Eine junge Frau spricht mit ihrer Psychiaterin.
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Körper & Psyche

Neue Wege aus der Sucht

Wir stellen Ihnen Erfolg versprechende Therapien vor.

Ausgabe: April 2020 Autor: Lisa Fields

Aktuell sind 23 Millionen Europäer alkoholabhängig, 1,3 Millionen konsumieren Opioide (synthetisch hergestellte Substanzen) und Millionen nehmen Kokain, Marihuana oder andere illegale Drogen. 2017 wurden in der EU 1,2 Millionen Menschen wegen verbotenem Drogenkonsum behandelt. Früher hieß es, man müsse abhängigen Angehörigen mit harten Worten begegnen, um sie zum Aufhören zu bewegen. Sie sollten selbst die Willenskraft aufbringen, nicht mehr zu trinken oder keine Drogen mehr zu nehmen.
Heute gilt Abhängigkeit als anerkannte Krankheit. Zur Behandlung gehören neben Medikamenten auch neue Behandlungsmethoden. Die Substitutions-Behandlung ist in der EU die häufigste Therapie gegen Opioidabhängigkeit, weil sie erwiesenermaßen Schäden verringert und das Risiko einer Überdosis senkt. Zudem erleichtert sie es Abhängigen, die Beziehungen zu ihrer Familie wiederaufzunehmen. Rückfälle werden als Teil der Sucht akzeptiert und Menschen ermutigt, ihre Therapie fortzusetzen. „Wir gehen davon aus, dass wir es mit einer chronisch wiederkehrenden Krankheit zu tun haben. Rückfälle gehören dazu, und wir geben niemanden auf“, sagt Dr. João Castel-Branco Goulão, Generaldirektor des Interventionsdienstes bei Suchtverhalten und Abhängigkeit in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. „Jeder darf es so oft versuchen, wie er möchte.“ Angehörige werden ermutigt, einfühlsam zu sein, zu unterstützen und freundlich zu kommunizieren, denn Abhängigkeit ist kein moralisches Versagen, sondern eine Krankheit. „Familienmitglieder und Freunde spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, eine Behandlung zu beginnen“, sagt Dr. Dagmar Hedrich, leitende Wissenschaftlerin für die Schadensminderung in der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in Lissabon, Portugal. „Die Selbsteinweisung oder Einweisung durch Familienmitglieder und Freunde ist in Europa der übliche Weg zu einem Entzug“, erläutert sie. „Mehr als die Hälfte der Patienten traten im Jahr 2017 ihre Behandlung auf diese Weise an.“

Nachfolgend führen wir einige neue Behandlungsmethoden auf. Diese bieten Suchtkranken und deren Angehörigen Hilfe.

 

Der CRAFT-Ansatz

Das Community Reinforcement and Family Training (Nicht-konfrontative Strategie für Angehörige von Suchtkranken: CRAFT) wurde von Dr. Robert Meyers, Psychologe und Lehrbeauftragter am Zentrum für Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Suchterkrankungen der University of New Mexico, USA, entwickelt. Seine Arbeit als Eheberater brachte ihn auf die Idee, Partnern von suchtkranken Menschen Hilfe anzubieten. Er stellte fest, dass Frauen oft großen Einfluss auf ihre trinkenden oder drogenabhängigen Partner haben und schlussfolgerte, dass sie ihre Partner dazu bewegen könnten, eine Behandlung anzufangen. Bei CRAFT lernt man, den Kranken positiv und mitfühlend zu begegnen, sie weder anzuschreien noch zu verurteilen. Stattdessen sollte man belohnen, wenn er/sie nüchtern bleibt und negatives Verhalten ignorieren. In empfänglichen Momenten kann man dem Angehörigen eine Behandlung vorschlagen. Dr. Robert Meyers rät: „Kommt Ihr Partner nüchtern nach Hause, nehmen Sie sich Zeit für ihn. Ist er aber betrunken, dann lernen die Teilnehmer zu sagen: ‚Ich bin froh, dass du sicher nach Hause gekommen bist. Ich liebe dich, fühle mich aber schlecht, wenn ich dich so sehe, also gehe ich schlafen. Vielleicht reden wir morgen miteinander.‘ Wichtig ist, dass Sie konsequent bleiben.“ Mit CRAFT gelingt es Familienmitgliedern in 65 bis 75 Prozent aller Fälle, ihre Angehörigen zu einer Therapie zu bewegen. CRAFT unterstützt auch dabei, wenn Menschen an geringem Selbstwertgefühl leiden, sich sorgen oder Depressionen haben, weil ihre Angehörigen trinken oder Drogen konsumieren. Sie lernen, dass nicht sie für die Abhängigkeit verantwortlich sind. Das Programm ermutigt sie, ihr eigenes Leben zu genießen und das zu tun, was ihnen Freude bereitet. „CRAFT-Studien belegten, dass sich Depressionen, Ängste und Ärger der Teilnehmer bis zu einem Jahr, nachdem sie das Programm beendet hatten, weiter verringerten“, berichtet Dr. Robert Meyers. Ausgebildete CRAFT-Therapeuten findet man in Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien, Schottland, Irland, Wales und Skandinavien.

