Ist das noch normal?
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Körper & Psyche

Ist das noch normal?

Ticks, Spleens und kleine Verrücktheiten gehören zu unserem Alltag. Ab wann wird daraus ein ernst zu nehmendes Problem?

Ausgabe: August 2018 Autor: Lori Kolman

Sie führen ein ganz normales Leben. Sie haben Freunde, Sie haben Hobbys und suchen auch mal eine halbe Stunde lang im Laden nach Zahnpasta, statt – Gott bewahre! – einen Verkäufer um Hilfe zu bitten. Glauben Sie uns, dieses Verhalten ist normal, denn wir sind alle ein wenig, nun, eigen. Meist sind unsere Macken heilbar oder können zumindest abgeschwächt werden.
Wir haben Experten zu Verhaltensweisen befragt, die unseren Lesern und Mitarbeitern zu schaffen machen. Vielleicht erkennen Sie die eine oder andere Situation wieder und fragen sich: „Bin ich normal, oder bin ich verrückt?“

 

  • Warum kann ich mit Kindern so gar nichts anfangen? Ich weiß nicht, was ich mit den Kleinen reden soll. Und ehrlich gesagt, finde ich sie auch nicht besonders süß. Was stimmt mit mir nicht?

    „Das höre ich häufig“, sagt Charlynn Ruan, eine klinische Psychologin in Los Angeles, USA, die vor allem Mütter berät. „Viele sagen: ‚Die einzigen Kinder, die ich mag, sind meine eigenen.‘“ Die Wurzel dieser Scheu – die verbreiteter ist, als man denkt – ist die lauernde Angst, blamiert zu werden. Denn „Kindermund tut Wahrheit kund“ – nur, dass meist niemand diese hören will. Etwa „Mama, dieser Mann riecht aber komisch!“ oder „Boah ey, du musst aber viel essen“ und „Warum ist dein Gesicht so zerknittert?“ Und dann gibt es noch die Eltern – oder schlimmer, Großeltern, die davon überzeugt sind, dass jedes Wort ihrer Kinder in Stein gemeißelt werden sollte. Kein Wunder, dass Sie sich schwer tun, mit solchen kleinen Ungeheuern zu plaudern. Es gibt aber laut Dr. Howard Forman, Psychiater am Albert Einstein College of Medicine in New York, eine Lösung: Lesen Sie den Kindern aus einem Buch vor. Dann haben Sie das Sagen.
    Bewertung (1 bis 10, wobei 10 „übergeschnappt“ ist): 2, im Grunde genommen sind Sie völlig in Ordnung.

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  • Ich bin unfähig, eine Entscheidung zu treffen, selbst wenn es um Leben oder Tod geht. Allein die Wahl, ein Buch zu lesen oder spazieren zu gehen, kann mich den ganzen Nachmittag kosten. Und bis ich mich endlich dazu entschlossen hatte, dies hier zu schreiben …

    Die Unfähigkeit, selbst kleinste Entscheidungen zu treffen, ist eine echte Störung, sagt David M. Reiss, Psychiater in Rancho Santa Fe, US-Bundesstaat Kalifornien. Sie wirkt lähmend: Wer sich nicht entscheiden kann, was er als Nächstes tun will, tut gar nichts. Dies bezeichnet man als Abulomanie, erklärt die Psychotherapeutin und Buchautorin Tina B. Tessina: „Menschen, die an Abulomanie leiden, sind in jeder anderen Hinsicht normal. Probleme bekommen sie nur, wenn sie mit gewissen Entscheidungen konfrontiert werden. Das kann so weit gehen, dass sie sich sogar schwertun, danach wieder zur Normalität zurückzufinden.“
    Häufig sind extrem strenge Eltern die Ursache. Der Betreffende hatte nie die Möglichkeit zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, sagt Charlynn Ruan. Es kann aber auch an normaler Angst liegen. Man grübelt unablässig über die Auswirkungen einer Entscheidung und gerät so sehr in Sorge, dass man beschließt, überhaupt keine Entscheidung zu treffen.In beiden Fällen ist dem Betroffenen zu einer Therapie zu raten. „Am sinnvollsten ist eine Langzeittherapie“, sagt Charlynn Ruan, „denn die Person braucht jemanden, der sie dabei unterstützt, Entscheidungen zu treffen.“ Ist Angst die grundlegende Ursache, können auch Antidepressiva helfen.
    Bewertung: 7, dieses Verhalten macht wahnsinnig, aber eine Therapie kann helfen.

