Hörgeräte: Neue digitale Technik gegen Schwerhörigkeit
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Hörgeräte: Neue digitale Technik gegen Schwerhörigkeit

Neuen digitale Hörgeräte basieren auf Mikroelektronik mit Computerchips und verwenden drahtlose Audio-Übertragung. Sie erkennen Stör- und Windgeräusche selbständig und gleichen sie aus.

Ausgabe: Mai 2016 Autor: Lisa Fields

Bjarne Larsen aus Fredericia in Dänemark war 42, als sein Gehör nachließ. Es begann damit, dass er den Hochfrequenzton seiner Kamera und das Singen der Zikaden nicht mehr hörte. Irgendwann konnte er in lauter Umgebung andere Menschen nicht mehr verstehen. Weil seine Kollegen ihn immer mehr drängten, ließ er mit 50 Jahren schließlich einen Hörtest machen. Seitdem trägt er ein Hörgerät. „Als ich das erste Mal mit dem Hörgerät nach draußen ging, war ich völlig überwältigt von den Verkehrsgeräuschen und dem Vogelgezwitscher“, erinnert sich Larsen, heute 59. „Jetzt bin ich gern wieder in Gesellschaft, weil ich den Gesprächen folgen kann. Wenn die Worte sich überlagern, versteht man nichts und fühlt sich manchmal als Witzfigur.“

Ab dem 50. Lebensjahr lässt das Gehör allmählich nach

Der natürliche Alterungsprozess, Bluthochdruck und Diabetes sowie dauerhafte Lärmbelastung wirken sich negativ aus auf das Hören. Mit 65 ist bereits jeder vierte Europäer schwerhörig, mit 75 jeder dritte, so der Europäische Schwerhörigen­verband (EFHOH). Hörtests und Hörgeräte sind eine große Hilfe. Viele lehnen sie jedoch ab, weil sie Angst haben, stigmatisiert zu werden. „Sie glauben, dass man sie für dumm oder alt hält, weil sie ein Hörgerät tragen“, erklärt Kim Ruberg, General­sekretär der in Brüssel ansässigen Organisation Hear-It. „Aber das ist lächerlich. Es ist ein natürlicher Prozess – mit Intelligenz hat das nichts zu tun.“

Experten empfehlen: ab dem 50. Lebensjahr mindestens alle drei Jahre einen Hörtest

Man soll ein Hörgerät tragen, sobald ein Hörverlust von 25 Dezibel im schlechteren Ohr vorliegt. Da Ärzte den Test nicht routinemäßig anbieten, liegt es in der Verantwortung der Patienten, regelmäßig zum Hals-Nasen-Ohrenarzt zu gehen. „Man kann erwachsene Menschen nicht zum Hörtest zwingen“, sagt Ad Snik von der Forschungsgruppe Gehör und Implantate am medizinischen Zentrum der Universität Radboud in den Niederlanden. „Sie müssen selbst entscheiden.“

Gehörverlust und Lebensqualität

Es gibt gute Gründe, das Gehör prüfen zu lassen: Forscher erkannten einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und Depression, Demenz und kognitiven Problemen. Eine 2013 in der Zeitschrift JAMA Internal Medicine veröffentlichte Studie zeigte: Bei schwerhörigen älteren Menschen ist die Wahrscheinlichkeit um 24 Prozent höher, Beeinträchtigungen zu erleiden als bei Personen, die gut hören. Soziale Isolation durch Schwerhörigkeit führt oft zu Depressionen. „Weil sich Betroffene schwertun, Freunde in Restaurants oder bei Feiern zu verstehen, meiden sie diese Orte, und früher oder später ver­lieren sie ihre Freunde“, sagt Ad Snik. Kognitive Beeinträchtigungen sind bei schwerhörigen älteren Menschen häufiger anzutreffen. Aber das eine bedingt nicht zwangsläufig das andere. „Wenn die Gehirnfunktion allmählich nachlässt, kann dies möglicherweise einen Einfluss darauf haben, wie das Gehirn Töne verarbeitet“, sagt Gary Housley, Leiter der Physiologie an der South Wales School of Medical Sciences in Sydney, Australien.

Ungeliebtes Hörgerät

Nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen, die ein Hörgerät benötigen, erhält eins. In Dänemark oder Norwegen, wo Patienten Hörgeräte kostenlos bekommen, besitzt jeder fünfte Schwerhörige eine Hörhilfe. In Frankreich oder Spanien dagegen, wo die Kosten größtenteils selbst übernommen werden müssen, trägt laut EFHOH nicht einmal jeder Zehnte ein Gerät. Studien zeigen zudem, dass viele ihr Hörgerät nicht tragen – weil sie mit der Klangqualität unzufrieden sind, sie vergessen haben, neue Batterien zu kaufen, oder zu eitel sind beziehungsweise sich schämen.

