Volksleiden Diabetes
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Körper & Psyche

Volksleiden Diabetes

Viele Diabetiker wissen nicht genug über ihre Erkrankung – und riskieren deshalb Folgeschäden. Mittlerweile leiden mehr als 60 Millionen Menschen in Europa an Diabetes. Lesen Sie Wissenswertes über diese Krankheit.

Ausgabe: April 2015 Autor: William Ecenbarger

Vor Kurzem hatte er seinen 50. Geburtstag gefeiert. Nun war Jozef Janiga, Optiker aus Warschau, zu Besuch bei seinem Vater, einem Diabetiker. Aus einer Laune heraus beschloss Janiga, den eigenen Blut-zuckerspiegel mit dem Meßgerät seines Vaters zu bestimmen. Er stach sich also in den Finger – und musste feststellen, dass sein Wert zu hoch lag.

Janiga war auf dem besten Weg, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln!

Sein Hausarzt verordnete ihm Metformin-Tabletten. Janigas Blutzucker sank auf ein akzeptables Niveau. Sieben Jahre lang verschrieb ihm der Arzt die Tabletten. In all dieser Zeit aber gab er Janiga weder Informationen hinsichtlich einer gesünderen Ernährung und Lebensführung noch veranlasste er weitere Untersuchungen.

Dabei ist Diabetes mellitus eine chronische Krankheit, die täglicher Überwachung bedarf. Im vergangenen Jahr fühlte sich Janiga plötzlich schlecht. Ihm war schwindelig, er hatte Muskelkrämpfe und Sehstörungen. Tief beunruhigt wandte er sich an einen Diabetes-Spezialisten. Dieser untersuchte Janiga gründlich, verordnete ihm eine Diät und klärte ihn ausführlich über seine Krankheit auf.

Heute ist Janiga 58 Jahre alt und fühlt sich müder als je zuvor in seinem Leben. Er hat Angst zu erblinden. Seine Nieren sind so geschädigt, dass er vielleicht bald auf Blutwäsche oder Transplantation angewiesen sein wird.

Der Optiker aus Warschau ist kein Einzelfall. Eine Studie der Internationalen Diabetes Föderation Europas (IDF Europe) kam im November 2013 zu einem erschreckenden Schluss: Hunderttausende europäische Diabetiker sind weder ausreichend über ihre Krankheit informiert noch erhalten sie angemessene professionelle Unterstützung. Dies steigert ihr Risiko, Folgekrankheiten wie Bluthochdruck und Herzinfarkt zu bekommen, zu erblinden oder Gliedmaßen zu verlieren.

Elodie Besnier, die wissenschaft liche Leiterin der Studie, die 47 europäische Länder einbezog – darunter auch Deutschland, Österreich und die Schweiz – betont sogar, "Hunderttausende" sei eine "eher konservative Schätzung".

Stetig mehr Erkrankte

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation hat Diabetes in Europa mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen: Jeder Zehnte über 24 Jahren leidet demnach an der Krankheit – also rund 60 Millionen Menschen! Aufgrund der höheren Lebenserwartung und des größer werdenden Anteils Älterer an der Bevölkerung steigt diese Zahl stetig.

An Diabetes erkrankt, wessen Bauchspeicheldrüse nicht genügend Insulin produziert (Typ-1-Diabetes, der bevorzugt im Kindes- und Jugendalter auftritt), oder wessen Körper das Insulin, das er produziert, nicht effektiv nutzen kann (Typ-2-Diabetes, der meist im Erwachsenenalter einsetzt). Insulin ist ein Hormon, das den Blutzuckerspiegel reguliert. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel führt im Lauf der Zeit zu schweren Schäden im Körper, vor allem an den Nerven und Blutgefäßen. 85 bis 95 Prozent der Betroffenen leiden an Diabetes Typ 2.

