Diabetes: neue Fakten und Fortschritt
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Diabetes: neue Fakten und Fortschritt

Rund 66 Millionen Europäer leiden unter einer Form von Diabetes. Neue Behandlungsmethoden geben Patienten Hoffnung.

Ausgabe: November 2018 Autor: Lisa Fields

Typ-1-Diabetes, bei dem die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) kein oder zu wenig Insulin produziert, trifft in der Regel jüngere Menschen und besteht ein Leben lang. Der häufiger auftretende Typ-2-Diabetes ist dagegen auf eine Resistenz gegen das Hormon Insulin zurückzuführen, das für die Blutzucker-Absorption im Körper sorgt. Darüber hinaus weisen 41 Millionen Europäer Anzeichen für Prädiabetes auf. Bei ihnen besteht das Risiko, Typ-2-Diabetes zu entwickeln, falls sie nicht behandelt werden. In den letzten Jahren wurden neue Behandlungsmethoden entwickelt. Der medizinische Fortschritt lässt Betroffene hoffen. Wir stellen sechs Behandlungsmethoden vor, die bereits verfügbar sind oder es bald sein werden.

1.) Prädiabetes -  Präventionsprogramm

Bis vor einem Jahr aß Pamela Hancock, 67, aus Northwich in Großbritannien gerne fettig und süß. Vor einem halben Jahr erklärte ihr Arzt, dass sie aufgrund von Übergewicht und Bluthochdruck ein erhöhtes Diabetes-Risiko habe. Er riet ihr, am National Health Service’s Diabetes Präventionsprogramm teilzunehmen, um ihr Typ-2-Diabetes-Risiko zu senken. „Ich habe etliche Kilo verloren – und ich nehme weiter ab“, berichtet Hancock. „Ich habe gelernt, kleinere Portionen auf den Teller zu geben. Außerdem esse ich seltener und viel weniger Schokoladenkuchen.“
Das britische Diabetes Prevention Program wurde anhand von US-Studien für Typ-2-Diabetes-Risikopersonen entwickelt. Patienten sollten im Lauf von neun Monaten 7 Prozent ihres Körpergewichts abnehmen und mindestens 150 Minuten Sport pro Woche treiben.

2.) Prädiabetes - Medikament Metformin

Das Medikament wurde zur Verringerung des Typ-2-Diabetes-Risikos bei Patienten mit eingeschränkter Glukosetoleranz entwickelt. In den USA wird es häufig bei Prädiabetes verordnet, in vielen europäischen Ländern ist Metformin dagegen nicht zur Diabetes-Prävention zugelassen. Metformin hemmt die Neubildung von Glukose in der Leber, also gelangt weniger Zucker ins Blut. Eine aktuelle Studie der Georgetown University, USA, ergab, dass es das Typ-2-Diabetes-Risiko für 15 Jahre um 18 Prozent senkt.

3.) Behandlungen bei Typ-2-Diabetes - Metabolische Chirurgie

Die Methode bezeichnet das Umleiten des Verdauungssystems. Dabei wird der Magen verkleinert und ein Teil des Dünndarms umgangen (Magen-Bypass). Bei der radikaleren Methode, der Sleeve-Gastrektomie (Schlauchmagen), verkleinert man den Magen um etwa 80 Prozent – das Magenvolumen beträgt dann nur noch 80-100 Milliliter. Die geringere Magengröße zwingt Patienten, kleinere Portionen zu essen, zudem sind sie schneller satt. So reguliert sich der Blutzuckerspiegel auf ein Normalmaß. Auf eine gesunde Ernährung müssen Betroffene dennoch achten. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Operation dauerhaft Vorteile bringt, insbesondere bei Patienten mit frisch diagnostiziertem Diabetes. Menschen, die diese Operation innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Diagnose durchführen ließen, hatten eine 70- bis 75-prozentige Chance auf eine komplette Remission.
„Wenn Sie drei oder vier Jahre Diabetes haben, kann der Diabetes innerhalb weniger Wochen verschwinden. Leiden Sie dagegen schon seit zehn Jahren an Diabetes, erfordert die Genesung mehr Zeit oder stellt sich eventuell gar nicht ein“, erklärt Johns Chirurg Dr. Rudolf Weiner, Chefarzt der Klinik für Adipositas- und Metabolische Chirurgie am Sana Klinikum Offenbach.
Nachteil: Der Eingriff ist unumkehrbar und kann wie jede größere Operation Komplikationen mit sich bringen wie Infektionen, Blutungen sowie Magen-Darm-Probleme.

4.) Behandlungen bei Typ-2-Diabetes - Kombinationspräparate

Die Verordnung von Tabletten, die zwei Diabetes-Medikamente in einem kombinieren, sind heute alltäglich. Die Verfügbarkeit von bestimmten Medikamenten variiert von Land zu Land, erhältlich sind solche Kombinationspräparate aber in ganz Europa. Die Duo-Behandlung ist zum Standard bei Typ-2-Diabetes geworden. Bis zu 43 Prozent aller Patienten nehmen zwei oder mehr Diabetes-Medikamente ein, so eine aktuelle Studie über die internationalen Behandlungsmethoden mit 70.657 Typ-2-Diabetikern.
Kombinationspräparate unterstützen Patienten darin, ihre Medikamente regelmäßig einzunehmen – das führt zum Erfolg einer Therapie. Dr. Stephen Lawrence bestätigt das: „Aus Studien wissen wir, dass sich Patienten eher an die Einnahme halten, sobald man die Anzahl der Medikamente reduziert.“