 

SMART Recovery

 Hein, 50, aus Søborg in Dänemark fühlte sich als Versagerin, als sie erfuhr, dass ihr Sohn Marihuana konsumierte. Ihr Vater sowie ihr Ex-Mann waren drogenabhängig, und sie hatte es nicht geschafft, ihren Sohn davor zu bewahren. „Mir wurde das alles zu viel, ich wurde sehr krank und verlor dann meine Arbeit. Deshalb brauchte ich Hilfe“, erzählt sie. Sie entdeckte SMART Recovery – Self-Management and Recovery Training (Selbstmanagement und Genesungstraining) und die dazugehörenden Familien- und Freundetreffen. Mithilfe des Programms lernen Angehörige, motiviert zu bleiben, mit negativen Gefühlen umzugehen und ein ausgeglichenes Leben zu führen. Die Methode beruht auf der kognitiven Verhaltenstherapie und der motivationsstärkenden Therapie. Man lernt, diese Lektionen im Alltag anzuwenden. „Wenn Angehörige nicht mehr weiterwissen, versuchen sie alles, um ihren Lieben zu helfen. Doch das bewirkt oft das Gegenteil“, sagt Bendt Hansen, der Vorsitzende von SMART Recovery Dänemark in Kopenhagen. Hein lernte, ihren Ärger zu beherrschen und ruhig mit ihrem Sohn zu sprechen. Schließlich suchte dieser einen Psychologen auf. Heute ist er 23 Jahre alt, arbeitet Vollzeit und besucht seine Mutter regelmäßig. „Inzwischen verstehen wir uns gut“, sagt sie. „Mein Sohn vertraut mir, weil ich ihm keine Vorwürfe mache.“ SMART Recovery International ist eine Organisation aus Selbsthilfegruppen in Nordamerika, Australien und in Großbritannien. Sie helfen, von unterschiedlichen Abhängigkeiten loszukommen und unterstützen Angehörige und Freunde.

 

5-Schritte-Methode

Nachdem Forscher aus Großbritannien die Erfahrungen von Familienmitgliedern suchtkranker Personen untersucht hatten, entwickelten sie zu Beginn der 2000er-Jahre die 5-Schritte-Methode. Zuerst berichten Angehörige von ihren Erfahrungen. Anschließend erhalten sie Informationen über die Abhängigkeit, dann werden Bewältigungsstrategien diskutiert, viertens eine passende Unterstützung ausgewählt und abschließend überlegt, ob weitere Hilfsangebote nötig sind. „Familienmitglieder berichten oft, dass es seltener zu emotionalen Auseinandersetzungen kommt, sie das Suchtproblem besser verstehen und ihre Bedürfnisse bewusster wahrnehmen“, sagt Alex Copello, Honorarprofessor für Suchtforschung an der University of Birmingham, Großbritannien. Er ist einer der Entwickler der 5-Schritte-Methode. Die Methode kann dabei helfen, das Stressniveau zu senken und Beziehungen zu verbessern. „Aus unserer Forschung und der klinischen Erfahrung wissen wir, dass sie Menschen dazu ermutigen kann, früher Hilfe zu suchen“, sagt Professor Copello. Bislang gibt es das Programm in Großbritannien und Irland.

 

ContrAl- und Sinclair-Methode

ContrAl-Kliniken verbinden die Sinclair-Methode – den Einsatz von verschreibungspflichtigen Medikamenten gegen das Verlangen nach Alkohol – mit kognitiver Verhaltenstherapie, um die Trinkgewohnheiten zu ändern. Ziel ist nicht völlige Abstinenz. Stattdessen sollen Alkoholabhängige lernen, weniger zu trinken. Das gelingt in 78 Prozent der Fälle. Suchtkranke erhalten Opiatblocker, die sie vor dem Alkoholgenuss einnehmen und die das Verlangen dämpfen. Zusätzlich lernt der Patient an acht Terminen innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten bei einem Arzt oder Psychologen neue Verhaltensstrategien. Diese sollen helfen, weniger zu trinken und verantwortungsbewusster zu leben. „Es ist für unsere Klienten einfacher, sich auf eine Behandlung einzulassen, bei der sie das Trinken nicht sofort aufgeben müssen“, erklärt Jukka Keski-Pukkila, der CEO der ContrAl-Kliniken in Helsinki. „Wer möchte, kann seine Angehörigen auch zu einer oder zwei Sitzungen begleiten. Dort lernt man, wie man sie am besten unterstützt, und warum Abstinenz nicht erforderlich ist. Die traditionelle Betrachtungsweise der Alkoholabhängigkeit ist noch tief in uns verankert. Wir können uns nur schwer vorstellen, den Konsum zu reduzieren und ihn gleichzeitig zu kontrollieren.“ ContrAL-Kliniken gibt es in Finnland, Kanada, den USA und in Großbritannien.

 

Es gibt viele Studien über Suchtkrankheiten und eine ganze Reihe von alternativen Programmen. Experten erkennen inzwischen an, dass Sucht eine Krankheit ist, aber die soziale Stigmatisierung dauert an. Aus diesem Grund erhalten viele Menschen nicht die gleiche Unterstützung und Behandlung wie bei anderen Krankheiten. Das liegt zum Teil daran, dass die Gesellschaft suchtkranke Personen noch immer für schuldig hält. Nach Ansicht von Experten könnte sich ein breiterer Zugang zu Suchthilfeprogrammen für Abhängige und deren Angehörige positiv auswirken auf die einzelnen Familien und die Gesellschaft.


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