Auch wenn Typ-1-Diabetiker (und einige Typ-2-Diabetiker) tägliche Insulinspritzen benötigen, die Basisbehandlung ist bei beiden Formen der Erkrankung gleich: gesunde Ernährung, viel Bewegung, der dauerhafte Abbau von Übergewicht und eine regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels. Wie erfolgreich diese Maßnahmen sind, hängt wesentlich davon ab, wie gut informiert der Erkrankte ist und wie aktiv er mitwirkt.

Information ist lebenswichtig

Wie die Studie der Internationalen Diabetes Föderation Europas zeigte, sind jedoch nach wie vor allzu viele Diabetes-Patienten und deren Familien "alarmierend" schlecht über die Erkrankung und ihre Behandlung informiert. Das hat mitunter schreckliche Folgen.

Bei Duncan Venables aus Dorset in Großbritannien wurde ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert, als er sieben Jahre alt war. Seitdem erhält er täglich Insulinspritzen. Die Ärzte informierten seine Eltern jedoch nicht ausreichend über die Schwere der Erkrankung. Die Familie ergriff daher keine weiteren Maßnahmen, wie etwa eine Umstellung der Ernährungs-gewohnheiten. Auch Venables selbst kümmerte sich lange Zeit wenig um seinen Diabetes. "Als Teenager und mit Anfang 20 achtete ich nicht sonderlich darauf", erzählt er. "Ich dachte, ich sei unbesiegbar." Bereits als junger Erwachsener leitete er ein erfolgreiches Fuhrunternehmen.

Dann aber machte sich die Krankheit mit Macht bemerkbar. "In meinen 30ern bemerkte ich, dass ich Probleme mit den Augen bekam", erinnert Venables sich. "Mir wurde klar, dass ich etwas unternehmen musste. Ich begann, meinen Blutzucker zu überprüfen, gesünder zu essen und mich deutlich mehr zu bewegen."

Zu spät: Letztes Jahr – Venables war gerade 40 geworden – wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. "Die Ärzte amputierten mein rechtes Bein unterhalb des Knies", erzählt er. "Als sich der Oberschenkel infizierte, mussten sie auch ihn abnehmen. Dann erblindete ich auf einem Auge und bekam Herzprobleme." Insgesamt fünf Monate verbrachte er im Krankenhaus.

Doch nicht nur Patienten und Angehörige wissen oft schlecht über Dia-betes Bescheid. Der Studie des IDF Europe zufolge trifft dies in manchen Fällen sogar auf Ärzte zu.

Rune Gjertsen, aus Stavanger in Norwegen, war Ende 20, als er feststellte, dass er auffällig häufig durstig und müde war und zeitweise nur verschwommen sah. Zehn Jahre lang berichtete der heute 40-jährige Computer-Programmierer seiner Ärztin bei den jährlichen Vorsorgeuntersuchungen von diesen klassischen Diabetes-Symptomen. Trotzdem kam sie nicht auf die Idee, Gjertsen auf die Krankheit zu testen.

Langsam, aber stetig verschlimmerten sich seine Beschwerden, bis vor fünf Jahren sein Sehvermögen so alarmierend nachließ, dass er einen Facharzt aufsuchte. Dessen Diagnose: Diabetes Typ 2. Weil die Krankheit erst so spät festgestellt wurde, kam es zu Blutungen in Gjertsens linkem Auge.

Nach einem chirurgischen Eingriff ist sein Sehvermögen heute zwar wieder normal, und mit Medikamenten, Insulin und täglichen Glukosetests hält er die Krankheit unter Kontrolle. Doch er sagt: "Ich wünschte, meine Ärztin hätte meinen Diabetes diagnostiziert, als die ersten Symptome auftraten. Das hätte mir Jahre voller Unbehagen und Unsicherheit erspart."

Auf Warnzeichen achten

Zu den klassischen Anzeichen eines Diabetes gehören der Drang zum häufigen Wasserlassen und damit verbunden ein stetiges Durstgefühl. Denn der Körper versucht, den überschüssigen Blutzucker über den Urin auszuscheiden. Der vermehrte Harndrang führt dann zum Durst. Oder auch zu trockener, juckender Haut.