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  • Ich suche im Laden lieber 20 Minuten lang selbst alle Regale ab, als einen Verkäufer um Hilfe zu bitten.

    Hier sind wahrscheinlich gleich zwei Phobien am Werk: zum einen die Angst davor, für dumm gehalten zu werden, zum anderen die Befürchtung, sich anderen aufzudrängen, meint Buchautor Dr. Friedemann Schaub. In beiden Fällen will der Betroffene den Mitarbeitern nicht zur Last fallen, aber genau dafür werden diese bezahlt – den Kunden zu helfen. Hinter der Angst, um Hilfe zu bitten, steckt jedoch auch der Gedanke, undankbar zu sein, wenn man einen Gefallen nicht erwidert. „Nach einer Beratung ist es mir peinlich, das Geschäft zu verlassen, ohne etwas zu kaufen. Wenn ich niemanden gefragt habe, kann ich ohne schlechtes Gewissen wieder gehen“, so Dr. Schaub.
    Dabei langweilen sich die meisten Verkäufer oft und würden sich über Ablenkung – und das befriedigende Gefühl, helfen zu können – freuen. „Menschen möchten gebraucht werden“, erklärt Alan Hilfer, klinischer Psychologe in New York. „Manchmal sehe ich, wie ein Tourist jemanden nach dem Weg fragt. Dann brenne ich darauf, mich einzumischen und zu sagen: ‚Ich kann Ihnen helfen!‘“. Fragen Sie also, wenn Sie etwas nicht finden. Damit machen Sie einen anderen Menschen glücklich – und bekommen das, was Sie suchen.
    Bewertung: 3, ein bisschen verrückt, aber es bestehen gute Chancen auf Heilung.

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  • Ich kaue Fingernägel bis auf die Nagelhaut, und zwar, bis es blutet. Das ist doch nicht normal, oder?

    Richtig, das ist nicht normal. Wir haben wohl alle schon einmal Wundschorf abgeknibbelt oder einen Nagel abgekaut. Aber wenn wir uns dabei regelrecht Wunden zufügen, wird es extrem. Charlynn Ruan hat Menschen erlebt, die so lange an ihrer Haut herumbohrten, bis sie Löcher hatte. Sie sehen aus, als stünden sie unter Drogen, sagt sie. „In Wahrheit treibt sie eine innere Unruhe an.“
    Bei diesen Menschen ist die Kampf-oder-Flucht-Reaktion gestört. Ihr Gehirn wird von dem Impuls bestimmt: Ich muss etwas tun! Sie sind unruhig, befinden sich aber gar nicht in einer Situation, in der sie flüchten oder kämpfen müssen. Aber die Unruhe treibt sie zum Handeln, und sie beginnen zu kauen. Ruan empfiehlt, einen Psychiater um Antidepressiva zu bitten, „die die Unruhe dämpfen“. Gleichzeitig könnte der Arzt mit dem Patienten Strategien einüben, die zu einer Verhaltensänderung führen. Denken Sie daran: Angst verstärkt sich selbst. Sie löst sich erst auf, wenn Sie sich mit den Ursachen auseinandersetzen. Je früher Sie Hilfe suchen, desto schneller schließen Sie Frieden mit sich selbst.
    Bewertung: 8, die Störung sollte ernst genommen werden. Suchen Sie Hilfe, bevor es schlimmer wird.

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  • Meine Freunde umarmen sich alle zur Begrüßung, aber ich hasse das! Wenn wir uns treffen, breiten sie die Arme aus und drücken mich an sich. Ich habe keine Keimphobie, und ich mag meine Freunde. Nur wäre mir Händeschütteln lieber. Ist daran wirklich etwas falsch?

