Eine Hand mit blauem Boxhandschuh kämpft gegen Viren.
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Stark gegen Viren

Wieso haben manche Menschen ein stärkeres Immunsystem als andere? So stärken Sie Ihre Immunabwehr.

Ausgabe: Dezember 2020 Autor: Mike Zimmerman

Die Covid-19-Pandemie zeigt: Manche Menschen, die sich mit dem Virus infizieren, leiden kaum darunter, während andere schwer erkranken. Obwohl ältere Menschen besonders stark betroffen sind, überleben selbst 100-Jährige. Und obwohl jüngere Menschen das robustere Immunsystem haben sollten, starben auch viele von ihnen an dem Virus. Warum haben manche Menschen ein stärkeres Immunsystem als andere?

Wir wissen, dass unser Immunsystem mit zunehmendem Alter schwächer wird. Mit zunehmendem Alter sehen Sie Veränderungen im Gesicht, Ihrer Haut und Ihrer Haarfarbe. „Ihr Immunsystem unterliegt demselben Prozess“, sagt Dr. Insoo Kang, außerordentlicher Professor und Direktor der Abteilung Allergologie und Immunologie an der Yale School of Medicine, USA. Er untersucht seit 20 Jahren den menschlichen Alterungsprozess. „Immunzellen, vor allem CD8+T-Zellen (Untergruppe der weißen Blutkörperchen), verändern sich mit dem Alter. Und sie werden weniger. Um unbekannte Mikroorganismen wie das Covid-19-Virus zu erkennen, brauchen wir sie aber. Bei jedem Menschen verringert sich die Zahl der CD8+T-Zellen – aber nicht bei jedem im gleichen Umfang.“ Weshalb der Rückgang dieser T-Zellen bei den Menschen so unterschiedlich verläuft, bleibt eines der großen wissenschaftlichen Rätsel. Unser Immunsystem ist komplex. Wenn unser Körper einen Eindringling entdeckt – einen Virus, ein Bakterium oder einen Parasiten –, produziert er weiße Blutkörperchen, um das Problem zu bekämpfen. Doch wie viele dieser Blutkörperchen produziert ein 73-Jähriger im Vergleich zu einem 45-Jährigen? Das ist eine der wichtigsten Fragen der Covid-19-Pandemie.

 

Immunität und Alterungsprozess

Unser Körper produziert nicht mehr so viele Immunzellen, wenn wir älter werden, sagt Dr. Atul Butte, Professor für Epidemiologie, Biostatik und Pädiatrie an der University of California, San Francisco, USA. „Niemand weiß so recht warum.“ Dr. Butte prüfte mit einem Forschungsteam 242 Studien zum Thema Immunität. Dabei zeigten sich Muster, wie sich unser Immunsystem verändert, wenn wir älter werden. Bestimmte wichtige Immunzellen nehmen mit zunehmendem Alter ab. Dies sind die sogenannten B-Zellen, weiße Blutkörperchen, die Antikörper zur Bekämpfung von Infektionen produzieren, sowie T-Zellen, weiße Blutkörperchen, die Viren angreifen. Wir verfügen über zwei große Kategorien von T-Zellen: „Gedächtnis“-Zellen, die einen Keim bereits kennen und sich daran „erinnern“, wie man ihn bekämpft, und „naive“ Zellen wie die bereits erwähnten CD8+T-Zellen, die quasi alles bekämpfen müssen. „Wir haben festgestellt, dass die Zahl der naiven T-Zellen abnimmt, wenn wir älter werden“, erklärt Dr. Butte.

Nehmen wir also an, Covid-19 taucht auf. Kein Virus, das wir Menschen kennen, stimmt mit diesem überein. Das bedeutet, wir haben keine Gedächtniszellen, die wir mobilisieren können. Aktuelle Forschungen lassen jedoch vermuten, dass Personen gewisse Abwehrkräfte gebildet haben, sofern sie mit anderen, früher aufgetauchten Coronaviren in Berührung gekommen sind. Nun bekämpfen die naiven Zellen das Virus, doch ältere Menschen haben weniger T-Zellen. Das heißt, die meisten Alten sind gefährdeter. Doch das trifft nicht auf alle zu, da nicht jedes Immunsystem in gleicher Weise abbaut. Es gibt einen weiteren Faktor, den Dr. Atul Butte in seiner Studie beobachtet hat: Einige gesunde ältere Menschen zeigten einen geringen oder keinen Schwund der T-Zellen. Weshalb werden die wichtigen Zellen weniger? „Wir wissen, dass die Vererbung eine Rolle spielt“, sagt Dr. Butte. „Aber darüber, wie wichtig sie im Vergleich zu Umwelteinflüssen und Lebensstil sind, lässt sich streiten.“

