Ruhe bitte! Lärm macht krank
© iStockfoto.com / PeopleImages
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Ruhe bitte! Lärm macht krank

Lärm ist nicht nur störend, er macht auch krank. So schützen Sie sich.

Ausgabe: Oktober 2018 Autor: Stella Cornelius-Koch

Es ist zwei Uhr nachts. Laute Musik dringt über den Innenhof der großen Wohnanlage am Stadtrand von Regensburg bis in Karin Hirmers Zimmer. Weil es tagsüber so heiß ist, versucht sie, noch zu später Stunde für ihr Examen zu lernen. Wegen des Lärms kann sie sich jedoch nicht konzentrieren. Nach einer halben Stunde reicht es der Studentin. Sie macht sich auf den Weg zu der Wohnung, aus der die Musik schallt. Nicht das erste Mal. Und so bittet sie die Nachbarn einmal mehr, die Musik leiser zu stellen.
Neun Monate nach ihrem Examen zieht die Regensburgerin endgültig die Reißleine: Der Berufseinstieg und ihre damit verbundene bessere finanzielle Lage ermöglichen es ihr, in eine ruhigere Bleibe umzuziehen. Heute lebt Karin Hirmer, die in der Erwachsenenbildung arbeitet, mit ihrem Partner in einer ruhigen Dachgeschosswohnung in der Stadt. „Ich habe es irgendwann einfach nicht mehr ausgehalten. Lärm ist ein großes Stressmoment für mich“, erklärt die heute 40-Jährige.


Lärm ist nicht Lautstärke


Mit diesem Gefühl ist Karin Hirmer nicht allein. Nach einer Umfrage des Umweltbundesamtes fühlen sich sechs von zehn Menschen in Deutschland durch den Lärm von Nachbarn belästigt. Schlimmer ist nur noch Straßenverkehrslärm, der 76 Prozent der Befragten stört. Es folgen Industrie- und Gewerbelärm, danach Flug- und Schienenverkehrslärm. Lärm ist dabei nicht mit Lautstärke zu verwechseln. „Von Ersterem spricht man immer dann, wenn man sich durch ein Geräusch gestört fühlt.
Hier spielen psychologische Kriterien eine wichtige Rolle“, erklärt Professorin Brigitte Schulte-Fortkamp, Lärmforscherin an der Technischen Universität Berlin. Feiert der ungeliebte Nachbar eine Party, stört das mit großer Wahrscheinlichkeit eher, als wenn man sich gut miteinander versteht. Ebenso wird sich ein Klassikfan über laute Mozartklänge weniger ärgern als über Heavy-Metal-Musik bei gleicher Lautstärke.„Lärmempfinden ist immer subjektiv“, sagt die Expertin. Allerdings bedeute dies nicht, dass jemand, der sich durch laute Geräusche gestört fühlt, unfähig sei, damit umzugehen.  
Wichtig zu wissen: Auch bei denjenigen, die sich an Lärm nicht stören oder meinen, sich daran gewöhnt zu haben, wirkt er auf den Körper. So kann Verkehrslärm auch beim unbewussten Hören im Schlaf dazu führen, dass der Körper vermehrt Stresshormone ausschüttet. Die Folge: Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller.

 


Gesundheitliche Folgen


Besonders problematisch ist es, wenn Sie Lärm dauerhaft ausgesetzt sind und keine Erholungsmöglichkeiten haben. Etwa weil Sie an einer auch nachts viel befahrenen Straße wohnen. Mögliche Folgen können nicht nur Hörstörungen sein, es erhöht sich auch das Risiko für zahlreiche
Erkrankungen – angefangen von Schlafstörungen über Depressionen bis hin zu Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dies belegen wissenschaftliche Studien.
Für die bisher umfangreichste europäische Untersuchung zum Thema, die 2015 veröffentlichte NORAH-Studie, berechneten Wissenschaftler unter Leitung der Universität Bochum die Belastung durch Flug-, Schienen- und Straßenlärm in einem großen Gebiet rund um den Frankfurter Flughafen. Diese Werte verglichen die Forscher mit Daten zur Gesundheit, Lebensqualität und der kindlichen Lernentwicklung von insgesamt mehr als einer Million Personen aus der Region.
Es zeigte sich unter anderem, dass Verkehrslärm das Risiko erhöhen kann, einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Herzschwäche zu erleiden. Das Risiko war ab einem Straßen- und Schienenverkehrslärmpegel von 50 bis 55 Dezibel (siehe Schaubild rechts) deutlich erhöht und stieg bei zunehmenden Schallpegeln kontinuierlich an. Bei tödlichen Herzinfarkten erwies sich auch ein Fluglärmpegel ab 60 Dezibel als wichtiger Risikofaktor.
Ähnliche Ergebnisse hatte die NaRoMI-Studie (Noise and Risk of Myocardial Infarction) aus dem Jahr 2004 im Auftrag des Umweltbundesamtes und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Für sie befragten die Wissenschaftler mehr als 4000 Patienten in Berliner Kliniken. Ein Fazit: An Herzinfarkt erkrankte Männer wohnten überdurchschnittlich häufig an lauten Straßen.