    „Diese Frage hätte von mir sein können“, sagt Dr. Forman vom Albert Einstein College. „Auch für mich sind Umarmungen eine äußerst komplexe Angelegenheit. Wie lange sollen sie dauern? Wie fest soll man drücken? Wohin mit den Händen? Umarmt man mit beiden Armen? Umarmungen werfen weitaus mehr Fragen auf, als sie beantworten.“ Es sieht so aus, als kämen Umarmungen in den letzten Jahren immer mehr in Mode. Dr. Forman macht das Fernsehen dafür verantwortlich, vor allem die Talkshows, in denen die Gäste oft mit einer Umarmung begrüßt werden.
    Was auch immer der Grund dafür sein mag, es ist vollkommen in Ordnung, wenn Sie einer Umarmung ausweichen, indem Sie zur Begrüßung die Hand ausstrecken. Etwas mehr Herzlichkeit gewünscht? Legen Sie Ihre andere Hand auf den Unterarm Ihres Gegenübers, dann haben Sie auch viel Kontakt und Bestätigung – ganz ohne Umarmung.
    Bewertung: 1, Sie sind nicht gestört, Sie leben nur (leider) in einer zunehmend umarmungsfreudigen Gesellschaft.

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  • Ich habe die zwanghafte Angewohnheit, jeden zu begrüßen, der mir im Büro oder auf der Straße begegnet. Das kommt mir (und allen anderen) übertrieben vor, aber irgendwie kann ich damit nicht aufhören. Wie verrückt ist das?

    Vielleicht stammen Sie aus einer besonders freundlichen Gegend. Die Psychologin Ruan lebte eine Zeit lang in Atlanta, wo die Menschen sehr freundlich und gesprächig sind, selbst in öffentlichen Toiletten. „Eine Frau sprach mich dort an. Eigentlich sollte doch jeder so tun, als sähe er die Füße des anderen nicht. Ihr Verhalten verstieß gegen alle gesellschaftlichen Regeln! Aber so sind die Menschen dort – überaus freundlich.“ Wenn Sie Ihre Begrüßungen etwas einschränken wollen, versuchen Sie, anderen freundlich zuzulächeln, ohne dabei stehenzubleiben. Andererseits „muss auch nicht alles analysiert werden“, meint Dr. Aaron Pinkhasov, Leiter der Abteilung für Verhaltensgesundheit am New Yorker Winthrop University Hospital in Mineola. Das Problem besteht nicht darin, wie Sie Passanten begrüßen, sondern ob Sie sich so sehr auf Ihr Verhalten fixieren, dass Sie anfangen, Begegnungen ganz zu vermeiden, indem Sie beispielsweise einen Umweg machen. Wenn das passiert, vergessen Sie nicht, dass Freundlichkeit kein Verbrechen ist. „Und wenn das Ihr einziges Problem ist“, so Dr. Forman, „dann geht es Ihnen richtig gut.“
    Bewertung: 1, Alles, was Sie brauchen, haben Sie bereits – Sie sind höflich.

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  • Ich bin süchtig nach Kreide. Nicht zum Schreiben – zum Essen! Warum nur gelüstet es mich nicht nach Hamburgern und Fritten?

    Das Verlangen, nicht essbare Dingen zu essen – etwa Sand, Kaffeesatz, Streichhölzer oder Mottenkugeln – wird als Pica-Syndrom bezeichnet. Am häufigsten tritt es bei Kindern und Schwangeren auf. Die Ursache ist unklar, aber „manchmal verlangt der Körper nach Nährstoffen“, vielleicht ausgelöst durch eine Stoffwechselstörung, sagt der Psychiater Dr. Reiss.
    Er fügt jedoch hinzu, dass dieses Verhalten auch psychologische Gründe haben kann, wenn die gegessenen Dinge sehr ungewöhnlich sind (ungewöhnlicher als Mottenkugeln?). „Ich hatte Patienten mit dem sogenannten Münchhausen-Syndrom, die sich absichtlich krank machten, um ärztlich behandelt zu werden. Sie haben alles Mögliche geschluckt, von Messern bis zu Blut“, sagt Dr. Reiss. „Einer verschluckte sogar eine Gabel. Wir wissen nicht wie, aber er hat es geschafft.“ Sie sollten bald Ihren Arzt auf­suchen um herauszufinden, ob Ihnen ein Nährstoff fehlt, und wenn ja, warum. Wenn das nicht der Fall ist, sollten Sie einen Termin beim Psychiater ausmachen.
    Bewertung: 9, Wenn es mehr ist als ein Nährstoffmangel, handelt es sich um eine ernsthafte Störung.