Schlechter Schlaf, chronischer Stress, Gewichtszunahme, Autoimmunkrankheiten oder eine eingeschränkte Leber- oder Nierenfunktion verursachen oft niedrigschwellige Entzündungen. Sie schwächen das Immunsystem, weil es permanent auf Hochtouren läuft. Das wiederum beschleunigt den Alterungsprozess der Zellen. Zudem beeinträchtigen Entzündungen das Immunsystem, ohne dass man es merkt. „Die meisten Systeme in unserem Körper sind genau eingespielt“, sagt Dr. Sean Xiao Leng, Arzt für Geriatrie und Professor an der Geriatric School of Medicine der Johns Hopkins University, USA. „Das Immunsystem ist da keine Ausnahme, weshalb eine Fehlregulierung so gefährlich ist.“

 

Wie Sie Ihr Immunsystem schützen

Ihre genetische Disposition können Sie nicht verändern, dafür aber viele Faktoren, die sich positiv auf Ihr Immunsystem auswirken. Auch wenn Sie das Altern des Immunsystems nicht verhindern, führt jede Verlangsamung des Prozesses zu besseren Abwehrkräften. Das heißt, jede Art von Prävention hilft.

 

Bewegung
Regelmäßiges Training stärkt das Immunsystem und lindert Entzündungen. Die Skelettmuskulatur produziert Myokine, entzündungshemmende Botenstoffe, die auch das Immunsystem schützen. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte, dass Trainingseinheiten mit höherer Intensität die Verschlechterung des Immunsystems bei älteren Menschen verlangsamen können. „Bewegung stärkt den Körper und ist möglicherweise die wichtigste Veränderung Ihres Lebensstils, die Sie vornehmen können“, sagt Dr. Kang.

 

Ernährung
Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass man mit richtiger Ernährung Fettleibigkeit vermeidet. Diese fördert Entzündungen und gefährdet die Gesundheit. Forschungen belegen aber auch, dass sich eine spezielle Ernährung auf die Immunfunktion bei älteren Menschen positiv auswirkt. Eine Studie, die 2018 in der Zeitschrift Nutrients veröffentlicht wurde, zeigte, dass wichtige Nährstoffe wie die Vitamine A, C, D, E sowie die B-Vitamine, Folsäure, Eisen, Selen sowie Zink für die „Immunkompetenz“ unverzichtbar sind. Ein Mangel verursacht eine geringere Produktion von T-Zellen und verhindert das Abklingen von Entzündungen. Ernähren Sie sich ausgewogen mit Gemüse und guten Proteinen sowie Ballaststoffen. Letztere sind wichtig für die guten Bakterien in Ihrem Darm, die Entzündungen lindern können.

 

Ruhe
Die Forschung hat gezeigt, dass unkontrollierter Stress die Verschlechterung des Immunsystems beschleunigen kann und dadurch die Entzündungsaktivität zunimmt. Sorgen Sie für sich: Seien Sie achtsam, bewegen Sie sich, suchen Sie Hilfe bei ungelösten Problemen.

 

Impfungen
Auch das Alter fordert bei der Wirksamkeit von Impfungen seinen Tribut. Impfstoffe regen die Produktion von Antigenen an. Doch die Abwehrkräfte im Alter reagieren darauf nicht mehr so stark wie in jungen Jahren. Deshalb sollten Sie aber auf keinen Fall bei Impfungen nachlässig werden. „Sie werden zwar mit zunehmendem Alter weniger wirksam“, sagt Dr. Insoo Kang, „aber selbst wenn Sie sich infizieren, wird die Krankheit weniger schwer verlaufen. Man sollte sämtliche Impfungen, zu denen der Arzt rät, wahrnehmen.“

 

Medikamente
Manche Mittel können Ihr Immunsystem behindern. Oral eingenommene und inhalierte Kortikosteroide (bei Arthritis, Allergien, Asthma und entzündlichen Darmkrankheiten angewandt) können Ihr Risiko erhöhen, an einer Pilzinfektion zu erkranken. Das gilt auch bei TNF (Tumornekrosefaktor)-Blockern, die bei Autoimmunkrankheiten wie Rheumatoider Arthritis und Psoriasis (Schuppenflechte) eingesetzt werden. „Ebenso können Antibiotika Darmbakterien töten und Infektionen auslösen“, sagt Dr. Kang. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über mögliche Auswirkungen auf Ihr Immunsystem, wenn Sie regelmäßig Medikamente einnehmen, und was Sie tun können.

 


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