5.) Behandlungen bei Typ-1-Diabetes -  Künstliche Bauchspeicheldrüse

Anthony Tudela, 44, aus Vizille in Frankreich trägt im Rahmen einer Studie eine künstliche Bauchspeicheldrüse, das Diabeloop-DBLG1-System. Es misst alle fünf Minuten den Blutzuckerspiegel und hält ihn innerhalb der Zielwerte. Möchte Tudela Sport treiben oder etwas essen, gibt er das in das Diabe­loop-System-Interface auf seinem Handy ein. Die künstliche Bauchspeicheldrüse passt daraufhin seinen Insulinspiegel an. „Ich kann Süßes naschen, und 15 Minuten später ist mein Blutzuckerspiegel wieder in Ordnung“, sagt Tudela, bei dem im Alter von sieben Jahren Typ-1-Diabetes festgestellt wurde. Bevor er die künstliche Bauchspeicheldrüse erhielt, war er regelmäßig unterzuckert. Mit der künstlichen Bauchspeicheldrüse ist Tudelas Blutzuckerspiegel meistens im Normbereich.
„Mit dem Gerät fühle ich mich frei – ich lebe, als ob ich kein Diabetiker wäre“, sagt Tudela. „Aber man muss dem Gerät vertrauen. Jahrzehntelang war ich gewohnt, die Krankheit selbst zu kontrollieren. Plötzlich ist das Gerät verantwortlich. Loszulassen ist gar nicht so einfach.“
Die künstliche Bauchspeicheldrüse erkennt automatisch den Blutzuckerspiegel. Das Gerät besteht aus einem Glukose-Monitor sowie einer Insulin-Pumpe und liefert rund um die Uhr Daten, um jederzeit Insulin zuführen zu können. Der Pieks in den Finger, Blutzucker-Kontrollen, Insulinspritzen und auch das Programmieren der Insulin-Pumpe entfallen . „Insulin-Pumpen liefern Insulin nur nach einem vorgegebenen Programm“, erklärt Dr. Pierre-Yves Benhamou, Leiter der Endokrinologie-Diabetologie am Universitätsklinikum Grenoble, Frankreich. Er gehört zum medizinischen Entwicklungsteam von Diabeloop. „Das von uns entwickelte System ist anders. Die an den Patienten abgegebene Insulinmenge passt sich permanent dem Blutzuckerspiegel an“, sagt Dr. Benhamou. Noch ist die künstliche Bauchspeicheldrüse nicht frei erhältlich. Es soll in wenigen Monaten auf den Markt kommen.

6.) Behandlungen bei Typ-2-Diabetes - Inselzell-Transplantation

Richard Lane (75) aus Beckenham, Großbritannien, leidet an Typ-1-Diabetes. Bis 2004 erlitt Lane wöchentlich vier- bis sechsmal eine schwere Unterzuckerung, meist ohne Vorwarnung. Als ihm sein Arzt erklärte, es bestünde Möglichkeit, dass sein Körper durch eine experimentelle Therapie (Inselzell-Transplantation) die Warnzeichen einer Hypoglykämie wieder erkennen würde, sagte er sofort zu. Die Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse produzieren Insulin. Sterben sie ab, ist die Folge Typ-1-Diabetes. Inselzell-Transplantationen werden unter anderem in Großbritannien, Kanada, Australien, Frankreich, Schweiz, Italien, Schweden, Deutschland und in den Niederlanden durchgeführt. Richard Lane erhielt drei Inselzell-Transplantationen in den Jahren 2004 und 2005. Nach wenigen Monaten war er der erste Mensch in Großbritannien mit Typ-1-Diabetes, der kein Insulin spritzen musste. Ein Jahr später brauchte er allerdings wieder Insulin, denn die transplantierten Inselzellen starben nach ein paar Jahren ab. Trotzdem ist Richard Lane dankbar. „Das Hauptziel der Behandlung war nicht, kein Insulin mehr spritzen zu müssen, sondern die Warnzeichen einer Unterzuckerung zu erkennen“, sagt Lane. „Und das klappt bis heute.“
"Ein solcher Eingriff kommt nur infrage, wenn der Patient trotz optimaler konventioneller Therapie an unvorhersehbarer Hypoglykämie leidet“, erklärt Professor Paul Johnson, Leiter des Transplantationsprogramms an der University of Oxford, Großbritannien. Der Eingriff ist nicht so aufwendig wie eine Bauchspeicheldrüsen-Transplantation: In der Regel werden die Inselzellen über die Pfortader in die Leber injiziert. Dort funktionieren sie genau so wie in der Bauchspeicheldrüse.
„Es ist kein großer Eingriff“, sagt Professor Johnson, „vergleichbar mit einer intravenösen Infusion. Der Patient wird leicht sediert und erhält eine lokale Anästhesie der Leber.“ Meistens benötigen die Patienten zwei aufeinanderfolgende Transplantationen, um die Wirksamkeit zu erhöhen und die Inselzellen im Körper zu halten. Die Zellen überleben viele Jahre, sie funktionieren aber in der Regel nur drei bis fünf Jahre. Patienten, die eine Transplantation erhalten haben, müssen für den Rest ihres Lebens Immunsuppressiva einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken – und das hat oft Nebenwirkungen. Viele Transplantierte können für einen gewissen Zeitraum die Insulineinnahme unterbrechen.


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