Digitales Zeitalter - Hörgeräte-Technik hat sich rasant verbessert

Heutzutage sind Hörgeräte bedeutend besser als ihre Vorgänger. „Die neuen digitalen Geräte basieren auf Mikroelektronik mit Computerchips, anspruchsvollen Mikrofonen, Lärmminderungs- und Ausrichtungsprogrammen und drahtloser Audio-Übertragung“, sagt Rikke Schnack-Petersen, Oberärztin am dänischen Universitätskrankenhaus in Odense. Viele Hörgeräte nutzen zusätzliche Technologien. „Einige verwenden WLAN oder Bluetooth, um mit Mobiltelefonen oder Lautsprechern in Einrichtungen wie Hörsälen zu kommunizieren“, erläutert Priya Singh, Ausbildungsleiterin am Universitätskolleg in London, England. Manche Technologien erleichtern es Betroffenen, menschliche Stimmen und Musik in der nächsten Umgebung besser zu unterscheiden. Andere passen die Lautstärke automatisch an die Hintergrundgeräusche an. „Das hat die Zufriedenheit ihrer Träger enorm verbessert“, bestätigt Kim Ruberg. Sehr beliebt sind offene Systeme, bei denen nur ein dünnes Röhrchen im Gehörgang liegt. Im Gegensatz zu geschlossenen Systemen wird hier die Luftzirkulation nicht behindert. Auf diese Weise werden die eigene Stimme, Kau-, Schluck- und Trittgeräusche nicht vom Ohrpassstück (Otoplastik) reflektiert und zum Trommelfell zurückgeleitet. Es entsteht nicht das unangenehm dumpfe Hörgefühl, das Träger manch anderer Typen von Hörgeräten so sehr stört. „Bei starkem Hörverlust kann man hinter dem Ohr ein größeres Gerät mit einer größeren Rechenleistung anbringen“, erklärt Kim Ruberg.

Bjarne Larsen trägt ein offenes System mit einem Streaming-Gerät. So kann er über Bluetooth Sprachaufnahmen oder Musik von seinem iPhone hören. Sein nächstes Hör­gerät soll noch anspruchsvoller sein. „Ich möchte meinen Fernseher, meine Hi-Fi-Anlage und den Streamer an das Hörgerät koppeln – und zwar ohne Kabel um den Hals“, sagt Bjarne Larsen. „Wie viel Lebensfreude mir das Hörgerät gibt, merke ich immer an der Panik, die mich ergreift, wenn die Batterien leer sind und ich unterwegs bin!“

 

Dies sind die gängigsten Hörgeräte

Meist werden bei Schwerhörigkeit Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte verwendet, um den Betroffenen das Hören zu erleichtern. Sie gehören zu den oben genannten sehr beliebten offenen Systemen und werden, der Name sagt es, hinter dem Ohr getragen. Im Gehäuse ist ein Schallwandler eingebaut, der eigentliche „Hörer“. Er erzeugt einen Schall, der durch den Schallkanal ins Ohr geleitet wird. Zur Übertragung des Schalls wird meist ein dünner Plastik-Schlauch verwendet. Er wird Schall-Schlauch genannt.
Mit hinter-dem-Ohr-Hörgeräten können grundsätzlich Hörminderungen aller Grade gelindert werden. Da sie außerhalb des Ohrs liegen, ist viel Platz für Batterie und Elektronik. Sehr beliebt sind mittlerweile Mini-Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte. Die kleinen Geräte sind werden von den Mitmenschen kaum wahrgenommen, so dass die Träger sich damit oft wohler fühlen als mit größeren Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten.

Eine weitere Art von Hörgeräten sind sogenannte Ex-Hörer-Geräte. Sie sind ähnlich geformt wie Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte. Der Schallwandler oder Hörer ist jedoch hier nicht in das Hörgeräte-Gehäuse intergiert, sondern befindet sich als separates Element am Ende einer dünnen Kabelleitung. Die Kabelleitung führt besonders nahe ans Trommelfell. Der Schall muss weniger Weg zurücklegen und es treten somit weniger Verzerrungen auf. Allerdings ist das Gerät viel auffälliger als ein Hinter-dem-Ohr-Hörgerät oder Mini-Hinter-dem-Ohr-Hörgerät.

Ein Im-Ohr-Hörgerät ist besonders klein und unauffällig und wird komplett im Ohr getragen. Die Elektronik wird an die Ohr-Form es Hörgeräte-Trägers angepasst und in den Gehörgang eingeführt. Es gibt verschiedene Formen von Im-Ohr-Hörgeräten: Das Gehäuse von „Im-Ohr“-Geräten füllt die Ohrmuschel vollständig aus. „Im -Hörkanal“-Geräte haben ein Gehäuse, das mit der Vorderkante des Gehörgangs abschließt. „Komplett-im-Gehörgang“-Geräte haben ein Gehäuse, das im äußeren Teil des Gehörganges endet und ist dadurch von außen kaum zu sehen ist. „Unsichtbar-im-Gehörgang“-Geräte haben die kleinstmögliche Bauform. Sie sitzen tief im Gehörgang im Bereich der zweiten Gehörgangskrümmung. Sie sind von Außen quasi unsichtbar.

Zusätzlich zu diesen Arten von Hörgeräten existieren Hörbrillen, an deren Bügeln das Hörgerät montiert ist oder aber das Hörgerät befindet sich im Bügel der Brille.

Hörgeräte können analog oder digital gesteuert und sehr individuell eingestellt werden. Moderne digitale Hörgeräte erkennen Stör- und Windgeräusche und gleichen sie aus.

 

 

 

 


 

RD Abbinder
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