilnehmern: „Bitte betrügen Sie nicht.“ Sie schummelten trotzdem und fühlten sich durch das Verb nicht angesprochen. Die Aufforderung „Seien Sie kein Betrüger“ hingegen funktionierte. Nicht einer schummelte.

Der US-Schriftsteller Wallace Stegner fasste es in seinem Roman 1967 Vor der Stille der Sturm zusammen: „Es ist der Anfang der Weisheit, wenn man erkennt, dass das Beste, was man tun kann, darin besteht, sich die Regeln auszusuchen, nach denen man leben möchte. Und es zeugt von beharrlicher Idiotie, so zu tun, als könne man ohne Regeln leben.“

 

 


 

RD Abbinder
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