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  • Ich weiß, dass es absolut schaurig ist, aber ich stelle mir oft vor, wie ich meine Familie oder Freunde vergifte, wenn ich für sie koche. Ich liebe sie, wie komme ich also auf solche Gedanken?

    Laut Alan Hilfer tauchen manchmal unvermittelt Vorstellungen aus unserem Unterbewusstsein auf, die mit Folter oder Tod zu tun haben. „Es handelt sich um flüchtige Gedanken aus einem dunklen Bereich, die viele von uns unterdrücken. Hin und wieder kommen sie zum Vorschein und jagen uns einen Schrecken ein.“ Warum stellen wir uns manchmal vor, jemanden auf dem Zebrastreifen zu überfahren? Vielleicht weil uns klar wird, wie schnell das Leben vorbei sein kann: Eine falsche Entscheidung und das war’s! Ursache könnte aber auch latenter Zorn sein. „Möglicherweise handelt es sich um Aggressionen, mit denen wir uns nicht auseinander­gesetzt haben“, sagt Dr. Schaub. Vielleicht hat es der potenzielle Giftmörder satt, Leute zu bekochen, die sich nie erkenntlich zeigen.
    „Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir sie wirklich umbringen wollen. Der Gedanke ist nur eine Metapher“, erklärt er. Etwas kocht vor sich hin, wie das Essen – nur mit ganz speziellen Gewürzen.
    Bewertung: 3, Sie sind verrückt – wenn Sie ernsthaft an Mord denken. Ist Zorn die Ursache, gehen Sie der Sache auf den Grund. Ansonsten machen Sie sich keine weiteren Gedanken.

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  • Meine alte Mutter sagt in letzter Zeit Dinge wie „Stell dir vor, die Kinder waren gerade da.“ Aber das stimmt nicht. Dort, wo sie wohnt, gibt es keine Kinder. Ist das ein Anzeichen von Alzheimer?

    Was Sie beschreiben, ist nicht ungewöhnlich und unter der Bezeichnung Lewy-Körper-Demenz bekannt. Auch wenn diese Erkrankung weniger häufig auftritt als Alzheimer, sind davon meist ältere Personen betroffen, „die bis dahin keine Halluzinationen hatten, nun aber ständig davon sprechen, dass sie Kinder, verstorbene Verwandte oder Tiere sehen“, sagt die Psychologin Charlynn Ruan. Die Krankheit beeinträchtigt den Teil des Gehirns, der für das Sehen zuständig ist. Der alte Mensch „sieht“ also wirklich Dinge, die wir nicht sehen. Die traurige Nachricht lautet, dass dies – wie alle Demenzformen – nicht heilbar ist.
    Bewertung: 8, ärztlich verordnete Medikamente können die Halluzinationen etwas eindämmen.

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  • Immer, wenn ich jemanden etwas frage, nach dem Weg zum Beispiel, bin ich mit meinen Gedanken woanders. Statt zuzuhören, wie ich irgendwo hinkomme, gilt meine ganze Aufmerksamkeit den hässlichen Knöpfen auf dem Hemd der Person. Warum kann ich mich einfach nicht konzentrieren?

    Möglicherweise strengen Sie sich so sehr an, ein guter Zuhörer zu sein, dass Sie statt zuzuhören bereits weiterdenken. „Das passiert vor allem bei der ersten Begegnung“, erklärt Alan Hilfer. „Sie stellen eine Frage und hören die Antwort nicht bis zum Schluss, sondern denken bereits über die nächste Frage nach, um zu zeigen, wie aufmerksam Sie sind.“
    Dieses Problem können Sie lösen, indem Sie Ihre Konzentrationsfähigkeit trainieren. Tina Tessina rät: „Stellen Sie das Fernsehgerät oder das Radio kurz an und konzentrieren Sie sich auf das, was gesagt wird. Dann machen Sie das Gerät wieder aus und rufen sich das Gehörte in Erinnerung. Schon bald werden Sie merken, dass Sie sich weniger ablenken lassen.“
    Bewertung: 3, nicht allzu verrückt, nur leicht … Moment, welche Farbe haben die Knöpfe? Nicht richtig Rot, oder?

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