Viele Betroffene fühlen sich schlapp und antriebslos. Auch dies eine Folge des erhöhten Blutzuckerspiegels. Ebenso wie die Anfälligkeit für Infektionen und verzögerter Wundheilung bei Verletzungen. Dazu zählen häufige Erkältungen ebenso wie hart-näckiger Fußpilz und Zahnfleischentzündungen.

Wichtig zu wissen: Die Veranlagung zu dieser Form der Erkrankung ist erblich. Leiden also nahe Verwandte – insbesondere Eltern und Geschwister – an der Krankheit, sollten Sie sich regelmäßig testen lassen. Dasselbe gilt, wenn Sie übergewichtig sind, Bluthochdruck haben oder Ihr Fettstoffwechsel gestört ist.

Ab zur Schulung

Stellt der Arzt bei Ihnen einen Diabetes fest, bitten Sie ihn darum, Sie umgehend zu einer Diabetes-Schulung zu überweisen. Dort erfahren Sie, wie Sie selbst dazu beitragen können, Ihre Blutzuckerwerte zu senken. Keine Angst: Es geht nicht um Verbote und Vorschriften. Sondern beispielsweise darum, wie Sie mehr Bewegung in Ihren Alltag integrieren. Wie Sie sich gesünder ernähren, ohne auf Geschmack verzichten zu müssen.

Entgegen der Befürchtung vieler dürfen Diabetiker sogar Zucker verzehren – solange sie dabei Maß halten. In der Schulung lernen Sie außerdem, wie Sie Ihren Blutzucker richtig kontrollieren. Oder auch, auf was Sie als Diabetiker bei der Fußpflege achten müssen.

Tony Hatcher hat die Verantwortung für seine Gesundheit übernommen. Der heute 62-jährige Berufskraftfahrer aus der Grafschaft Kent in Großbritannien erhielt die Diabetes-Diagnose im Jahr 2000. Sein Arzt verschrieb ihm Medikamente, händigte ihm einen Ernährungsplan aus und riet zu mehr Bewegung. Doch Hatcher tat sich schwer mit der Umsetzung der Empfehlungen. So stieg sein Blutzuckerspiegel trotz der Medikamente weiter an.

Erst im Jahr 2007 rüttelte ihn ein tragisches Ereignis auf: Einer seiner Kollegen starb an der Krankheit. "Er war gerade mal 50 Jahre alt. Um seinen Diabetes hatte er sich nie geschert. Stattdessen geraucht, getrunken, sich kaum bewegt und schlecht ernährt", erzählt Hatcher. "Mir wurde klar, dass es höchste Zeit war, die Verantwortung für meine Gesundheit zu übernehmen. Ich wollte noch nicht sterben. Ich wollte auch kein Bein oder mein Augenlicht verlieren."

Hatcher wandte sich an eine Diabetes-Klinik und ließ sich gründlich schulen. Außerdem schloss er sich einer Diabetes-Selbsthilfegruppe an, die sich monatlich trifft.

Heute setzt der 62-Jährige sich viermal am Tag eine Insulinspritze – drei zu den Mahlzeiten und eine abends. Als Berufskraftfahrer kontrolliert er alle zwei Stunden seinen Blutzuckerspiegel. Darüber hinaus bewegt er sich so viel wie möglich. "Ganz in der Nähe meiner Wohnung gibt es einen Wanderweg entlang der Themse", berichtet er. "Den gehe ich oft. Meist eine Stunde hin und eine zurück."

Süße Nachspeisen gönnt Hatcher sich nur noch zu besonderen Anlässen. "Viel wichtiger aber ist, dass ich die Informationen auf den Lebensmittel-Verpackungen genau lese", sagt er. "In vielen verarbeiteten Lebensmitteln steckt jede Menge Zucker. Vor allem in fettarmen Produkten."

Die Ergebnisse von Hatchers verändertem Lebensstil sind beeindruckend: "Mein Insulinspiegel ist niedriger als je zuvor, meine Füße sind in einem guten Zustand und mein Blutdruck niedrig. Ich werde mein Bestes geben, um meinen Diabetes auch weiterhin unter Kontrolle zu halten."


 

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