Die Wohnung richtig gestalten


Das bedeutet nun nicht, dass Sie zwangsläufig einen Herzinfarkt erleiden, wenn Sie an einer Hauptstraße wohnen. Es bedeutet aber, dass Sie gegensteuern sollten. Besonders lärmgefährdet sind übrigens Kinder, ältere Menschen und Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die gute Nachricht: Sie können viel tun, um die Lärmbelastung zu verringern.„Gestalten Sie Ihre Wohnung nach Möglichkeit so um, dass die starke Schallbelastung der Straße nicht direkt ins Schlaf- oder Kinderzimmer fällt“, rät Schulte-Fortkamp. Sorgen Sie dafür, dass sich diese Räume im ruhigsten Teil der Wohnung befinden.
Lassen Sie als Eigentümer Schallschutzfenster einbauen oder bitten Sie den Vermieter darum. Informationen zu Anträgen und Fördermöglichkeiten gibt es bei Städten und Kommunen. Sinnvoll sind Schallschutzfenster, wenn die Umgebungslautstärke nachts mindestens 60 Dezibel und tagsüber 70 Dezibel beträgt. „Um den Effekt von Lärmschutzfenstern voll zu nutzen, sollten Sie die Wohnung jedoch regelmäßig querlüften und nach den Lüftungsphasen die Fenster geschlossen halten“, so die Expertin.
Raumausstatter weisen darauf hin, dass Gardinen ebenfalls (etwas) Schall schlucken. Im Handel sind sogar spezielle Lärmschutzvorhänge erhältlich.


Eigenen Lärm reduzieren


„Nicht vergessen werden sollte, dass auch selbst verursachter Lärm die Gesundheit belasten kann“, erklärt Dirk Schreckenberg, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik. Um diesen zu reduzieren, sollten Sie für eine verbesserte Trittschalldämmung in der Wohnung durch Teppiche oder andere textile Fußboden­beläge sorgen.
Achten Sie zudem beim Kauf von Haushalts- und Gartengeräten wie Staubsaugern oder Rasenmähern auf lärmarme Produkte. Sie erkennen Sie am Umweltzeichen „Blauer Engel“. Koppeln Sie schallerzeugende Geräte, wie Lautsprecher, Kühlschränke oder Waschmaschinen durch weiche Unterlagen von Wohnungswänden und -böden ab. Denken Sie auch an Ihre Kinder und Enkelkinder. Laute Spielzeuge wie Rasseln oder Spielzeug­pistolen müssen nicht sein.
Zum Schutz Ihrer Nachbarn sollten Sie zudem Musikanlagen auf Zimmerlautstärke stellen. Wenn Sie den Ton des Fernsehers oder der Stereoanlage nicht mehr so gut wie früher hören, stellen Sie die Geräte nicht immer lauter, sondern lassen Sie Ihr Gehör überprüfen und besorgen Sie sich – falls nötig – ein Hörgerät. Ihrer und der Gesundheit Ihrer Mitmenschen zuliebe.


Gehörschutz und Ruhepausen


Eine einfache, aber wirksame Möglichkeit, zu laute Geräusche auszublenden, sind Ohrstöpsel. Diese nutzt auch Karin Hirmer aus Regensburg, wenn sie sich in lauter Umgebung konzentrieren muss. „Für den Fall, dass es unterwegs mal sehr laut wird, habe ich immer einen Hörschutz in der Handtasche“, erzählt sie.
„Wichtig ist ein Gehörschutz, der die Ohren ständig belüftet, um eine Ohrentzündung zu vermeiden“, erklärt Professorin Schulte-Fortkamp. Die Expertin rät jedoch, Ohrstöpsel nur bei Bedarf zu verwenden und sich nicht ständig komplett von allen Geräuschen abzuschotten. „Ansonsten empfindet man den Umgebungsschall hinterher erst recht als laut.“Neben allen praktischen Maßnahmen empfiehlt Psychologe Dirk Schreckenberg jedem, der sich durch Lärm belästigt fühlt, regelmäßig Auszeiten zu nehmen und Ruhezonen aufzusuchen. Am besten täglich. Gut geeignet hierfür ist ein Aufenthalt in der Natur. Haben Sie keinen Wald in der Nähe oder wohnen Sie in der Stadt, bietet auch ein Park die nötige Ruhe. „Das plätschernde Wasser eines Springbrunnens oder Vogelstimmen verursachen zwar auch Geräusche. Doch diese verbinden wir automatisch mit Ruhe und Erholung“, sagt Schreckenberg.

 


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

schlaf Körper & Psyche

„Ältere schlafen weniger“, „Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste“ – es gibt viele Mythen über gesunden Schlaf. Manche davon haben einen wahren ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

gehirn-jogging Körper & Psyche

Grund dafür ist der in Bananen enthaltene Botenstoff Serotonin.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

schlaf Körper & Psyche

Viele Schlafzimmer verwandeln sich nachts in Schnarchzimmer. Doch es gibt Hilfe.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Einsamkeit ist die unsichtbare Geißel unserer modernen Lebensweise. Eine neue Gemeinschaftsinitiative zeigt Wege aus der Isolation – hin zu mehr Gesundheit und ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Körper & Psyche

Ticks, Spleens und kleine Verrücktheiten gehören zu unserem Alltag. Ab wann wird daraus ein ernst zu nehmendes Problem?

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

wunder-mensch Körper & Psyche

Schmerz ist eine der unangenehmsten Körperempfindungen. Aber er hat eine lebenswichtige Funktion, denn er warnt und schützt den Organismus vor drohenden Schäden.

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Leserfragen Körper & Psyche

Kann Vitamin D nur gebildet werden, wenn UV-Strahlen auf die blanke Haut treffen oder auch, wenn die Haut mit einem Kleidungsstück bedeckt ist?

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Shop



Ratgeber Gesunder Schlaf (Buch + CD)

Endlich wieder einmal durchschlafen! Dieser praktische Ratgeber ermöglicht es Ihnen aus dem Kreislauf der Schlafstörungen auszubrechen.

Zum Produkt >

Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH - Vordernbergstraße 6, 70191 Stuttgart